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3.1 Definition von „Sexualität“ S. 5
3.2 Geschichtliche Übersicht: Sexualnorm im Wandel S. 6
3.3 Bedeutung der Sexualität für die Bewohner Agras’ S. 9
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'LH/LHEHRKQH+LQWHUJHGDQNHQ S.18
3.4. Arten der Verführung S.20
3.5. Sprachliche Darstellung S.25
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Primärliteratur:
Crébillon fils: /H6RSKD, GF-Flammarion, Paris, 1995
Sekundärliteratur:
1.) Aron (Jean-Paul)/ Kempf (Roger): 'HUVLWWOLFKH9HUIDOOGHU%RXUJHRLVLHXQG 6H
[XDOLWlWLQ)UDQNUHLFK, Suhrkamp, Frankfurt, 1982
2.) Cazenobe (Colette): /H 6\VWqPH 'X /LEHUWLQDJH 'H &UpELOORQ j /DFORV, Taylor Institution, Oxford, 1991
3.) Fort (Bernadette): /H /DQJDJH 'H /¶$PELJXLWp 'DQV /¶2HXYUH 'H &UpELOORQ )LOV, Klincksieck, 1978
4.) Fuchs (Eduard): ,OOXVWULHUWH6LWWHQ*HVFKLFKWH, Band 6, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1985
5.) Funke (Hans Günter): &UpELOORQILOVDOV0RUDOLVWXQG*HVHOOVFKDIWVNULWLNHU, Carl Wint.-Universitätsverlag, Heidelberg, 1972
6.) Joseph (Jean R.): &UpELOORQ ILOV eFRQRPLH pURWLTXH HW QDUUDWLYH, French Forum, 1984
7.) Koch (Thilo): (LQ9LYLVHNWHXUGHU/LHEH, Artikel aus „Die Zeit„ Nr. 14, 04.04.1969 8.) Meisters (Robert): $ /LWHUDU\ *XLGH 7R 6HGXFWLRQ, Elek Books Limited, London, 1964
9.) Meyers Großes Taschenlexiko, 24 Bd., Bibliographisches Institut Mannheim, 1981
10.) Petit Robert, Dictionnaires Le Robert, Paris, 1993 11.) Scheffel (Helmut): 'HU.ULHJILQGHWLP6DORQVWDWW, Artikel aus „Frankfurter Allgemeine Zeitung„, 06.06.1970
12.) Schmidt (Albert Marie): Crébillon fils, /H 6RSKD, Union Générale D’Éditions, Paris, 1966
13.) Wagner (Horst&UpELOORQILOV'LHHU]lKOHULVFKH6WUXNWXUVHLQHV:HUNHV, Wilhelm Finke Verlag, München 1972
14.) Wagner (Peter): (URWLFDDQGWKHHQOLJKWHQPHQW, Verlag Peter Lange, Frankfurt am Main, 1991
15.) Wald-Lasowski (Roman): &UpELOORQILOVRXOHOLEHUWLQDJHJDODQW, Doktorarbeit
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Das Seminar „Das Bild vom Anderen in der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts„ beschäftigte sich überwiegend mit Autoren, die in Form von Reiseberichten oder Erzählungen über fremde Länder und die dort herrschenden Sitten und Gebräuche schrieben, wobei sie sich auf ihre persönlichen Erfahrungen beriefen oder sich aber durch vorurteilsbeladene Stücke anderer Schriftsteller inspirieren ließen, ohne selbst je im Ausland gewesen zu sein. Bei den Mitgliedern des französischen Adels waren nach dem Erscheinen der „Mille et Une Nuits„ (1704) im Orient spielende Romane besonders gefragt, unwichtig, ob die Hintergründe auf der Realität basierten oder ausgedacht waren.
Auch Claude Prosper Jolyot de Crébillon, Crébillon fils genannt, nutzte diese Modewelle.
In einigen seiner Werke fällt der Gebrauch exotisch klingender Namen, Orte, islamischer oder buddhistischer Ehrentitel auf, welche eine breite Leserschaft anlocken sollte. Zu diesen Werken gehört auch „Le Sopha„, das 1742 veröffentlicht wurde. Hier konnte und kann bei genauerem Lesen jedoch die fernöstliche Kulisse als reine Verkleidung der französischen Gesellschaft entlarvt werden. Dem Sultan entspricht Ludwig XV., den anderen Handlungsträgern entspricht die Noblesse. So entwirft Crébillon im Grunde nicht das Bild eines anderen Landes sondern spiegelt ein anderes Leben in seinem Land wieder. Denn das Leben der Adligen, das er in „Le Sopha„ darstellt, unterscheidet sich auffälligst von seinem eigenen, obwohl seine Vorfahren wahrscheinlich selbst adlig waren. Während nun die einen ein ausschweifendes Leben führen, die Galanterie frönen und sich mit allem, was sie tun oder sagen auf Sexualität beziehen, lehnt der Autor diese Lebensweise für sich strikt ab, was auch seine Zeitgenossen berichten. „Collé prétendait que Crébillon n’avait rien d’un libertin puisqu’il vivait avec Mlle Stafford dans un état de fornication pur et simple„(s.S.16;15) 1 . Er lebt zwar nur mit einer einzigen Frau zusammen, ist aber nicht mit ihr verheiratet. Daraus kann man schließen, daß er keine moralischen Vorurteile hat. Aber „Crébillon répugnait à la frivolité„ (s.S.28;15), ganz im Gegensatz zu den Personen, von denen seine Erzählung handelt. Er beschreibt also insofern das Andere, als er das, von dem in seinem Buch die Rede ist, nicht aus selbstgewonnenen Erfahrungen, sondern nur vom Hören kennt. Da für ihn die Sexualität samt Galanterie und Libertinage das Andere und Fremde ist, wie es ihm auch
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von einer Frau, mit der er einst zu tun hatte, vorgeworfen wird: „Pédant, vilain pédant, si sérieux, si sec, si gourmé, si composé, si empesé et si ennuyeux que je ne veux pas que tu viennes souper avec nous [...] (s.S.6;12) 2 , hat er auch eine gewisse Methode entwickelt, dies zu schildern.
Zu analysieren, was Sexualität unter Rücksichtnahme auf die derzeitigen Wertvorstellungen in Crébillons Roman bedeutet, wie sie ausgedrückt und beurteilt wird, ist Aufgabe dieser Arbeit.
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3.1 Definition von „Sexualität“
Sowohl das deutsche Morphem „ Sexualität„ als auch das französische „sexualité„ wurden erst im neunzehnten Jahrhundert geprägt. „Sexualität„ meint das geschlechtliche Verhalten, das „Geschlechtsleben„. Es handelt sich also um einen Begriff, der vorher und daher zur Zeit Crébillons, entweder umschrieben oder ganz umgangen worden sein muß. Wörter wie „érotique„ (1566) „sensuel, elle„(1370) oder „voluptueux, se„(1361) waren z.B. seit langem in gewissem Maße in der Lage, auf menschliche Triebe und das körperliche Verhältnis zwischen Mann und Frau Bezug zu nehmen. Ebenfalls in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist einmal die „Galanterie„ und zum anderen die „Libertinage„. Die Galanterie bringt das Vergnügen mit dem entgegengesetzten Geschlecht Kontakt zu haben, zum Ausdruck. Der Galante ist „empressé, entreprenant auprès des femmes; poli, délicat, attentionné à l’égard des femmes„ (s. galant;10) 3 , um seiner sexuellen Begierden oder um anderer Motive willen, die im Laufe der Arbeit aufgedeckt werden sollen. Ein „Libertin„ ist „qui s’adonne sans retenu aux plaisirs charnels avec un certain raffinement„ (s.10). Er hat demnach die gleichen oder ähnlichen Interessen wie ein galanter Mensch, nur daß er seinem Gegenüber weniger Höflichkeit und Feinfühligkeit entgegenbringt.
Wie die Methoden, die zur sexuellen Bindung führen, und die Praktiken selbst auch sein mögen, es ist sicher, daß ein gesundes Ausleben von Trieben die Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses und die Hebung des Selbstwertgefühls mit sich bringt(vgl. Sexua-
1 15= Wald-Lasowski: Crébillon fils ou le libertinage galant
2 12 = Scmidt: Crébillon fils, Le Sopha
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lität;9 4 ). Es konnte erforscht werden, daß Verbote vor allem frühkindlicher sexueller Aktivitäten Angst- und Schuldgefühle und krankmachende Triebverdrängung verursachen, die wiederum einen natürlichen Umgang mit der Geschlechtlichkeit im Wege stehen. Aus den jeweiligen Ängsten oder Zwängen heraus entstehen äquivalent dazu gesellschaftliche Verbote und Gebote hinsichtlich des sexuellen Verhaltens, die in der Sexualnorm zusammengefaßt sind. Diese Norm hat im Laufe der Geschichte stetem Wandel unterlegen.
3.2 Geschichtliche Übersicht: Sexualnorm im Wandel
Die Sexualnorm bestimmt verschiedene Aspekte des Lebens. Sie entscheidet zum Beispiel als ungeschriebenes oder geschriebenes Gesetz darüber, ob in einer Gesellschaft die Möglichkeit besteht, daß ein Mensch nach gescheiterter Ehe eine weitere, legale Beziehung eingehen darf oder ob die Ehe konsequent bis zum Tod eingehalten werden muß. Sie macht Kleidungsvorschriften, in denen entweder selbst die Enthüllung der Fußgelenke (bei Frauen) untersagt oder sogar die Entblößung ganzer Körperteile erlaubt wird. Je nach herrschender Religion oder anderen äußeren und inneren Einflüssen stößt man in der Geschichte auf sehr unterschiedliche als vorbildlich akzeptierte Normen. Für Europa ist festzustellen, daß auf eine Phase strengster Sittlichkeit stets eine Phase des Ausschweifens nach der langen Triebunterdrückung folgt (vgl. 9). Das französische Bürgertum zum Beispiel unterzieht sich im siebzehnten Jahrhundert noch freiwillig der Liebesheirat mit absolutem Treueid, da es geprägt ist von Moralisten wie la Rochefoucauld, Saint-Evrement und de La Bruyère. Im achtzehnten Jahrhundert, also zu Beginn des Kapitalismus, wird es schon von oben zu Keuschheit und Sparsamkeit angehalten, da es gilt, die neue Wirtschaftsweise aufrecht zu erhalten. Sexualität soll sich allein auf die Fortpflanzungsfunktion beschränken. Aron und Kempf berichten im weiteren Verlauf jedoch vom sittlichen Verfall der französischen Bourgeoisie, der es erforderlich erscheinen läßt, 1727 ein Nacktbadeverbot einzurichten, um Waschfrauen vor der Beleidigung ihrer Augen, der Ablenkung von ihrer Arbeit und der unsittlichen Annäherung von Seiten der Schwimmer zu schützen : „Ergreift die Badenden, die ihre
3 10 = Petit Robert
4 9 = Meyers Großes Lexikon
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Geschlechtsteile vor den Waschfrauen entblößen ! Ergreift die jungen Tore, die sich auf Aborten befummeln„ (s.S.7;1) 5 .
Nach dieser Stufe der Einengung folgt eine neue Tugendhaftigkeit, die besonders Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in eine Prüderie ausufert, in der sämtliche erotische Bücher verboten werden. Anschließend kommen dann öffentliche Zeitungsannoncen von Prostituierten in Mode, sowie Anzeigen von Männern, die reiche Frauen oder von Frauen, die adlige Männer heiraten wollen, ohne einander vorher zu kennen. Im Proletariat sieht das Verständnis von Sexualität schon immer so aus, daß freie Liebe ohnehin nicht als Sünde aufgefaßt wird : „Wo kein Besitz vorhanden ist, der einem legitimen Erben hinterlassen werden könnte, wo der Zug des Herzens [ und nicht des Geldes ] die Menschen aneinander führt, hat man sich von jeher nicht viel um des Priesters Segen gekümmert.„ (s.S.55;4) 6 .
Die Bevölkerungsschicht, um die es in „Le Sopha„ geht, nämlich die Bonne Compagnie oder der Adel, durchlebt während der Regierungszeit Ludwig XIV. und Ludwig XV. zwei Phasen sehr starker Zügellosigkeit. Zwischen den beiden Monarchien, während der Régence Philippes von Orléans, der die Leitung Frankreichs bis zur Volljährigkeit Ludwig XV. übernimmt, findet eine „vaste entreprise de moralisation„ mit Strafmaßnahmen statt, um die entstandenen Laster der vorhergehenden Königsherrschaft auszulöschen (vgl. S.12;15).
In den ausschweifenderen Jahren jagt eine Mode die andere, es dominiert Leichtigkeit und „libre sexualité„ (s.S.19;15). In den Werken Crébillons findet man „[...] la peinture la plus fidèle [...] des moeurs corrompues de ce qui s’appelle parmi nous la très-bonne compagnie. La vérité ne saurait être plus exacte [...]„ (s.S.175;5) 7 . Eheliche Treue, moralische Vorurteile und Tugend sind für die Aristokratie Objekte des Spotts und der Verachtung (s.S.174;8) 8 . Aldous Huxley beschreibt die typischen Merkmale dieser Periode folgendermaßen: „elegance, frivolity, a lack of moral inhibitions, especially on the subject of love, a certain dry spirit of detachment and analysis.„ (s.S.174;8). Man kann von einer Adelsgesellschaft ausgehen, in der Schmeicheleien, Parasitismus, Heuchelei und Korruption an der Tagesordnung stehen. Selbst Ludwig XV. pflegt diese Lebensweise, hat zahlreiche Mätressen, die er in allen Bereichen begünstigt. Daß dies von Au- 5 1= Aron/Kempf: Der sittliche Verfall der Bourgeoisie und Sexualität in Frankreich
6 4 = Fuchs: Illustrierte Sitten-Geschichte
7 5 = Funke: Crébillon als Moralist und Gesellschaftskritiker
8 8 = Meister: A literary Guide to Seduction
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Martina Ochs, 1996, Sexualität in Le Sopha von Crébillon Fils, München, GRIN Verlag GmbH
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