Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1.Hauptteil 18 18
1.1. Problemszenario 18
1.2. Terrorismusbekämpfung jenseits rechtsstaatlicher Grenzen 1983-87: Die GAL 20
1.3. Spanien - eine konsolidierte Demokratie mit dem Wahlsieg der Sozialisten 1982 23
2. Exekutive 27
2.1. Die Subordinierung der Armee unter zivile Kontrolle 27
2.2. Der Antiterrorismus der sozialistischen Regierung 1982-1987 29
2.3. Die fondos reservados und die Geheimnisse des Staates 34
2.4. Die versagte Reform der Polizeikräfte 38
2.5. Zwischenergebnis 40
3. Legislative 43
3.1. Parlament und Parteien im Konsolidierungsprozeß 43
3.2. Das Parlament unter der Regierung des PSOE 45
3.3. Die Kontrolle des Regierungshandelns als zentrale Funktion des Parlaments 49
3.4. Die Wahrnehmung der Kontrollfunktion des Parlaments im Caso GAL 51
3.5. Zwischenergebnis 54
4. Zivilgesellschaft und Bevölkerungseinstellungen 56
4.1. Zivilgesellschaft und Konsolidierung 56
4.1.1. Legitimität und Effizienz 58
4.2. Die zivilgesellschaftliche Reaktion auf den Caso GAL 59
4.2.1. Nichtregierungsorganisationen 60
4.2.2. Medien 61
4.3. Bevölkerungseinstellungen 65
4.4. Zwischenergebnis 68
5. Justiz 70
5.1. Die juristische Kontrolle und der Rechtsstaatsbegriff in der Konsolidierung 70
5.2. Die spanische Justiz in der Transitions- und Konsolidierungsphase 71
5.3. Die Justiz und der Caso GAL 72
5.4. Zwischenergebnis 79
6. Schlußteil 81
Bibliographie 88
2 NA
Abkürzungsverzeichnis
AP Alianza Popular
CE Constitución Española
CESID Centro Superior de Informaciones de la Defensa
CGPJ Consejo General del Poder Judicial
CIP Centro de Investigación para la Paz
CIS Centro de Investigaciones Sociológicas
EA Eusko Alkartasuna
ETA Euskadi Ta Askatasuna
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
FR Frankfurter Rundschau
GRAPO Grupos de Reststencia Antifascista Primero de Octubre
HB Herri Batasuna
IC Iniciativa per Catalunya
IU Izquierda Unida
MULC Mando Único para la Lucha Contraterrorista
NZZ Neue Züricher Zeitung
PCE Partido Comunista de España
PNV Partido Nacionalista Vasco
PP Partido Popular
PSOE Partido Socialista Obrero Español
SZ Süddeutsche Zeitung
taz Die Tageszeitung
UCD Unión de Centro Democrático
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Einleitung Die Grupos Antiterroristas de Liberación (GAL) töteten 1983-1987 insgesamt 28 Personen, die Mitglieder ETAs waren oder diesem Umfeld irrtümlicherweise zugerechnet wurden. ETA-Terror sollte mit gleichen Mitteln beantwortet werden, wobei vorrangig Etarras, die sich nach Südfrankreich abgesetzt hatten, ins Visier gerieten. Als Täter wurden in Frankreich so- wohl spanische Polizeibeamte als auch Auftragsmörder verhaftet. In einem Mordfall war bald die Verwicklung eines hohen Mitarbeiters des Innenministeriums, der die dortigen schwarzen Kassen führte, evident. In einem Entführungsfall konnte die Beteiligung des damaligen In- nenministers, Barrionuevo, sowie seines Staatssekretärs nachgewiesen werden. Neben dem Innenministerium und der regulären Polizei waren der spanische Geheimdienst CESID, das Verteidigungsministerium, die Guardia Civil sowie die französischen Geheimdienste maßgeb- lich an den Aktionen, die unter dem Begriff GAL subsumiert werden, beteiligt. Die juristische Aufarbeitung in Spanien begann 1987 und steht bis heute erst an ihrem An- fang. Sie wird den Spanischen Staat und Gesellschaft also noch lange beschäftigen.
Ausgangspunkt für die Wahl des Themas, „Die Konsolidierung der spanischen Demokratie und der Caso GAL“, ist die Relevanz des gewählten Themas. In Spanien nahm, zusammen mit Portugal und Griechenland, die dritte große Demokratisierungswelle ihren Anfang (vgl. Huntington 1991). Aufgrund des schnellen und günstigen Verlaufs ihres Systemwechsels sind sie zu den wichtigsten Referenzpunkten in der Demokratisierungsforschung geworden. Der Caso GAL hat im Zuge seiner Aufdeckung lange Zeit die politische Tagesordnung Spa- niens beherrscht. Zusammen mit verschiedenen Korruptionsskandalen der sozialistischen Re- gierung trug er entscheidend zur Abwahl der Regierung 1996 bei.
Der Caso GAL und der sich anschließende Aufklärungsprozeß werfen ein Schlaglicht auf Defizite der jungen spanischen Demokratie: Sie stehen in diesem Zusammenhang für das Ant- worten auf einen großen, vielleicht systemgefährdenden Problemdruck (von Seiten ETA) mit Methoden jenseits rechtsstaatlicher Legalität. Dies offenbarte ein geringes Maß an demokrati- scher Durchdringung von Teilen der Polizei, des Geheimdienstes, des Innenministeriums und z.T. der sozialistischen Regierung (PSOE).
Die Kontrolle der Sicherheitskräfte - die als reserve domains des alten Regimes gelten können
- durch demokratisch legitimierte Institutionen war Anspruch der reformerischen sozialisti- schen Partei. Auf eindringliche Weise enthüllte der Caso GAL, wie dieses wichtige Projekt in
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den ersten Jahren ihrer Regierung verfehlt wurde, in denen sie sich auf die alten Kräfte ange- wiesen fühlte und ihre Dienste gern in Anspruch nahm.
So kann man den Caso GAL als eine Art Testfall für die junge spanische Demokratie begrei- fen, der Defizite in Bezug auf rechtsstaatliches Handeln von Teilen der Regierung und des Sicherheitsapparats sowie der Gewaltenkontrolle 1 im Sinne einer Überprüfung und gegebe- nenfalls Sanktionierung des Regierungshandelns offenbart. Hier wird vor allem auf die par- lamentarische Kontrolle einzugehen sein. Die starke Einflußnahme der Exekutive auf die de jure unabhängige Judikative (die ihrerseits stark politisiert ist) erweist sich für einen Konsoli- dierungsfortschritt ebenfalls als bedenklich. Die Reaktion zivilgesellschaftlicher Akteure wie Menschenrechtsorganisationen und Presse sowie die Einstellung der Bevölkerung gegenüber den illegalen Methoden der Terrorismusbekämpfung werden ebenfalls Erkenntnisse zum Konsolidierungsstand in diesen Bereichen liefern.
Der empirische Befund des Caso GAL hinsichtlich der Konsolidierung der Demokratie in Spanien kann dabei über diesen konkreten Fall hinausweisen und sowohl Fortschritte als auch Defizite benennen, die strukturellen Charakter haben.
Hinzu kommt, daß im Gegensatz zur großen Aufmerksamkeit von Seiten der Massenmedien das Thema bislang in wissenschaftlichen Untersuchungen nahezu ignoriert wurde. 2
Die leitende Frage soll sein, welchen Einfluß der Caso GAL und sein Aufklärungsprozeß auf die Konsolidierung der spanischen Demokratie hatte.
Dies soll in der Weise verstanden werden, daß der Caso GAL, also das verbrecherische Han- deln bestimmter Teile des Regierungsapparates, Aussagen über das Verhalten von Teilen der politischen Elite und deren demokratische Durchdringung zuläßt. Weit mehr Raum wird in dieser Arbeit der sich anschließende Aufklärungsprozeß, also die Reaktion verschiedener ge- sellschaftlicher und staatlicher Akteure gegenüber den erlebten rechtsstaatlichen Defiziten einnehmen. Anzunehmen ist, daß der Caso GAL strukturelle Konsolidierungsdefizite und - fortschritte offenlegt, die auch für andere Politikfelder relevant sind.
1
Der Begriff einer strikten Gewaltenteilung, soll hier vermieden werden. Wie in jedem parlamentarischen Sys- tem soll von einer Trennung zwischen Regierung und Parlamentsmehrheit einerseits und der parlamentarischen Opposition andererseits ausgegangen werden.
2 Zu den journalistischen Darstellungen gehören Álvaro Baeza 1996, Cerdán/ Rubio 1995, García 1988, García Pelegrin 1998, Miralles/ Arques 1989. Einzelne Ansätze einer wissenschaftlichen Annäherung finden sich in Kennedy 1990, Navarro 1995, Ruiz Muñoz 1997. Der Caso GAL hat jedoch noch nicht Eingang in die Untersu- chungen des Systemwechsels in Spanien gefunden. So liegen noch keine Arbeiten vor, die den Zusammenhang von Caso GAL und der Konsolidierung der spanischen Demokratie untersuchen.
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In einer bereichsspezifischen Untersuchung werden die relevanten Schlüsselarenen daraufhin befragt, wie ihre Rolle im Caso GAL hinsichtlich zuvor formulierter Konsolidierungsindika- toren zu bewerten ist.
Zur Beantwortung der Fragestellung ist es also sinnvoll, nicht sämtliche der Bereiche zu un- tersuchen, die für eine gesamtgesellschaftliche Konsolidierung Bedeutung haben. Entschei- dend ist eine bereichsspezifische Einschränkung des Untersuchungsbereichs auf diejenigen Teilbereiche, die im Zusammenhang mit dem Caso GAL stehen. Im Sinne einer „gezielten Selektion“ (Kromrey 1998: 51) müssen die zu untersuchenden Merkmale des Gegenstands reduziert werden. Dies ist Voraussetzung für die folgende systematische und theoriegeleitete Untersuchung.
Die zentrale Hypothese ist, daß der Aufklärungsprozeß des Caso GAL zwar Defizite in der Konsolidierung der spanischen Demokratie offenlegt, jedoch der sich anschließende Aufklä- rungsprozeß zur weiteren Konsolidierung des politischen Systems beigetragen hat. Daß die staatsterroristischen Aktionen überhaupt aufgedeckt wurden, ist für sich genommen bereits ein Erfolg. Entscheidend war hier die Rolle verschiedener Zeitungen sowie einzelner enga- gierter Persönlichkeiten der Justiz und Politik. Daß es zudem zur Verurteilung des ehemaligen Innenministers sowie hoher Beamter seines Ministeriums und der Polizei kam, kann als Aus- nahme selbst in demokratischen Rechtsstaaten gelten.
Schnell stößt man jedoch auf Widersprüchlichkeiten: Das Interesse von politischen Parteien, der Justiz, der Presse, von Nichtregierungsorganisationen und der Bevölkerung an der Aufklä- rung der staatsterroristischen Aktionen war zunächst beschränkt, setzte verspätet ein und sah sich hartnäckigen Blockaden ausgesetzt. Von einem konsentierten Willen zur Aufdeckung der Geschehnisse kann keinesfalls gesprochen werden. So hatte die konservative Partei, PP, nur in einer kurzen Wahlkampfphase Interesse an der Aufdeckung des Caso GAL gezeigt; die PSOE-Opposition reagierte auf die Richtersprüche, indem er die Legitimität einer zentralen Institution des Verfassungsstaates anzweifelte; auch sind die prominentesten Verurteilten nach wenigen Monaten Haft bereits wieder in Freiheit. Die Berichterstattung in wichtigen Zeitungen orientierte sich oft mehr an der Auflagensteigerung und dem Wunsch, die Regie- rung zu destabilisieren, als zur wahrheitsgemäßen Aufklärung des Falls beizutragen. Das politische und gesellschaftliche Gefüge, in dem sich der Caso GAL sowie sein Aufklä- rungsprozeß bewegt, soll als komplexes, dynamisches System begriffen werden und muß da- her prozesshaft interpretiert werden.
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In dieser Arbeit sollen diese Prozesse in einzelnen Bereichen des politischen und sozialen Systems nachvollzogen und hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Konsolidierungsprozeß in- terpretiert werden.
Bei der Einteilung der zu untersuchenden Akteursblöcke orientiere ich mich an Lauths „drei- gestuftes Akteursprinzip der Kontrolle“ der Regierung (Lauth 1999). Die erste Stufe bilden Bürger, Zivilgesellschaft, Verbände, Parteien, Öffentlichkeit und Medien. Ich habe die Partei- en aus dieser ersten Stufe ausgegliedert und der zweiten Stufe, nämlich dem Parlament und öffentlich-rechtliche Institutionen zugeschlagen. Dies ergibt sich daraus, daß im Fall der GAL das Parlament der zentrale Rahmen der Auseinandersetzung zwischen den Parteien war. Ne- ben der dritten Stufe, der Justiz, habe ich eine vierte eingeführt, die sich auf die Regierung selbst bezieht, also das eigentliche Kontrollobjekt, der ich die Verantwortung für eine interne Kontrolle zuweise. Wenn Teile der Regierung und ihrer Administration Todesschwadrone initiieren, halte ich die Forderung für berechtigt, wenn nicht sogar für geboten, daß andere Teile derselben Institutionen dies nicht tolerieren und auf diese Weise eine Selbstkontrolle ausüben.
Die einzelnen Blöcke sind in der Dynamik des Aufklärungsprozesses unterschiedlichen Ver- änderungen unterworfen worden, die sich hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Konsolidierung der einzelnen Bereiche bewerten lassen, und die zusammengenommen ein Urteil über das politische Gesamtsystem zulassen.
Bevor verschiedene Konsolidierungskonzepte diskutiert werden, müssen beide aufeinander bezogenen Bestandteile des Begriffspaares, Konsolidierung von Demokratie, hinsichtlich ihrer Bedeutungsvielfalt und begrifflichen Reichweite charakterisiert werden. Wann man von einem demokratischen System sprechen kann, ist dabei unter den Demokratisierungsfor- schern, nicht unter den Demokratietheoretikern, wenig umstritten, auch wenn man sicher nicht von einem paradigmatischen Konsens sprechen kann (Merkel 1995: 32f.).
a) Demokratie: In annähernd allen Beiträgen zur Konsolidierungsforschung wird Bezug auf die Minima genommen, die Dahl (1989: 233) in dem Demokratiekonzept der Polyarchie ent- wirft. 3 Eine Anzahl von Verfahren und Institutionen bilden den Rahmen, der die beiden zent- ralen Elemente, pluralistischer Wettbewerb sowie politische Partizipation, zur Wirkung brin- gen. Beide Grunderfordernisse einer Demokratie werden in sieben Kriterien konkretisiert: gewählte Amtsträger; freie und faire Wahlen; universelles Wahlrecht; freier Zugang zu öf- 3 Um nur einige zu nennen: Ethier 1990, Morlino 1998, O`Donnell 1996, O´Donnell/ Schmitter 1986
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fentlichen Ämtern; Meinungsfreiheit; Zugang zu pluralistischen Informationen; Vereini- gungsfreiheit.
Einzelne Autoren wie O´Donnell (1996) ergänzen diese Kriterien um einzelne weitere: So müssen die gewählten Vertreter die Möglichkeit haben, ihre Amtszeit turnusgemäß zu been- den und zusätzlich muß gewährleistet sein, daß die geltenden Freiheiten dauerhaft sind. So auch Schmitter und Karl ( zit. in Morlino 1989), die fordern, daß die gewählten Vertreter frei von Zwängen durch de facto- oder ausländische Mächte regieren können.
Linz (1996), DiPalma (1990) und Przeworski (1995) fassen den identischen Grundgehalt et- was komprimierter. 4 Allen liegt ein funktionales Verständnis von Demokratie zugrunde, der explizit keinen normativen Gehalt hat.
Als Arbeitsdefinition soll der von O´Donnell erweiterte Dahl´sche Demokratiebegriff gelten.
b) Konsolidierung: Aufgabe dieses Abschnitts ist es, aus der Vielzahl verschiedener Definiti- onen von Konsolidierung die Entscheidung für dasjenige Konzept zu treffen, das einerseits allgemein am überzeugendsten einen Konsolidierungsprozeß abzubilden vermag und anderer- seits für die Beantwortung der konkreten Fragestellung den größten analytischen Ertrag hat. Da die Fragestellung nicht auf die Analyse des Konsolidierungsprozesses in seiner Gesamt- heit zielt, muß also vorrangig ein eingegrenzter theoretischer Rahmen aus den vorliegenden Theorieansätzen zur Konsolidierung entwickelt werden: Weniger bedeutende Teilaspekte der Konsolidierungsdiskussion sollen benannt und deren Vernachlässigung in der Arbeit begrün- det werden. Andere Teilaspekte, die bedeutend erscheinen, werden akzentuiert und zu einem Raster verdichtet, das über den empirischen Fall, den Caso GAL, gelegt werden kann. 5 Die Konsolidierungsforschung orientiert sich „...an einer als Prozeß und Resultat verstande- nen „Festigung“ und „Sicherung“ demokratischer Regime durch Routinisierung, Institutiona- lisierung und Strukturierung, die Wandel nicht ausschließt“ (Liebert 1995: 76). Eine sequentielle Dreiteilung, die die Abfolge eines Regimewechsels beschreibt, ist als Ideal- typ in der Demokratisierungsforschung zu einem breit akzeptierten Konsens geworden: Krise des autoritären Regimes, Transition, Konsolidierung (ebd.: 76). 6 4 Przeworski (1988: 58f.) kann für sich in Anspruch nehmen, die wohl minimalistischste Variante einer Demo- kratiedefinition gefunden zu haben - die „organized uncertainty.“ 5 Eine wichtige Anmerkung bei der Einschätzung der verschiedenen Konsolidierungskonzepte nimmt Kraus (1996: 263) vor: „Dabei scheint der Begriff der demokratischen Konsolidierung allerdings auch im südeuropäi- schen Kontext weitaus größere theoretische Definitionsschwierigkeiten aufzuwerfen als der Transitionsbegriff. Letztlich kommen in den einzelnen Vorschlägen zur Bestimmung des heuristischen Stellenwerts, zur inhaltli- chen Präzisierung und zur zeitlichen Eingrenzung des Konsolidierungskonzepts auch verschiedene demokratie- theoretische Positionen zum Ausdruck.“ 6 Die idealtypische Konzeption Lieberts kann in der Weise erläutert werden, daß „...consolidation should be conceived of not as a „phase“ that follows transition in a neat temporal sequence, but rather as a „process“ that
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In der Empirie jedoch muß von Inkonsistenzen in dieser Prozeßabfolge ausgegangen werden: „...the incipient democratic legality must coexist with important elements of the authoritarian legality which contradict it“ (Maravall/ Santamaría 1986: 89). „...la consolidación abarca to- dos los procesos por los que el nuevo régimen elimina, reduce a un mínimo o reabsorbe sus iniciales inconsistencias...“ (Maravall/ Santamaría 1989: 186). Dieser Verweis zielt also auf Ungleichzeitigkeiten, die nicht nur den Transitions, sondern auch den Konsolidierungsprozeß kennzeichnen. 7 Pauschal von der Konsolidierung „insgesamt“ zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sprechen, wird damit problematisch. 8 Ersetzt könnte dies durch eine differenziertere Ur- teilsform werden, die die Konsolidierungsniveaus der jeweiligen Teilregime benennt und in Beziehung zu der Stabilität des Gesamtsystems setzt“ (Merkel 1995: 54).
Die verschiedenen Konsolidierungskonzepte lassen sich in Hinblick auf die Reichweite ihrer Forderungen an eine konsolidierte Demokratie in minimalistische sowie maximalistische Po- sitionen einteilen. Die minimalistische Position fokusiert dabei den Konsolidierungsprozeß aus einer strategischen Sicht, die vorrangig die Wahrscheinlichkeit des dauerhaften Erhalts des bisher erreichten demokratischen Bestandes ermitteln will. Die maximalistische Position nimmt eine weitergehende, normative Sicht ein, die eine tiefgreifende Demokratisierung der staatlichen und zivilgesellschaftlichen Sphäre als Ziel der Konsolidierung nennt. Die zwei Pole, zwischen denen sich die verschiendenen Perspektiven bewegen, benennt Schedler als „preventing democratic breakdown“ vs. „deepening democracy“ (Schedler 1997: 1). Zusätzliche Uneinigkeit herrscht in der zentralen Frage, welche politischen, sozialen und ö- konomischen Institutionen konsolidiert sein müssen, damit das demokratische System als krisenresistent gelten kann (Merkel 1995: 35) sowie über den Zeitpunkt der erreichten Konso- lidierung. 9 Allgemein wird jedoch angenommen, daß die Phase der Konsolidierung länger dauert als die Transition, da sie eine sehr viel umfassendere und tiefergreifendere Entwick- lungsphase darstellt (Pridham 1990b: 108).
may temporally overlap with that of transition, and the outcome of which is entirely indeterminated“ (Gunther/ Diamandouros/ Puhle 1996: 155).
7 Für eine differenzierte Abgrenzung von Transition und Konsolidierung siehe Gunther/ Diamandouros/ Puhle 1995.
8 Kraus (1996: 264) stützt diese Sichtweise auf die Konsolidierung als ein multidimensionales Phänomen „...das in der Regel eine Vielzahl ungleichartiger und sogar relativ widersprüchlicher Entwicklungsmomente ein- schließt.“ 9 „...consolidation is a much more nebulous concept with considerable uncertainty about its point of termination“ (Pridham 1990: 8).
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Drei Konzepte sollen schwerpunktartig vorgestellt werden. Ihre Auswahl ergibt sich daraus, daß sie beispielhaft für verschiedene Perpektiven stehen und daher einen zentralen Platz in der Literatur einnehmen. 10 1.) Einleitend wird Schmitters (1993) Definition genannt, die Konsolidierung als Prozeß der Strukturierung - der Überführung der zufälligen oder gar chaotischen Arrangements der Tran- sitionsphase in eine Form von Teilregimen begreift. Aus einer ungewissen Transitions- Konstellation mit nicht voraussagbaren Entscheidungen entwickeln sich in der Konsolidie- rungsphase erwartbare Ergebnisse und strukturell bestimmbare Verhaltensweisen und Orien- tierungen. Routinisierung, Institutionalisierung und Stabilisierung erreichen, daß aus sozialen Beziehungen soziale Strukturen werden, und aus zufälligen Interaktionen geordnete Interakti- onsmuster - die partiellen Regime. 11 2.) In einer minimalistischen Pespektive definieren Linz und Stepan (1996: 15f.) Konsolidie- rung als „...political regime in which democracy as a complex system of institutions, rules, and patterned incentives and disincentives has become, in a phrase, „the only game in town“. ...with consolidation, democracy becomes routinized and deeply internalized in social, institu- tional, and even psychological life, as well as in political calculations for achieving success.“ Zunächst existiert eine vielleicht trivial anmutende Grundvoraussetzungen, ohne die sich kei- ne moderne Demokratie konsolidieren kann: Die Existenz eines Staates - stateness (ebd.: 14f.). Durch die Sezessionswünsche einer starken Minderheit im Baskenland muß dieser Punkt im Verlauf der Arbeit noch problematisiert werden.
Linz und Stepan entwerfen ein komplexes System von drei Ebenen, in denen sich die Konso- lidierung vollzieht. Dieses Mehrebenenmodell soll kurz vorgestellt werden und davon abge- leitet soll die in dieser Arbeit bereichsspezifische Konsolidierung entworfen werden.
- In der Verhaltensdimension darf kein bedeutender Akteur versuchen, die demokratische Ordnung zu beseitigen oder gewalttätig danach streben, einen Teil des Territoriums abzuspal- ten.
- In der Einstellungsdimension wird erwartet, daß auch angesichts schwerer politischer oder ökonomischer Krisen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung daran festhält, daß mit 10 vgl. u.a. DiPalma 1990, Liebert 1995, Merkel 1995, Pridham 1990. Przeworski 1995, der in seinem hand- lungstheoretisch eingeengtem Konsolidierungskonzept die Rolle von Institutionen stark vernachlässigt, kann in dem begrenzten Rahmen der Arbeit nicht näher bearbeitet werden.
11 O´Donnell (1996: 39) beklagt die starke Fixierung auf institutionalisierte Arrangements: „Consequently, call- ing some polyarchies „consolidated“ or „highly institutionalized“ may be no more than saying that they are institutionalized in ways that one expects and of which one approves. Without a theory of how and why this may happen, it is at best premature to expect that newer polyarchies will or should become „consolidated“ or „highly institutionalized.“
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demokratischen Regeln das Zusammenleben am besten organisiert wird, und es entsprechend keine starken Anti-System-Kräfte gibt.
-In der institutionellen Dimension wird erwartet, daß alle politischen Akteure des staatlichen Bereichs sich bei der Lösung von Konflikten an die verfassungsmäßigen Normen halten und erkennen, daß Verletzungen derselben ineffektiv und kostspielig sein werden. Sogenannte reserve domains des alten Regimes, die der demokratischen Kontrolle entzogen sind, müssen eleminiert werden, ebenso wie traditionelle poderes fácticos wie Armee, Kirche, etc. Alle drei Ebenen sollen nicht isoliert betrachtet werden, sondern bedingen einander und be- einflussen sich auf vielfache Weise.
Weiter unterscheiden beide Autoren fünf Arenen, die notwendige Bedingungen für eine Kon- solidierung darstellen: Das Vorhandensein von Zivilgesellschaft, Rechtsstaat, politischer Ge- sellschaft, staatlicher Bürokratie und ökonomischer Gesellschaft. Für die Untersuchung des Caso GAL sind vor allem die Bereiche Rechtsstaat und Zivilgesellschaft relevant. Der genaue Zusammenhang zwischen den drei Ebenen sowie die Konsistenz der Auswahl der Arenen wird jedoch von den Autoren nur mangelhaft erläutert. 12 Genauer zu fragen bleibt, welche konkreten Charakteristika die einzelnen Arenen besitzen müssen, um als konsolidiert gelten zu können.
Trotz der genannten Kritik hat das Mehrebenenmodell von Linz und Stepan für die Erarbei- tung eines für diese Arbeit analytischen Rasters besonderen Wert: Trotz der normativ be- grenzten Reichweite dieses minimalistischen Ansatzes, werden die zentralen Dimensionen benannt, mit dem Anspruch, den Systemwechselprozeß in seiner Gesamtheit zu beleuchten. Der geringe Konkretisierungsgrad hinsichtlich der Konsolidierungsindikatoren in verschiede- nen Arenen kann in einen Vorteil verwandelt werden: Gemäß der Position DiPalmas (1990), die es aufgrund der sehr unterschiedlichen Pfade zu einer demokratischen Konsolidierung für unseriös hält, generalisierte Referenzpunkte für diese Entwicklung festzulegen, werden hier für den Fall Spanien und die GAL spezifische Indikatoren ermittelt. Dies geht mit der Hypo- these einher, daß sich die Konsolidierungsentwicklung in den einzelnen Bereichen in unter- schiedlichem Tempo vollzieht.
Beim Aufbau der Arbeit wird versucht, den Dimensionen des Mehrebenenmodells in den in Akteursblöcken aufgeteilten Kapiteln gerecht zu werden: Es werden jeweils die institutionel- 12 DiPalma (1990) kritisiert das Mehrebenenmodell in mehreren Punkten: Die Einstellungen in der Bevölkerung lassen sich nicht verläßlich operationalisieren. Ergebnisse in diesem Bereich erreichen nur eine sehr begrenzte Validität. Die Stabilität des demokratischen Systems kann auf der Verhaltensebene nicht allein davon abhängen, ob explizit antidemokratische Kräfte existieren. Der Begriff der institutionellen Ebene mißfällt Schmitter (1997) als zu eng, da schließlich auch Entscheidungen nach informellen Regeln, dem Gewohnheitsrecht ähnlich, getrof- fen werden, die nicht weniger demokratisch als formelle sein müssen.
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len Arrangements untersucht, das Akteursverhalten und, dies sinnvollerweise nur im Bereich der Zivilgesellschaft, die Einstellungsdimension.
3.) Pointiert benennt Whitehead (1996) seine maximalistische Forderungen an eine konsoli- dierte Demokratie, die in Hinblick auf ihre normative Reichweite maßstabsetzend für diese Arbeit sein sollen: Zunächst geht auch er davon aus, daß in der Konsolidierungsphase unge- wisse Strukturen und Verfahren der Transition institutionalisiert sowie demokratische Einstel- lungen internalisiert werden müssen. Dieser schwierige Prozeß wird selten weniger als eine Generation dauern. 13 Als einen erweiterten Konsolidierungsbegriff führt Whitehead den Sta- tus der „full consolidation“ ein, der „...a widening of the range of political actors who assume democratic conduct on the part of their adversaries; a deepening of the commitment of most actors to the mutually negotiated democratic framework...all participants in the democratic game withdraw some of the barriers to enhanced trust and cooperation with their rivals...“ meint (Whitehead zit. nach Pridham 1990: 9f.). Demokratische Konsolidierung soll dabei prozesshaft verstanden werden und nicht als starres Resultat vorangegangener Ereignisse (Morlino 1995: 315). Da auch der zu untersuchende empirische Fall einen dynamischen Cha- rakter aufweist, scheint diese Arbeitsdefinition von besonderem Wert zu sein. Desweiteren ist die hier genannte wirkliche Internalisierung demokratischer Werte ein wichtiges Erfordernis für eine dauerhafte Konsolidierung eines politischen Systems, das mehr als eine „Schönwet- terdemokratie“ sein soll.
4.) Schließlich soll der pragmatische „two-turnover test“ Huntingtons (1991) hinsichtlich sei- ner Tauglichkeit für diese Arbeit geprüft werden. Eine Demokratie gilt als konsolidiert, wenn zweimal ein demokratischer Machtwechsel erfolgt ist. Der Test soll zeigen, daß die politisch relevanten Eliten demokratisch ausreichend gereift sind, die Macht abzugeben, wenn dies der Ausgang der Wahlen verlangt. Entscheidend für den Fortbestand des demokratischen Systems ist weniger der konkrete Problemdruck als vielmehr, „...the way in which political leaders respond to their inability to solve the problems confronting the country“ (ebd.: 259). 14 Die politischen Eliten dürfen die Probleme nicht zum eigenen Vorteil ausnutzen und das neue System verantwortlich machen. Nur so kann die zentrale Trennung von Regierung und Regie- rungsform stattfinden, die die Stabilität der Demokratie ausmachen wird: Bei Unzufriedenheit wählt man die Regierung ab, wechselt aber nicht das politische System. 15 Neben der Verhaltensdimension fragt Huntington auch nach der Einstellungsdimension. Er 13 Morlino (1998: 21) geht von einer Zeitdauer von ca. zwölf Jahren oder drei regulären Legislaturperioden aus. 14 Daß dieser Test die Wirklichkeit nur unzureichend abzubilden vermag, zeigt das Beispiel Bundesrepublik Deutschland, die erst im Jahr 1982 das Kriterium für eine konsolidierte Demokratie erfüllt hätte.
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geht über die funktionalistische Sichtweise von Linz und Stepan (1996) hinaus, wenn er nach der Internalisierung demokratischer Regeln - nicht bloß ihrer Befolgung fragt.
O´Donnell (1996) kritisiert hier wie auch bei anderen Autoren die teleologische Ausrichtung des Konzepts. Von einer linearen Entwicklung in Richtung einer mehr und mehr konsolidier- ten Demokratie auszugehen, hält er empirisch für widerlegt. Viele Beispiele zeigten Diskonti- nuitäten auf, mitunter Rückschritte oder einen Systemwechsel zurück zu autoritären Struktu- ren. Vor allem aber sieht er eine Gefahr in den verschiedenen Formen negativer Typologisie- rung derjenigen Demokratien, die das „Endziel“ Konsolidierung noch nicht erreicht haben. Defekte rücken ins Zentrum, statt nach dem bislang Erreichten zu fragen, was analytisch ei- nen höheren Wert hätte. 16 Bei der Verwendung eines maximalistischen Konsolidierungsbegriffs wird deutlich, daß es nicht angemessen wäre, von einer Konsolidierung in Spanien zu einem frühen Zeitpunkt (1982) zu sprechen. 17 Nur mit diesem Hinweis ist es möglich, den Konsolidierungsbegriff als Folie über den Caso GAL und seinen Aufklärungsprozeß zu legen, der sich bis mindestens 1998 hinzog.
Es erscheint sinnvoll, sich einem weiten Konsolidierungsbegriff zu nähern, der weniger Tole- ranz gegenüber Widersprüchlichkeiten in puncto demokratischer Performanz aufweist als minimalistische Konsolidierungskonzepte - also strengere Kriterien für eine konsolidierte Demokratie anlegt. Nur so können Phänomene wie der Caso GAL hinreichend problematisiert werden.
Die in dieser Arbeit vertretene Sicht, daß der Caso GAL nicht bloß als „Unfall“ in einem an- sonsten vollständig demokratisch konsolidierten System betrachtet werden kann, wird von Liebert (1995: 91f.) gestützt: Systemtheoretisch gesprochen stellt sich der Caso GAL als Stö- rung dar, da der politische Code, also die spezifische Form der demokratischen Konfliktbe- wältigung, in dieser konkreten Situation abgelehnt wurde. Eine Demokratie kann in dem Ma- ße konsolidiert sein, in dem derartige Störungen eleminiert oder institutionell verarbeitet wer- den.
15 Dazu Huntington (1991: 263): „Democracy becomes consolidated when people learn that democracy is a solution to the problem of tyranny, but not necessarily to anything else.“ 16 O´Donnells (1996) grundsätzliche Kritik an dem Junktim von Demokratie und Konsolidierung als heuristisch wenig erhellend, muß zurückgewiesen werden. Die Einschätzung, ob der Systemwechsel irreversibel war und welche Überlebenschancen das neue Gefüge besitzt, ist ein essentielles Erkenntnisinteresse.
17 Die Problemlast, die die Konsolidierung seit Ende der 70er Jahre behinderte, erreichte 1981 ihren Höhepunkt. Daß man nicht von einer „Ad-hoc-Konsolidierung“ 1982 ausgehen kann, wird unter 1.3. ausführlich begründet.
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Zusammenfassend soll diese Arbeit also analytisch von dem als offen verstandenen Mehrebe- nenmodell Linz´ und Stepans (1996) geleitet werden. Die nicht nur wünschenswerte 18 , son- dern notwendige Reichweite einer erfolgreichen Konsolidierung orientiert sich an der maxi- malistischen Perspektive Whiteheads (1996), die die Verwurzelung demokratischer Normen in Eliten und Bevölkerung fordert.
Das Thema soll in Form einer Einzelfallstudie erarbeitet werden. Um angesprochene Teilthe- men sinnvoll bearbeiten zu können, wird ein Mix aus verschiedenen Methoden verwendet. Als problematisch erweist sich, daß wir mit dem Untersuchungsgegenstand einem dynami- schen Prozeß begegnen, der kaum konstante Bedingungen aufweist. Um den sich verändern- den Kontexten, Bedeutungen sowie Rollen der Akteure oder, um mit O´Donnell u.a. (1986) zu sprechen, der „uncertainty“ Rechnung zu tragen, ist eine methodische Flexibilität nötig: Mindestens zwei Formen der Primärerhebung werden mit der Auswertung von Zeitungen und anderen Dokumenten sowie der Befragung mehrerer Experten eingesetzt.
Die Zeitungsanalyse wird bei der Rekonstruktion der Ereignisse von besonderem Wert sein. 19 Insbesondere der quellenkritische Aspekt wird interessante Ergebnisse liefern. Bei der Ein- ordnung wichtiger Akteure des Caso GAL können Zeitungen auch als Grundlage für eine Diskursanalyse dienen, wenn politisches Handeln in der Rhetorik entscheidender Personen seine Entsprechung findet.
Ein Beamter des Spanischen Innenministeriums in verantwortlicher Position, der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Madrid sowie ein Mitarbeiter des staatlichen Rundfunks standen für Interviews zur Verfügung, die zwar nicht in der vorbereiteten Form teilstrukturierter Be- fragungen realisiert werden konnten, aber dennoch als ertragreich bezeichnet werden können. Der theoretische Ansatz der Arbeit stützt sich auf grundlegende Texte der Konsolidierungs- forschung. Arbeiten von Linz, Stepan, O´Donnell, Schmitter, Whitehead, DiPalma, Maravall, Cotarelo werden im Mittelpunkt stehen.
Einzelne Teilaspekte, beispielsweise das Parlament in seiner Funktion als Kontrollorgan, kön- nen mit einem Mix aus Quellen und Sekundäruntersuchungen erarbeitet werden. Dieses Vor- gehen kann als Vergleichsprozedur die Verläßlichkeit der Ergebnisse steigern. Ein quantitatives Vorgehen erscheint dagegen in weiten Bereichen der Arbeit als wenig er- tragreich: Methodisch stellt sich oft das Validitätsproblem. Abstrakte Kategorien wie etwa 18 Im Sinne einer Offenlegung des normativen Anspruchs dieser Arbeit soll die tiefgreifende Konsolidierung des politischen Systems als erstrebenswertes Ziel gelten.
19 Domínguez Iribarren (1998: 217) sieht Zeitungen als wichtigste Quelle für Arbeiten, die sich mit dem Terro- rismus in Spanien auseinandersetzen.
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Kohäsion und Autonomie als Charakteristika für die parlamentarische Volksvertretung einer konsolidierten Demokratie lassen sich schwer operationalisieren (DiPalma 1990). 20 Da mit dieser Arbeit kein direkter Vergleich verschiedener Staaten angestrebt wird, kann in der Weise verfahren werden, daß man den Zustand des jeweiligen Untersuchungsobjekts er- mittelt und Entwicklungen feststellt, die ein Urteil qualitativer Art im Zeitvergleich zulassen. Die Fruchtbarkeit qualitativer Analysen im Bereich Konsolidierungsforschung wird hinläng- lich durch Beiträge wie von Liebert und Cotta (1990) sowie Hamann (1998) belegt. Dennoch wird, wenn es darum geht, Einstellungen der Bevölkerung, etwa zur Regimeloyalität bzw. Demokratiezufriedenheit, zu ermitteln, nötig sein, auf Umfragedaten zurückzugreifen. Amtliche Jahrbücher sowie Kompendien soziologischer Forschungseinrichtungen liefern hier Daten.
Mit Hilfe dieses pluralistischen Zugangs soll in folgender Weise die zentralen Akteure unter- sucht werden.
Am Anfang soll eine geraffte Darstellung stehen, was waren die GAL, im Sinne einer Rekon- struktion, „wie war es wirklich, warum hat es sich ereignet ?“ Seriöse Sekundärliteratur liegt bislang kaum zu dem Thema vor. So muß mit Rückgriff auf verschiedene Zeitungen das erar- beitet werden, was der Ausgangspunkt dieser Arbeit ist.
In folgenden Akteursblöcken wird die Rolle im Caso GAL ermittelt und entlang spezifischer Konsolidierungskriterien bewertet:
- Exekutive Die Regierung steht hier als die letztlich verantwortliche Instanz für die Aktionen der GAL, z.T. durch direkte organisatorische und finanzielle Unterstützung (strafrechtliche Verantwor- tung) oder durch Deckung dieser Taten - respektive Unwissen, was im eigenen Haus vorgeht (politische Verantwortung).
Das Innenministerium, die ihr unterstellte Polizei sowie die Geheimdienste erscheinen als Institutionen, in denen sich verstärkt Inseln des Vorgängerregimes festgesetzt haben, und die willig illegale Aktionen gegen ETA organisierten und durchführten. Transparenz und demo- kratische Durchdringung dieser Bereiche wurde erst spät, in den 90er Jahren, erreicht. Die besondere Rolle der Geheimfonds des Innenministeriums sowie die Antiterrorismusgesetzge- 20 Versuche einer quantitativen Herangehensweise existieren durchaus (z.B. Schedler 1997), jedoch expliziert vor allem das zu stark verengte Verständnis von Konsolidierung als „expected regime stability“ in keiner Weise, welche Forderungen an das demokratische Arrangement gestellt werden, und auch die Festlegung der Wahr- scheinlichkeit des Systemerhalts ab einem bestimmten statistischen Wert erscheint willkürlich.
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bung werden genauer betrachtet. Defizite in der demokratischen Kontrolle dieser Bereiche werden zentrale Punkte sein.
Die Armee hat eine besondere Rolle als poder fáctico, der bis 1981, dem Putschversuch, so- gar als direkt intervenierende Variable wahrgenommen werden muß.
- Legislative Das Parlament ist ein wichtiges Forum der politischen Auseinandersetzung über den Caso GAL. Unter der absoluten Mehrheit des PSOE im Parlament waren die Kontrollmöglichkeiten der Opposition begrenzt, die vorhandenen wurden jedoch intensiv genutzt - zumindest von den kleinen Oppositionsparteien, die ein Interesse daran hatten, die Kontrollaufgabe des Par- laments wahrzunehmen. Interessanter Weise hatte die konservative Opposition, der PP, kaum die Absicht, das Regierungshandeln im Fall der illegalen Terrorismusbekämpfung zu brem- sen. Erst mit dem Wahlkampf 1996 wurde das Thematisieren des Caso GAL die erfolgreichen Strategie des PP zur Ablösung des PSOE von der Regierungsverantwortung.
- Zivilgesellschaft und Bevölkerungseinstellungen Vor allem eine kritische Tagespresse trug entscheidend zur Enthüllung des Caso GAL bei. Dennoch blieb sie stark politisch ausgerichtet und bezog in Wahlkampfzeiten sehr eindeutig Stellung. Insgesamt hat sich die Presse aber im Windschatten des Caso GAL pluralisiert, was in jedem Fall als Fortschritt gesehen werden muß.
Vor allem baskische Menschenrechtsorganisationen und Angehörigenverbände haben sich für die Aufdeckung der GAL-Aktivitäten engagiert. Unterstützung fanden sie bei der baskischen Regionalregierung. Aber auch Rechtsanwaltsverbände traten couragiert gegen die Einschrän- kung von Grundrechten durch die Antiterrorismusgesetze auf.
Die Einstellung der Bevölkerung zu den illegalen Formen der Terrrorismusbekämpfung ist von großer Bedeutung, für den Konsolidierungsgrad der Gesellschaft. Erstaunlicher Weise zeigen die Umfragen eine große Ablehnung von illegalen Formen der Terrorismusbekämp- fung, sowohl während des Höhepunkts des ETA-Terrors als auch heute.
- Judikative Die Justiz spielt eine ambivalente Rolle in diesem Prozeß. Auf der einen Seite wurden Schul- dige durch progressive Elemente der Judikative ermittelt und verurteilt. Auf der anderen Seite verweigerten reaktionäre Teile der Justiz lange die Zusammenarbeit mit Frankreich, um die GAL-Morde aufzuklären. Verdächtige wurden nicht ausgeliefert, Akten jahrelang nicht bear- beitet. Die Prägung der Justiz durch Personal der Franco-Ära war offensichtlich. Besondere Bedeutung wird hier die Verquickung von Justiz und Politik erhalten.
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Die Untersuchung der vorgestellten Blöcke darf nicht in Form einer isolierten Betrachtung der einzelnen Teile als geschlossene Systeme vollzogen werden. Die Dynamik des komplexen Prozesses erschließt sich gerade im Erkennen ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten. Abschließend sollen die Zwischenergebnisse der einzelnen Blöcke zusammengefaßt werden und in eine letzte Diskussion eingebunden werden.
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1. Hauptteil
1.1. Problemszenario
Linz und Stepan (1996b: 23) beschreiben ethnische Konflikte in multinationalen Staaten als eine der größten Hürden auf dem Weg zur demokratischen Konsolidierung. Augenfällig ist dies im Fall des Baskenlandes, wo eine militante nationalistische Minderheit den Konsolidie- rungsprozeß des gesamten Staates mit terroristischen Aktionen auf die Probe stellt (vgl. Pe- réz-Díaz 1996). Ganz andere Verlaufsformen der Konfliktlösung sind möglich, denkt man an die beiden anderen „historischen Regionen“, Katalonien und Galizien.
Ein stateness-Problem wird definiert als grundlegende Differenz darüber, „...which de- mos...should be members of that political community“ (Linz/ Stepan 1996: 16). Daß dieses Problem mit der Transformation des unitaristischen Spaniens in den Estado de las Autono- mías als gelöst betrachtet werden kann, wäre kurzsichtig. Zwar gelang es, einen weitgehenden Konsens über die Zugehörigkeit des Baskenlandes zu Spanien zu erreichen, welche einfluß- reiche Rolle jedoch der baskische Nationalismus noch immer spielt, zeigen sowohl ETA als auch die GAL. So muß der hohe ethnisch-linguistische Fragmentierungsgrad in Spanien als ein die politische Agenda bestimmender Faktor gelten.
Linz und Stepan (1996: 28) sprechen davon, daß die Frage, wer zum Staatsvolk gehört, nie ein Thema für den spanischen Staat wurde und benennen damit ein grundlegendes Problem: Der spanische Staat weigerte sich, viele Forderungen der baskischen Nationalisten zu disku- tieren und brachte sich damit um eine politische Lösung des Problems.
ETA 21 begann seinen Kampf 1959 zunächst als Antwort auf die Repression des Franco- Regimes, das jede Form des baskischen Regionalismus drastisch unterdrückte. Die unverhält- nismäßige Reaktion des Regimes auf die zunehmend gewaltsame Form des baskischen Pro- tests mit Massenverhaftungen, Folterungen und Schauprozessen beschleunigten die legitima- torische Erosion der Diktatur. Auch die Ermordung des designierten Franco-Nachfolgers, Carrero Blanco, durch ETA im Jahr 1973 trug zum Ende des Systems bei.
Nach dem Ende der Diktatur, in der Phase der Verhandlungen über die Verfassung sowie die Ausgestaltung der Autonomie des Baskenlandes, intensivierte sich der ETA-Terror gegen Angehörige der Sicherheitskräfte 22 , die von ETA als Verkörperung einer Unterdrückung durch den spanischen Staat wahrgenommen wurden. Der Terror richtete sich in zunehmender 21 Hier und im folgenden kann im einzelnen nicht zwischen den einzelnen Unterorganisationen differenziert werden, aus denen sich der militante Kern von ETA zusammensetzt: ETA militar, ETA político-militar, ETAVI- II, ETAKAS, Comandos Autónomos Anticapitalistas, KIBAETAM.
22 Die Strategie, die militärische Hierarchie zu treffen, erschien besonders wirkungsvoll im Sinne einer System- destabilisierung, da innerhalb der Streitkräfte besonders starke Spannungen zwischen continuistas und refor- mistas bestanden (Iribarren Domínguez 1998: 225).
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Weise gegen Unbeteiligte und erreichte schließlich 1980 seinen Höhepunkt, womit er zu einer der bedrohlichsten Herausforderungen für die Demokratie wurde (Shabad/ Llera Ramo 1995: 445). 23 In den Jahren 1978-1983, also bis zum Beginn der GAL-Aktionen, verübte ETA
1.422 Anschläge, die 359 Menschenleben forderten. Eine ineffiziente polizeiliche Terroris-
musbekämpfung konnte dieser Entwicklung nichts entgegensetzen.
Ziel der Terrororganisation war es, das entstehende demokratische System solange zu destabi- lisieren und eine Konsolidierung zu verhindern, bis ETA als Verhandlungspartner in politi- schen Fragen anerkannt würde und an einen Waffenstillstand Forderungen knüpfen könnte (Domínguez Iribarren 1998: 218, 227). Seit der Verabschiedung der spanischen Verfassung und des Autonomiestatuts für das Baskenland (1978/79) richtet sich das Ziel von ETA auf eine Revision der Verfassung in Richtung eines breiteren Selbstbestimmungsrechts der Bas- ken, die Möglichkeit der Integration weiterer Provinzen ins Baskenland und den Abzug aller spanischen Sicherheitskräfte. 24 Liebert (1995: 123) faßt die Entwicklung 1979-81 als „Katastrophendynamik“ zusammen: In einer Eskalation von Störfaktoren gewannen Anti-Systemkräfte an Unterstützung, die politi- sche Gewalt nahm stark zu, Protestaktivitäten manifestierten sich öffentlich, das Militär poli- tisierte sich erneut. Die Gewaltspirale erreichte in dem Putschversuch vom 23.2.1981 durch Zivilgardisten ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit stellten zwei Tatsachen unmißverständlich die Weichen auf den Konsolidierungskurs: die Loyalität des Königs zur demokratischen Verfas- sung während des Putsches sowie die Wahl des PSOE im folgenden Jahr durch eine große Mehrheit an Wählern. 25 Mit der Ermordung General Ramons machte ETA jedoch unmißverständlich deutlich, daß sich für sie mit dem Wahlsieg des PSOE prinzipiell nichts änderte. Allerdings ging der Terror seit 1981 sukzessiv zurück; zum einen aufgrund des Gewaltverzichts eines Arms von ETA, ETA político-militar, aber auch aufgrund der neuen Regierungszusammensetzung in Vitoria und Madrid (Shabad/ Llera Ramo 1995: 456).
Die Terrorismusbekämpfung wurde gravierend durch die fehlende Unterstützung von Seiten Frankreichs beeinträchtigt, schließlich galt der baskische Teil Südfrankreichs als sicheres Rückzugsgebiet für Hunderte Etarras, die in Spanien operierten. Diese Praxis ergab sich zum 23 Domínguez Iribarren (1998: 223) zählt 1978-82 236 getötete Zivilisten, 159 Zivilgardisten, 117 Nationalpoli- zisten, 75 Armeeangehörige, 15 Mitglieder der lokalen Polizei sowie 4 Angehörige der autonomen baskischen Polizei.
24 Das ideologische Programm von ETA, Alternativa KAS, enthält außerdem die Forderung nach der Privilegie- rung der baskischen Sprache und unterstreicht die Solidarität mit der Arbeiterklasse.
25 „La victoria socialista es...expresión clara de que el pueblo español mayoritariamente se identifica con la democracia y quiere su consolidación“ (Sotelo 1986: 168).
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Quote paper:
Henrik Flor, 1999, Die Konsolidierung der spanischen Demokratie und der Caso GAL, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Soziale Ungleichheit, Konflikt und Umverteilungsmassnahmen
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