0. Gliederung
1. Einführung
„Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist.“ MICHEL FOUCAULT
CLIFFORD GEERTZ erklärte „die Produkte ethnographischer Interpretation (Niederschrift) zur Fiktion, die Ethnographie zu einem literarischen Genre, das dementsprechend Kriterien der Textgestaltung unterliege“ und brachte die „Problematik der Darstellung (Repräsentation) fremder Lebenswelten durch die ‚Beschreibung’“ zur Sprache (PETERMANN, 1004, 1ff.). Wobei ‚Repräsentation’ in der postmodernen Ethnologie nicht die DURKHEIM’sche „kollektive Repräsentation“ eines Gruppenbewusstseins meint, das sich in sozialen Tatsachen manifestiert. Vielmehr geht es auf das von DESCARTES geäußerte Erkenntnisinteresse der modernen Epistemologie zurück. (vgl. PETERMANN, 1008, Exkurs) Oder mit den Worten RICHARD RORTYs: „Das Erkennen ist das genaue Darstellen (Repräsentieren) dessen, was sich außer unserem Bewusstsein befindet.“ 2
WERNER PETERMANN, ein namenhafter Münchner Ethnologe, Philosoph und Ägyptologe, Herausgeber der ethnologischen Zeitschrift Trickster und Übersetzer vieler ethnologischer Texte, versteht den GEERTZ’schen Ansatz in den siebziger Jahren als eine „Abkehr von der zeitgenössischen Ethnologie“, weil sie „das
2 RICHARD RORTY: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt/Main 1981, S. 13. zit. n. Petermann, 1008, Fn. 2730.
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Ende der großen Theorien und Erzählungen [...] einläutete.“ (PETERMANN, 1002, 10ff.) Insofern kann er als ein Wegbereiter der postmodernen Ethnologie ver-standen werden. JAMES CLIFFORD, als „erster Fahnenträger der [postmodernen, d.A.] Bewegung“ (PETERMANN), beansprucht für sich selbst auf FOUCAULT anspielend lieber den Begriff „kritischer Genealoge“, lehnt die Bezeichnung ‚post-modern’ ab. (vgl. PETERMANN, 1008, 1-5). JAMES CLIFFORD versucht, den diskursiven Charakter ethnographischer Texte herauszuarbeiten und die „ethnogra- phischeAutorität“ zu erkennen.
Ich möchte versuchen, diese Autoritätsmodi nachzuzeichnen und der Frage nachzugehen, weswegen es sinnvoll ist, ethnographische Texte dahingehend zu untersuchen.
2. Was ist Autorität?
Autorität begründet „ein Verhältnis der Über- und Unterordnung [...]“, dass als „Befehls- oder Einflussverhältnis (im Gegensatz zur reinen Macht)“ gekennzeichnet sei durch die „sinnvolle Bejahung durch alle Beteiligten.“ Weiterhin unterscheide man „‚persönliche’, das heißt in Kleingruppen erworbene Autorität, die auf die Vorbildhaftigkeit oder das besondere Leistungsvermögen einer Person [...] zurückgeht, von ‚unpersönlicher’ oder ‚formaler’, das heißt in größeren Sozialzusammenhängen [...] auftretender Autorität, die sich auf Tradition, Recht, Eigentum oder bestimmte Vorstellungen gründet.“ Außerdem könne sich Autorität auch durch den Rang oder eines Amts eines Autoritätsträgers herleiten, dies bezeichne man als ‚delegierte’ Autorität. 3
Etymologisch lässt sich das Wort Autorität von lat. auctoritas ableiten, das wiederum vom Verb augere (auctum), wörtlich: vermehren, fördern, abgeleitet ist. Vom gleichen Verb leitet sich das Wort auctor, wörtlich: Mehrer, Förderer, später auch Urheber. 4 Im Mittelalter benutzte man beide Begriffe häufig synonym, später fand das Wort auctor (in der Volkssprache bald ohne Konsonant c) für die Bezeichnung des Verfassers von Texten Verwendung. 5
3 vgl.: Lemma „Autorität“ in: Der Brockhaus multimedial, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2003
4 vgl.: Das Herkunftswörterbuch. DUDEN. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2001. (hier ist das Wort Autorität dem Lemma Autor ungeordnet!). Und: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage. Akademie Verlag. Berlin 1993.
5 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie Verlag. Ebd. Und: KLUGE, FRIEDRICH: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. De Gruyter, Berlin/New York 2002. belegen diesen Zusammenhang [mit einem aus dem Anmerkungsapparat nicht zuzuordnenden Literaturhinweis]: HEINZE, R. HERMES 60 (1925), 248-366 bzw. 348ff.
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3. „Ihr seid dort, weil ich dort war!“ - Aufspürung und Auflösung
der ethnographischen Autorität in der Sozialanthropologie 3.1. Zur Methode
Seiner Untersuchung stellt CLIFFORD voran, dass sie nicht vollständig sei und auf keiner voll ausgeführten Theorie ethnographischer Interpretation und Text ualität beruhe. CLIFFORD blickt zurück auf die ethnographischen Theorien der letzten Jahrzehnte und meint, dass nach dem Zusammenbruch der Kolonialstrukturen in der Welt „der Westen“ nicht mehr in der Lage sei, „alleiniger Lieferant ethnographischen Wissens“ zu sein. Die „Ausweitung der Kommunikation“ und die „interkulturelle Einflussnahme“ bewirke, „dass die Menschen andere und sich selbst in einer verwirrenden Vielfalt von Idiomen interpretieren“. CLIF- FORD benutztden auf M.M. BACHTIN zurückgehenden Begriff der globalen „Hete- roglossie 6 “.Somit mache „diese mehrdeutige und vielstimmige Welt [...] es zunehmend schwierig, sich die menschliche Vielfältigkeit in abgegrenzte abhängige Kulturen eingeschrieben vorstellen“.
EDWARD SAID, ein amerikanischer Palästinenser opponierte in Orientalism gegen die „Stereotypisierung des ‚Orients’ und der ‚Orientalen’ durch europäische Literaten, Künstler und Wissenschaftler“ ( PETERMANN, 1009, 3ff.) und warf schon die Frage nach der Repräsentation auf:
„How does one represent other cultures? What is another culture? Is the notion of a distinct culture (or race, or religion, or civilization) a useful one, or does it always get involved either in self- gratulation (when one discusses one’s own) or hostility and aggression (when one discusses the ‘other’)?” 7
Radikal neue Methoden zur Darstellung fremder Gruppen hat er, wie auch PAU- LIN HOUNTONDIJin Sur la „philosophie africaine“, nicht bereit gestellt.
6 Eine Annahme, wonach unterschiedliche „Sprachen einander nicht ausschließen, sondern sich eher auf ganz unterschiedliche Weise überschneiden.“ Die Schlussfolgerung daraus ist, dass gleiche Worte unterschiedliche Konzepte repräsentieren, abhängig vom Kodierungssystem, dass Sender und Empfänger zugrunde legen. CLIFFORD geht davon aus, dass diese Annahme auf Kulturen und auch Subkulturen übertragbar sei. (s. Exkurs)
7 zit nach: SAID, EDWARD: Orientalism. London 1978 (dt. Orientalismus. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1981). S. 325. in: PETERMANN, ebd.
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Arbeit zitieren:
BA Michael Kempmann, 2004, Zu: James Clifford: 'Über ethnographische Autorität', München, GRIN Verlag GmbH
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