Universität Bielefeld
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Seminar: Literaturtheorie: Die Konstruktion fiktionaler Weltsysteme
8. Semester
Die Konstruktion von Welten in Stephen
Frys Making History
von: Anke Grundmann
INHALTSVERZEICHNIS
0. Einleitung 3
1. Frys Konzept des Begriffs „Geschichte“ 4
2. Erzähltechnik und stilistische Elemente 6
3. Cambrigde und Princeton – Fiktionale Welt vs. mögliche Welt 11
3.1 Die verschiedenen Handlungen 11
3.1.1 Die Handlungsstränge des Buches Eins 11
3.1.2. Die Handlungsstränge des Buches Zwei 12
3.1.3 Der Epilog 12
3.1.4 Die Verbindung der einzelnen Handlungsstränge 13
3.2 Das Konzept der fiktionalen und der möglichen Welt in Making History 14
4. Frys Methoden der Weltkonstruktion 15
5. Michael Young und das Problem der trans-world identity 19
6. Parallele Entitäten 22
6.1 Trans-world identities 23
6.2 Hitler und Gloder 23
7. Schluß 26
8. Literaturverzeichnis 28
„[...] it is my job to tell you the true story of what never
happened. Perhaps that’s a definition of fiction.“
Stephen Fry. Making History. S. 8.
0. Einleitung
Der Gegenstand dieser Arbeit soll der Roman Making History von Stephen Fry sein. Ich möchte versuchen, den Text vor dem Hintergrund der literaturtheoretischen Konzepte der fiktionalen und möglichen Welten zu untersuchen, d.h. es soll dargestellt werden, auf welche Weise Fry bei der Konstruktion der Welten in seinem Roman auf theoretische Überlegungen zurückgreift.
Die Voraussetzung für Frys Roman, in dem der realen, d.h. der im fiktionalen Rahmen realen Welt eine parallele alternative Welt gegenübergestellt wird, ist, daß das traditionelle Verständnis von „Geschichte“ erweitert wird. Daher soll im 1. Kapitel ein Vergleich des herkömmlichen Konzepts des Geschichtsbegriffs mit dem, was in Making History unter „Geschichte“ verstanden wird, unternommen werden. Daran anschließend soll eine Analyse der vom Autor verwendeten Erzähltechnik und Stilmittel zeigen, auf welche Weise der Roman Welten nebeneinander stellt und gleichzeitig die Existenz dieser Welten in Frage gestellt wird. Das Kapitel 3 wird sich mit dem Konzept der fiktionalen und möglichen Welten befassen. Hierbei scheint es mir sinnvoll, für die einzelnen Kapitel des Romans eine zeitliche und geographische Strukturierung vorzunehmen, um sie so den Handlungssträngen, die die Welten des Romans konstituieren, zuzuordnen. In Kapitel 4 soll eine Gegenüberstellung der parallelen Welten zeigen, wie der Autor seine Romanwelten konstruiert. Kapitel 5 und 6 werden sich mit den Figuren des Romans beschäftigen, wobei der Schwerpunkt auf dem Protagonisten Michael Young liegen wird, der als einzige der Romanfiguren die Möglichkeit hat, die Grenze zwischen den Welten zu überschreiten und sich bewußt zu machen, daß überhaupt mehrere Welten parallel existieren. Die anderen Figuren besitzen in dem Paralleluniversum jeweils eine Entsprechung, einen counterpart, so daß sie zwar in beiden Welten vorkommen, aber die parallele Existenz der Welten nicht realisieren können. Nicht zuletzt aufgrund des begrenzten Rahmen dieser Arbeit muß auf die genauere Analyse der Nebenfiguren verzichtet werden. Stattdessen soll durch die Untersuchung der Beziehung zwischen den Figuren Hitler und Gloder, die zwar keine counterparts im herkömmliche Sinn sind, aber in den zwei Welten parallele Funktionen erfüllen, die Frage nach der moralischen Aussage des Romans gestellt werden. Abschließend sei darauf hingewiesen, daß es zum gegenwärtigen Zeitpunkt so gut wie keine Sekundärliteratur zu Making History gibt, da der Roman erst 1996 erschien. Aus diesem Grund habe ich bei der Analyse hauptsächlich mit literaturtheoretischen Texten gearbeitet, die zum Teil die theoretischen Konzepte exemplarisch an einzelnen Romanen veranschaulichen. Vieles davon ist meiner Meinung nach auch auf Frys Roman anwendbar, so daß ich bei der Analyse versucht habe, die literaturtheoretischen Konzepte auf Frys Roman anzuwenden.
1. Frys Konzept des Begriffs „Geschichte“
Schlägt man in einem Lexikon unter dem Stichwort „Geschichte“ nach, so findet man dort für den Begriff „Historie“ die Definition „das in der Vergangenheit Gewesene und Geschehene“.1 Geschichte bezeichnet also etwas zeitlich abgeschlossenes, vollendetes, das nicht mittels eines zeitlichen Rückgriffs aus der Gegenwart in die Vergangenheit nachträglich verändert werden kann. Geschichte ist daher „unwiederholbar“.2 Dies ist die traditionelle Auffassung des Geschichtsbegriffs. Im Falle von Making History greift diese Definition nicht mehr. In Frys Roman wird die Geschichte, genauer gesagt die geschichtlichen Abläufe seit dem 1. Juni 1888 sehr wohl verändert. In diesem Punkt nähert sich Fry dem Diskurs der Postmoderne über das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Realität an. Der Postmodernismus stellt die Frage, inwieweit Geschichtsschreibung als Fiktion anzusehen ist. Linda Hutcheon definiert den Einfluß der Postmoderne auf den Geschichtsbegriff folgendermaßen: History is not made obsolete: it is, however, being rethought - as a human construct. And in arguing that history does not exist except as text, it does not stupidly and „gleefully“ deny that the past existed, but only that its accessibility to us now is entirely conditioned by textuality.3
Der Autor konstruiert hier nicht nur seine Version der „wirklichen“ Geschichte, indem er seinen Protagonisten Michael Young Erlebnisse aus Hitlers Kinder- und Jugendjahren in seiner Dissertation erzählen läßt, sondern konstruiert auch in einem weiteren Schritt eine neue Geschichte. Durch die Transferierung der Sterilisationspillen mit Hilfe der Temporal Imaging Machine bzw. Temporal Interface Machine T.I.M. aus der realen Welt, d.h. der Welt, in der die Geburt von Hitler stattfand, in die Vergangenheit (nach dem Braunau des 1. Juni 1888) entsteht eine zweite, veränderte Welt und gleichzeitig eine veränderte Vergangenheit. Geschichte wird hier, wie der Titel des Romans schon andeutet, im wahrsten Sinne des Wortes „gemacht“. Der Geschichtsbegriff in Making History bricht mit Hilfe des Konzepts der möglichen Welten, auf das in den folgenden Kapiteln noch einzugehen ist, aus der traditionellen Definition von Geschichte aus.
Der Begriff Geschichte bezeichnet jedoch nicht nur Ereignisse der Vergangenheit, sondern auch die Auseinandersetzung damit in Form von „Erforschung und Darstellung“.4 Auf diese Weise entsteht eine Verknüpfung von Objekt und Subjekt, von Betrachtetem und Betrachter.5 Ausgehend von dieser Definition wäre es die Aufgabe des Geschichts-Doktoranden Michael Young, sich mit Hitlers früher Biographie auseinanderzusetzen, was er auch in Form seiner Doktorarbeit tut. Er überschreitet jedoch die Grenze, die sich aus diesem Geschichtsbegriff ergibt ( vergangenes Geschehen zu erforschen) und verändert selbst die historischen Ereignisse und „macht“ Geschichte.
[...]
1 Das große Lexikon der Geschichte. Band 1. München: Wilhelm Heyne, 1976. S. 325.
2 Ebd.
3 Linda Hutcheon. A Poetics of Postmodernism. History, Theory, Fiction. London: Routledge, 1988. S. 16.
4 Meyers kleines Lexikon Geschichte. Hrsg. von Meyers Lexikonredaktion. Mit einer Einl. von Golo Mann. Mannheim: Meyers Lexikonverlag, 1987. S. 171.
5 Vgl. ebd.
Quote paper:
M.A. Anke Grundmann, 1999, Die Konstruktion von Welten in Stephen Frys "Making History", Munich, GRIN Publishing GmbH
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