Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Die religiösen Ursprünge 3
2.1 Deobandismus 5
2.2 Die Rolle der Madrassas in Pakistan 6
3. Herkunft der Taliban 8
3.1 Die politischen Umstände 1989 1994 9
3.2 Erstmaliges Auftreten als Kriegspartei 10
4. Das Verständnis vom Islam 13
4.1 Die Auslegung der Scharia 13
4.2 Ursachensuche 16
5. Resümee 17
2
1. Einleitung
Mit den Attentaten des 11. September 2001, meldete sich neben Osama bin Laden auch ein Land zurück auf der Bühne der internationalen Politik, dass lange Zeit fast vergessen war.
Das Gespenst „Taliban“ war nun wieder in aller Munde, obwohl eigentlich niemand so recht wusste, wer diese Taliban sind, was sie mit ihrer Politik bezwecken und woher sie kamen. Taliban wurde all zu oft gleichgesetzt mit internationalem Terrorismus, was so allerdings nicht ganz zutreffend ist und so war der Krieg gegen diesen Terrorismus folglich auch ein Krieg gegen die Taliban. Was jahrelang versäumt wurde sollte nun, Ende 2001, so schnell wie möglich erledigt werden - Veränderung der Umstände in Afghanistan. Jetzt schmiedete man eine weltweite Koalitionen aus den verschiedensten Ländern, die allesamt und gemeinsam gegen diesen Feind der westlichen Zivilisation vorzugehen gedachte, das was man seit spätestens 1996 nicht im Stande war zu vollbringen, geschah nun mit rasender Geschwindigkeit. Wer aber diese Taliban nun tatsächlich sind, wissen immer noch die wenigsten. Bis auf wenige Dinge, wie zum Beispiel die Burqa als Pflichtbekleidung für Frauen, weiß man in der Re gel nicht viel über Afghanistan unter der Führung der Taliban. In dieser Arbeit will ich auf diese Dinge eingehen, indem ich versuchen werde, die geistigen Ursprünge zu erläutern, die politische Situation Afghanistans vor den Taliban zu schildern und die Denkweise der Taliban darzulegen. Dabei soll auf zu viele Einzelheiten des afghanischen Bürgerkrieges und Feldzuges der Taliban verzichtet werden. Auch will ich auf die internationale Politik und die Außenpolitik der Taliban nicht weiter eingehen.
2. die religiösen Ursprünge
Im Gegensatz zu anderen fundamentalistischen Gruppen im Islam, können die Taliban nicht auf eine lange Geschichte von Schriften und Gelehrten verweisen. Auch die Tatsache, dass sie sich gerade in dem Land Afghanistan etablieren konnten, hat wenig mit der afghanischen Kultur oder der Besonderheit des afghanischen Islam zu tun, vielmehr sind die Taliban als ein Produkt der afghanischen Geschichte seit 1979 zu betrachten.
Der Islam spielte in Afghanistan schon immer eine zentrale Rolle, allerdings in einer wesentlich toleranteren Form, als es dann unter den Taliban der Fall sein sollte. So lebten bis 1992 neben den Muslimen auch Juden, Hindus oder Sikhs in Afghanistan,
3
welche auch in der afghanischen Gesellschaft angesehene Positionen einnahmen. Auch schon vor den Taliban, war die Scharia das zentrale Gesetzwerk, allerdings wurde es weniger streng ausgelegt, als die Taliban es tun sollten, sodass auch zivile Gesetze in die Scharia eingefügt werden konnten, um den Bedingungen der Zeit entsprechen zu können. Eigens dafür wurde 1946 an der Universität Kabul eine Scharia-Fakultät eingerichtet, um diese Anpassung vollziehen zu können. 1 Die verwurzelte tolerante Form des Islam, machte es Fundamentalisten schwer in Afghanistan Fuß zu fassen. So fand der Wahabbismus, der von Saudi-Arabien aus nach Afghanistan gebracht werden sollte, kaum Anhänger 2 , da man ihn als ausländisch ansah und der Wahabbismus zudem der Tradition der Stammesparteien und des Sufismus entgegenstand und somit mit der afghanischen Tradition nicht vereinbar war. 3 Erst als im Zuge der Verteidigung gegen die Invasion der UdSSR saudische Gelder und Waffen an diese radikalen Gruppen floss, fand sich eine kleine Anhä ngerschaft.
Im Unterschied zu den Taliban, waren andere fundamentalistische Gruppen, wie zum Beispiel die Jamaat-e-Islami, in Afghanistan relativ modern ausgerichtet. So befür-worteten sie die Bildung der Frauen, interessierten sich für ein funktionierendes Wirtschafts- und Bankensystem und waren dafür, das Afghanistan ausländische Beziehungen unterhält. 4 Die Taliban und deren Vorläufer die „Jamiat-e-Ulema Islam“ aus Pakistan, standen in starken Widerspruch zu diesen Gruppen und bezeichneten sie als unislamisch.
Die Taliban selbst dürften auf das afghanische Volk äußerst befremdlich gewirkt haben. Die strenge Auslegung der Scharia und die konsequente Durchsetzung der erlassenen (islamischen) Verordnungen waren absolut neu in diesem Land, so wie für die restliche islamische Welt. Das die Taliban bis 2001 das Afghanistan relativ stabil regieren konnten, ist nicht darauf zurückzuführen, dass die Taliban ein Stück afghanische Kultur wiederspiegelten, sondern ist ein Ergebnis des afghanischen Bürgerkrieges.
1 Vgl. Rashid S. 155
2 Anhänger des Wahabbismus in Afghanistan werden auch Salafis genannt
3 Auch die Taliban sollten sich später nicht gegen die Sufis stellen
4 Vgl. Rashid S. 159
4
2.1 Deobandismus
Auch wenn die Taliban eine völlig neue Entwicklung in der islamischen Welt darstellen, kommen ihre Vorstellung von einem wahrhaften Islam dennoch aus einer islamischen Schulbewegung, auch wenn die Taliban mit dem Ursprung dieser Bewegung nicht mehr viel zu tun haben.
Neben Grundzügen des Wahabbismus und dem Paschtunwali, das Stammesgesetz der Paschtunen, ist dabei vor allem der Deobandismus zu nennen, so wie er in Pakistan in besonderer Form weiter entwickelt wurde. Gegründet wurde diese Bewegung 1851 von den Gelehrten Muhammad Quasim Nanautvi (1833-1877) und Rashid Ahmed Gangohi (1829-1905) in der indischen Kleinstadt Deoband im heutigen Bundesstaat Uttar Pradesh. 5 Als zukunftsorientierte islamische Bewegung, waren sie darauf aus, die islamische Gemeinde zu einen und gegen den Einfluss der westlichen Kolonialherren, bzw. deren Kultur und den Auffassungen der Schiiten, zu schützen, um die eigenen Werte zu erhalten. Die Schule der Deobandis war zu dieser Zeit nur eine von vielen neuen Bewegungen in Indien. Neben verschieden pro-westlich eingestellten Schulen und Universitäten, stellten die Deobandis eine rein islamische Bewegung dar, die in ihren Schulen auch nur die islamischen Werte, wie die Scharia, den Tarigah (der Weg) und spirituelle Erfahrungen, vermittelte. Ziel war es eine neue Generation islamischer Gebildeter Moslems zu bilden, um so die islamischen Werte in der indischen Gesellschaft zu erhalten und zu verbreiten. 6 Die säkularen Bestrebungen der Kolonialisten wurden konsequent abgelehnt, sie wie jede Hierarchie überhaupt. 7 Zu den Grundzügen der Deobandilehre zählt von Anfang an eine restriktive Rolle der Frauen, was von den Taliban allerdings zum Extrem geführt werden sollte, so wie es die Begründer der Schule selbst nicht kannten. Auch bezeichnend für diese Schule ist die Eigenschaft, die Scharia mit aktuellen (politischen) Ereignissen zu vermitteln, um sie besser studieren zu können. Auf diese Art wird die Scharia auf aktuelle Bedürfnisse angewandt, bzw. gegenwärtige Ereignisse werden mit Hilfe der Scharia gewertet, so dass die Scharia einen politischen Bezug bekam und bekommt.
In den Schulen der Deobandis konnte jeder Moslem Bildung genießen, auch ärmere Schichten, die sich sonst keine Schulbildung leisten konnten. Dieses Prinzip sollte
5 Vgl. Olumi S.88 und Rashid S.162
6 Vgl. Rashid S. 162
7 Eines der Punkte, die vor allem den Schiiten vorgehalten werden, die allgemein nicht als Gläubige anerkannt werden
5
dazu führen, dass sie sich großer Beliebtheit erfreuten und 1967 bereits 9000 Madrassas 8 in Südasien unterhielten. 9 Erste Versuche Deobandi-Madrassas auch in Afghanistan zu unterhalten traf nur auf wenig Beliebtheit, so dass es bei einigen weinigen Schulen blieb. Anders in Pakistan: hier erfreuten sich die Deobandi-Madrassas großer Belibtheit und brachten auch mit der „Jamiat-e-Ulema Islam“ (JUI) eine politische Partei hervor. Gerde die Madrassas in Pakistan sollten für die Entwicklung der Taliban und deren Ideologie eine entscheidende Rolle spielen.
2.2 Die Rolle der Madrassas in Pakistan
Um die Herkunft der Ideologien der Taliban zu verstehen, muss man die Entwicklung des Deobandismus in den Madrassas Pakistans beobachten. War der ursprüngliche Deobandismus in Indien eine Bewegung, die allein mit Hilfe religiöser Bildung die moslemische Gesellschaft zu stärken versuchte, entwickelte sich in Pakistan eine äußerst politische Bewegung. Dabei spielten die Deobandi-Madrassas eine Art Sammelbecken zur Bildung einer fundamentalistischen Elite, die nicht nur die islamischen Werte vermitteln und stärken sollte, sondern auch politisch in Aktion treten soll.
Diese Entwicklung ist im Zusammenhang mit den pakistanischen, politisch Instabilen Verhältnissen und der Invasion der UdSSR in Afghanistan zu sehen. So entwickelte sich in Pakistan eine streng antiamerikanische, antiimperialistische Abspaltung heraus, die gegen jegliche (unislamische) Einmischung von Außen vorzugehen dachte und sich auch berufen sah, junge Flüchtlinge aus Afghanistan religiös zu bilden und auch auf eine eventuelle Rückkehr nach Afghanistan als Mudschaheddin vorzubereiten. So wurden die Schüler der pakistanischen Deobandi-Madrassas auch militärisch, zum Teil an schwerem Gerät ausgebildet. 10
Die aus der Deobandibewegung heraus gegründete JUI spielte zu Anfang der sowjetischen Invasion noch keine wichtige Rolle in der Politik Pakistans, da ihr trotz hoher Wahlergebnisse seit 1970 eine Beteiligung an der Regierung verwehrt blieb. So hatte sie zunächst auch keinen Zugang zu den Entwicklungshilfen, die aus Saudi-Arabien und den USA für den Kampf in Afghanistan kamen und vom pakistanischen Geheimdienst verteil wurden. Sie nutzten diese Zeit um hunderte Madrassas entlang des
8 =Koranschule
9 Vgl. Rashid S.163
10 Vgl. Rashid S.164
6
Quote paper:
Marko Tomasini, 2004, Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Sind die Taliban eine terroristische Organisation
Sociology - War and Peace, Military
Termpaper, 21 Pages
Adolf Hitler und die Entwicklung der DAP/NSDAP bis 1923
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Unethisches Handeln in und zwischen Unternehmen aufgrund wirtschaftlic...
Scholarly Research Paper, 20 Pages
Ist die CDU eine Volkspartei? Parteientypologie am Beispiel der CDU
Politics - Political Systems - Germany
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Konfliktanalyse am Fallbeispiel Ruanda
Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security
Research Paper (Pre-University), 11 Pages
Al-Jazeera - Vom Phänomen zum Global Player? Eine multiperspektivische...
Communications - Journalism, Journalism Professions
Diploma Thesis, 137 Pages
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Intermediate Diploma Thesis, 23 Pages
„bellum iustum“ – Aurelius Augustinus und die Idee vom gerechten Krieg...
Termpaper, 41 Pages
Entstehung und Ende des Taliban Regimes
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Al-Jazeera im Spannungsfeld von Aufklärung und Propaganda - Beeinfluss...
Communications - Intercultural Communication
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 55 Pages
Schnittmengen: Paschtunen, Islam, Paschtunwali und Politik
Orientalism / Sinology - General
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Adolf Hitler - Die Anfänge 1889-1935
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 30 Pages
Politics - International Politics - Region: South Asia
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Marko Tomasini's text Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik is now available as a printed book
Marko Tomasini has published the text Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik
Marko Tomasini has uploaded a new text
Religion - Wirtschaft - Politik
Forschungszugänge zu einem akt...
Antonius Liedhegener, Andreas Tunger-Zanetti, Stephan Wirz
Anstösse Politik. Politischer Unterricht an berufsbildenden Schulen. S...
Berufliche Schulen
Politik und Religion im Islam und die Probleme der Entwicklung der ara...
Der Beitrag der Reformen
Raif Georges Khoury
0 comments