Inhalt
Einleitung S. 3
Wirtschafts - und sozialgeschichlicher Überblick:
B öhmen und Prag in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 4
Auff ührungs- und Rezeptionsbedingungen in Prag
1. Musikausbildung in Böhmen
2. Italienische Operntradition in Prag
3. Das Nostitz’sche Nationaltheater im politisch-sozialen Spannungsfeld
Mozart und Prag
1. Mozarts persönliche Kontakte nach Prag
2. Erste Aufführungen des Figaro in Wien und Prag
3. Mozarts erste Prag-Reise
Schlussbetrachtung : Mozart in der Prager „Sonderkultur“
Quellen - und Literaturverzeichnis
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I. Einleitung
„Mit mütterlichen Armen umfängt die Stadt an der Donau den sturmbewegten Künstler als Heimat seiner Meisterjahre“ 1 . Zu dieser schwärmerischen, auf Wolfgang Amadeus Mozart bezogenen Geschichtsverzerrung des österreichischen Musikforschers Bernhard Paumgartner bemerkt Wolfgang Hildesheimer in seiner maßgebenden, biographischen Mozart-Monographie 2 : „[Es] bleibt als Implikation, daß Mozart in Wien Erfüllung und Ruhepunkt fand. Wir können sie nur dahingehend berichtigen, daß bekanntlich das Gegenteil der Fall war“ 3 . Anders als in Wien erreichte Mozart in Prag breite Popularität und Anerkennung. Besonders deutlich wird dieser gravierende Unterschied zwischen Wien und Prag in der Aufnahme Mozarts in der Figaro-Rezeption. Im Rahmen dieser Arbeit sollen daher anhand der Figaro-Rezeption Rückschlüsse auf die strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Mozart-Rezeption in Prag gezogen werden. Daher wird der Ansatz dieser Arbeit eher im weiteren Sinne musikgeschichtlich ausgerichtet sein, um musiksoziologische und sozialgeschichtliche Aspekte zu integrieren.
Nach einem wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Überblick folgt eine Analyse der Rezeptions- und Aufführungsbedingungen in Prag; es wird in diesem Kapitel von der Musikausbildung in Böhmen, von der italienischen Operntradition in Prag und vom Nostitz’schen Nationaltheater im politisch-sozialen Spannungsfeld die Rede sein. Danach schließt sich ein Kapitel über Mozart und Prag an, in dem seine Kontakte nach Prag, die ersten Aufführungen des Figaro in Wien und Prag betrachtet werden und Mozarts erste Prag-Reise Anfang 1787 betrachtet werden.
In einer abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse der vorangehenden Darlegungen um strukturelle und öffentlichkeitstheoretische Überlegungen zu Mozart und der Prager „Sonderkultur“ ergänzt.
Als Hauptquellen werden die von Otto Erich Deutsch herausgegebenen Mozart-Dokumente 4 , die Mozart-Briefe 5 , Charles Burneys „Tagebuch einer musikalischen Reise“ 6 , das „Jahrbuch der
1 Paumgartner, Bernhard: Mozart. Freiburg & Zürich 1945, S. 263, zit. n. Hildesheimer, Wolfgang: Mozart, verbesserte Ausgabe, Frankfurt am Main 1979, S. 11.
2 Es wird hier dieser Begriff verwandt, da Hildesheimers Werk keine Biographie im klassischen Sinne darstellt.
3 Hildesheimer, Mozart, S. 12.
4 Mozart: Die Dokumente seines Lebens, gesammelt und erläutert von Otto Erich Deutsch (=Neue Mozart-Gesamtausgabe, Serie X: Supplement, Werkgruppe 34), Leipzig 1961.
5 Mozart, Wolfgang Amadeus: Briefe und Aufzeichnungen, hg. von der Internationalen Stiftung Mozarteum, gesammelt und erläutert von Otto Erich Deutsch, Band II: 1777-1779, Kassel u.a., 1962; Band III: 1780-1786, Kassel u.a. 1987; Band IV: 1787-1857, 2. Aufl. 1991.
6 Burney, Charles: Tagebuch einer musikalischen Reise durch Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Hamburg und Holland, in: ders.: Tagebuch einer musikalischen Reise 1770-1772 (auf Deutsch erschienen 1772/73), hg. von Eberhard Klemm, Leipzig 1968, S. 339-478.
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Tonkunst von Wien und Prag“ (1795) 7 und Franz Xaver Niemetscheks Mozart-Biographie 8 herangezogen.
II. Wirtschafts- und sozialgeschichlicher Überblick: Böhmen und Prag in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Im Jahre 1740 betrug die Bevölkerung der böhmischen Länder ca. 4 Mio. Menschen, wobei jeweils ca. 2 Mio. auf Schlesien und Böhmen entfielen; die Abtrennung großer Teile Schlesiens infolge der österreichischen Niederlage gegen Preußen in den Schlesischen Kriegen (1740-1742 und 1744-1745) hatte u.a. zur Folge, das die tschechischsprachige Bevölkerung in Böhmen nun in der Mehrheit war. In der Volkszählung 1754 wurde eine Einwohnerzahl von 1 971 613 für Böhmen ermittelt; 1770 betrug sie bereits 2 717 783 9 und stieg bis 1790 weiter auf ca. 2 873 000 10 . Die Landbevölkerung machte 1790 ca. 82 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, d.h. ca. 2 356 000 Menschen, während ca. 18 Prozent in Städten lebten, d.h. ca. 517 140 11 . Insgesamt gab es in Böhmen zu diesem Zeitpunkt 244 Städte, 307 Märkte und 11 322 Dörfer. Allein in Prag lebten 1790 fast 78 000 Menschen 12 , d.h. ca. 15 Prozent der Stadtbevölkerung Böhmens; mehrheitlich sprachen die Prager Tschechisch 13 .
Neben der Landwirtschaft wurde in den Jahren 1746 bis 1756 die Entwicklung einer frühen Industrie von Maria Theresia intensiv gefördert; der Siebenjährige Krieg 1756-1763 bewirkte allerdings einen zeitweiligen Rückschlag dieser Bemühungen, so dass erneute Anstrengungen unternommen werden mussten, um die böhmische Industrie wiederzubeleben; ihre Hauptprodukte waren Glas, Tuch und Papier 14 .
Insgesamt stieg die Zahl der Manufakturen in Böhmen von 25 im Jahre 1775 auf 86 im Jahre 1788. Als Gründer und Betreiber dieser Betriebe wirkten zunächst böhmische Adlige, wie Graf Kinský, dessen Tuch- und Texilmanufakturen im Jahre 1765 bereits 1000, im Jahre 1774 sogar 2526 Lohnarbeiter beschäftigten. In zunehmenden Maße wirkten allerdings auch bürgerliche
7 Schönfeld, Johann Ferdinand von: Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag (1795), Faksimile der Ausgabe von 1796, München und Salzburg 1976.
8 Niemetschek, Franz Xaver: Lebensbeschreibung des k.k. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart, Reprint der Ausgabe 1808, Leipzig 1978; Niemetschek (František Xaver Nemecek, 1766-1849) war, nach Schlichtegroll, der erste Biograph Mozarts und ein enger Freund der Familie; s. dazu Krause, Peter, Nachwort, in: Niemetschek, Lebensbeschreibung, s. 118-144.
9 Bosl, Karl (Hg.): Handbuch der böhmischen Länder, Band II: Die böhmischen Länder von der Hochblüte der Ständeherrschaft bis zum Erwachen eines modernen Nationalbewusstseins, Stuttgart 1974, S. 478.
10 Klíma, Arnošt: Economy, Industry and Society in Bohemia in the 17 th -19 th Centuries, Prag 1991, S. 99, Anmerkung 3.
11 Kerner, Robert J.: Bohemia in the Eighteenth Century. A Study in Political, Economic and Social History With Special Reference to the Reign of Leopold II, 1790-1792, New York 1932, S. 76.
12 Hoensch, Jörg K.: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis ins 20. Jahrhundert, zweite Aufl., München 1992, S. 329.
13 Kerner, Bohemia, S. 65.
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Unternehmer; einer der bedeutendsten von ihnen war Johann Josef Leitenberger (1730-1802), der 1770 in Prag eine Baumwollspinnerei mit 526 Arbeitern eröffnete 15 . Leitenberger wählte bewusst Prag, da er für seinen Betrieb freie Arbeitskräfte benötigte, keine Leibeigenen, die feudalen Beschränkungen unterlagen 16 . Auch die Papierproduktion, die in ca. 100 Papiermühlen (1782) geleistet wurde, hatten ihren Schwerpunkt in der Prager Region 17 . Als Hauptzweig der Industrie behauptete sich aber die Textilproduktion: Im Jahre 1775 arbeiteten 177 000 Beschäftigte 18 in dieser Branche, im Jahre 1780 237 136 Beschäftigte 19 und im Jahre 1798 schließlich 528 870 Beschäftigte 20 .
Die wirtschaftliche Entwicklung zeigte die Leistungsfähigkeit dieser frühen Industrie: zwischen 1761 und 1788 stieg die Zahl der industriellen Unternehmungen um 150 Prozent 21 ; im Jahre 1792 wurden von ihnen Güter im Wert von 35 Mio. Gulden produziert, während die Landwirtschaft ca. 30 Mio. Gulden erwirtschaftet hatte 22 .
Beschleunigt wurde diese frühindustrielle Entwicklung durch die josephinischen Reformen; nach Begrenzungen der Dienstpflicht für leibeigene Bauern 1775 wurde 1781 schließlich die Aufhebung der leiblichen Erbuntertänigkeit verfügt; den Bauern wurde das Recht auf Freizügigkeit und freie Berufswahl zugestanden 23 . Zudem wurden 1786 die Zünfte aufgehoben, was den Zugang zum Handwerkerberuf erleichterte; zwischen 1761 und 1788 verdoppelte sich die Zahl der Handwerksmeister 24 .
Durch Reformschritte verbesserte sich auch die Situation der ca. 50 000 (1790) böhmischen Nicht-Katholiken 25 ; in einem Toleranzkedikt wurde am 13. Oktober 1781 Lutheranern, Calvinisten und Orthodoxen bürgerliche Gleichheit mit Katholiken und Kultusfreiheit zugestanden 26 . In ähnlicher Weise wurde am 19. Oktober 1781 eine Reihe von Emanzipationsdekreten erlassen, welche die ca. 42 129 (1785) böhmischen Juden der übrigen Bevölkerung nahezu gleichstellte 27 .
Insgesamt verbesserte sich durch die josephinischen Reformen die soziale Mobilität; zuvor benachteiligten Bevölkerungsteilen, wie den ländlichen Unterschichten und nicht zuletzt den Nicht-Katholiken und Juden eröffneten sich Möglichkeit, den eigenen sozialen Status zu
14 Kerner, Bohemia, S. 46f.
15 Klíma, Economy, S. 25.
16 Klíma, Economy, S. 25f.
17 Bosl, Handbuch, S. 481; Hoensch, Geschichte, S. 285.
18 Bosl, Handbuch, S. 481.
19 Klíma, Economy, S. 100.
20 Klíma, Economy, S. 142.
21 Kerner, Bohemia, S. 47.
22 Kerner, Bohemia, S. 65.
23 Honesch, Geschichte, S. 289f.
24 Kerner, Bohemia, S. 47.
25 Kerner, Bohemia, S. 47.
26 Hoensch, Geschichte, S. 292.
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verbessern. Diese größere soziale Mobilität in Verbindung mit einer Zunahme der Stadtbevölkerung schuf günstigere Bedingungen für eine erwerbskapitalistisch orientierte Produktion. Diese führte zur parallelen Entstehung eines Industriebürgertums einerseits, einer lohnabhängigen Arbeiterschaft andererseits 28 .
III. Aufführungs- und Rezeptionsbedingungen in Prag
1. Musikausbildung in Böhmen
Der Musikschriftsteller Charles Burney bemerkt in seinem 1773 auf Deutsch erschienenen Reisebericht über den „Gegenwärtigen Zustand der Musik in Deutschland“: „Ich hatte oftmals sagen hören, daß die Böhmen unter allen Nationen in Deutschland, ja vielleicht in ganz Europa a[m] meisten musikalisch wären[...]“ 29 . Burney führt diese Musikalität auf eine flächendeckende und früh beginnende Musikausbildung zurück:
„Ich durchreiste das ganze Königreich Böhmen von Süden bis Norden; und da ich sorgfältig untersuchte, wie der gemeine Mann Musik lernte, so fand ich zuletzt, daß nicht nur in jeder großen Stadt, sondern auch in allen Dörfern, wo nur eine Lese- und Schreibschule ist, die Kinder beiderlei Geschlechts in der Musik unterrichtet werden“ 30 . In kleineren Orten war der Schullehrer gleichzeitig Organist bzw. Regens chori 31 . Eine besondere Rolle in der musikalischen Ausbildung spielten die katholischen Orden und Klöster. Franz Xaver Niemetschek bestätigt dies in seinem auf die Zeit vor 1800 bezogenen Bericht über den Zustand der böhmischen Musik: „Eine der Hauptursachen der größten Blüte der Tonkunst waren die Chorstiftungen in den reichen Klöstern auf dem Lande“ 32 . In Stiften und Klöstern wurden Sänger und Instrumentalisten praktisch wie theoretisch unterwiesen 33 . Insbesondere die Jesuitenkollegien taten sich in der musikalischen Ausbildung
27 Hoensch, Geschichte, S. 295.
28 Hoensch, Geschichte, S. 290.
29 Burney, Charles: Tagebuch einer musikalischen Reise durch Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Hamburg und Holland, in: ders.: Tagebuch einer musikalischen Reise 1770-1772 (auf Deutsch erschienen 1772/73), hg. von Eberhard Klemm, Leipzig 1968, S. 339-478, hier: S. 343.
30 Burney, Tagebuch, a.a.O., S. 343.
31 Artikel „Tschechische Republik“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Aufl., hg. von Ludwig Finscher, Sachteil, Band 9, Kassel u.a. 1998, Sp. 982.1022, hier: Sp.992.
32 Niemetschek, Franz Xaver: Über den Zustand der Musik in Böhmen (1799/1800), abgedruckt in.: Nettl, Paul: Mozart in Böhmen, zweite Aufl., Prag 1937, S. 8-13, hier: S. 13.
33 Niemetschek, a.a.O., S. 10; Artikel „Tschechische Republik, a.a.O., Sp. 989.
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Helmut Strauss, 2005, Figaro in Prag - Zu strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Mozart-Rezeption, München, GRIN Verlag GmbH
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