Inhalt
Einleitung 3
Zur Person des Sokrates 3
Die frühen Bildnisse des Sokrates 4
Die Originalstatue 6
Epilog: Der Reiz der Andersartigkeit 8
- 2 -
Einleitung
Das Griechenland des 4. Jahrhunderts vor Christus gilt allgemein als Geburtsstätte dessen, was man heute unter dem Begriff Philosophie versteht. Weniger die Auseinandersetzung mit den Naturerscheinungen, die schon viel früher in Mesopotamien, Ägypten und dem ägäischem Raum Thema menschlicher Betrachtung waren, als vielmehr die Hinwendung zum Menschen selbst. Die ethischen und moralischen Ansätze und Fragen, wie auch Theorie und Methodik der griechischen Philosophenschulen sind zu den großen geistigen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte zu zählen. Den antiken Quellen nach begann dieser Siegeszug um 400 v. Chr., als ein Mann durch die Straßen von Athen wanderte und es wagte, daß Selbstverständnis des guten Bürgers öffentlich in Frage zu stellen, die alten Normen und Sitten zu hinterfragen und eine wachsende Zahl von Anhängern um sich zu scharen. Dieser Mann trug den Namen Sokrates und gilt seit der Antike als der große Begründer der Philosophie. Von seinen einflußreichen Schülern später zur Lichtgestalt verklärt und als herausragender Sohn der athenischen Bürgerschaft gepriesen, war er zu Lebzeiten alles andere als ein Lieblingskind der Athener. Gottlosigkeit und verderblicher Einfluß auf die Jugend wurden ihm vorgeworfen, die Verurteilung folgte und kostete ihn das Leben. Doch bald schon sollte der Demos seinen Fehler bereuen und so heißt es bei Diogenes Laertios II, 43 1 , daß ihm zu Ehren eine Bronzestatue im Pompeion errichtet wurde, um die Schuld, die sich die Athener mit seiner Hinrichtung aufgeladen hatten, zu sühnen.
Dieser Statue des Sokrates widmet sich nun die folgende Seminararbeit. Ganz im Stile des Proseminars „Die griechische Ehrenstatue” im Wintersemester 1999/2000 wird hierbei auf die Person des Dargestellten in seiner Zeit, die relevanten Bildnisse und römischen Repliken und die Rekonstruktion der Originalstatue eingegangen. Das besondere Augenmerk liegt dabei auf dem Aspekt der Sühnestatue. Es wird auf Aufstellungsort, Datierung und Bedeutung dieses Werkes näher eingegangen.
Zur Person des Sokrates
Sokrates wurde wahrscheinlich um 470 v.Chr. in Athen geboren. Sein Mutter Phainarete war Hebamme, sein Vater Sophroniskos Bildhauer, der Beruf, den auch er zunächst erlernte. Aus der Unterschicht kommend heiratete er erst relativ spät seine Frau Xanthippe und hatte drei Söhne. Nachdem er als wehrpflichtiger Polisbürger an einigen Feldzügen teilgenommen hatte, wurde er nur einmal in den Rat der Stadt gewählt. Ansonsten zeigte er kein nennenswertes Interesse an der Politik. Während der Zeit des peloponnesischen Krieges (431-404 v. Chr.) begann wohl seine philosophische Tätigkeit in Athen. Zu seinen Schülern zählten sich sowohl Platon, der Gründer der Akademie, als auch Alkibiades, der umstrittene athenische Staatsmann 1 .
Sokrates hinterließ keinerlei Schriften, er verbreitete seine Ideen in den Straßen von Athen und auf Symposien, auf die er von Gönnern geladen wurde. Im Dialog versuchte er, sein Gegenüber zu stimulieren, selbst geistig tätig zu werden. Er selbst verglich sich mit seiner Mutter, der Hebamme, wenn er gleichsam bei der Geburt von Ideen half (Maieutik). Die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis proklamierend, strebte er stets den offenen Ausgang eines Gesprächs, die Aporie, an. Seine Gegner sah er in den Sophisten, die ihren Schülern Weisheit gegen Geld vermitteln wollten, auch wenn er vom Volk oft mit ihnen gleichgesetzt wurde. 399 v. Chr. wurde er zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt. Die Anklagepunkte lauteten auf Gottlosigkeit und zersetzenden Einfuß auf die Jugend. Die
Richter-Smith 1984, 199 1
- 3 -
Entscheidung zu seiner Hinrichtung hing wahrscheinlich auch mit der restaurativen politischen Situation während des peloponnesischen Krieges zusammen 2 .
Sein geistiges Erbe wurde schon bald von vielerlei Seite beansprucht. Seine Schüler Platon und Xenophon stellen die Hauptquellen zu Leben und Werk des Sokrates dar. Die zeitgenössische Komödie kannte und karikierte ihn oft als Sophisten. Die Frage nach seinem Aussehen gestaltet sich ähnlich schwierig wie die nach seinem Leben und Wirken. Denn weder von seinen Schülern, die ihn und damit natürlich sich selbst, wohl eher in ein positives Licht gerückt haben, noch von den Komödiendichtern, die seine Züge in andere Richtungen verzerrten, ist eine zufriedenstellende Auskunft zu erwarten. Auch ist natürlich kein realistisches Bildnis erhalten, eine Problematik, auf die weiter unten näher eingegangen wird.
Aristophanes beschreibt in als breitbeinig, mit durchdringendem Blick, langem Haar und hagerer Gestalt, während Xenophon später Details seines Gesichtes preisgibt. Vorstehende Augen, große Nasenlöcher, breiter Mund mit dicken Lippen und eine eingedrückte Nase sollen charakteristisch für ihn gewesen sein 3 . Ob es diese Züge waren, die den Vergleich mit einem Silen bedingten oder ob sein zweifellos ungewohntes Äußeres erst nachträglich dahingehend stilisiert wurde, ist wohl kaum endgültig zu klären.
Paul Zanker führt den Sinn dieser Stilisierung jedenfalls weiter aus und bringt die mythische Figur des alten Silens, der sich im Gegensatz zu seinen jüngeren Artgenossen durch Weisheit und Güte auszeichnet, mit den Charakterzügen des weisen Sokrates in Verbindung 4 . Festzuhalten ist in jedem Fall, daß der Begründer der Philosophie weder in seinem Verhalten und Wirken noch in seiner äußeren Erscheinung dem Ideal des athenischen Bürgers entspracht. Galt doch zu dieser Zeit die Ideologie der kalokagathia, nach der die inneren Werte einer Person in seiner äußeren Schönheit und Makellosigkeit zum Ausdruck kamen. Häßlichkeit wurde als Strafe der Götter oder als Zeichen von Lasterhaftigkeit interpretiert. Eitelkeit herrschte dadurch nicht nur im täglichen Leben, sondern auch in der bildlichen Darstellung vor, was zu einer starken Stilisierung und Idealisierung führte. In diesem Kontext muß die folgende Betrachtung der erhaltenen Porträtrepliken des Sokrates gesehen werden.
Die frühen Bildnisse des Sokrates
Da die eigentliche Sühnestatue im Pompeion von Athen, die von Diogenes Laertius bezeugt wurde, nicht erhalten ist, müssen zu ihrer Rekonstruktion jüngere Bildnisse und Repliken herangezogen werden. Da es bei den reichen Römern als Statussymbol sehr beliebt war, Porträts griechischer Denker und Dichter in ihren Villen auszustellen, sind natürlich auch sehr viele Bildnisse des Sokrates als römische Kopien erhalten. Die Darstellungen auf Mosaiken, Münzen und Reliefs scheinen wiederum kopiert zu sein und sind deshalb für die Originalstatue wenig bezeichnend.
Relevant für die weitere Betrachtung sind vor allem zwei grundsätzliche Porträttypen, die von Richter mit Typ A und Typ B bezeichnet werden 5 .
Die bedeutendste Kopie des Typs A befindet sich im Museo Nazionale, Neapel (Abb. S.5 links oben). Sie zeigt das Bild eines alten Mannes mit Halbglatze und langem, spitz zulaufendem Bart. Die Brauenkontraktion weißt den Dargestellten als intellektuell Tätigen aus. Der runde Kopf sitzt auf einem kurzen Hals und läßt die Gestalt gedrungen wirken. Das schüttere Haar
Scheibler 1989, 30 2 Scheibler 1989, 33f. 3 Zanker 1998, 38ff. 4 Richter-Smith 1984, 199 5
- 4 -
Arbeit zitieren:
Stephan Geier, 1999, Die Sühnestatue für Sokrates, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die deutschen Vulkanlandschaften
Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie
Hauptseminararbeit, 18 Seiten
Formen des Vulkanismus und Erdbeben in Deutschland und Mitteleuropa
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Referat (Ausarbeitung), 11 Seiten
Stephan Geier hat den Text Die Sühnestatue für Sokrates veröffentlicht
Stephan Geier hat einen neuen Text hochgeladen
City of Sokrates: An Introduction to Classical Athens
J. W. Roberts, John Roberts
0 Kommentare