Inhaltsverzeichnis
2. SCHAUSPIEL UND MUSIKTHEATER 02
2.1 Allgemeine Europäische Strömungen 02
2.2 Theater in Prag Kafka als Zuschauer 03
3.2 Erlebnis Stummfilm 16
3.3 Kino-Debatte 18
3.4 Kafka als Kinogänger 20
1. E INLEITUNG
„Kafka war ein mäßiger Besucher von Theateraufführungen und Vorträgen, ein zu Zeiten begeisterter Kinogänger, [...] trieb sich als Student nächtelang in Weinstuben herum, besuchte auch später gelegentlich Cafés und machte [...] gerne Ausflüge“ 1 – so fasst Kafkas Biograph Klaus Wagenbach dessen Freizeitvergnügungen zusammen. Bei der folgenden Ausarbeitung soll es darum gehen, ein Bild von der Theater- und Filmkultur um 1910 zu zeichnen und auf das Verhältnis Franz Kafkas zu beiden Unterhaltungsformen einzugehen. Im ersten Teil, der sich mit dem Theater beschäftigt, habe ich den Schwerpunkt auf den Standort Prag gelegt, also Kafkas unmittelbares Lebensumfeld, und habe dabei neben dem gehobenen Theater auch das Variété mit in die Betrachtung einbezogen. Der Text soll darlegen, in welcher besonderen Situation sich das Theater in dieser Stadt zu jener Zeit be-fand, aber auch Kafkas generelles Verhältnis zum Theater beleuchten.
Im zweiten Teil der Arbeit, der das Thema Film zum Inhalt hat, werde ich zunächst einen Eindruck vermitteln, wie man sich das Kino des beginnenden 20. Jahrhunderts vorstellen kann und welche Debatten um diese neue Unterhaltungsform entstanden, um Kafkas Position besser einordnen zu können.
Die Arbeit kann selbstverständlich kein vollständiges Bild von Kafkas Beziehung zu Film und Theater zeichnen, soll aber einen Einblick in das Thema vermitteln und einige wicht ige Hintergründe erläutern.
2. S CHAUSPIEL UND M USIKTHEATER
2.1 Allgemeine Europäische Strömungen
Das Theater des frühen 20. Jahrhunderts zeichnete sich durch eine Vielzahl von Stilrichtungen aus, denen vor allem die Abkehr vom Naturalismus gemeinsam war. Eine einfache Einteilung in Stil- Epochen ist nur schwer möglich, da viele Entwicklungen parallel statt-fanden und die unterschiedlichen Stile sich teilweise miteinander vermischten. Der Naturalismus (als Weiterentwicklung des Realismus) hatte eine Abkehr vom Theatralischen bedeutet, hin zum Prinzip der Echtheit. Nicht mehr die Handlung als Prozess stand im Vordergrund des Interesses, sondern die Zustandsbeschreibung als Versuch das Milieu und die Psyche der Figuren mö glichst genau wiederzugeben, dabei konzentrierte man sich
1 Wagenbach, Klaus: Kafkas Prag. Berlin 1995. S. 109.
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meist auf das proletarische Milieu und auf Außenseiterfiguren. Einen Höhepunkt erreichte der Naturalismus mit Stanislawskis 2 Inszenierungen des psychologisch-naturalistischen Illusionstheaters, das sich durch besondere Detailtreue auszeichnete. Das naturalistische Theater stellte eine Ablehnung des Künstlichen dar, das nur eine Verfremdung der Wirklichkeit wäre, sondern legte Wert auf eine möglichst präzise Darstellung der Charaktere. Dies war auch der Ansatzpunkt für die Kritik am Naturalismus. Theater sollte wieder Kunst werden – nicht bloß ein Spiegel der Realität, sondern die Schaffung von etwas Neuem. Ein Erlebnis, das den Zuschauer mit einbezog, der im naturalistischen Theater eher auf Distanz blieb. Dabei bildeten sich so verschiedene Stilrichtungen wie Impressionismus, Symbolismus, Neuromantik, Jugendstil und Expressionismus heraus. Das Ambiente – Bühnenbild, Lichttechnik und Musik – gewann eine neue Bedeutung, jede Inszenierung sollte etwas Einmaliges werden. Dabei wurden auch Ausdrucksmittel aus anderen Unter-haltungsformen wie Zirkus, Variété und Kabarett sowie neuen Medien wie Film und Rundfunk mit einbezogen. Eine entscheidende Rolle bei der Überwindung des naturalistischen Theaters spielte Max Reinhardt. Zunächst selbst als Schauspieler unter dem „Naturalismus-Papst“ Otto Brahm am Deutschen Theater in Berlin tätig, etablierte er die „Inszenierung, die schöpferische Tätigkeit des Regisseurs als eigenständige[n] künstlerische[n] Prozess“ 3 und erreichte somit eine Emanzipierung der Theaterinszenierung von ihrer literarischen Vorlage.
2.2 Theater in Prag – Kafka als Zuschauer
2.2.1 a) Deutschsprachiges und Tschechisches Theater
In der Prager Theaterszene um 1910 spiegelte sich die kulturelle und politische Spaltung zwischen Tschechen und Deutschen wider. War das kulturelle Leben der Stadt noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend deutsch dominiert, verlangte das zunehmende Nationalbewusstsein der Tschechen die Herausbildung eigenständiger tschechischer Kultureinrichtungen, was auch die Forderung nach einem Nationaltheater mit sich brachte. So war es im Herbst 1862 zunächst zur Gründung des ersten eigenständigen tschechischen Theaters in Prag gekommen (das „Interimstheater“). Das eigentliche Nationaltheater (Národní
2 Die von ihm entwickelte Stanislawski-Methode sollte den Schauspieler, durch das Nachvollziehen äußerer (physischer) Handlungen und Kenntnis der Lebensumstände und Psyche seiner Figur, zu einem intensiven Einfühlen in die Rolle führen und somit eine besondere Glaubwürdigkeit gewäh rleisten.
3 Fiedler, Leonhard M.: Die Überwindung des Naturalismus auf der Bühne: Das Theater Max Reinhardts. In: Kafitz, Dieter (Hrsg.): Drama und Theater der Jahrhundertwende. Tübingen 1991. S. 69.
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Divadlo) eröffnete im Juni 1881 mit der Uraufführung von Bedøich Smetanas Oper „Libuše“, wurde aber im August desselben Jahres durch einen Brand stark zerstört. Großzügige Spenden der tschechischen Bevölkerung gewährleisteten jedoch eine Wiedereröffnung des – bis heute existierenden – Theaters im November 1883. 4 Die Idee hinter dem Nationaltheater war, im Unterschied zu vergleichbaren Einrichtungen anderer Nationen, nicht nur die Kultur des eigenen Volkes zu repräsentieren, sondern es stand v.a. der politische Aspekt im Vordergrund – „der Kampf um das Theater war eine Demonstration des Kampfes um nationale Unabhängigkeit.“ 5 Das Národní Divadlo entwickelte sich binnen kürzester Zeit zur wichtigsten Adresse tschechischen Theaterlebens – nicht nur in Prag, sondern in ganz Böhmen und Mähren. Jitka Ludvová betrachtet die Eröffnung des tschechischen Nationaltheaters „als Bestandteil
der letzten Phase eines langwährenden Prozesses, in dem Tschechen und Deutsche in den Böhmischen Ländern die Positionen einer kulturellen Mehrheit und Minderheit tauschten.“
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Das Národní Divadlo erhielt den offiziellen Titel „Königliches Tschechisches Landestheater“ und konnte unter Karel Kovaøovic (bis 1920 Leiter der Oper) und Jaroslav Kvapil (bis 1950 Leiter des Schauspiels) Anschluss an die aktuellen Strömungen des europäischen Theaters finden und sie an die tschechischen Möglichkeiten und Bedürfnisse anpassen. In der Schauspieldramaturgie dominierte zunächst der psychologische Naturalismus, später das impressionistische Drama. Hier fanden auch Gastspiele des Moskauer Künstlertheaters statt, dessen Mitbegründer Stanislawski war. Das tschechische Theater ließ sich jedoch auch durch den Einfluss Max Reinhardts anregen. Kvapil zeigte zudem eine große Vorliebe für Werke von Henrik Ibsen, für Dramen des tschechischen Realisten Alois Jirásek und v.a. für William Shakespeare, dem sogar ein großange-
4 DasNeurenais sancegebäude des Národní Divadlo wurde auf dem Gelände des Interimstheaters errichtet und integrierte dessen Gebäude mit in den Neubau. Nach der Wiedereröffnung verfügte das Theater über elektrische Beleuchtung, was zu dieser Zeit noch keine Selbstverständlichkeit war.
5 Ludvová, Jitka: Nationaltheater und Minderheitentheater. In: Ludvová, Jitka / Jakubcová, Alena / Maidl, Václav: Deutschsprachiges Theater in Prag (im weit eren zitiert als DtiP). Prag 2001. S. 43 6 Ebd.
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legter Zyklus gewidmet wurde. Neben der Aufführung klassischer und moderner Stücke, stand das Nationaltheater auch der romantischen Dramatik nahe. Es widmete sich in besonderem Maße der Förderung zeitgenössischer tschechischer Autoren, mit dem Ziel eine eigene nationale Theaterkultur zu scha ffen.
Weitere tschechischsprachige Spielstätten in Prag entstanden noch in den Folgejahren (z.B. das 1910 eröffnete Volkstheater „Deklarace“ oder das hölzerne „Uranie“), erreichten j edoch nicht das Niveau des Nationaltheaters, sondern widmeten sich v.a. Lustspiel und Posse – ein zweites tschechisches Theater größerer Bedeutung entstand 1907 mit der Eröffnung des „Stadttheaters auf den Weinbergen“ (Divadlo na Vino hradech).
Auch in der Oper unter Kovaøovic lag der Schwerpunkt auf impressionistischen Werken. Kovaøovic verfolgte aufmerksam die Entwicklungen anderer europäischer Opernhäuser (v.a. die moderne französische Oper), es lag ihm jedoch auch die Bereicherung der Tradition der modernen tschechischen Oper – durch Werke von Smetana, Dvoøák, Foerster, Novák und Ostrèil – am Herzen.
Für das deutschsprachige Theater bedeutete die Eröffnung des tschechischen Nationaltheaters einen massiven Zuschauerverlust, da zuvor viele Tschechen zu den ständigen Besuchern des „Königlichen Deutschen Landestheaters“ gezählt hatten – an dem auch gelegentlich tschechische Vorführungen stattfanden – während die Menge regelmäßiger deutscher Theatergänger verhältnismäßig gering war. Das Prager deutsche Theater musste sich der Tatsache stellen, dass es nur noch fü r eine Minderheit spielte.
Dennoch – oder gerade deswegen – eröffnete im Januar 1888 das „Neue Deutsche Theater“ (mit Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“). Die Idee war auch hier, in gewisser Weise, nationale Vereinigung (der deutschen Minderheit). Die Notwendigkeit zum Neubau ergab sich aber auch aus dem schlechten Zustand der Gebäude des deutschen Theaters, die nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprachen. Das Haus des „Ständetheaters“ 7 war sanierungsbedürftig und das hölzerne „Neustädter Theater“ (Novomstské divadlo) diente eher als Provisorium – und wurde durch den Bau des Neuen Deutschen Theaters 8 ersetzt.
7 Ursprünglich unter der Bezeichnung Nostitztheater (Nosticovo Divadlo / Nostické Divadlo) eröffnet, trug es seit 1786 bis 1861 und 1920-1939 die Bezeichnung Ständetheater (Stavovské Divadlo), die auch heute (seit 1991 wieder) gültig ist. Zwischen 1861 und 1920 waren die Bezeichnungen Landestheater, Königliches Deutsches Landestheater und Deutsches Landestheater gebräuchlich. Während des 2. Weltkrieges wurde es als Deutsches Schauspielhaus geführt, um danach wieder den Namen Ständetheater zurück zu erhalten. Zwischen 1948 und 1991 trug es auch den Namen Tyl-Theater (Tylovo Divadlo). – Vgl. DTiP. S. 495 ff.
8 In den Jahren 1939-1945 erhielt das Haus die offizielle Bezeichnung Deutsches Opernhaus, nach dem 2. Weltkrieg wurde es umbenannt in Divadlo 5. kvtna (Theater des 5. Mai) bzw. später (seit August 1946) Velká opera 5. kvtna
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Direktor Angelo Neumann hatte zunächst erwartet, auch tschechische Zuschauer durch ein entsprechendes Programm ins Neue Deutsche Theater locken zu können, diese Rechnung ging jedoch gerade wegen der angespannten politischen Atmosphäre nicht auf. Dennoch gelang es dem Neuen Deutschen Theater, nachdem es sich zunächst in Spielplan, Bühne ntechnik und Dramaturgie noch sehr stark an Wien und Berlin orientiert hatte, ein eigenes Profil zu entwickeln, auch wenn sich die finanziellen Schwierigkeiten bald als ein daue rhaftes Problem erwiesen. Neumann, der seine Tätigkeit bis zu seinem Tod 1910 ausübte, räumte der Oper den Vorrang vor dem Schauspiel ein. Sein Interesse galt neben klas-
Gustav Mahler und den Sänger Enrico Caruso. Neumanns Nachfolger Alexander Ze mlinski engagierte sich sehr für die Modernisierung der Oper – er betonte das Ensemblespiel und förderte die Operette.
Im Bereich des Schauspiels dominierte unter Neumann zunächst das spätromantische Salon- und Intrigenspiel, es wurden jedoch auch systematisch modernere Stücke ins Repertoire mit aufgenommen, v.a. solche, die sich dem Naturalismus zuordnen lassen, wie Werke von Wedekind, Tolstoj, Ibsen, Schnitzler und Hauptmann. Außerdem war Neumann bemüht, durch Gastvorstellungen im Ausland (z.B. St. Petersburg, Moskau, Berlin) zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Im Gegenzug gastierten des öfteren Schauspielerensembles –
(Große Oper des 5. Mai). Seit 1948 trug es den Namen Smetanovo divadlo (Smetana-Theater), heute (seit 1992) ist es
das Gebäude der Prager Staatsoper (Státní opera Praha). – Vgl. DTiP. S. 500f.
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Anett Stemmer, 2004, Franz Kafka und Theater und Film um 1910, Munich, GRIN Publishing GmbH
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