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dieser nur dann erreicht werden kann, wenn den entsprechenden Institutionen ständig mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Immaterielle Bedürfnisse wie z.B. die Gesundheit werden dadurch in Waren verwandelt, sie werden als das Ergebnis von Dienstleistungen betrachtet.
In seinem Buch will Illich „[...] die allgemeine Frage nach dem gegenseitigen Verhältnis von menschlicher Natur und dem Wesen der modernen Institutionen stellen, das unser Weltbild und unsere Sprache bestimmt.“(18) 1 Um das zu tun, hat er die Schule als Beispiel gewählt. Anhand seiner Untersuchung des Schulwesens soll verdeutlicht werden, dass das öffentliche Bildungswesen aus der Entschulung der Gesellschaft ebenso Nutzen ziehen würde wie z.B. auch die Politik und das Familienleben. Es bedarf also nicht nur das Bildungswesen, sondern die Gesellschaft insgesamt der „Entschulung“.
Ivan Illich geht davon aus, dass die Armen, die schon immer ohne gesellschaftliche Macht waren, durch die zunehmende Angewiesenheit auf institutionelle Fürsorge, immer hilfloser werden. So sind sie u.a. meist schon durch fehlende Schulbildung benachteiligt. Diese „modernisierte Armut verbindet den Mangel an Macht über die Verhältnisse mit einem Verlust an persönlicher Durchschlagkraft.“ (20) Als Beispiel nennt der Autor die Großstädte der USA, in denen die Armut mit sehr großem finanziellen Aufwand „behandelt“ wird, wodurch ein hohes Maß an Abhängigkeit, Frustration, Zorn und zusätzlicher Nachfrage erzeugt wird. Die alleinige „Behandlung“ mit Dollars ist völlig unzureichend, weshalb Illich die institutionelle Revolution fordert.
Auch Hilfsprogramme für das Schulwesen, die allein auf finanzieller Unterstützung basieren, sind sinnlos. Als Beispiel wird ein Versuch an amerikanischen Schulen in den Jahren 1965 bis 1968 genannt, bei dem die Benachteiligung von ca. sechs Millionen Kindern durch eine Aufwendung von drei Milliarden Dollar ausgeglichen werden sollte. Obwohl es sich zu dieser Zeit um das kostspieligste kompensatorische Programm, das jemals in einem staatlichen Bildungswesen durchgeführt wurde, handelte, konnte man an den Lernergebnissen der „benachteiligten“ Kinder keine nennenswerte Verbesserung entdecken. Illich schließt daraus, dass drei Milliarden Dollar nicht ausreichen, um die Leistung von sechs Millionen Kindern zu verbessern, dass das Geld unverständig ausgegeben wurde, und dass Bildungsnachteile sich niemals abstellen lassen, wenn man sich auf die Erziehung in der Schule verlässt. Selbst wenn reiche und arme Kinder gleiche Schulen besuchen und im gleichen Alter anfangen, fehlen den
1 Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft. München, 1972.
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armen Kindern, seiner Meinung nach, die meisten Bildungsmöglichkeiten, die dem Kind aus besseren Verhältnissen ganz selbstverständlich zur Verfügung stehen. Zu diesen Bildungsmöglichkeiten gehören z.B. Gespräche im Elternhaus, Bücher, aber auch Ferienreisen, durch die das reichere Kind ein ganz anderes Selbstwertgefühl bekommt. Da diese Vorteile sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule gelten, wird der ärmere Schüler immer zurückbleiben, solange er für sein Wissen und sein Weiterkommen auf die Schule angewiesen ist.
Diese Bedingungen gelten, laut Illich, in reichen ebenso wie auch in armen Nationen, doch treten sie anders in Erscheinung. Er stellt fest, dass an die unbedingte Notwendigkeit der allgemeinen Schulbildung vor allem in den Ländern fest geglaubt wird, in denen die wenigsten Menschen bisher in den Genuss der Schule gekommen sind und kommen werden, so wie es beispielsweise in Lateinamerika der Fall ist. Die Gleichheit, die durch den pflichtmäßigen Schulbesuch für die Armen erreicht werden soll, wird jedoch weder in Nordnoch in Lateinamerika erlangt. Überall führt das Vorhandensein von Schulen dazu, dass die Menschen sich nicht mehr zutrauen, ihr Lernen selbst in die Hand zu nehmen. „Überall auf der Welt hat die Schule auf die Gesellschaft eine bildungsfeindliche Wirkung: Die Schule gilt als die auf Bildung spezialisierte Institution. Das Versagen der Schule wird von den meisten Leuten als Beweis dafür angesehen, dass Bildung eine sehr kostspielige, sehr schwierige, immer geheimnisvolle und nahezu unlösbare Aufgabe sei.
Das Geld, die Menschen und die Bereitschaft, die für Bildungszwecke verfügbar sind, eignet sich die Schule an und hindert zudem noch andere Institutionen daran, pädagogische Aufgaben zu übernehmen. Weil Schulbildung als Voraussetzung für Lebensgewohnheiten und Wissen gilt, hängen Arbeit, Freizeit, Politik, städtisches Leben und sogar Familienleben von den Schulen ab, anstatt selber zu Mitteln der Erziehung zu werden.“ (26) Ivan Illich vergleicht das Bildungssystem mit dem Kastensystem, da die Länder, seiner Meinung nach, wie Kasten nach ihrem Bildungsrang eingeteilt werden, der davon abhängt, wie viele Jahre ihre Bürger durchschnittlicht auf der Schule verbracht haben.
Er gibt an, dass die Kosten der Schulen auf der ganzen Welt schneller gestiegen sind als die Schülerzahlen und auch als das Bruttosozialprodukt. Die Tatsache, dass die finanziellen Aufwendungen trotzdem überall hinter den Erwartungen der Lehrer, Eltern und Schüler zurückbleiben, führt zu einer großen Behinderung der Lernmotivation. In den Vereinigten Staaten sieht Illich ein Beispiel dafür, „dass kein Land reich genug sein kann, um sich ein
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Schulsystem zu leisten, das den Anforderungen genügt die eben dieses Schulsystem durch sein bloßes Vorhandensein hervorruft.“ (28) Der Versuch gleiche Schulbildung für alle zu erreichen ist, laut Illich, wirtschaftlich absurd. Er führt zur gesellschaftlichen Polarisierung und zerstört die Glaubwürdigkeit des politischen Systems. Aus diesen Gründen plädiert er für eine verfassungsmäßige Aufhebung des Schulmonopols. Der Staat soll keine Gesetze über die Errichtung eines Bildungssystems mehr erlassen. Damit müsste gleichzeitig auch abgeschafft werden, dass z.B. für die Zulassung von Bildungseinrichtungen Nachweise über den Besuch von lehrplanmäßigem Unterricht erbracht werden müssen. Fragen nach dem lernmäßigen Werdegang eines Menschen sollen genauso unzulässig werden, wie Fragen nach seiner politischen oder religiösen Einstellung. Illich fordert Gesetze, die die Diskriminierung aufgrund früheren Schulbesuches verbieten.
2.2 Fertigkeiten
Sozialer Aufstieg soll nicht mehr an den „Lernstammbaum“, sondern an erwiesene Kenntnisse gebunden sein. Die Initiative und Verantwortung für das Lernen soll dem Lernenden und seinem freiwillig gewählten Berater zurückgegeben werden.
Der Autor möchte bewusst machen, dass die Annahme, Lernen sei meistens das Ergebnis von Unterricht, falsch ist. Er geht davon aus, dass viele Menschen den größten Teil ihres Wissens außerhalb der Schule erwerben. Für ihn erfolgt das Lernen zum Großteil beiläufig. Als Beispiel nennt er das Erlernen der Muttersprache, aber auch den Erwerb von Fremdsprachen, die oft nur aufgrund persönlicher Umstände wie z.B. die Beziehung zu einem Ausländer erlernt werden. Auch flüssiges Lesen ist das Ergebnis außerschulischer Betätigung, denn viel und gern Lesen lernt man in der Schule nicht.
Trotzdem haben geplantes Lernen und geplante Unterweisung, Illichs Meinung nach, durchaus ihren Sinn. Der wissbegierige Schüler, der eine neue, schwierige Fertigkeit erlernen möchte, kann sich diese, laut Illich, besonders gut durch Paukunterricht, nach Art der alten Schulmeister, aneignen. Er kritisiert, dass diese Art von Paukunterricht in den heutigen Schulen selten geworden ist, obwohl ein fleißiger Schüler, der normal begabt ist, auf diese Weise in wenigen Monaten bestimmte Fertigkeiten erlernen kann. Da die Schulen den größten Teil der für Bildungszwecke verfügbaren Mittel verschlingen, sind Einpaukkurse, die weniger kosten, heute das Privileg von reichen Leuten oder von denen, die etwa von der Industrie oder der Armee in eigene Bildungseinrichtungen geschickt werden.
Arbeit zitieren:
Christine Schwall, 2000, Entschulung der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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