Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Christlicher Antijudaismus 06
2.1. Wurzeln und Triebe des Judenhasses 06
2.1.1. Die frühe Antike 06
2.1.2. Messias und die Pharisäer 06
2.1.3. Die konstantinische Wende 08
2.1.4. Die Kreuzzüge 09
2.1.5. Pest, Luther und die Reformation 10
2.2. Emanzipation und Judenfeindlichkeit 12
3. Antisemitismus und Rassenwahn 14
3.1. Zur Genese des Begriffes Antisemitismus 14
3.2. Antisemitismus als kultureller Code 15
3.3. Antisemitismus als gesprochenes Wort: Die Programmatik der 17
NSDAP
4. Zusammenfassung 19
5. Quellen- und Literaturverzeichnis 21
2
1. Einleitung
Seine furchtbarste Ausprägung erhielt der Antisemitismus mit dem Aufstieg der NSDAP, in deren Schatten die Nationalsozialisten Millionen von Menschen jüdischen Glaubens in den Tod trieben. Doch wurzelten die geistigen und ideologischen Voraussetzungen, die zur Shoa führten, nicht erst in der Zeit des NS-Regimes. Durch die Zeiten, von der Antike zur Spätantike, vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis zum Deutschen Kaiserreich, lassen sich durchweg ‚Formen des Vorgehens’ gegenüber Menschen jüdischen Glaubens auf verschiedenen Ebenen (theologisch, wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich, politisch und rassistisch) nachweisen.
Die vorliegende Hausarbeit widmet sich vor diesem Hintergrund einer grob skizzierten Darstellung des Verlaufes antijüdischer bzw. antisemitischer Einstellungen im Zeitrahmen von dem in der Antike auftauchenden christlichen Antijudaismus bis hin zu dem von der NSDAP vorwiegend rassisch determinierten Antisemitismus; Das entspricht in etwa einem Zeitrahmen von circa 2000 Jahren. Dabei wird der Fragestellung nachgegangen werden, welche Ausprägung die Antihaltung der Umwelt gegenüber ihren jüdischen
Mitmenschen in den einzelnen temporalen Abschnitten zeigte und aus welchen Gründen, inwieweit sie sich veränderte und ob sich gewisse Konstanten zwischen den verschiedenen Ausprägungen verorten lassen. Aus diesem Grund verläuft die Schilderung der Ereignisse weitestgehend chronologisch. Die Schwerpunkte liegen dabei Erstens auf dem rein religiös intendierten Antijudaismus, beginnend mit den D issenzen zwischen jungem Christentum und gewachsenem Judentum, über die Auswirkungen der Kreuzzüge bis hin zur Reformation und dem Zeitalter des Absolutismus. Zweitens wird die Ambivalenz der über 100 Jahre dauernden jüdischen Emanzipation (1760 - 1870) dargestellt. Zuletzt befasst sich vorliegende Arbeit mit dem Aufkommen des Begriffes ‚Antisemitismus’ Ende des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen Auswirkungen, die schlußendlich in der perfiden Programmatik der NSDAP gipfelten. Aufgrund der enorm großen Zeitspanne beschränkt sich der geografische Raum der Betrachtung auf den deutschen Raum mit Ausnahme der Antike und Teilen des Mittelalters. Da dem Thema vorliegender Hausarbeit ein eher überblickshafter Charakter innewohnt, stützt sie sich weitestgehend auf die immer noch als Standardwerk
3
anerkannte Reihe von Leon Poliakov: ”Antisemitismus” 1 , sowie einer Überblicksdarstellung von Braun/Heid: ” Der ewige Judenhass” 2 . Für die Darstellung des Zeitraumes der jüdischen Emanzipation so wie der Genese des Begriffes ‚Antisemitismus’ diente mir Reinhard Rürups Monographie ”Emanzipation und Judenhass”. Besondere Aufmerksamkeit verdient Shulamit Volkov mit einem ihrer Aufsätze, in welchem sie den anschließend vielfach diskutierten Ansatz formulierte, dass die im 19. Jahrhundert aufkommenden Rassentheorien und die ersten politischen Gehversuche selbsterklärter Antisemiten zu der Zeit eher noch marginale Teilaspekte des Antisemitismus waren; Vielmehr formuliert sie die These eines “Antisemitismus als kultueller Code”. 3
Weiterhin erwähnenswert ist der Versuch einer Definition des Begriffes ‚Antisemitismus’, seiner inflationären sowie unsauberen Verwendung, von Ch. Berger Waldenegg. 4 Dabei macht er unter anderem deutlich, dass nicht nur die Anwendung des Begriffes ‚Antisemitismus’ Schwierigkeiten bereitet, sondern auch scheinbare Synonyme wie Judenfeindschaft, bzw. mit Attributen belegte Wortkombinationen. Er selbst kommt jedoch nach eigener Einschätzung zu keinem befriedigenden Ergebnis. Dennoch warnt er in seiner Schlußbetrachtung davor, es ”[...]beim Status quo zu belassen.” 5
1 Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus, 8 Bde., Worms - Frankfurt am Main 1977-1988
2 Braun, Christa von / Heid Ludger (Hrg.), Der ewige Judenhaß, Berlin 2000 2
3 Volkov, Shulamit, ”Antisemitismus als kultureller Code” in: Volkov, Shulamit, Jüdisches Leben
und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. 10 Essays, München 1990
4 Berger Waldenegg, Ch., Antisemitismus: Eine gefährliche Vokabel?.Diagnose eines Wortes,
Wien, Köln, Weimar 2003
5 Ebd., S. 127
4
2. Christlicher Antijudaismus
2.1. Wurzeln und Triebe des Judenhasses
2.1.1. Die frühe Antike
”Und die Schreiben wurden g esandt durch die Läufer in alle Länder des Königs, man solle vertilgen, töten und umbringen alle Juden, jung und alt, ‚Kinder und Frauen, auf einen Tag […]” 6 . Dieses, dem Buch Esther (Altes Testament) entnommene Zitat berichtet von einem geplanten Pogrom weit vor der Zeit der Geburt Jesus` und zeigt exemplarisch, dass Anfeindungen (zunächst) religiöser Natur gegenüber Juden schon in d er Antike ihren Widerhall fanden. Gründe hierfür mögen vor allem der jüdische Monotheismus und die damit verbundenen streng einzuhaltenden religiösen Vorschriften gewesen sein, die das Judentum als scharfen Kontrapunkt zu den ihn umgebenden polytheistischen Formen der Religionsausübung erscheinen ließen. 7 Doch kann während dieser Zeit weder von einem staatlich verordneten noch von leidenschaftlich - kollektivem Antisemitismus die Rede sein. Nicht selten wurde sogar ein brennendes Verlangen an den religiösen Praktiken der Juden spürbar, die auch recht erfolgreich um Proselyten (Nichtjuden, die zum Judentum konvertieren) warben, so dass Poliakov postuliert, dass ”diese fragende Aufmerksamkeit” polarisierte ”zwischen der Abneigung gegenüber dem jüdischen Partikularismus und jener Anziehungskraft der monotheistischen Religion.” 8 Mit der Geburt des Christentums veränderte sich die Polarität jedoch nach und nach zu Ungunsten des Judentums.
2.1.2. Messias und die Pharisäer
”[...]ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun” 9 , tö nt es im Johannes-Evangelium in Richtung der Juden und zeichnete eine Antipathie zweier Religionen nach, die sich in kürzester Zeit miteinander
6 Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin (Hrg.), Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift
4 des Alten und Neuen Testaments. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, Berlin 1972 ,
Esther 3,13; Anm.: Das Buch Esther wurde im 2. oder 1. Jh. v. u.Z. verfasst; Vgl. dazu Poliakov,
Leon, Geschichte des Antisemitismus, Bd.1 Von der Antike bis zur Gegenwart, Worms 1977, S.4
7 Poliakov, Leon, Antisemitismus, Bd. 1, S.8f.
8 Ebd. S.9
9 Aus Joh. 8,44 Diese Worte legt Johannes Jesus in den Mund. Die antijüdische Polemik des
Johannes durchzieht das gesamte Jh. - Evangelium.
5
überworfen hatten. Dabei waren Judentum und Christentum ursprünglich eng miteinander verflochten. Jesus, der als Begründer des Christentums gilt, war Angehöriger einer Pharisäerkaste (Pharisäer: orthodoxe Juden, die sich strikt an die Gesetze der Thora halten) und gründlich geschult in den Schriften des alten Testaments. Durch seine kühne Neuauslegung der alttestamentlichen Gesetze geriet er alsbald in Konflikt mit dem jüdischen ‚Establishment‘. ”Der bedeutendste und radikalste Reformjude, den das Judentum jemals hervorgebracht hatte” 10 wurde der Häresie (Ketzerei) für schuldig befunden, den Römern übergeben und durch den Statthalter Pontius Pilatus ans Kreuz gebracht.
Doch waren die ersten Anhänger Jesus` zunächst allesamt Juden (auch Judenchristen genannt). Unter Paulus (um 60 u. Z.) löste sich das junge Christentum relativ rasch von den Synagogen und verlegte sich darauf Heiden zu bekehren aufgrund der ”Verstocktheit” der Juden, die die Lehre von ‚Jesus als Messias’ nur selten annahmen. 11 Schnell entspann sich ein scharfer Wettbewerb zwischen den beiden missionarisch(!) orientierten Religionen. Die sich entwickelnden Spannungen und Rivalitäten bei der Auslegung der Thora, der Frage der Messianität und Göttlichkeit Jesus, ob Heidenchristen sich Riten wie Beschneidung und Sabbatheiligung beugen müssten und Judenchristen Götzenfleisch essen dürften, erschütterten die gemeinsame religiöse Überzeugung von Pharisäern und Judenchristen. Die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 unserer Zeit und die darauf folgende Diaspora wurden von den Christen als ‚Gottes Strafgericht’ und der ‚göttlichen Favorisierung der messianischen Gemeinde’ aufgefasst. Dass die Feindschaft auf Gegenseitigkeit beruhte beweist der Bar-Kochba-Aufstand (ca. 135 u. Z.), der die blutige Verfolgung einer in Jerusalem ansässigen Christengemeinde zur
10 Braun, Christa von / Heid Ludger (Hrg.), Der ewige Judenhaß, Berlin 2000 2 , S. 12
11 Der Begriff ”Verstocktheit” wurde von Paulus geprägt. Er bezeichnet das Bild der Verhärtung einer Baumrinde, die undurchdringlich geworden, das ganze Holz steinhart macht, also verstockt. Vgl. dazu Röm. 11, 25; Die ersten 3 Evangelien, entstanden im letzten Drittel des 1. Jh. u. Z. Sie legen die Vermutung einer Teilnahme der Christenjuden am Tempeldienst bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 und synagogalen Gottesdienst nahe. Ebd. S. 12
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Arbeit zitieren:
Henning Remisch, 2005, Vom christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus der NSDAP, München, GRIN Verlag GmbH
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