Ludwig-Maximilians-Universität
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften Grundkurs: Einführung in die Internationale Politik Autor: Timm Rotter
Aus den genannten Gründen geht Waltz in der internationalen Politik in der Regel von einem „Modell des direkten Gegensatzes“ aus. Es ist meistens geprägt durch einen bipolaren Gegensatz, wie es im Kalten Krieg der Fall war, und baut auf self -help auf. Gegensatz und Anarchie führen zum Problem des Sicherheitsdilemmas: Die Aufrüstung als ständiges Streben nach Sicherheit verursacht Unsicherheit. Waltz und Morgenthau stimmen jedoch darin überein, dass die nicht in Gewalt enden muss, sondern sich immer wieder ein stabilisierendes Gleichgewicht zwischen den Staaten einstellt. Sollte sich das Gleichgewicht verschieben, wäre das ein Motiv, ein Bündnis zu schließen: Basierend auf dem Interesse der Staaten am Selbsterhalt ist eine Hegemonialmacht ein gemeinsamer Feind, dem man einzeln nicht erfolgreich begegnen kann.
Neben den genannten Gemeinsamkeiten sind unter dem Gesichtspunkt des Interesses jedoch auch Unterschiede zwischen Waltz und Morgenthau zu sehen. Ein entscheidender ergibt sich aus dem theoretischen Ansatz, nach dem die Wissenschaftler internationale Politik erklären: Zwar analysieren die beide als Handeln von Menschen, doch geht Walz deduktiv vor, während Morgenthau induktiv argumentiert. Das bedeutet, dass er das System und seine Entwicklung vom einzelnen Akteur gesteuert sieht. Der Neorealismus dagegen versteht den Akteur als Element, dessen Handlungen das System bestimmt und der sich nur im Konsens mit dessen Vorgaben bewegen kann. Das entspricht dem Modell der Emergenz: Das Ganze erklärt sich nicht aus der Summe seiner Teile. Diese Systemtheorie von Waltz ist auf die Formel "System = S = (O; U; C)" zu bringen. C bezeichnet dabei die Cababilities und ist die einzige Variable. O (Ordnung = Anarchie) und U (Units = Staaten) sind dagegen Konstanten. Dass die Fähigkeit der Staaten die einzige Variable ist, zeigt die zentrale Stellung des Machtinteresses. Schließlich hat es direkten Einfluss auf die einzelstaatliche Politik. Während Waltz und Morgenthau den Begriff „Interesse“ in weitgehender Übereinstimmung verwenden, stößt er in anderen Theorien auf Widerspruch. Das soll vor allem am Beispiel des Konstruktivismus in Aufgabe 3 aufgezeigt werden. Hier lässt sich abschließend feststellen, dass der Begriff gerade nach dem Ende des Kalten Krieges und des Ost -West-Konfliktes (Unterscheidung gemäß Link, 1996, S.243) immer mehr Kritiker anzieht: Globale Anarchie existiert nicht mehr. Das zeigen exemplarisch die Bemühungen in Europa um eine immer umfassendere Kooperation. Aus den Anfängen im Bereich der „low politics“ Wirtschaft und Handel in den 50er Jahren hat sich längst ein Bündnispaket entwickelt, ohne dass es einen gemeinsamen Feind gibt und obwohl die Einzelstaaten dafür Souveränität abgeben mussten. Auch ihr Interesse hat sich verschoben: Es zielt keineswegs mehr nur auf Machtausdehnu ng.
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Self-help hat dadurch an Bedeutung verloren, was auch Auswirkungen auf das von Waltz und Morgenthau festgestellte Sicherheitsdilemma hat. In seiner traditionellen Form hat es zumindest in der westlichen Welt aufgehört zu existieren. An seine Stelle i st ein Dilemma von neuer Qualität getreten, wie es der 11. September gezeigt hat. Das jedoch kann der Realismus nicht erklären, da die Akteure keine Staaten sind und ihr Antrieb auch nicht primär das Machtinteresse ist, sondern auf Ideologien und Ideen basiert. Und die gehören zur Welt des Konstruktivismus.
2. Beschreiben Sie den Theorieansatz von Hedley Bull und vergleichen Sie ihn mit dem strukturellen Realismusansatz von Waltz.
Seinen Aufsatz „Die anarchische Gesellschaft“ hat Hedley Bull mit einem Parado xon überschrieben. Der Begriff ist ein Widerspruch in sich, da Anarchie einen Zustand ohne verbindende Normen und Ordnungsregeln beschreibt, während eine Gesellschaft durch gemeinsame Ziele und Werte verbunden ist. Bull geht von der These aus, dass die internationale Gesellschaft diese gemeinsamen Werte besitzt und belegt das damit, dass die Staaten auch ohne übergeordnete Instanz ihre gegenseitige Existenz anerkennen. Ein Naturzustand à la Thomas Hobbes („Krieg aller gegen alle“) existiert daher nicht. Bull glaubt an eine sehr hohe Stabilität des Ansatzes: „Selbst auf dem Höhepunkt großer Kriege oder ideologischer Konflikte verschwindet der Gedanke einer internationalen Gesellschaft nicht“ (Bull, 1987, S.34). Um seine Theorie zu verstehen, ist es wichtig, die Unterscheidung von „Internationalem System“ und „Internationaler Gesellschaft“ nachzuvollziehen. Im internationalen System haben Staaten genügend Einfluss aufeinander, um das Verhalten der Partner so zu beeinflussen, dass es den gemeinsamen Zielen entspricht. Die internationale Gesellschaft dagegen ist der bewusste Zusammenschluss von Staaten mit der Ausbildung allgemeingültiger Normen und gemeinsamer Institutionen. Sie setzt ein internationales System voraus.
In Bulls Gesellschaft regeln diese Institutionen als internationale Ordnungsinstanzen die Anarchie. Er nennt in diesem Zusammenhang sechs verschiedene: Erstens das Gleichgewicht der Mächte, das einen Schutz vor der allgemeinen Unterwerfung unter eine Weltmacht darstellt. Es beruht nicht auf einer formellen Übereinkunft, sondern auf seiner faktischen Existenz.
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Eher subjektiv wird dagegen das zweite Prinzip der nuklearen Abschreckung wahrgenommen: Hier kann sich Bull auf die Situation im Ost -West-Konflikt berufen, der erst durch die Zweitschlagfähigkeit von UdSSR und USA in der Détente-Politik mündete. Die dritte Institution ist das Völkerrecht: Es hat die Funktion, Regeln für die internationale Koexistenz festzuschreiben. Diese wird durch die Diplomatie gefestigt, indem die zwischenstaatlichen Beziehungen auf offiziellen Weg mit friedlichen Mitteln aufrechterhalten werden.
Die beiden letzten Punkte - Großmächte und Krieg - sind heute eher als untergeordnet zu betrachten. Seit 1991 gibt es nur noch eine Großmacht, und spätestens am 11. September ist deutlich geworden, dass sie die von Bull vorgesehene Aufgabe der Stabilitätssicherung allein nicht mehr erfüllen kann. Auch der letzte Aspekte der Kontrolle von Anarchie erscheint obsolet: Krieg war früher ein allgemein akzeptiertes Verhalten im internatio nalen System, wenn er denn der Durchsetzung „gerechter Ziele“ diente. Bull geht davon aus, dass die internationale Ordnung wegen des Fehlens leistungsfähiger Instrumente eines friedlichen Wandels „notorisch abhängig vom Krieg als Mittel einer gerechten Ver änderung“ (Bull, 1987, S.48) ist. Doch konstatiert er selbst, dass gerechte Ziele erstens nicht objektiv bestimmbar sind und zweitens die Grundhaltung gegenüber Krieg aufgrund des immer höheren Vernichtungspotentials sehr kritisch ist.
Aufbauend auf dieser deskriptiven Darstellung von Bulls Ansatz ergeben sich mehrere Unterschiede zum Neorealismus von Kenneth Waltz: Die beiden wichtigsten sind im Anarchiebegriff und in der Art des internationalen Systems zu sehen. Während Waltz von totaler Anarchie ausgeht, die nur von den capabilities der Staaten gesteuert wird, ist die Anarchie bei Bull durch gemeinsame Interessen und Werte strukturiert. Das bedeutet nicht, dass Bull die Existenz anarchischer Zustände negiert. Auch für ihn sind sie das dominante Merkmal internationaler Beziehungen. Er begründet das mit der doppelten Souveränität der Staaten. Sie sind sowohl nach innen souverän, da sie die Macht über Territorium und Bevölkerung ausüben, als auch nach außen, da es keine Beschränkung durch einen übergeordneten Hoheitsträger gibt. Bis hier decken sich die Ansätze beider Wissenschaftler. Der Unterschied liegt nun im Umgang mit der Anarchie. Bei Waltz führt sie unumkehrbar in ein self-help-System. Bei Bull kann sie durch Kooperation abgeschwächt werden. Diese generelle Möglichkeit gibt es für Waltz nicht, weil Staaten nur kooperieren, wenn sie einen gemeinsamen Feind haben. Hier ist der zweite Unterschied der Art des Systems.
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Arbeit zitieren:
Timm Rotter, 2002, Theorien Internationaler Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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