Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die „Voraussetzungen und Interessen“ 2
2.1 Freud - Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens 3
3. Der Reigen im Vergleich zu Freuds Aufsatz Über die allgemeinste Erniedrigung 5
des Liebeslebens
3.1. Erster Dialog - Die Dirne und der Soldat 6
3.2. Zweiter Dialog - Der Soldat und das Stubenmädchen 7
3.3. Dritter Dialog - Das Stubenmädchen und der junge Herr 8
3.4. Vierter Dialog - Der junge Herr und die junge Frau 8
3.5. Fünfter Dialog - Die junge Frau und der Ehemann 10
3.6. Sechster Dialog - Der Ehemann und das süsse Mädel 12
3.7. Siebter bis zehnter Dialog 13
4. Schnitzler und Freud - Doppelgänger aus Intuition? 14
5. Fazit 18
Bibliographie 20
1. Einleitung
Ich habe mich mit der Frage gequält, warum ich eigentlich in all diesen Jahren nie den Versuch gemacht habe, Ihren Verkehr aufzusuchen und ein Gespräch mit Ihnen zu führen. […] Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu 1 .
So begründet Sigmund Freud in einem Brief an Arthur Schnitzler anlässlich dessen sechzigsten Geburtstags, dass, obwohl beide zeitlebens in Wien gewohnt hatten, sie sich dennoch - bis zu diesem Zeitpunkt - nie persönlich getroffen haben. Die erwähnte Doppelgängerscheu rechtfertigt Freud damit, dass er in Schnitzlers Werken „hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren“ 2 . Des Weiteren soll Schnitzler, im Gegensatz zu dem Wissenschaftler Freud, zu diesen Ergebnissen durch „Intuition“ und „infolge feiner Selbstwahrnehmung“ 3 gelangt sein.
Seine Scheu ging so weit, dass Freud, obwohl sie beide, wie er bereits in einem früheren Brief erwähnte, „die gleiche Auffassung von den psychologischen und erotischen Problemen“ 4 hatten, nie einen engeren Kontakt zu Schnitzler suchte. Ihre Kontakte beschränkten sich auf wenige Briefe, und erst nach dem oben erwähnten Schreiben zum sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers fanden einige Treffen der beiden statt, allerdings auch nur sehr sporadisch und unregelmäßig.
Doch welches sind diese „Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse“? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schnitzler durch Intuition zu diesen gelangte? Und wo weichen die Ergebnisse Schnitzlers von denen Freuds voneinander ab? Die Frage nach den Voraussetzungen und Interessen lässt sich, mit Blick auf die Biographien der beiden Männer, relativ eindeutig beantworten; schwieriger wird es allerdings bei den Ergebnissen.
Diese Fragen zumindest ansatzweise zu beantworten ist das Ziel meiner Hausarbeit, und zwar durch einen Vergleich zwischen einem kleineren Aufsatz Freuds, Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, mit Schnitzlers Reigen, in denen sich verschiedene Parallelen finden lassen.
Dazu werde ich zunächst durch kurze biographische Hinweise die „Voraussetzungen und Interesses“ bei beiden vergleichen. Im Anschluss daran werde ich den Freudschen
1 Wunberg, Gotthard (Hrsg.). Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910.
Stuttgart: Reclam, 1991. S. 652
2 ebda
3 ebda
4 ebda, S.651
1
Aufsatz zusammenfassen und erläutern, um im zweiten Teil untersuchen zu können, inwieweit die vorher beschriebenen Symptome sich im Reigen wieder finden. Danach werde ich herausstellen, ob die Ergebnisse vergleichbar sind, und ob es wirklich an der gleichen Auffassung Schnitzlers mit Freud lag, die zu den Parallelen in den beiden untersuchten Werken führten bzw. welche weiteren Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten.
2. Die „Voraussetzungen und Interessen“
Die Voraussetzungen, unter denen sowohl Freud als auch Schnitzler arbeiteten, waren tatsächlich sehr ähnlich. Dies wird deutlich anhand der Biographien der beiden, die einige Ähnlichkeiten aufweisen: Beide waren Ärzte und haben - im Abstand von sechs Jahrendie gleiche Ausbildung bei den gleichen Professoren durchlaufen, beide lebten im Wien der Jahrhundertwende, waren Juden und gehörten der gesellschaftlichen Schicht des gehobenen Bürgertums an. 5 Auf einige der biographischen Aspekte werde ich im letzten Teil noch genauer eingehen.
Auch die Interessen Freuds und Schnitzlers, soweit sie sich auf ihren medizinischen Hintergrund beziehen, sind durchaus vergleichbar. Im Rahmen ihrer medizinischen Ausbildung spezialisierten sich beide auf die psychologischen Aspekte ihres Berufs, und beschäftigten sich insbesondere mit Hypnose und Suggestion als Therapieformen. 6 Insgesamt lässt sich also, aufgrund dieses kurzen Überblicks, die Freudsche Annahme der gleichen „Voraussetzungen und Interessen“ bestätigen.
Abgesehen von den biographischen Parallelen gibt es noch einen weiteren Hinweis darauf, dass beide die gleichen Interessen verbanden. Beide haben sich - unter anderemmit dem Liebesleben der Menschen ihrer Zeit auseinandergesetzt, allerdings aus verschiedenen Blickwinkeln. Freud versuchte für die vorherrschenden sexuellen Strömungen und Mechanismen Ursachen und auch Lösungen zu finden, was aufgrund seines Berufs, dem des Arztes und Psychoanalytikers, wohl kaum verwunderlich ist. Im Gegensatz dazu dürfte es wohl kaum das Anliegen des Schriftstellers Schnitzler gewesen sein, in seinem Reigen Erklärungen oder Lösungsmöglichkeiten für diese sexuellen Strömungen zu geben, sondern vielmehr, sie abzubilden und dem Leser zu überlassen, welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Schnitzler selbst sagte dazu: “I tread in
5 vgl. Worbs, Michael. Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende.
Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1983. S. 181 - 224
6 vgl. ebda, S. 203 - 209
2
literature the same path which Freud explores with amazing audacity in science” 7 , und verlieh somit dem Kern ihrer gemeinsamen Interessen Ausdruck.
2.1. Freud - Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens
Der 1912 erschienene Aufsatz Freuds stellt eine Ergänzung seiner Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie dar. Der Anlass für die Verfassung dieser Schrift war wohl, dass „der psychoanalytische Praktiker 8 “ am häufigsten in seiner Praxis mit dem Problem der „psychischen Impotenz 9 “ konfrontiert wird. Obwohl Freud in seinem Aufsatz die Mechanismen, die zur Entstehung der psychischen Impotenz führen, auch auf Frauen anwendet, werde ich mich im Folgenden ausschließlich auf die männliche Sexualität beziehen, da diese im Zusammenhang mit der späteren Analyse des Reigen die bedeutendere und aussagefähigere ist.
„Psychische Impotenz“ bedeutet laut Freud, dass der Mann, trotz starker Geneigtheit zur Ausführung des Geschlechtsverkehrs, physisch dazu nicht in der Lage ist. Dies bezeichnet Freud als „grelle psychische Impotenz 10 “, und unterscheidet von ihr die abgeschwächte Form, nach der die Ausführung des Geschlechtsakts zwar möglich ist, dem Mann aber keine Erfüllung und Lust bereitet - und die wohl für die Analyse des Reigen die interessantere ist, da in acht der zehn Dialoge der Geschlechtsakt vollzogen wird. Für beide Formen der psychischen Impotenz, die grelle und die abgeschwächte, sieht Freud allerdings die gleichen Ursachen, die in der kindlichen bzw. jugendlichen Sexualität zu suchen sind. Er nimmt an, und sieht sich auch durch seine Untersuchungsergebnisse darin bestätigt, dass bei den entsprechenden Männern die sinnliche und die zärtliche Strömung, d.h. die erotische und die emotionale Liebe, nicht fest genug miteinander verbunden sind. Um diese Fehlentwicklung zu verstehen, muss zunächst der „Normalfall“ der Entstehung der beiden Strömungen erläutert werden. Die zärtliche Strömung entwickelt sich vor der sinnlichen. Sie wird in der Kindheit ausgebildet und fixiert sich zunächst auf die Eltern oder Pflegepersonen, hat allerdings bereits in diesem Stadium „Beiträge von den Sexualtrieben“ 11 . Dies bezeichnet Freud als „primäre kindliche Objektwahl“ 12 .
7 Viereck, George. „The world of Arthur Schnitzler“. Modern Austrian Literature 5.3/4 (1972): 7 - 17.
S. 10
8 Freud, Sigmund. „Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens.“ 1912. Beiträge zur Psychologie
des Liebeslebens und andere Schriften. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981. 18 - 28. S. 18
9 ebda
10 ebda, S. 19
11 ebda
12 ebda
3
In der Pubertät entwickelt sich dann die sinnliche Strömung, die den Objekten der kindlichen Wahl eine stärkere erotische Besetzung verleiht. Zur gleichen Zeit wird die so genannte Inzestschranke aufgerichtet; darunter versteht man die kulturelle Sanktion, mit der Geschlechtsverkehr - oder auch nur die Vorstellung davon - mit der Mutter oder Familienangehörigen belegt ist.
Im Normalfall, also wenn es später nicht zur psychischen Impotenz kommt, sucht sich die sinnliche Strömung, die durch die Inzestschranke in ihrer ersten Wahl beschränkt ist, jetzt neue Objekte aus, die zwar immer noch nach dem Vorbild der kindlichen gewählt werden, die aber die zärtliche Strömung ebenfalls an sich ziehen. In diesem Fall sind also die zärtliche und die sinnliche Strömung gemeinsam an ein fremdes Objekt, z.B. die Ehefrau, fixiert, und es kann ein ausgefülltes Sexualleben mit diesem Partner stattfinden. Findet diese Entwicklung jedoch nicht statt, vereinigen sich also nicht die zärtliche und die sinnliche Strömung in einem nicht-inzestuösen Objekt, sieht Freud dafür zwei Gründe: Zum einen die „reale Versagung“ 13 , d.h. dass in dieser Entwicklungsphase die Befriedigung am fremden Objekt ebenso unmöglich ist wie am durch die Inzestschranke „verbotenen“ inzestuösen. Da aufgrund der Erziehung ein langer zeitlicher Abstand zwischen Geschlechtsreife und tatsächlicher (legitimer) sexueller Aktivität liegt, suchen die Jugendlichen zum Zweck sexueller Triebbefriedigung dann häufig „erniedrigte“ Objekte auf, also Prostituierte oder Angehörige niedrigerer sozialer Schichten. Somit ist die Bedingung der „Erniedrigung des Objekts“ 14 gegeben, und diese Bedingung wird dann häufig in das eheliche Sexualleben mitgenommen.
Ein weiterer Faktor für die Entstehung der psychischen Impotenz ist das Maß der Anziehung, das von den infantilen Objekten ausgeht. Dieses Maß ist „proportional […] der erotischen Besetzung, die ihnen noch in der Kindheit zuteil wurde“ 15 . Sind diese beiden Einflüsse zu stark, wendet sich der Geschlechtstrieb von der Realität ab und fixiert sich an die früheren, inzestuösen Objekte. Aufgrund der Inzestschranke muss aber diese Fixierung im Unbewussten bleiben, und auch wenn in der Phantasie die inzestuösen Objekte durch andere ersetzt werden, wird dieser Schritt nicht in der Realität vollzogen werden können. Es kommt zur totalen Impotenz.
Für den milderen Fall der psychischen Impotenz, die dazu führt, dass die „Sexualbetätigung…launenhaft, leicht zu stören, oft in der Ausführung inkorrekt [und] wenig genussreich“ 16 ist, und die Freud als typisch für „das Liebesleben des
13 ebda, S. 20
14 ebda, S. 25
15 ebda, S. 20
16 ebda, S. 21
4
Arbeit zitieren:
Judith Schwickart, 2005, Arthur Schnitzlers 'Reigen' und Sigmund Freuds 'Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens'. Ein Beleg für den "Doppelgänger aus Intuition"?, München, GRIN Verlag GmbH
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