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Wenn vom „Pulverfass Balkan“ 1 die Rede ist, dann wird gemeinhin von den Konflikten und von dem möglichen Konfliktpotential der Völker und Staaten auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien gesprochen. 2 Dieses Klischee scheint in starkem Maße die abwertende und zum verächtlichen neigende mitteleuropäische Haltung zu diesen Völkern zu kennzeichnen. Bismarck will 1878 auf dem Berliner Kongress noch das „orientalische Geschwür“ heilen 3 , für Hans-Peter Schwarz ist es ein „tribalistischer Nationalismus“ 4 und die Süddeutsche Zeitung schreibt mit großer Selbstverständlichkeit von den „wild gewordenen albanischen Nationalisten“ und „wild gebliebenen Serben und Kroaten“ 5 . Solche arroganten und respektlosen Redensarten sind jedoch nicht angebracht, zumal auf stereotypierenden Niveau verstellen sie allzu leicht den Blick für eine qualifizierte Beurteilung komplexer Geschehen, wie die vergangenen elf Jahre es oft genug gezeigt haben.
Gestützt auf wissenschaftlicher Literatur, als auch auf Zeitungsartikeln und Internetveröffentlichungen soll hier ein Teilaspekt der moderneren Konfliktgeschichte ausgeleuchtet werden. Die vorgelegte Arbeit wird sich im Folgenden mit dem Begriff des „Nationalismus“ auseinander setzen, einen Abriss der modernen Konfliktgeschichte liefern, dies am Beispiel der Geschichte Kroatiens 6 verdeutlichen und am Schluss mit einem Fazit enden.
1Der geläufige Begriff wird unter anderem bei Steinke, Klaus (1999): Sprachen, in: Hatschikjan/ Troebst (Hg.): Südosteuropa, München, S. 395, verwendet.
2„Balkan“ ist jedoch nicht, wie landläufig gemeint und geschrieben wird, pauschal mit „Jugoslawien“ gleichzusetzen, besteht es doch, vereinfacht gesagt, aus der gesamten „ins Mittelmeer hineinragenden Halbinsel SO-Europas“ (Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1967). Eine genauere und differenziertere Begriffsklärung hierzu findet sich auch im Vorwort bei Jäger, Friedrich (2001): Bosniaken, Kroaten, Serben - Ein Leitfaden ihrer Geschichte, Frankfurt am Main, S. 10-12. 3Vgl. Münch, Peter: Das Balkan-Trauma, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 142, 23.06.2001. 4Schwarz, Hans-Peter (2000): Weltpolitik im alten Jahrhundert. Drei Perspektiven - 1900, 1905, 1999, in: Kaiser/Schwarz (Hg.): Weltpolitik im neuen Jahrhundert, Bonn, S.26. 5Münch (23.06.2001).
6Die Schreibweise von Personen- und Ortsnamen orientiert sich an der in der Forschungsliteratur verwendeten Orthografie.
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Allgemein lassen sich die Gesellschaften Südosteuropas als „multiethnisch, multireligiös, multikulturell und vielsprachig“ 7 bezeichnen, wobei das ethnische im Zerfallsprozess die größte Bedeutung hatte. Diese Charakterisierung traf im besonderen Maße auf den Staat zu, der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs als „Jugoslawien“ auf den politischen Landkarten vorzufinden war. Allein zwanzig verschiedene Völkerschaften gingen 1918 im neugegründeten „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ auf. 8 Die Unmöglichkeit hier ethnisch homogene Staaten zu schaffen, spiegelt sich in dieser Zahl. Deshalb ist es trotz „systematischer Vertreibung, Vergewaltigung und Völkermorde“ 9 , kurz und euphemistisch „ethnischer Säuberungen“ 10 den Konfliktparteien nur teilweise gelungen, homogene Gebiete zu schaffen. 11 Alle Versuche dies vollständig zu erreichen, können zumindest heute als gescheitert angesehen werden. Diese ethnische Vielfalt so gut als möglich zu bewahren und den Schutz der gebliebenen Minderheiten zu sichern, ist wesentliches Ziel des Stabilitätspaktes. Dort wo jedoch nicht wie in Slowenien und Kroatien - beide wollen in die EU - ein politisches Interesse an einer pluralen Gesellschaft besteht, wird diese Multiethnizität derzeit durch ein massives Aufgebot an Schutztruppen, wie in Makedonien, Bosnien und Herzegowina und dem Kosovo, gesichert. 12
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Zu dem Standardrepertoire in der medialen Berichterstattung zu dem Geschehen in Ex-Jugoslawien gehört der wichtige Begriff des „Nationalismus“. Es stellt sich also die Frage, worin die besondere Charakteristik dieser Bezeichnung im verwendeten Kontext liegt. Zwei Stellungnahmen sollen hier Klärung bringen. Im gleichnamigen Werk versteht Peter Alter darunter eine „extreme Ideologie“, die durch „Formen kollektiver
7Steinke, München (1999), S. 395.
8Vgl. Calic, Marie-Janine (1996): Das Ende Jugoslawiens, in: Informationen zur politischen Bildung DNWXHOO, Bonn, S. 1. 9Münch (23.06.2001).
10Diesen Ausdruck finde ich aufs gravierendste unpassend. Bezeichnenderweise wurde er in den frühen Konfliktjahren, als die Weltgemeinschaft sich noch im tatenlosen Zusehen übte, geprägt. 11Siehe dazu auch Sundhaussen/Hänsel (Hg.) (2001): Konfliktregionen Südosteuropas im Zeitalter des Nationalismus(Teil 1-2), Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts, Berlin. 12Vgl. Münch (23.06.2001).
Arbeit zitieren:
Felix Hessmann, 2002, Der Zerfall Jugoslawiens und die Entstehung des kroatischen Nationalstaats, München, GRIN Verlag GmbH
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