Inhalt
1. Autor und Werk 1
2. Preislied 2
„Ir sult sprechen willekomen“
3
Überlegung zur Interpretation
9
Verlauf der Argumentation der Hs. C
9
Verlauf der Argumentation in Handschrift A
11
Verlauf der Argumentation in Handschrift E
12
3. Was ist das für ein Lied? 12
Verteidigungslied: gegen das Fremde
12
Walther -Reinmar-Kontroverse
14
Reaktion auf das Lied von Heinrich von Morungen 122,1 und 127,1.
16
4. Der Forschungsstand/ Rezeptionsgeschichte im 18. und 19. Jh. 18
II
1. Autor und Werk
Walther von der Vogelweide ist einer der bedeutendsten deutschen Dichter des Mittelalters. Er unterschied sich stark von seinen Dichterkollegen. Auch wenn unklar ist, welchem Stand Walther angehörte, gibt es keinen Zweifel daran, dass er mit Dichtkunst seinen Lebensunterhalt verdiente. Die ältere Forschung hat sich schwer damit getan diese Tatsache zuzugeben, weil sie sonst den „Sänger des Reiches“ auf eine Stufe mit den „Fahrenden“ stellen würde. Heute hat sich jedoch die Meinung durchgesetzt, dass Walther ein Berufsdichter war. Mit Hilfe dieser Ind izien lässt sich seine Lebensform skizzenhaft zeichnen. Trotzdem darf man sich nicht in Sicherheit wiegen, weil auch diese Erkenntnisse aus Walthers Lyrik stammen. Wenn wir seinem literarischen Zeugnis glauben, dann begann seine Kariere tatsächlich im Herzogtum Österreich: ze Osterîche lernt ich singen unde sagen (L32,14). Unterstützt wurde Walther von Herzog Friedrich I.; als dieser 1198 starb, musste er den Hof verlassen. Man spekuliert über die Gründe für diesen Abschied. Entweder war der Nachfolger Friedrichs dem Sänger grundsätzlich abgeneigt, oder Walther hat sich durch sein Verhalten bei ihm unbeliebt gemacht. Es gibt auch die Meinung, dass Walther den Wiener Hof verlassen musste, weil er sich mit Reinmar von Hagenau gestritten hatte, so Rupp. Günter Schweikle hat aber plausible Gründe dafür, dass Reinmar genau wie Walther ein fahrender Dichter war und sich wenn, dann nur Zeitweise in Wien aufgehalten hat.
Nach seinem Weggang diente Walther verschiedenen Feudalherren. Offenbar hat er immer wieder vergeblich versucht, die Gunst Leopolds VI. zurückzuerlangen um in Wien wieder aufgenommen zu werden. Der Abschied von Wien diente in Walthers Biographie als ein entscheidendes Erlebnis. Erst danach hat er angefangen als Spruchdichter zu wirken. Dafür spricht die Tatsache, dass die historischen Geschehnisse, die in Walthers Liedern Platz haben, ab 1198 stattgefunden haben. 1 In seiner Minnelyrik gibt es keine chronologischen Hinweise. Die Überlieferung seiner Liebeslyrik lässt sich höchstens anhand der Thematik und stilistischer Merkmale feststellen. Daher nimmt die Forschung an, dass es in Walthers Minnesang drei Phasen der Entwicklung gab, die sich unmittelbar mit
1
seiner Biographie verknüpfen lassen. Die erste Phase seines Scha ffens nennen wir die Hohe Minne: Dabei handelt es sich um die Zeit, die er am Wiener Hof verbracht hat. Einige Interpreten sehen ihn dabei als Schüler Reinmars. Nach dem Weggang aus Wien hat er sich von der Hohen Minne kritisch abgewandt und verfasste erotische Lieder, die als Mädchenlieder oder Niedere Minne bekannt sind. Schließlich griff Walther das Konzept der Hohen Minne in modifizierter Form (Neue Hohe Minne) wieder auf. 2
In der Forschung wird das Lied Ir sult sprechen willekomen in eine Phase der Neuen Hohen Minne eingeführt, in der Walther sich dem Wiener Hof wieder angenährt hatte. Als Zeitpunkt der Entstehung nimmt man allgemein das Jahr 1203 an. Die Notiz des Bischofs von Passau beweist, dass Walther sich um diese Zeit in der Nähe Wiens befand. Der Anlass seines Aufenthalts dort war vermutlich die Hochzeit des Herzogs Leopold VI. mit der byzantinischen Prinzessin Theodora Komnena. 3 Gegen diese Annahme spricht jedoch der Inhalt des Liedes, in dem nur die deutschen Frauen und Männer gepriesen werden. Ein anderer Zeitpunkt könnte das Jahr 1200 gewesen sein - aus Anlass des Ritterschlags von Herzog Leopold VI.
2. Preislied
Das Preislied „Ir sult sprechen willekomen“ ist wohl das berühmteste und am häufigsten interpretierte Lied Walthers von der Vogelweide. Das Lied ist sehr dicht und vielschichtig und wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Zu unterschiedlichsten Zeiten wurde es auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert. Unter anderem wurde das Lied als das Deutschlandlied des Mittelalters gedeutet. Das kann damit zusammenhängen, dass der Anfang der Walther-Interpretation zusammen mit dem Anfang des nationalistischen Denkens fiel. Diese Tatsache kann der Grund für eine nationalistische Interpretation des Preisliedes gewesen sein.
Im folgende möchte ich mehrer Interpretationsansätze von Ir sult sprechen willekomen anführen.
1 Kasten, 58
2 Rupp
3 Kasten, 59
2
„Ir sult sprechen willekomen“
Die breite Überlieferung des Preisliedes „Ir sult sprechen willekomen“ zeugt von der großen Resonanz, die das Lied bei Walthers Publikum ausgelöst hat. Hier ein Überblick über die überlieferten Handschriften: Hs. C Große Heidelberger Handschrift Hs. A Kleine Heidelberger Handschrift Hs. E Hausbuch des Michael Leone Hs. U xx Wolfenbütteler Fragment L Edition nach Karl Lachmann L.FD Frauendienst in Ulrich von Liechtenstein
Übersicht über die Strophenfolge des Liedes
Weil die Liederhandschriften „Ir sult sprechen willekomen“ in unterschiedlicher Reihung der Strophen und mit anderem Wortlaut an zentralen Stellen wiedergeben, sahen die Forscher sich dazu veranlasst, eine ursprüngliche Fassung des Liedes zu rekonstruieren. Seit Karl Lachmann gilt die Fassung der Ausgabe A mit Hinzunahmen der sechsten Strophe aus der Ausgabe C als die Originalversion des Liedes. Den Wortlaut bildet ein Gemisch aus den Ausgaben A, C, E und U xx . Diese Konstruktion liegt allen maßgeblichen Interpretationen zu Grunde. Das wirft aber eine Reihe von Problemen auf, denn die Versionen der überlieferten Ausgaben bilden jeweils ein in sich logisch geschlossenes Konstrukt. Daher ist es sinnvoll anzunehmen, dass „Ir sult sprechen willekomen“ in verschiedenen Aufführungsfassungen von Walther gestaltet wurde. Es ist durchaus denkbar, dass außer der überlieferten noch weitere Fassungen des Liedes bekannt waren. 4
4 Bauschke, 138
3
Strophe I.
Der Anfang des Liedes ist eine Aufforderung zum Willkommensgruß. Walther tritt hier als Bote auf, der etwas zu berichten hat. Die Zuhörer sollen denjenigen willkommen heißen, der eine unerhörte Neuigkeit bringt. Der Sänger stellt fest, dass alles, was dem Publikum bisher hier vorgetragen wurde eine Nichtigkeit im Vergleich zu der mœre ist, die er zu erzählen hat. Er will dafür eine angemessene miete und fordert daher das Publikum auf, ihm einen guten lôn zu geben. Wenn nun die Entlohnung gut sei, wolle er dem Publikum vielleicht etwas sagen, das sehr angenehm sein wird. In der Handschrift (A) steht im fünften Vers ich wil aber miete. Aber kann auch als wieder übersetzt werden und würde dann bedeuten, dass Walther wiederholt Lohn haben will. Walther tritt hier fordernd auf. Er verlangt für seine mœre eine Gegenleistung. Die Gegenleistung kann aber zwei verschiedene Bedeutungen haben. In den Handschriften C und A sagt Walther sehet, waz man mir êren 5 biet. Êren hat die Bedeutung von Annerkennung, Ansehen oder Respekt, daher könnte die Bedeutung für miete (1,4) eine ideelle Entlohnung sein. In der Handschrift E bietet sich eine anderes Bild; hier sagt Walther seht, waz man mir gebe zuo miete. Er sagt hier nichts von êren, es lässt auch nichts darauf schließen, dass er etwas anderes als tatsächliche materielle Bedeutung für miete voraussetzt. Das Zusammenspiel von mite lôn miete lässt auf ein eindeutiges Verhältnis zwischen dem Sänger und seinem Publikum schließen. Wenn die Annahme stimmt, dass das Lied an unterschiedlichen Orten vorgetragen wurde, dann ist es nicht ve rwunderlich, dass Walther hier lediglich Geld verlangt und nicht die
4
Arbeit zitieren:
Inna Moltschanova, 2004, Preislied 'Ir sult sprechen willekomen', München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das "Preislied" (L 56,14) Walthers von der Vogelweide und se...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Punk in der DDR. Wahre Rebellion oder Spaßnische
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hausarbeit, 26 Seiten
Akzente Waltherscher Minnekonzeption
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 32 Seiten
Das Minnelied L 69,1 "Saget mir ieman, waz ist minne?" von W...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 14 Seiten
Literarische Konstrukte - Untersuchungen zur Reinmar-Walther-Fehde
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Die Haltung des alternden Menschen in "Der Mensch erscheint im Ho...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die Dramenästhetik Valle-Inclans unter dem Aspekt: Farcenkomische Elem...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 13 Seiten
'Si ist ze allen êren' im Spiegel der Lichtmetaphorik Heinrich...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
„Wie ein Schlag ins Gesicht…“ Überlegungen zur verletzenden Gewalt vo...
Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik
Seminararbeit, 20 Seiten
Sprachwandel durch feministische Sprachkritik - Geschichte und Auswirk...
Hausarbeit, 25 Seiten
Hohe und Niedere Minne im Vergleich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Zwischenprüfungsarbeit, 15 Seiten
Besonderheiten der Internetkommunikation
Psychologie - Medienpsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Das Inselmotiv in Daniel Defoes Robinson Crusoe: Exil oder Asyl?
Hausarbeit, 17 Seiten
Kleidung und adliges Selbstverständnis - Zur Kleidermotivik im Nibel...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Zum handlungs- und produktionsorientierten Umgang mit Texten
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 14 Seiten
Funktionieren und Nicht-Funktionieren des Apparats in Franz Kafkas &qu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 26 Seiten
Inna Moltschanova hat den Text Preislied 'Ir sult sprechen willekomen' veröffentlicht
Inna Moltschanova hat einen neuen Text hochgeladen
Walther von der Vogelweide und die Literaturtheorie
Neun Modellanalysen von "Nemt,...
Johannes Keller, Lydia Miklautsch
Die ,Reinmar-Lieder' Walthers von der Vogelweide
Literarische Kommunikation als...
Ricarda Bauschke
0 Kommentare