(LQOHLWXQJ
Norbert Elias - sein Leben lang hat dieser Soziologe versucht, Grenzen zu überwinden. Die künstliche Trennung von einzelnen Wissenschaftsgebieten wie Psychologie, Soziologie, Geschichte oder Ökonomie aufzuheben, war sein oberstes Ziel und durchzieht sein gesamtes Werk. Sein Vorhaben war eine universale Theorie über die Menschheit – und vor allem deren Entwicklung – wissenschaftlicher Disziplinen ihre Platz finden.
Diese Arbeit wird sich mit Norbert Elias’ Leben und seinen wichtigsten Werken und Thesen beschäftigen. Es gibt viele Gründe, die eine Beschäftigung mit diesem Soziologen äußerst lohnend machen: Zum einen überzeugt sein interdisziplinärer Ansatz, mit dem er ständig über den Tellerrand der Soziologie schaut, und der große Eifer, mit dem er sich selbst im hohen Alter noch den verschiedensten Fragen der menschlichen Kultur annahm. Zum anderen, weil er trotz vieler wichtiger Erkenntnisse und Beobachtungen nach wie vor eine Art Schattendasein sowohl im wissenschaftlichen, wie auch im ‚alltäglichen´ Soziologiediskurs führt: Während Namen wie Adorno, Habermas oder Luhmann auch Leuten ein Begriff ist, die sich nicht dem Studium der Soziologie widmen, erntet man auf die Erwähnung Elias’ Namen hin meist nur ein Schulterzucken. Das ist gleichermaßen schade und unbegründet, aber auch ein Zeichen dafür, daß Elias’ Vorhaben, eine Zentraltheorie der ‚Menschenwissenschaften’ zu entwerfen, eine eher undankbare Aufgabe ist.
Auf den folgenden Seiten soll nun zunächst Norbert Elias’ Leben beleuchtet werden: Sein Studium in Deutschland, seine Emigration, sein langes Außenseitertum und schließlich sein doch noch plötzlich ansteigender Bekanntheitsgrad. Die Beschäftigung mit seiner Biographie erscheint mir unverzichtbar, um sein Werk (vor allem seine Beschäftigung mit der Außenseiterproblematik) angemessen deuten zu können. Im Anschluß an den biographischen Teil wird genau diese Außenseiterproblematik
Seite 1
thematisiert und die Frage gestellt werden, ob man Elias so ohne weiteres als ‚outsider´ bezeichnen kann, oder am Ende nicht doch etablierter und integrierter ist / war, als er selbst und seine Umwelt das annahmen.
Ein großer Teil dieser Arbeit soll dann schließlich seinen Hauptkonzepten gewidmet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich seine Gedanken zum Zivilisationsprozeß, zur Gesellschaftsbildung und zum Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen. Denn gerade die Entwicklung der Menschheit, die ständige Veränderung von Normen und Regeln - von dem, ‚was man als normal ansieht´, was ‚man darf´ oder auch nicht - sind die zentralen Punkte, um die Elias’ Überlegungen kreisen.
Ein weiteres Kapitel erläutert mit dem ‚Prinzip der affektiven Bindung´ ein anderes wichtiges Konzept des Universalisten. Hier geht es um sein Bild des ‚offenen Menschen´, der nur in Verbindung mit anderen Menschen existieren kann, über die er mit sogenannten ‚Valenzen´ verbunden ist.
Im letzten Kapitel wird schließlich eine Art Fazit gezogen und Norbert Elias’ Thesen kritisch reflektiert und auf ihre aktuelle Anwendbarkeit hin überprüft. Mit der zunehmenden Rezeption seiner Werke in den letzten beiden Jahrzehnten, wuchs natürlich auch die Zahl derer, die mit seinen Aussagen nicht einverstanden waren, sie mißverstanden oder zu widerlegen versuchten. So sprach zum Beispiel Hans Peter Duerr vom “Mythos vom Zivilisationsprozeß” und widersprach darin zahlreichen Thesen, die Elias in seinem Hauptwerk “Über den Prozeß der Zivilisation” gemacht hatte.
Für mich persönlich sind die Werke von Norbert Elias vor allem deshalb interessant, weil er sich (wie er es auch von der gesamten Soziologie fordert) nicht mit rein theoretischen Konstruktionen beschäftigt und sein Leben damit verbracht hat, höchst komplexe Gedankengebäude zu entwerfen, sondern sich mit dem befaßt, was die Soziologie eigentlich ausmachen sollte: Mit Menschen und ihrem Handeln, ihrem Wesen, ihren Beweggründen und Verhaltensmustern.
Seite 2
Wie der Titel “Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias” bereits andeutet, soll diese Arbeit eher einen zusammenfassenden und vorstellenden Charakter haben. Ich habe mich bei der Erstellung darum bemüht, Elias Gedanken auch für Leser verständlich darzustellen, die noch keines seiner Bücher kennen, seinen Lebensweg vorzustellen und seine wichtigsten Ansätze zusammenzufassen. Auf detaillierte Betrachtungen zu speziellen Einzelaspekten seiner Theorien wurde daher aus Platz- und Zeitgründen verzichtet, ich habe mich statt dessen um einen möglichst großen Überblick – gewissermaßen aus der ‚Makroperspektive´ – bemüht.
%LRJUDSKLH
Norbert Elias wurde am 22.6.1897 in Bresslau geboren. Dort promovierte er 1924 auch, jedoch nicht in Soziologie, sondern in Philosophie mit einer Arbeit zum Thema “Idee und Individuum. Eine kritische Untersuchung zum Begriff der Geschichte”. Die folgenden fünf Jahre verbrachte er in Heidelberg, wo er unter Alfred Weber Soziologie studierte. 1930 ging er nach Frankfurt am Main und war dort als Assistent und Habilitant tätig. Mit der damaligen ‚Frankfurter Schule‘ um Horkheimer, Adorno und Marcuse verband ihn vor allem die interdisziplinäre Herangehensweise. Ebenso wie die ‚kritische Theorie‘ suchte er nach den Zusammenhängen zwischen dem wirtschaftlichen Leben einer Gesellschaft und der psychischen Entwicklung der Menschen. Nach Verbindungen zwischen Wissenschaft, Kunst, Recht und Religion, aber auch Sport, Sitte, Mode, Lebensstil und Amüsement (vgl. Baumgart 1991, S. 15-17).
1933 reichte er seine Habilitationsschrift “Der höfische Mensch. Ein Beitrag zur Soziologie des Hofes, der höfischen Gesellschaft und des absoluten Königtums” ein, in der er die absolutistische Gesellschaft Frankreichs im 17. und. 18. Jahrhundert untersuchte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihm aufgrund seiner jüdischen Abstammung jedoch verwehrt, seine Antrittsvorlesung zu halten. Da diese zum Habilitation
Seite 3
Quote paper:
Christoph Koch, 1997, Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
'Einander die Lampe übergeben', Norbert Elias - Leben und Werk
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Was ist Soziologie? Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Die Theorien sozialen Handelns - Zur "Ökonomie der Praktiken"...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Presentation (Elaboration), 28 Pages
Eine Analyse auf der Grundlage...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 11 Pages
Zum figurationssoziologischem Begriff von Macht und Machtquellen
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Intermediate Diploma Thesis, 32 Pages
Köln und die Judenpogrome des Mittelalters
Judenpogrome der Jahre 1349 u...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Termpaper, 14 Pages
Mechanismen (Bourdieu) und Technologien (Foucault) der Macht
Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Bachelor Thesis, 44 Pages
Individuum und Gesellschaft: Norbert Elias und Max Weber im Vergleich
Cultural Studies - Basics and Definitions
Termpaper, 21 Pages
Raumstruktur bei Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Die Komplizenschaft von Habitus und Feld
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Norbert Elias' Zivilisationstheorie: Die Prozeß- und Figurationsth...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Norbert Elias - Der unendliche Prozess der Zivilisation
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Repräsentation und Konstitution sozialer Strukturen - die Rolle der Sp...
Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Erwachsenenbildung: Weiterbildung und Weiterbildungspolitik
Pedagogy - Job Education, Occupational Training, Further Education
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
L'homme et la femme - deux modes d'expression?
Romance Languages - French - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Die Reproduktion der Gesellschaft - Die Habitustheorie von Pierre Bour...
Sociology - Individual, Groups, Society
Diploma Thesis, 133 Pages
Christoph Koch's text Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias is now available as a printed book
Christoph Koch has published the text Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias
Christoph Koch has uploaded a new text
Norbert Elias and Figurational Research: Processual Thinking in Sociol...
Norman Gabriel, Stephen Mennell
Norbert Elias: Post-Philosophical Sociology
Kilminster Rich, Richard Kilminster, Rich Kilminster
0 comments