Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Turners Werdegang 4
3 Historischer Hintergrund der Frontier 6
3.1 Der Begriff Frontier 6
3.2 Die Erschließung des amerikanischen Westens 7
3.3 Besiedlung 8
3.4 Die Beseitigung der Indianer 9
4 Die Frontier-These 10
4.1 Grundz uge 10
4.2 Institutioneller Einfluss 13
4.3 Die Frontier als Sicherheitsventil 16
4.4 Rezeption 18
5 Schluss 22
6 Literatur 24
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1 Einleitung
Die amerikanische Pionier¨ ara ist wohl das Element der amerikanischen Ge- schichte, welches jeden Menschen, egal ob alt oder jung, in seinen Bann zieht. Frederick Jackson Turner war der erste Historiker, der die Erschließung des amerikanischen Westens und das Vorhandensein von free land als Ursache f¨ ur die Entstehung der amerikanischen Nation und Ideologie sah. Die Aufgabe die- ser Arbeit ist die Darlegung der Grundz¨ uge dieser Theorie und dar¨ uber hinaus die Besch¨ aftigung mit der Fragestellung, inwiefern die Frontier ein gesellschaft- liches und ¨ okonomisches Sicherheitsventil war. Die amerikanische Pionierzeit hatte nicht nur ihre positiven Aspekte, sondern die Erschließung des amerika- nischen Westens f¨ uhrte unweigerlich zu einem fatalen V¨ olkermord, der auch heute noch von den meisten Amerikanern nicht als solcher betrachtet wird. Meine Arbeit gliedert sich folgendermaßen:
Zuerst werde ich in einem biographischen Teil die wichtigsten Lebensstatio- nen Turners darstellen. Anschließend folgt ein Teil, der sich mit dem histori- schen Hintergrund der Frontier besch¨ aftigt. Hier gehe ich auf den Aspekt der Begriffsproblematik und auf die Problematik der Erschließung des amerikani- schen Westens ein.
Anschießend werde ich die wesentlichen Punkte der Frontiertheorie erl¨ autern. Mir geht es hierbei haupts¨ achlich um die Grundz¨ uge und institutionelle Ein- fl¨ usse. Danach er¨ ortere ich die Frage, inwiefern das Vorhandensein einer Fron- tier als gesellschaftliches und wirtschaftliches Sicherheitsventil fungiert haben soll.
Einen relativ ausf¨ uhrlichen Teil unternehme ich mit dem Kapitel Rezeption. Turners Theorie wurde einer umfassenden Kritik unterzogen und gepr¨ uft. Es ergaben sich unweigerlich unterschiedliche Ansichten und Positionen, die ¨ uber- blicksartig dargestellt werden.
Die Ergebnisse meiner Arbeit werde ich im Schluss darlegen.
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2 Turners Werdegang
Frederick Jackson Turner wurde am 14. November 1861 in Portage, Wisconsin, einer typischen wild-west-town geboren. Sein Vater, Andrew Jackson Turner, war Teilhaber und Herausgeber der Wisconsin State Register und geh¨ orte zu den f¨ uhrenden Pers¨ onlichkeiten der Stadt. 1 Der mittelwestliche Bundesstaat
Wisconsin war noch relativ jung (lediglich 50 Jahre). Turners Geburtsort hatte erst 1853 seine Stadtrechte erhalten und z¨ ahlte weniger als 3000 Einwohner. Portage befand sich noch im Prozess der Besiedlung und war Teil der Fron- tier. Das Tagesbild jener Zeit wurde bestimmt durch Indianer, Holzf¨ aller und gewaltsame Auseinandersetzungen. Der junge Turner wurde somit u.a. Au- genzeuge der sog. Lynchjustiz. 2 Zur Veranschaulichung zitiere ich nun Ray A.
Billington:
In mid-September that year two hot-headed Irishmen who had feuded ” since the Civil War – Barney Britt and William H. Spain – met and quarreled on the main street. Spain losing his temper completely, pulled a revolver, shouted “Take that, you son of a bitch,” and shot Britt to death. Law officers were shouldered aside by the mob that formed, captured Spain, and raised the cry of “Hang him, hang him.” A rope appeared, the luckless offender was dragged to a nearby tree, and strung up – all within thirty minutes.“ 3
Anhand dieses Zitates wird deutlich, dass der sog. Wilde Westen nicht nur in den entsprechenden Filmen der 50er und 60er, sondern auch in der Realit¨ at einen lawless character hatte. Turner wurde somit schon in jungen Jahren von der Frontier gepr¨ agt und machte die Erfahrung, dass die Wildnis gesellschafts- formende Kr¨ afte besaß. Er lebte in einer sich rasch ver¨ andernden Gesellschaft, da t¨ aglich Neuank¨ ommlinge kamen, welche unterschiedliche Kultur- und Wert- vorstellungen mit sich brachten. Des weiteren erkannte Turner, dass er selbst ein Teil dieser sich ver¨ andernden Gesellschaft war, deren Leben und Werte sich grunds¨ atzlich von den schon l¨ anger bestehenden St¨ adten der kolonialen Ostk¨ uste und der Alten Welt unterschied.
1 Vgl. Billington, Genesis, S. 10.
2 Vgl. Beck, Frontiertheorie, S. 11; Billington, Genesis, S. 9f.; ders., S. 5, ders, in: Turner to Carl Becker, December 16, 1925; Waechter, Erfindung des amerikanischen Westens, S. 83.
3 Billington, Genesis, S. 10, ders. in: Wisconsin State Register, September 18, 1869.
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Er sah in der Natur eine erzeugende Kraft, die die gesellschaftliche Grundstruktur der Grenzst¨ adte v¨ ollig ver¨ anderte. 4
Frederick Jackson Turner war u.a. der Meinung, dass seine Herkunft aus der Frontier ausschlaggebend f¨ ur seine sp¨ ateren Forschungen war. 5
An der University of Wisconsin in Madison began Turner sein Studium (1878- 1884). Dort kam er in Kontakt mit Prof. William Francis Allen. Von Allen lernte Turner, dass der historische Prozess in st¨ andiger Bewegung und Bezie- hung war. Dementsprechend ver¨ anderten sich auch bestehende Gesellschaften st¨ andig. Diese Ver¨ anderung war gepr¨ agt von der nat¨ urlichen Auslese, wie sie Charles Darwin lehrte. 6 Francis Allen hatte einen starken Einfluss auf Turner,
insbesondere darin, dass sich Turner mit der Evolutionslehre und ihren Aus- wirkungen besch¨ aftigte. Zus¨ atzlich lernte Turner bei seinem Lehrmeister die Werkzeuge der Geschichtswissenschaft. 7 Damit war eine wichtige Vorausset-
zung f¨ ur seine sp¨ atere Frontierthese geschaffen.
Frederick Jackson Turner machte seinen Abschluss im Alter von 23 Jahren (1884). Den Titel M.A. erlangte mit 27 Jahren. 8 Im Herbst 1888 ging er an
die John Hopkins University in Baltimore, um ein Promotionsstudium aufzu- nehmen. Sein Doktorvater war Herbert Baxter Adams. In Baltimore erweiterte Turner seine Master‘s Thesis ¨ uber den Indianerhandel zur Dissertation. Adams wurde vorgeworfen, dass er einen pr¨ agenden negativen Einfluss auf Turner hat- te, da er sich mit seiner Frontiertheorie gegen die germ theory Adams wandte. Aus den Schriften Turners ergeben sich aber keine Anhaltspunkte. 9 Weitere
Personen, mit denen Turner w¨ ahrend seiner Promotion in Kontakt trat, waren Richard T. Ely, der ¨ ahnlich wie Turner ein Stadienmodell der sozialen Evoluti- on aufstellte, Albion W. Small und Woodrow Wilson, den sp¨ ateren Pr¨ asidenten 4 Vgl. Billington, Genesis, S. 12-15; “Hence he saw nature as a generative force, transfor- ming frontier social orders into something approaching completely new societies.”, ders., in: William Coleman, “Science and Symbol in the Frontier Hypothesis,”American Histo- rical Review, LXXII (October, 1966), S. 46-47; ders., S. 4, ders., in: Frederick J. Turner to Luther L. Bernard, November 24, 1928. Frederick Jackson Turner Papers, Henry E. Huntington Library, TU Box 40.
5 Vgl. Billington, Genesis: ” Possible my birth at Portage ... on the Fox-Wisconsin river had an unconscious influence upon my western studies and my conception of histoty.“; ders., S. 5.
6 Vgl. ders., S. 15-20 7 Vgl. ders., S. 5, 16; Waechter, Erfindung des amerikanischen Westens, S. 85. 8 Vgl. Beck, Frontiertheorie, S. 12; Billington, Genesis, S. 23.
9 Vgl. Waechter, Erfindung des amerikanischen Westens, S. 88; Billington, Genesis, S. 6: Turner‘s rebellion against this nonsense, ...“; Turner schreibt sogar: ” Our early history is ” the study of European germs developing in an American environment.“, Turner, Frontier, S. 3; vgl. auch Pierson, The Frontier, S. 16f.
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der USA (1913-1921), der zu einem guten Freund und Gespr¨ achspartner Tur- ners wurde. 10 Von 1889 bis 1910 hatte Turner einen Lehrstuhl f¨ ur Geschichte
an seiner alten Universit¨ at in Madison inne, wo er 1893 seinen Aufsatz The Significance of the Frontier in American History verfasste. 11 Im Jahre 1910
wechselte Turner nach Harvard und wurde im gleichen Jahr zum Pr¨ asiden- ten der American Historical Association (AHA) gew¨ ahlt. Des weiteren war er in den Jahren 1916/1917 Associate in the Department of Historical Research der Carnegie Institution. Seinen Lebensabend verbrachte Turner mit seinen Studien als Emeritus an der Huntington Library in San Marino, Kalifornien. Am 14. M¨ arz 1932 starb Frederick Jackson Turner im Alter von 70 Jahren in Pasadena, Kalifornien. Turner hatte auf seine Studenten einen packenden und begeisternden Einfluss. 12
3 Historischer Hintergrund der Frontier
3.1 Der Begriff Frontier
Es ist schwer, wenn nicht unm¨ oglich, den Begriff Frontier ad¨ aquat mit einem ubersetzen. ¨ Wort ins Deutsche zu ¨ Ubersetzt man Frontier mit Grenze, so ist Vorsicht geboten, da damit ein großer Teil des Ideengehalts Turners nicht erfasst werden kann. Turner meinte mit Frontier mehr als nur Grenze. Im Deutschen versteht man unter Grenze im Allgemeinen den ¨ außeren Rand eines Gebietes, oder auch im mentalen Sinne den ¨ außersten erreichbaren Punkt eines Gedanken, einer Emotion etc. In Turners Theorie hat die Frontier nicht nur die Bedeutung einer geographischen Siedlungsgrenze, sondern beinhaltet auch geistige, soziale und politische Prozesse. Kurz gesagt: Die gesamte Summe an Faktoren, mit denen der Siedler am Rande der Zivilisation konfrontiert wurde. 13
Die in diesem Absatz angesprochene Problematik der Begriffsdefinition, ist einer von vielen Kritikpunkten, der Turner vorgehalten wird.
on, S. 181; Billington, Genesis, S. 6: ” All my ideas and ambitions were broadened and enriched by Woodrow Wilson‘s conversations, ...“, ders., in: Turner to Dodd, October 7, 1919, HEH TU Box 29.
11 Vgl. ders., S.91; Beck, Frontiertheorie, S. 12; Turner trug seinen Aufsatz auf einer Ver- sammlung der American Historical Association in Chicago am 12. Juli 1893 im Rahmen der dortigen Weltausstellung vor. Chicago war eine rasant aufsteigende Metropole des Westens und galt als Vorzeigesymbol der White City.
12 Vgl. Beck, Frontiertheorie, S. 12f.
13 Vgl. ders., S. 7f.
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3.2 Die Erschließung des amerikanischen Westens
Die Frontierzeit begann im Jahre 1607 mit der Gr¨ undung Jamestowns und endete 1890, als das Ende der Frontier amtlich bekannt gegeben wurde. 14 Die
Expansion nach Westen war das erste Merkmal amerikanischer Innen- und Außenpolitik seit seiner Unabh¨ angigkeit. Die Beweggr¨ unde war unterschiedli- cher Art. Zu nennen sind der Landhunger der Neuank¨ ommlinge, ¨ okonomische Interessen und das gezielte Suchen nach neuen Ressourcen und Absatzm¨ ark- ten. 15 Der Erwerb des Louisiana-Gebietes unter Thomas Jefferson im Jahre
1803 f¨ uhrte zur territorialen Verdoppelung der USA und war Ausdruck eines neuen imperialen Machtanspruches. 16 In diesem Zusammenhang fiel auch die
ber¨ uhmte Lewis and Clark Expedition, welche von Thomas Jefferson initiali- siert, vom Kongress abgesegnet und somit von amerikanischen Steuergeldern finanziert wurde. Sie dauerte von 1804 bis 1806 und hatte insbesondere die Ziele, einerseits eine Wasserroute zum Pazifik zu finden und andererseits die Erforschung des erst k¨ urzlich erworbenen Louisiana-Gebietes durchzuf¨ uhren. Eine Wasserverbindung zum Pazifik wurde nicht gefunden. Dennoch ging die- se Expedition in die Geschichte ein, da sie, abgesehen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Er¨ offnung f¨ ur eine neue ¨ Ara der West-Expansion ab den 1840 er Jahren darstellte, die die Geschichte des amerikanischen Westens in- tensiv pr¨ agte. 17 Der Erwerb des Louisiana-Gebietes war ein Paradebeispiel f¨ ur weitere zuk¨ unftige amerikanische Landgewinne. 18
Die amerikanische Landnahme und Expansion nach Westen waren einerseits ¨ okonomisch, andererseits prophetisch motiviert. 19 So existierte die Idee des
Sendungsbewußtseins, der g¨ ottlichen Vorhersehung, die das amerikanische Volk dazu auserw¨ ahlt hat, ¨ uber den Kontinent zu herrschen und ein Leuchtturm f¨ ur die Welt zu sein. 20 Die Expansion ¨ uber den Kontinent bekam durch den vom 14 Vgl. Raeithel, Nordamerikanische Kultur, S. 329, ders. in: Nelson Klose, A Concise Study Guide to the American Frontier, Lincoln 1964, S. 6.
15 Vgl. Junker, Power and Mission, S. 15.
16 Vgl. ders., S. 15; Raeithel, Nordamerikanische Kultur, S. 333; Roth, Westward Expansion, S. 21, 22, 25-29.
17 Vgl. Turner, Frontier, S. 13; vgl. auch http://www.lewis-clark.org/ . 18 Vgl. Raeithel, Nordamerikanische Kultur, S. 331; Roth, Westward Expansion, S. 19-24. 19 Vgl. Junker, Power and Mission, S. 17, ders., in: Georg Kamphausen, Ideengeschichtliche Urspr¨ unge und Einfl¨ usse, in: Willi Paul Adams et al. (Hg.), L¨ anderbericht USA, Bd. 1, Bonn 1992, S. 265.
20 Vgl. ders, S. 18.
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Stefan Joachim, 2004, Die Frontiertheorie von Frederick Jackson Turner als Sicherheitsventil einer werdenden Nation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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