Seine Art, den Raum darzustellen, einzuteilen und abzugrenzen ist einzigartig. Das Zusammenspiel der von ihm benutzten Effekte hat die Bezeichnungen „Vermeerscher Ort“ oder auch „Struktur Vermeer“ geprägt. 4 Diese Begriffe beziehen sich auf die verschiedenen Vorgehensweisen, die Vermeer in seinen Genrebildern zur Darstellung von Interieurs verwendet, und setzen sich aus verschiedenen, immer wiederkehrenden, Elementen zusammen. In den unterschiedlichen Schaffensphasen sind die für ihn typischen Kennzeichen mal mehr und mal weniger intensiv ausgeprägt, aber die meisten Räume in seinen Genreszenen lassen sich doch auf einen gemeinsamen Nenner bringen.
Die folgende Arbeit wird sich mit Vermeers Bemühen befassen, in seinen Bildern den für seine Genrebilder so typischen Intimraum zu gestalten auseinandersetzen und sich mit seiner Gestaltung eines, dem Betrachter verschlossenen u nd sich dennoch ihm erschließenden Bereiches auseinander zu setzen. Dabei werden vor allem die verschiedenen Möglichkeiten der Raumeinteilung, die mittels diverser Gegenstände und Figuren erzielt wird, analysiert. Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Entwicklung der Perspektive in Vermeers Genremalerei sein. Als Ansatz für die Analyse dient die Untersuchung einiger Bilder Vermeers. Hierbei bezieht die Arbeit sich vor allem auf seine frühen Werke, bei denen die Entwicklung der Raumgestaltung am ausgeprägtesten ist. Die Arbeit wird weniger auf die Interpretation der Gemälde eingehen, die bei Vermeer sowieso nicht so leicht zu erfassen ist, sondern vordergründig auf ihre Komposition.
II. Delft und die Genremalerei im 17. Jahrhundert
Im 17. Jahrhundert taucht Delft als ein wichtiges künstlerisches Zentrum auf. In dieser Stadt leben in jenem Jahrhundert eine Menge bekannter holländischer Künstler, die Meister in den verschieden altbewährten oder innovativen Bereichen sind. Ausschlaggebend für seine Entwicklung ist die Nähe Delfts zu Den Haag und die Entstehung der unabhängigen holländischen Republik 1648, durch die der Einfluss von Spanien verringert wird. Die Stadt gehört zu diesem Zeitpunkt einer der nördlichen protestantischen Republiken an. 5
4 Daniel Arasse : Vermeers Ambition. Übersetzung ins Deutsche : Hella Faust. Verlag der Kunst, Dresden 1996, S. 17
5 Axel Rüger : Vermeer and Painting in Delft. Hrsg. : National Gallery Company Limited, Butler and Tanner, Frome und London, 2001. S. 9-12
3
Schon vor 1650 gab es in Delft Genremalerei. Man unterscheidet in dieser Zeit vier Haupttypen dieser Gattung: Interieurszenen mit reichen jungen Leuten, Bewachungsposten mit ihren Soldaten, bäuerliche Szenen und Figuren von denen nur die Hälfte des Körpers dargestellt ist. Allerdings war zu der Zeit das Genre noch keine so anerkannte Form, wie es später der Fall sein wird. 6
Der bekannteste Vertreter der Genremalerei in Delft vor 1650 war Anthonie Palamadesz (1601-1673). Palamadesz´ Genreszenen, die vor allem fröhliche Gesellschaften darstellen, werden vor allem wegen ihres eleganten Charakters bewundert. 7 Seine Räume sind allerdings meist nicht sehr tief, sie erscheinen weit und flach. Sie sind zumeist durch eine oder sogar zwei seitliche Wände gegliedert, das Licht kommt stets von links oben, aber nur selten kann man die Lichtquelle identifizieren. 8
Als 1650 Willem II stirbt und sein Nachfolger Willem III erst eine Woche nach seinem Tod geboren wird, beginnt Delfts erste Periode ohne den sogenannten „Stadholder“. Das Resultat dieser Situation besteht in der Verminderung des politischen Einflusses und der Unterstützung des Hofes im Bereich der Kunst. Die Künstler wenden sich daraufhin von den Bildgattungen ab, für die Delft zuvor bekannt war, nämlich Porträt- und Historienbilder, und schenken ihre Aufmerksamkeit fortan der naturalistischen Landschaftsmalerei, Darstellungen von Kircheninterieuren und häuslichen Szenen. Dadurch steigt Delft sehr schnell zu einem der Hauptkunstzentren der nördlichen Niederlande auf. 9
Die Genremalerei, also die Darstellung alltäglicher Handlungen, ist vermutlich die Gattung, die von der Delfter Schule zwischen 1650 und 1675 am besten vertreten wird. Seine Hauptvertreter sind Pieter de Hooch und, ein kurze Zeit nach ihm, Johannes Vermeer. 10
Vermeer wird allgemein als der große Erneuerer der Genremalerei angesehen. Allerdings hat de Hooch schon verschiedene Innovationen eingeführt, die Vermeer nach ihm dann ausgebaut hat. So hat de Hooch zum Beispiel auch schon das durch ein Fenster eintretende Licht dargestellt. Er hat außerdem seine Bilder perspektivisch sehr genau aufgebaut.
6 Michiel C.C. Kersten, Danielle H.A.C Lokin, in Zusammenarbeit mit Michie l C. Plomp : Les Maîtres de Delft, contemporains de Vermeer, Editions Falmmarion, Paris 1996, S.26
7 Axel Rüger, S.24
8 Kersten, Lokin, Plomp, S.26
9 Axel Rüger, S.31
10 Axel Rüger, S.47
4
Wahrscheinlich hat Vermeer seine Bilder gekannt und hat seine eigenen Neuerungen auf der Vorarbeit de Hoochs aufgebaut. 11
Bei der Malerei von Vermeer ist die humorvolle Lebensschilderung, die unter anderem ein wichtiges Merkmal der Kunst Jan Steens aus Leiden war, nicht mehr vorhanden. Seine Bilder strahlen Ruhe aus, sie sind wie Gombrich es ausdrückt „in Wirklichkeit Stilleben mit menschlichen Gestalten“. 12
III. Die Genre-Malerei Johannes Vermeers
Obwohl Johannes Vermeer auch heute noch sehr beliebt ist, weiß man ziemlich wenig über ihn selbst. Er wurde 1632 in Delft als Sohn eines Schneiders geboren. Darüber hinaus weiß man nichts über seine Ausbildung und seine Jugendzeit. Er tritt 1653 als Meister in die Malerguilde des Heiligen Lukas ein. Im selben Jahr heiratet er Catharina Bolnes, die aus einer sozial höher gestellten Familie als der seinen stammt. Diese Heirat macht es für den protestantischen Vermeer notwendig zum Katholizismus zu konvertieren. Zwischen 1657 und 1670 genießt der Künstler die Unterstützung des wohlhabenden Sammlers Pieter Claesz van Ruijven, der ungefähr die Hälfte seiner Werke aufkauft. Gegen Ende seines Lebens leidet er unter finanziellen Schwierigkeiten und stirbt schlussendlich 1675 völlig verarmt. Er scheint weder Schüler noch Nachfolger hinterlassen zu haben, die sein Schaffen hätten fortführen können. 13
In den zweiundzwanzig Jahren, in denen Vermeer gemalt hat, nämlich zwischen 1653 und 1675, hat er zwischen fünfundvierzig und sechzig Bildern gemalt. Verglichen mit der Produktion seiner Kollegen ist das mit einem Durchschnitt von zwei bis drei Bildern pro Jahr ziemlich wenig. Von den vierunddreißig oder fünfunddreißig heute noch erhaltenen Bildern stellen fünfundzwanzig Interieurszenen dar. 14
Charakteristisch für Vermeers frühe Werke ist die Großformatigkeit, die Mehrfigurigkeit und die Tonigkeit. Sie behandeln religiöse und mytologische Thematiken. Der Wechsel des
11 Kersten, Lokin, Plomp, S.201
12 Gombrich, S. 430-233
13 Axel Rüger, S.56
5
Künstlers zur Gattung des Genre bezeichnet seine Suche nach einem eigenen Stil. Auf eine Reihe nahsichtiger Interieurszenen folgen einige Gemälde mit zwei oder drei Figuren, eine Entwicklung, die durch die Küchenmagd plötzlich abgebrochen wird. Dieses Gemälde, das eine Einzelfigur zeigt, markiert Vermeers Durchbruch zum völlig eigenen Stil. Nachdem der Künstler in diesem Bild einen großen Reichtum an Variationen von Malweisen und Farbgebung angewendet hat, wird in den darauf folgenden Werken die Anzahl der Objekte und Farben wieder reduziert. Es entsteht eine Gruppe von Bildern mit großen Einzelfiguren in ruhiger Handlung, zum Beispiel Die Perlenwägerin und Die Briefleserin, die der Milchmagd von der Raumgestaltung ähnlich sind. In seiner späten Genremalerei, ab 1665, tauchen dann jeweils zwei Figuren in kleinem Maßstab in geräumigen Interieurs auf. Bei diesen Werken, zu denen Die Malkunst und Der Liebesbrief gehören, arbeitet Vermeer vor allem den Kontrast zwischen Licht und Schatten aus. 15
Obwohl die meisten seiner Bilder die Wirklichkeit des damaligen Alltags widerspiegeln, haben sie dennoch nichts mit Vermeers Leben zu tun. Seine Malerei stellt eine ganz eigene, autonome Welt dar. Seine Bilder sind, was ihre Interpretation angeht, nicht auf eine einzige Möglichkeit beschränkt. Er fügt zwar Symbole ein, die in seiner Zeit geläufig sind, zeigt sie jedoch nicht in derselben Eindeutigkeit, wie es seine Zeitgenossen tun. Er läßt so den Sinn des Bildes in der Schwebe. Die Ungewissheit über die Bedeutung seiner Bilder ist von ihm beabsichtigt und sogar absichtlich konstruiert. 16
Auch das moralisierende Moment, das in vielen Genregemälden von Vermeers Zeitgenossen eine wichtige Rolle spielt, fällt bei ihm weg. Er erzählt in seinen Genreszenen nicht wie die meisten seiner Zeitgenossen eine geradlinige und sofort verständliche Geschichte, sondern läßt den Gedanken des Betrachters freien Lauf. Nur der Betrachter selbst kann mit seinen Assoziationen und Ideen für sich selbst seinen Sinn in den Bildern finden. 17
Die Ungewissheit in der Interpretation geht mit der Struktur, die Vermeer in seiner Genremalerei verwendet, Hand in Hand: er schafft immer wieder eine vertraute Stimmung für den Betrachter, die er dann aber wieder zerstört. In diesem Zusammenhang benutzt er die ikonographischen Symbole, die in seinen Gemälden jedoch nicht eindeutig lesbar sind.
14 Arasse, S.25-49
15 Hedwig Waldmann : Die Farbe und ihr Verhältnis zu anderen Bildkategorien im Œuvre von Vermeer. drucken & binden GmbH, München 1990, S.29-78
16 Arasse, S.31-72
17 Kersten, Lokin, Plomp, S.204
6
Dadurch schafft er für den Betrachter gleichzeitig die Nähe zum Gewohnten, als auch die Distanz des nicht eindeutig Interpretierbaren.
Genau so verfährt er auch bei seinem Bildaufbau. Er läßt den Betrachter sich durch einige Elemente der Raumstruktur den dargestellten Genrehandlungen nahe und verbunden fühlen, während er ihn andererseits wiederum durch andere Kompositionselemente auf Distanz hält.
IV. Die Komposition des Vermeerschen Ortes in seinen frühen Interieurszenen
Das Schlafende Mädchen (Abb.1), das zwischen 1656 und 1657 entstanden ist, stellt eines der ersten Genrebilder Vermeers da. Seine vorherigen Bilder stellen mythologische oder religiöse Szenen dar. Bei der Kupplerin (Abb.2) ist das vermutlich früheste Genrebild, das heute noch vorhanden ist. Dieses Bild ist jedoch für Vermeers Genremalerei eher untypisch, weil es vier Figuren darstellt und außerdem fast doppelt so groß ist, als die späteren Werke. 18 Das große Format, das der Künstler für dieses Bild gewählt hat, setzt es in die unmittelbare Nähe zu den früheren mythologischen und religiösen Bildern.
Bei dem Schlafenden Mädchen zeigt sich deutlich, dass Vermeer das Malen von Innenräumen erst lernen musste 19 : es wird vor allem aus sich überschneidenden und verkleinernden Rechtecken zusammengestellt, dadurch wird ein fließender, harmonischer Übergang zwischen den verschiedenen Bildelementen verhindert. Eingekeilt zwischen drei rechteckige n Formen, (dem Bild an der Wand, dem Tisch und der Tür) sitzt eine schlafende junge Frau, die sich auf dem Tisch abstützt. Ihr Kopf liegt auf der Hand des abgestützten Armes. Auf dem Tisch befindet sich ein fast leeres Weinglas, das mit einer Obstschale und einem Krug eine Art Stilleben zusammenstellt. Das Stilleben, als Gattung innerhalb der Gattung des Genre stellt ein beliebtes Motiv Vermeers dar. Die Tür neben der Frau öffnet sich auf einen Flur. Dadurch wird der Raum nach hinten hin in die Tiefe geöffnet. Das Element des sich in die Tiefe hin geöffneten Raumes kehrt in den späteren Werken Vermeers nicht wieder, er schließt nach und nach die Außenwelt vollkommen aus den dargestellten Genreszenen aus.
18
Walter Liedtke, Michiel C. Plomp, Axel Rüger : Vermeer and the Delft School. Catalog of an exhibition held at The Metropolitan of Art, New-York Mars 8 - May 27, 2001 and at the National Gallery of London, June 20 -September 16, 2001. The Metropolitan Museum of Art, New York 2001, S.359-370
19 Liedtke, Plomp, Rüger, S.155
7
Arbeit zitieren:
Christina di Bartolomeo, 2004, Der Vermeersche Raum, München, GRIN Verlag GmbH
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