Ludwig -Maximilian-Universität
Geschwister -Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
Grundkurs : Einführung in die Politische Theorie
Wintersemester 2001/2002
Inhaltsverzeichnis :
1. Tugendhaftigkeit als das höchste Ziel 2
2. Die doppelte Art der Tugend 2
2.1.Die platonische Herkunft der Tugendlehre 2
2.2. Die zwei Kategorien von Tugenden bei Aristoteles. 3
2.3. Die ethischen Tugenden 4
2.4. Wie wird der Mensch tugendhaft? 5
2.5. Der Unterschied von Tugend und Kunst. 6
3.Was ist Tugend? 7
4. Was für eine Eigenschaft ist die Tugend? 7
5. Die Qualität des Mittelmaßes 7
5.1. Der Unterschied von Mesotes und Mediocritas 7
5.2. Die Missinterpretation des Mestotesbegriffs. 8
5.3. Die Dialektik der Ontologie und Axiologie 9
5.4. Die hierarchische Stellung von Ontologie und Axiologie 10
5.5. Die Relativität der Mesotes 11
5.6. Ausnahmen in der Mesoteslehre 11
6. Der rechte Weg zur Mitte 12
7. Die Mesotes-Kritik: 12
7.1. Der Aristoteles-Diskurs in der Geschichte. 12
7.2. Ursula Wolf: „Über den Sinn der aristotelischen Mesoteslehre“ 13
7.3. Das Ergon-Argument als Basis der Kritik. 14
7.4. Hat der Mensch als Mensch ein Ergon? 14
7.5. Hexis contra Phronesis: Aristoteles’ logischer Kurzschluss 15
7.6. Freundschaft mit sich selbst als Weg zum guten Leben 16
7.7. Philia: Tugend ohne ursächliche Mesotes. 17
8. Quellen. 17
9. Abbildungen. 17
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Grundkurs: Einführung in die Politische Theorie
1. Tugendhaftigkeit als das höchste Ziel
Wonach streben die Menschen wirklich? Nach Geld, nach Gesundheit, nach beruflichem Erfolg? Das sind die Fragen, die sich Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik stelltauf der Suche nach dem höchsten Ziel, um dessen willen wir leben. „Wenn es aber ein Ziel des Handelns gibt, das wir um seiner selbst willen wollen und das andere um seinetwillen wollen, wenn wir also nicht alles um eines anderen willen erstreben, (...) dann ist es klar, dass jenes das Gute und das Beste ist.“ 1
Dieses Beste, erkennt Aristoteles, „dürfte in erster Linie die Glückseligkeit im Leben sein.“ 2 Da Aristoteles das Leben in die drei Bereiche des Lustlebens, des politischen Lebens und des betrachtenden (theoretischen) Lebens aufgeteilt hat, stellt sich die Frage, auf welchem Pfad die Glückseligkeit wartet. In seinen Augen kann es nur das theoretische Leben im Stile des Philosophen sein. Um wahrhaft glückselig zu werden, bedarf es der Tugendhaftigkeit (Arete). Die betrachtet Aristoteles als eine dem Menschen eigentümliche Fähigkeit. Der Tugendbegriff zielt auf die moralische Lebensgestaltung ab, in welcher es um das ganzheitliche Sein geht. Er „betrifft (...) einerseits seine personale Ganzheit als Einheit von Vernunft- und Sinneswesen und andererseits die Ganzheit des Lebensprozesses als (...) moralische Aufgabe. Es geht nicht nur darum, in Einzelhandlungen gut zu handeln, sondern selbst gut zu werden und ein gutes Leben zu führen.” 3
Der Tugendbegriff des Aristoteles baut auf der entsprechenden Lehre Platons auf. In dieser hatte Platon Weisheit (Sophia), Tapferkeit (Andreia) und Mäßigung (Sophrosyne) als Kardinaltugenden zur Vollkommenheit der Menschen ausgewiesen, da sie ihn zum höchsten Ziel - zur Gerechtigkeit - führen. Die Dreiteilung der Kardinaltugenden resultiert nach Platon auf den drei Grundkräften, den „Seelenteilen“ des Menschen: der Vernunft, dem Mutartigen und dem Begehren.
Aristoteles’ Tugendbegriff konstituiert sich dagegen nicht anhand einzelner Tugenden, sondern baut auf seiner Theorie der Seelenteile auf. Das zeigt diese Grafik:
1 Aristoteles: Nikomachische Ethik, München, 1972, S. 55.
2 Aristoteles, op.cit., S. 64.
3 Anzenbacher, Arno: Einführung in die Ethik, Düsseldorf, 1992, S. 138.
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Aufteilung der Seele:
vernunftbegabter Teil
vernunftloser Teil
Der wichtige Unterschied zu Platon ist, dass Aristoteles nicht von drei verschiedenen Kardinaltugenden ausgeht, sondern von zwei Gruppen von Tugenden, die es zu unterscheiden gilt.
2.2. Die zwei Kategorien von Tugenden bei Aristoteles
Den ethischen Tugenden auf der einen Seite stehen die verstandesmäßigen und auf die Vernunft bezogenen auf der anderen Seite gegenüber. Die bezeichnet Aristoteles als dianoethisch. Als dritte Gruppe nennt er den vegetativen Teil, der jedoch nicht tugendhaft ist. Sie ist teil des vernunftlosen Parts der Seele und umfasst Elemente wie die reine Existenz. Der vernunftbegabte Teil dagegen ist vollständig tugendhaft, was damit zu erklären ist, dass die Vernunft an sich für Aristoteles schon eine der wichtigsten Tugenden darstellt. Die dianoethischen Tugenden unterteilt er in zwei Gruppen: Einerseits die des theoretischen Bereichs: „Theoretisch“ meint in diesem Fall, dass sie keiner Veränderung durch das menschliche Handeln unterworfen sind. Dazu zählt unter anderem die Vernunft selbst als der Intellekt der Prinzipien. Außerdem fasst er darunter die Weisheit als das Wissen um das von Natur aus Würdigste und die Wissenschaft - das aus den Prinzipien ableitbare Wissen. Die zweite Untergruppe ist die der poietischen Tugenden. Als Tugenden der technischen Vernunft beziehen sich auf das, was der Mensch durch sein Tun verändern kann. Dazu zählt die Praxis im strikten Sinn, bei der es natürlich nur um den „Bereich des moralisch relevanten Handelns, das einen Wert in sich hat“ 4 , geht. Eine Leittugend dieser auf ökonomischer,
4 Anzenbacher, op.cit., S. 141.
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Grundkurs: Einführung in die Politische Theorie
politischer und ethischer Ebene angesiedelten Praxis ist die Klugheit (Phronesis). Der andere Bereich ist der des aktiven Erzeugens und Gestaltens (Poiesis). Dieses hat seinen Wert in dem Werk, das es hervorbringt. Die zugehörige Leittugend ist das technische oder ästhetische Können (Techne).
Die ausdifferenzierte Baumstruktur der Vernunft zeigt, wie detailliert die aristotelischen Ausführungen zu den Tugenden sind. Entscheidend ist jedoch vor allem die erste Verästelung, an der zwischen den verstandesmäßigen und ethischen Tugenden unterschieden wird. Ihr großer Unterschied liegt in ihrer Entstehung begründet. Die erste Gruppe basiert auf Belehrung und braucht zu ihrer Entfaltung Zeit und Erfahrung. Die ethischen Tugenden dagegen bilden sich durch Gewöhnung. Zu ihnen zählen - die platonischen Kardinaltugenden aufgreifend - Weisheit, Tapferkeit und Mäßigung. Jedoch geht Aristoteles weit darüber hinaus.
2.3. Die ethischen Tugenden
Die Vielfalt liegt darin begründet, dass sich die ethischen Tugenden im Kontext des
5 Anzenbacher, op.cit., S. 143.
4
Arbeit zitieren:
Timm Rotter, 2002, Der Weg zur Tugend ist der Weg zur Mitte - Die Mesotes-Lehre von Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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