Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Pädagogik
Vorlesung: Einführung in die Familiensoziologie
5. Fachsemester
′Die Arbeitslosen von Marienthal′ aus
familiensoziologischer Sicht
von: Jan Trützschler
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung S.1
II. Hauptteil S.2
1. Folgen von Arbeitslosigkeit nach „Die Arbeitslosen von Marienthal“ S.2
1.1 Die ökonomische Dimension S.2
1.2 Die psychologische Dimension S.2
1.3 Die Soziale Dimension S.4
2. Folgen von Arbeitslosigkeit aus familiensoziologischer Perspektive S.6
2.1 Bedeutungsverlust von Zeit aus Sicht des Strukturfunktionalismus und des symbolischen Interaktionismus S.6
2.2 Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das Eheverhältnis S.7
2.2.1 Austauschtheorie S.8
2.2.2 Familienökonomische Ansätze S.8
2.2.3 Schlussfolgerungen S.9
3. Marienthal: Ein Beispiel auch für die Gegenwart? S.9
III. Fazit S.12
IV. Literaturverzeichnis S.13
I. Einleitung
Der Ort Marienthal in Österreich entstand im Zuge der Industriellen Revolution als Arbeitersiedlung für eine neu gegründete Spinnerei.1 Mit der Schließung der Fabrik während der Weltwirtschaftskrise verlieren die Bewohner zugleich ihre Lebensgrundlage. Als Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel den Ort 1933 zum Anlass einer soziographischen Studie nehmen, treffen sie auf eine weitgehend isolierte Gemeinschaft, deren Mitglieder zu über 75% arbeitslos sind.2 „Die Arbeitslosen von Marienthal“ beschreibt also die Auswirkungen ausgeprägter Massenarbeitslosigkeit gepaart mit kaum entwickelten Sozialsystemen und unter nahezu vollständigem Ausschluss äußerer Faktoren. Ziel dieser Arbeit ist es die Ergebnisse dieser Studie insbesondere auf ihre Bedeutung für Familie auch in der Gegenwart hin zu untersuchen.
Dazu werden in einem ersten Schritt die in Marienthal gemachten Beobachtungen, zwecks besserer Bearbeitbarkeit, nach ihren ökonomischen, psychologischen und sozialen Dimension kategorisiert und noch einmal kurz zusammengefasst. Dem schließt sich eine Analyse der für Familie bedeutsamen Aspekte unter Verwendung verschiedener soziologischer Theorien an. In einem dritten und letzten Schritt wird dann der Versuch unternommen die so gewonnenen Erkenntnisse über die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Gegenwart zu übertragen.
II. Hauptteil
1. Folgen von Arbeitslosigkeit nach „Die Arbeitslosen von Marienthal“
1.1 Die ökonomische Dimension
Mehr als ¾ der Marienthaler sind auf staatliche Unterstützung angewiesen, die aber so gering ausfällt, dass sie allein zum Leben kaum ausreicht.3 Da zugleich kaum legale Nebenverdienstmöglichkeiten bestehen, gehört Kleinkriminalität wie Schwarzarbeit und das Stehlen von Kohlen und Kleintieren praktisch zum Alltag. 4 Sie ist nicht nur stets vorhanden sondern zur Normalität geworden, an der kaum jemand Anstoß nimmt.5
Kennzeichnend für die ökonomische Situation des Ortes ist darüber hinaus die Benachteiligung kinderreicher Familien seitens des staatlichen Wohlfahrtssystems.6 Die pro Kopf zur Verfügung stehenden Mittel sind geringer als die kinderarmer und kinderloser Familien bzw. Alleinstehender.7 Kinder gehören also ganz wesentlich zu den Leidtragenden der hohen Arbeitslosigkeit. Dies spiegelt sich in einem allgemein schlechten Gesundheitszustand und dem Fehlen notwendigster Dinge des alltäglichen Lebens wie beispielsweise Schuhen wieder. Diese Faktoren machen den Schulbesuch und ein für Kinder angemessenes Freizeitverhalten teilweise über längere Zeit unmöglich. 8
1.2 Die psychologische Dimension
Insgesamt sind unter den Marienthalern vier verschiedene affektive Haltungen als Reaktion auf die hohe Arbeitslosigkeit auszumachen, wobei bei der Beurteilung des Verhaltens nicht vom Individuum sonder von der Familie als kleinster Einheit ausgegangen wird.
Für „ungebrochene“ Familien ist neben der Aufrechterhaltung des Haushaltes und Pflege der Kinder vor allem ein subjektives Wohlbefinden, Aktivität, Zukunftsplanung, Aufrechterhaltung der Lebenslust und der stetige Versuch der Arbeitsbeschaffung charakteristisch. 9 „Resigniert“ Familie hingegen halten zwar nach außen den „ungebrochenen“ Schein aufrecht, haben insgeheim aber jegliche Zukunftspläne und alle Hoffnungen aufgegeben. 10 Auch „verzweifelte“ Familien gelingt es wie den ersten beiden Haltungsgruppen einen intakten Haushalt zu führen. 11 Allerdings sind sie in hohem Masse depressiv und von der Vergeblichkeit jedweder Versuche zur Verbesserung überzeugt.12 In der letzten Haltungsgruppe den „apathischen“ Familien hat sich dieses Gefühl der Sinnlosigkeit des Handels auch auf die Haushaltsführung ausgedehnt.13 Die Aktivitäten dieser Familien beschränken sich darauf den allgemeinen Verfall zu beobachten und widerstandslos hinzunehmen. 14
[...]
1 Vgl. Jahoda, Marie/Lazarsfeld, Paul F./Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt (a.M.) 1975, S.32ff.
2 Vgl. ebd., S. 39.
3 Vgl. ebd. S.40ff.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd., S.39f.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd., S.51f, S.67f.
9 Vgl. ebd., S.70f.
10 Vgl. ebd., S.70.
11 Vgl. ebd., S.71.
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. ebd., S.71f.
14 Vgl. ebd.
Quote paper:
Jan Trützschler, 2004, 'Die Arbeitslosen von Marienthal' aus familiensoziologischer Sicht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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