Gliederung :
1.) Einleitung
2.) „ Versuch“ einer Inhaltsangabe von dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners“ 3.) Allgemeine filmische Mittel , die P. Greenaway in seinen Filmen verwendet Exkurse : - Die Epoche des Barock / „ Das goldene Zeitalter Hollands“ Elemente der Groteske und des Karnevals in der Literatur Definition des Begriffe : Allegorie, Symbol, Metapher ( s. Anhang) 4.) Unmittelbar auffallende Filmmotive die auf Erotik / Leidenschaft hindeuten 5.) Mythopoetische und allegorische Motive in dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners “ 5.1.) Persephone - Mythos 5.2.) Hermes - Mythos 5.3.)Mythische Bedeutung der Zahl zwölf. Die zwölf Arbeiten des Herakles → Die drei Äpfel der Hesperiden (s.auch Anhang)
6) Untersuchung der Landschaftsbilder im Film „ Der Kontrakt des Zeichners“ 6.1.) „ Der Kontrakt des Zeichners“ als Fruchtgarten. Annäherung an die Gartensymbolik im Film „ Der Kontrakt des Zeichners.“ 6.2.) Die besondere Bedeutung der Früchte inklusiv der Aspekte von Eva Hohenberger „ Die Früchte der Frauen
7.) Untersuchung- 7.1.) der im Film sichtbaren Elemente
Wasser / Nebel Feuer
7.2.) der Tiersymbolik,
insbesondere von Hund Pferd
8.) „ Der Kontrakt des Zeichners ” als „ Spiel“ betrachtet 8.1.) „ Der Kontrakt des Zeichners“ als Damespiel 8.2.) Das „Spiel“ um gesellschaftliche und politische Macht- / Besitzverhältnisse, und die " Beziehungsfalle", oder das " Spiel der Geschlechter " .
9.)Welchen Stellenwert Elemente in P.Greenaways Film, und welcher erhalten die erwähnten erotischen Zusammenhang besteht zu dem Kursthema ″ Moralität und Leidenschaft ? ″
10.) Ist es Greenaways Absicht dem Zuschauer eine bestimmte Moral zu vermitteln - wenn ja, welche ?
11.) Kommentar
12.) Anhang 12.1.) Literatur 12.2.) Biographische Angaben zu P. Greenaway / Filmographie 12.3.)Definition: Allegorie, Symbol, Metapher
- „ Die Äpfel der Hesperiden“, Zitate, Notizen zu DC 12.4.) Drehbuch-Prolog (a.) und b.) )
1.) Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit befaßt sich mit dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners - The Draughtsman′s Contract“ ( im folgendem abgekürzt mit DC oder „Kontrakt“ ) von Peter Greenaway. Peter Greenaway wurde am 05. 04. 1942 in Newport geboren und gilt als experimentierfreudigster Filmemacher des neuen britischen Kinos.( s. Biographisches im Anhang) Mit dem „ Kontrakt des Zeichners ” gelang ihm 1982 der erste größere kommerzielle Kinoerfolg. Laut Christiane Barchfeld
1
versucht Greenaway in DC eine Verbindung von klassischem Erzählkino ( classical narrative style ) , Experimental- / Strukturalfilm ( structural/ formal cinema) und art-cinema .Das „ Erzählkino“ ist hauptsächlich durch eine durchgängig erkennbare, fortlaufende Handlung gekennzeichnet. Beim art- cinema s oll gerade diese durchgängige Erzähllinie aufgebrochen werden. Außerdem finden sich autoreflexive Elemente . Filme die sich selbst zum Thema haben, Film in der weitesten Bedeutung darstellen, über Film nachdenken, Film bewußtmachen. Metafilme. Filme über das Medium Kunst und den schöpferischen Prozeß in der Kunst im allgemeinen ( auch Literatur, Malerei...). Die Reflexionen sind dabei immer noch in eine Story eingebettet und mit einem Schuß Ironie gewürzt.Ironie, welche die Unvereinbarkeit von Elementen die sich gegenüberstehen skizziert. Z.B. mit Fiktionsironie, ein Teilaspekt der romantischen Ironie, die den Artefaktcharakter des Films unterstüzt. Der Film reflektiert somit nicht nur die Darstellungsfunktion bildlicher Phänomene sondern auch die der Sprache. Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen konnte Greenaway in DC zum ersten Mal Schauspieler einsetzen, wobei er großen Wert darauf gelegt hat Theaterschauspieler zu engagieren . Nur sie schienen imstande seine hochartifiziellen Dialoge und oftmals lang anhaltenden Einstellungen zu spielen . Die ersten Filme Greenaways waren hauptsächlich Experimentalfilme (auch structural/formal cinema) , bei denen kein thematischer Bezug zu den dargestellten Reflektionen erkennbar sein mußte.Da das Thema unseres GKC „ Moralität und Leidenschaft . Die Debatte um die Liebe und Erotik in der deutschen Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ lautete , möchte ich in dieser Arbeit folgende Themen schwerpunktmäßig bearbeiten : Wie stellt Peter Greenaway im „ Kontrakt“ Erotik und Leidenschaft dar? Welchen Stellenwert erhalten Erotik und Leidenschaft , bewirken sie etwas - und wenn , was ? Möchte Greenaway dem Publikum eine Moral vermitteln? Bevor ich eine Inhaltsangabe von DC versuche füge ich hinzu , daß ich mich hier mit dem Medium Film befasse obwohl unser Kursthema sich auf Literatur bezog. Genau hierin findet sich eine Spezialität Greenaways ( s.art-cinema) , der seine
1
Barchfeld Christiane, Filming by Numbers: Peter Greenaway, Medienbibliothek Serie B, Studien-Band 13, Günter- Narr-Verlag, Tübingen 1983, S. 16-40
Drehbücher selbst schreibt und vor allem auch versucht literarische Aspekte in seine Filme einzubringen . In DC z.B. erkennbar an den kunstvollen Dialogen und der Verwendung hauptsächlich sprachlicher Formen wie Allegorie, Metapher ... . Die Allegorie impliziert mehrere Bedeutungsebenen 2 , ein
wichtiges Kriterium für Greenaways Werke, denn das „ Spiel“ mit unterschiedlichen Bedeutungsebenen taucht in jedem seiner Filme auf. Eine Untersuchung von Greenaways Filmen ist also auch für die Literatur von Bedeutung. Ein Grundanliegen Greenaways ist es , das Medium Film in Richtung eines Gesamtkunstwerkes ( Vereinigung von Bild , Sprache, Musik, Bewegung ) zu gestalten. Zitat Greenaway 3 : „ Ich glaube an die Entwicklung einer neuen Sprache. Was passiert wenn ich Filme
mache? Ich erfinde ein Vokabular. Eine Grammatik . Eine Syntax . Kurz : Ich versuche eine ( künstliche ) Sprache zu schaffen . ”
2.) „ Versuch ” einer Inhaltsangabe von DC, weitgehend zitiert nach 4 5
Im Jahr 1694 wird der bekannte Zeichner Neville bei einer Abendgesellschaft von Mrs. Herbert und ihrer Tochter Mrs. Talmann eindringlich gebeten vom Anwesen Mr. Herberts einige Zeichnungen anzufertigen . Nach anfänglicher Ablehnung sagt er zu. Der daraufhin geschlossene Vertrag sichert ihm nicht nur Bezahlung und ungestörtes Arbeiten zu , sondern enthält auch eine Klausel, nach der ihm Mrs. Herbert für sein
′privates
Vergnügen′ zur Verfügung steht.
Mr. Neville steht als Zeichner zur Verfügung für zwölf Tage
zur Anfertigung von zwölf Zeichnungen des Herrenhauses, der Gärten, Parks und der übrigen Gebäude von Mr. Herberts Anwesen.
Die Standorte für seine Zeichnungen wählt Mr. Neville nach seinem Ermessen, wenn auch unter Beratung von Mrs. Herbert.
Mrs. Herbert wird bereit sein acht Pfund pro Zeichnung zu bezahlen und Mr. Neville und seinem Diener volle Beköstigung zukommen zu lassen.
Des weiteren ist Mrs. Herbert einverstanden Mr. Neville allein zu treffen und seinen Wünschen zu entsprechen betreff seines Vergnügens mit ihr.
2
Ueding Gert, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen-Niemeyer 1992, S.330ff ; s. Anhang
3
Rothe Marcus, Warum die Welt wiederspiegeln?, Interview mit P. Greenaway in: Märkische Allgemeine Zeitung vom 11.01.1994
4
Hohenberger Eva, Die Früchte der Frauen,in: Frauen und Film 40, S.45
5
Lüdeke Jean, Die Schönheit des Schrecklichen - Greenaway-Biographie, Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1996, S. 56 / 57
Der Hausherr ist verreist als Neville mit seinem Diener auf Compton Anstey einzieht und mit seiner Arbeit beginnt . Für jede Zeichnung hat er einen genauen Plan ausgearbeitet, der ihm totale Kontrolle über das zu zeichnende Objekt einräumen soll. Niemand darf sein Blickfeld durchkreuzen, bis hin zu den Tieren . Doch zunehmend wird seine Kontrolle durch unmotiviert auftauchende Gegenstände in Frage gestellt . Da Neville nur das zeichnet was er sieht , geraten diese Gegenstände in seine Bilder. Mrs. Talmann legt sie als Indizien dafür aus , daß der Zeichner Zeuge eines Unglücksfalles geworden ist und schließt mit ihm einen zweiten Vertrag ab, wonach nun er ihr für das private Vergnügen zur Verfügung stehen muß. Als der Zeichner zwölf Zeichnungen angefertigt hat und sie Mr. Herbert vorlegen will , wird dieser tot aufgefunden . Neville reist ab.
Seine Zeichnungen werden zunehmend vieldeutiger und von den Bewohnern in verschiedener Weise zu ihrem individuellen Vorteil ausgelegt . Eine Erbschaftsintrige spinnt sich um das Anwesen , in deren Verlauf die Bilder schließlich in den Besitz von Mr. Talmann gelangen .
Im Herbst kehrt Neville noch einmal nach Compton Anstey zurück , um Mrs. Herbert wiederzusehen . Die Frauen klären ihn schließlich darüber auf , daß er nur das Werkzeug ihrer Anstrengungen war , durch einen Erben ihren Stand zu sichern . Neville will eine dreizehnte Zeichnung anfertigen. Dabei wird er jedoch von den Intriganten umgebracht , seine Zeichnungen werden verbrannt .
Am Ende steigt „ die Statue“ von ihrem Pferd und beißt in die eigentlich für Neville bestimmte , köstlich aussehende Ananas, die sie dann sofort angeekelt wieder ausspuckt. Anmerkung : Da die „Person“ der Statue in der Kino - Fassung von DC nicht eindeutig identifizierbar ist, erwähne ich nur ihr Auftreten in der Schlußszene .
3.) Allgemeine filmische Mittel die P. Greenaway häufig in seinen Filmen verwendet , belegt mit
Greenaway greift gerne zu einer statischen Kameraführung , die besonders in DC die Landschaftsaufnahmen unterstützt. Die Einstellungen erhalten Tableaucharakter. Unterbrochen wird diese Art der Einstellung nur durch lange Schwenks oder Kamerafahrten z.B. während der Tafelrunden. Die Statik der Kamera unterstreicht zudem die Parallele von Filmemacher und Zeichner und lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer verstärkt auf die Dialoge der Schauspieler. Die Einstellungen werden dann durch harte Schnitte im Montageverfahren miteinander verknüpft. Damit erzielt Greenaway eine schnelle, komprimierte Bildfolge, die den Rezeptionsprozeß des Zuschauers
erschwert und gegen die klassischen Regeln des Erzählkinos verstößt 6 . Ein weiteres
Charakteristikum Greenaways ist das „ Spiel“. Zum einen das Spiel mit den Möglichkeiten der Montage von Bildern , zum anderen das „ Spiel“ an sich . Das „ Spiel“ impliziert auch wieder verschiedene Bedeutungsebenen , deren Vorhandensein Greenaway betonen möchte. Es finden sich Spiele mit Namen. In DC z.B. Draughtsman→ Zeichner, Autor, Spielfigur aus dem englischen Damespiel-„draughts“ ; mole→ Maulwurf, Muttermal; es gibt sogar die Möglichkeit die Namen " anders" zu lesen ; Seymour = see-more, né vil = Neville mourra villain, Noyes= noises. Spiele mit Zahlen, Spiele mit Personen usw..Die „Mehrdeutigkeit der Dinge“ wird auch durch den Perspektivenwechsel : Untersicht→ Aufsicht unterstützt. Eine Spezialität Greenaways ist die Verwendung von „ Fakes“ , was eine Mischung in der Darstellung von Realität und Fiktion bedeutet. Eine Mischung mit der Greenaway so häufig spielt, daß sich „Biographisches“ über Greenaway hauptsächlich in meinem Anhang findet, denn auch auf seine biographischen Angaben kann man sich nicht immer verlassen... .Das Besondere an Greenaways „Fakes“ ist meiner Meinung nach, daß der Zuschauer um die „Fakes“ zu lokalisieren, sich meistens hervorragend in der inszenierten Filmwelt auskennen muß. In DC wäre es empfehlenswert sich mit der Epoche des Barock auszukennen, wobei dies keine Bedingung ist um Greenaways Filme zu genießen, aber es ergibt sich für den Zuschauer die Möglichkeit der Hinterfragung.In DC z.B. sind die Perücken der Schauspieler höher als sie im Barock jemals waren, der Rasen ist grüner als er je sein kann und der Austand den Wilhelm von Oranien angeführt hat, fand 1576 nicht wie in DC erwähnt, 1690 statt. Wie schon in meiner Einleitung erwähnt würzt Greenaway seine Filme gerne mit etwas Ironie. ( „... die Bedeutung dürfte ihnen entgangen sein Mr. Neville ″..., bemerkt Mrs. Herbert im letzten Teil von DC, bevor sie Neville über seine eigentliche Funktion auf ′ Compton Anstey′ aufklärt.) Auch Greenaways Faible für
Allegorien erwähnte ich.(Definition Allegorie, nach Ueding Gert, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, s. Anhang), ein weiteres Mittel zum Aufzeigen unterschiedlicher Bedeutungsebenen. Im „Kontrakt“ auch der „ Einsatz“ des Granatapfels . Zitat Greenaway: 7 „Ich möchte Filme machen die
in gewisser Weise unendlich oft anschaubar sind, so daß man immer und immer wieder auf sie zurückkommt, so daß dem Betrachter ständig neue Dinge auffallen, sich neue Ebenen auftun, so daß die Vielschichtigkeit des Gebildes immer mehr Ideen anbietet...“ Ebenda S. 184...“ aber sicherlich wird schon anfangs klar, daß die Diskussion des Illusionismus von übergeordneter Bedeutung ist. Es wird ständig mit der Frage gespielt was real ist und was nicht...“ Die Form der Allegorie wird in DC
6
Barchfeld Christiane, S.72
7
Lüdeke Jean, Die Schönheit des Schrecklichen- Greenaway-Biographie, Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1996, S.231
auch explizit erwähnt. 8 “Mr. Seymour: Your drawings are full of the most unexpected observation,
Mr. Neville and looking at them is akin to pursuing a complicated allegory. Are you sure this ladder was there?“ Zu der Form der Allegorie finden sich auch ihr verwandte Formen wie Metapher, Symbol....Bezüge zur griechischen und hebräischen Mythologie sind auch vorhanden. In DC z. B. der Persephone-Mythos, die Hesperiden....Zitat 9 : „ Es gibt eine Zeit in der die Wahrheit zum Mythos
und der Mythos zur Wahrheit wird.“ Um die Künstlichkeit des Films zu verdeutlichen, und auch wieder zur Unterstützung der spielerischen und unterschiedlichen Bedeutungseben des Films, errichtet Greenaway ein bestimmtes Ordnungssystem, daß er danach aber sofort wieder zerstört.(dekonstruktivistisches Element) In DC mit der Vorgabe von zwölf Tagen, in denen Neville zwölf Zeichnungen anfertigen soll, in denen je ein bestimmter Platz zu einer bestimmten Tageszeit gezeichnet werden soll, und durch das Zeichengerät Nevilles unterstüzt, die Quadrierung der Bilder.Leider ändert sich diese Ordnung recht bald. Neville wird zunehmend in seinerArbeit gestört... Diese Struktur wird auch von der Filmmusik unterstützt, wobei es unerläßlich scheint den Komponisten Michael Nyman zu erwähnen, der sowohl zum „ Kontrakt“ als auch zu einigen anderen Filmen Greenaways die Musik geschrieben hat. 10 Nyman arbeitet hauptsächlich mit Orientierung an
Minimalmusikern wie John Cage und Philip Glass , eine Begeisterung die auch Greenaway hegt. In DC wurde das Werk Vol. 25, von dem englischen Barockkomponisten Henry Purcell ( 1659-1695) , „ She laughes and she confesses too“ bearbeitet.Die Musik von Nyman besteht überwiegend aus einem Thema, das in zahlreichen Varianten erscheint . Interessant daran ist, daß die Musik auf der einen Seite die Filmhandlung im k lassischen Sinn unterstützt, indem den Zeichnungen ein musikalisches Thema zugeordnet wird, das sich beim Auftauchen der entsprechenden Zeichnung wiederholt. Mit zunehmender „ Unordnung“ in der Filmhandlung ergeben sich dann auch Disharmonien in der Musik. Andererseits verhält sich die Musik meiner Meinung nach aber auch "kontrapunktisch" zur Filmhandlung denn die Musik, die bei Nevilles Erscheinen meist eingespielt wird ist zu "siegessicher". Mit zunehmender Verwirrung Nevilles gestaltet sich auch die Musik disharmonischer, aber doch nicht in dem Maße, daß das Publikum auf einen Tod Nevilles vorbereitet würde. Wobei sich dann wieder die Frage stellt, ob Nevilles Tod nicht doch hauptsächlich einen rituellen Tod signalisieren sollte.( s. Fragestellung unter Punkt 8. )
Zwei Bedeutsamkeiten von Greenaways filmischen Mitteln erwähne ich erst jetzt, da sie besonders für den „Kontrakt“ so wichtig sind , daß ich ihnen einen kleinen Exkurs widmen möchte. Zunächst
8
Barchfeld Christiane, S.76/77
9
Kilb Andreas," Ein Lexikon lernt laufen", in: Die Zeit , vom 25.11.1988
8
die Epoche des Barock. Mit Vorliebe greift Greenaway auf die Epoche des Barock zurück. Zum Einen da er damit die nötige zeitliche Distanz schafft um Ordnungen, Dinge ... darzustellen und zu kritisieren. 11 Zum anderen ist zu bedenken, daß gerade unser heutiges Zeitalter oft als Epoche des „
Neo-Barock“ tituliert wird. Was Greenaway an dem barocken Zeitalter so fasziniert und was als „ Barock“ gilt, werde ich nun versuchen darzustellen.Zitat Greenaway, 11 : „ ... Zum Einen: Der Exzeß. Am Ende des 20.Jahrhunderts leben wir in einer sehr barocken Ära. Es herrscht die barocke Idee, daß all diese Quantität in Qualität umschlagen könnte.“ Im „ Kontrakt“ wohl die Hoffnung, daß die Quantität der Früchte in die Qualität von Geld und Besitz umschlägt „ Das andere barock- aktuelle Phänomen ist die Lust am Schein...“ 12 „ Mit seiner Macht die Welt wie im Traum zu 13 „Ich bin ein manieristischer Filmemacher in einer
umfassen, gleicht der Film der Barockkunst.“ manieristischen Zeit ... in der wir leben, ein Zeitalter des Manierismus, des Postmodernismus, des Übergangs..“ Nach Pierre Chaucun
14
wird die Epoche des Barock als kulturelle Bewegung
gekennzeichnet, die sich von Italien ausgehend, ungefähr von der Mitte des 16.Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ausbreitete. Der „ Barockmensch“ war ein Sinnenmensch . Es herrschte die ständige Auseinandersetzung mit dem „schönen Schein“ der Dinge, der Illusionen, der Hang zu überladenem Schmuck, Maschinen... bis hin zum Exzeß.Die Illusion eines paradiesischen Gartens, der die Sinne anregt und in dem die Liebe regiert, sollte erzeugt werden. Den „ Barockmensch“ faszinierten die Möglichkeiten von Realität und Fiktion, und es gelang ihm doch nicht, diese beiden Dinge zu unterscheiden.Es gab kein einheitliches Zeit-/ Historiengefühl mehr. Auf der einen Seite herrschte der Glaube daran, daß das Leben vorherbestimmt sei (von Gott), auf der anderen Seite wurde das Leben profanisiert und versucht wissenschaftlich zu analysieren.Die neuen Theorien von Newton, Descartes,... lieferten dazu die wissenschaftlichen Fundamente. Es herrschte ein immenses Interesse an Maschinen aller Art. Die Freude an Illusion, Erotik, Festlichkeit, Theater, exotischen Früchten usw., wurde deutlich in Sprache, Kleidung ( Mode) und Festtafeln zur Schau gestellt. Auch Wunder erfreuten sich großer Beliebtheit , und in der Malerei trat die Technik des trompel l′ oeil ( Sinnes-/ Augentäuschung) in Erscheinung. 1694, der Zeitpunkt in dem sich die Handlung von DC abspielt, war das Gründungsjahr der Bank von England. Man feierte die Fruchtbarkeit des Geldes , wie früher die Fruchtbarkeitsriten der Demeter. Doch je mehr die Geldwirtschaft in den Vordergrund trat, desto größer wurde die Selbstdisziplinierung des Menschen. Die
10
Kapp Hans-Jörg, Musik, Zeit und anderes; Peter Greenaway und Michael Nyman; in : filmwärts 21, Heft1/92, S.6-16
11
Rothe Marcus, Interview mit Peter Greenaway vom 11.01.1994
12
Kamer.W./ Dvorak C., Revolution des Sehens, Interview mit P. Greenaway in: Focus, Heft 25/1994, S.91/92
13
Kilb Andreas, Die Zeit,25.11.1988
14
Chaucun Pierre, Europäische Kultur im Zeitalter des Barock, Fischer-Tb-Wissenschaft, Frankfurt 1989
Entfremdungsvorgänge des Menschen verstärkten sich. 15 Die manieristischen Dialoge der Gesellschaft fanden auch zwischen Mann und Frau statt, und auch in dieser Beziehung zeichnete sich eine Distanz ab, die der Frau gewisse Freiheiten wie z.B. ein eigenes Schlafgemach gestatteten..Die Kehrseite dieser illustren Gesellschaft war die Gewalt. Das "Barock " war auch eine Epoche des Umbruchs und der sozialen Krisen. Die Welt konnte weitreichender bereist werden, es herrschte starker Expansionsdrang.Es gab zahlreiche Hinrichtungen , Kriege,...Aufgrund dieser zwei Extreme die das barocke Zeitalter kennzeichnen, ist die barocke Epoche für Greenaway so interessant. Seine Filme behandeln als zentrale Themen , genau dies: Sex-Fruchtbarkeit-Fortpflanzung & Tod/ Gewalt. Zitat Greenaway, S.78 16 : „ Sex und Gewalt sind die beiden wichtigsten Themen ..., die überhaupt noch Menschen anzulocken vermögen...“ Nach Hans Königsberger 17 kann das 17.Jahrhundert für Holland als " Das Goldene Zeitalter " bezeichnet werden. Holland erreichte in dieser Zeit eine wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Allerdings paßt der Erwerb dieser Pracht nicht ganz in das barocke Weltbild. Holland wurde in dieser Periode nicht vom Adel bestimmt, die führende Schicht bestand aus Kaufleuten. Prunk und Reichtum waren aufgrund des protestantischen Glaubens verpönt, und die Ansprüche des Protestantismus Sparsamkeit und Mäßigkeit, gekoppelt mit den ersten Elementen kapitalistischen Denkens, verhalfen Holland zu seinem Erfolg. Holland scheint also auch auf unkonventionellem Wege, entgegen der herrschenden " Ordnung" Erfolg gehabt zu haben. Vielleicht war und ist auch dies ein Kriterium für Greenaways "Faible" für die holländische Malerei. Daß ihn hauptsächlich die holländische Malerei fasziniert, zeigen folgende Zitate 18 : „... Hatte er sich schon immer sehr für das " goldene Zeitalter der holländischen Malerei " zwischen dem 16. und Mitte des 17. Jahrhunderts interessiert...“ 19 „ Aus seinem Faible für den Delfter Künstler
Jan Vermeer, für ihn wegen der " brillanten Lichtverhältnisse in seinen Gemälden der einzige und oberste visuelle Zeremonienmeister", macht Greenaway auch heute noch keinen Hehl,...“ Jan Vermeer ( 1632-1675) versuchte möglichst realistisch zu malen , und verwendete hierbei die Technik des trompe l′ oeil , eine Maltechnik die durch zahlreiche " pointilliers" , einen äußerst realistischen Bildeindruck vermitteln sollte. Zudem galt sein Interesse dem Einbezug des " Lichts" in seine Bilder. Er arbeitete auch mit der camera obscura, die in etwa der heutigen Arbeitsweise eines Fotoapparates entspricht. Vermeers Bilder enthielten auch Allegorien. Teilweise wurden sie sogar als Allegorie benannt: z.B.: Allegorie der Malerei.
15
Elias Norbert, Über den Prozeß der Zivilisation Bd. 1 und 2, stw- suhrkamp -Verlag, Frankfurt1976 und 1983
16
Lüdeke Jean , S.180
17
Königsberger Hans, Vermeer und seine Zeit, Time-Life-Redaktion-International ( Nederland) B.V., 1973
18
Lüdeke Jean, S. 78
19
Lüdeke Jean, S.14/15
10
Quote paper:
Britta Kerger, 1996, Peter Greenaways Film der "Kontrakt des Zeichners" und seine Bezüge zu Moralität und Leidenschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Peter Greenaway's Postmodern/Poststructuralist Cinema
Paula Willoquet-Maricondi, Mary Alemany-Galway
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