OTTO-VON-GUERICKE-UNIVERSITÄT MAGDEBURG
FAKULTÄT FÜR GEISTES-, SOZIAL- UND
ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTEN
INSTITUT FÜR SPORTWISSENSCHAFT
6. Semester
Koedukation im Sportunterricht
von: Sebastian Knobbe
INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 1
1. Zur Genese des koedukativen Sportunterrichts in Deutschland 2
2. Koedukation im Sportunterricht – Probleme der Rechtfertigung 4
2.1. Vorbemerkungen 4
2.2. Begründung und Kritik des koedukativen Sportunterrichts 4
2.3. Ursachen für ein Scheitern – Chancen für ein Gelingen des koedukativen Sportunterrichts 5
3. Strömungen koedukativen Sportunterrichts 6
3.1. Grundlegendes 6
3.2. Funktionale Koedukation 6
3.3. Intentionale Koedukation 8
3.3.1. Ansatz nach Petersen 8
3.3.2. Ansatz nach Odey 10
3.3.3. Ansatz der reflexiven Koedukation 12
4. Didaktische Prinzipien für eine koedukative Unterrichtsgestaltung 13
5. Schlussbetrachtung 15
LITERATURVERZEICHNIS 17
Einleitung
In den siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts wurde die Koedukation, die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen, an den Schulen der Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Die Verwirklichung koedukativer Maßnahmen wurde sowohl hier als auch in der DDR, wo die Koedukation bereits im Jahre 1946 gesetzlich verankert wurde, als entscheidender Schritt zur Demokratisierung der Bildungschancen angesehen. Elementares Anliegen und Ziel war die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Heute, gut dreißig Jahre nach ihrer Einführung, scheint die Koedukation mehr denn je in der Kritik zu stehen. Auch wenn erste Zweifel hinsichtlich der tatsächlichen Vorteile des koedukativen Unterrichts bereits Mitte der 80er Jahre vorlagen, so haben insbesondere die Ergebnisse der Neuen Frauenbewegung dazu geführt, dass die Koedukationsdebatte die Bildungspolitik zunehmend beschäftigt. Hauptinhalt dieser Debatte ist die Frage danach, ob Koedukation ihren eigentlichen Sinn und Zweck nicht verfehlt habe. Basis und Bezugspunkt der momentanen Kontroverse sind dabei Forschungsergebnisse, die belegen, dass Mädchen im koedukativen Unterricht benachteiligt werden, Chancengleichheit also keineswegs gegeben ist. Des weiteren wurde festgestellt, dass auch Jungen im geschlechtergemischten Unterricht nicht in dem Maße sozialisiert werden, dass dem Wunsch nach Gleichwertigkeit der Geschlechter ausreichend entsprochen wird1. Aufgrund dieser Tatsachen wird vermehrt die Forderung nach – zumindest zeitweiliger – Trennung der Geschlechter im Unterricht geäußert. Davon betroffen is t neben den naturwissenschaftlichen Fächer und den Sprachen vorwiegend auch der Sportunterricht.
Mit der Kontroverse um die Koedukation im Sportunterricht an den Schulen der BRD beschäftigt sich auch diese Arbeit. Dabei soll es zunächst darum gehen, die Argumente für und wider den koedukativen Sportunterricht, wie sie aus der aktuellen Debatte hervorgehen, darzulegen. In diesem Zusammenhang werden auch mögliche Ursachen für ein Scheitern bzw. Chancen für ein Gelingen von Koedukation im Sport aufgezeigt. Anschließend wird es darum gehen, verschiedene Konzepte von gemischtgeschlechtlichen Sportunterricht vorzustellen und zu charakterisieren. Dabei wird sowohl auf die Vorteile als auch auf die Nachteile der jeweiligen Auffassungen verwiesen. In einem letzten Punkt werden dann einige, für den gemeinsamen Sportunterricht von Mädchen und Jungen elementare didaktische Prinzipien vorgestellt.
Anzumerken ist, dass es nicht das Ziel dieser Hausarbeit ist, die Kontroverse um die Koedukation detailliert nachzuzeichnen. Vielmehr soll ein Überblick über Vor- und Nachteile von Koedukation gegeben werden. Darüber hinaus können im Rahmen dieser Schrift nicht sämtliche, in der sportdidaktischen Literatur auffindbare, Konzepte für Koedukation im Sportunterricht vorgestellt werden. Der Verfasser ist vielmehr darum bemüht eine adäquate Auswahl vielversprechender Konzepte zu präsentieren. Bevor nun in die Koedukationsthematik eingestiegen werden soll, bietet sich vorab ein kurzer historischer Exkurs an, um die Aktualität der derzeitigen Debatte verständlicher zu machen.
1. Zur Genese des koedukativen Sportunterrichts in Deutschland
Abgesehen von der gegenwärtigen Aktualität der Koedukationsdebatte in Deutschland muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass die Kontroverse um den geschlechtergemischten Unterricht keinesfalls als Novum der heutigen Schullandschaft anzusehen ist. Des weiteren muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Problem der Koedukation ursprünglich kein explizit dem Sportunterricht innewohnendes Problem, sondern ein in erster Linie allgemeines Erziehungsproblem war. Die gemeinsamen Wurzeln des koedukativen Schulsystems reichen bis ins Preußen des frühen 18.Jahrhunderts zurück. Maßgeblich dafür war die hier 1717 eingeführte Schulpflicht für Jungen und Mädchen. Zwar wurde in den Volksschulen seitdem koedukativ unterrichtet, dennoch gab es keine gleichermaßen gültigen Bildungs- und Erziehungsansprüche für Mädchen und Jungen. Im Gegensatz zur höheren Schulbildung der Jungen, ging es bei den Mädchen primär darum - in Anlehnung an das damalige Frauenbild - die Ausbildung der sogenannten weiblichen Tugenden zu sichern2. Die eigentliche Koedukationsdebatte betraf daher vornehmlich die Existenz und die Qualität der höheren Töchterschulen, für welche zunehmend gleiche Bildungsmöglichkeiten eingefordert wurden3. Für eine weitere Befruchtung der Debatte, gerade von Seiten der linken Sozialdemokratie, sorgte 1878 August Bebels Buch „Die Frau im Sozialismus“. Diese Schrift sowie das Wirken von Clara Zetkin sollten zudem nachhaltigen Einfluss auf die Koedukation in der späteren DDR erhalten. Hierin liegen u.a. die Wurzeln für die Schulreform in der SBZ bzw. der späteren DDR nach 1945. Kennzeichnend für das ostdeutsche Schulsystem war die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen an einer Schule 4.
Im Gegensatz zur DDR, war die Koedukation nach 1945 in der BRD kein Dogma der Bildungspolitik. Erst zu Beginn der siebziger Jahre wurde hier die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, als eine Folge der Forderung nach Bildungsdemokratisierung, durchgesetzt5. Dennoch wurde gerade der Sportunterricht, aufgrund bildungspolitischer und schulorganisatorischer Maßnahmen, lange Zeit nicht mit diesem Problem konfrontiert – das Gegenteil war der Fall. Kaum ein anderes Schulfach hat so lange und v.a. so strikt an der Trennung der Geschlechter festgehalten6. Erste Ansätze für einen koedukativen Sportunterricht tauchen erst ab Mitte der siebziger Jahre auf. So kritisierte beispielsweise Funke 1974 die geschlechtsspezifische Sozialisation im Schulsport7. Weitere Autoren publizierten verschiedene Unterrichtsversuche mit denen sie primär dasselbe Ziel verfolgten: Chancengleichheit und Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen8. Für die Urheber dieser Konzepte schien insbesondere der Sportunterricht für emanzipatorische Ziele und soziales Lernen geeignet, da die Interaktion der Geschlechter hier unmittelbarer als in anderen Fächern abläuft. Aufgrund minderwertiger Konzepte für die „neue“ Unterrichtssituation und einsetzender Ernüchterung hinsichtlich der tatsächlichen Möglichkeiten der Koedukation, rückte man jedoch bald wieder von der Idee des Miteinanders im Sport ab. Verstärkt wurde sich erneut an der pragmatischen Vermittlung von Sportarten und der Bewahrung „typischer“ geschlechtsbezogener Kategorisierungen orientiert. Die Tatsache, dass auch in den derzeitigen Rahmenrichtlinien Sachsen-Anhalts der getrenntgeschlechtliche Unterricht in der Sekundarstufe I vorgeschrieben ist, belegt diese Entwicklung eindrucksvoll9.
2. Koedukation im Sportunterricht – Probleme der Rechtfertigung
2.1. Vorbemerkungen
[...]
1 Vgl. Naumman, B. (1995). Vorwort. In: U. Büttner, H. Endrejat & B. Naumann (Hrsg.), GEW-Frauen: Koedukation. Texte zur Koedukationsdebatte (2.Aufl., S.5). Karben: F.M.Druck.
2 Vgl. Hempel, M. (1995). Die Koedukationsdebatte – eine „nichtwestliche“ Perspektive. In: U. Büttner, H. Endrejat & B. Naumann (Hrsg.), GEW-Frauen: Koedukation. Texte zur Koedukationsdebatte (2.Aufl., S.41-42). Karben: F.M.Druck.
3 Endrejat, H. (1995). Koedukation in der Geschichte. In: U. Büttner, H. Endrejat & B. Naumann (Hrsg.), GEWFrauen: Koedukation. Texte zur Koedukationsdebatte (2. Aufl., S. 301-308) Karben: F.M.Druck.
4 Vgl. Hempel, M. (1995). Die Koedukationsdebatte, a.a.O., S. 42.
5 Vgl. Naumann, B. (1995). Vorwort. A.a.O..
6 Vgl. Brodtmann, D. (1984). Sportunterricht und Schulsport: ausgewählte Themen der Sportdidaktik (2. Aufl.). Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 152.
7 Funke, J. (1974). Geschlechtsspezifische Sozialisation im Schulsport. In: ADL (Hrsg.), Sozialisation im Sport. Schorndorf: Hofmann.
8 Vgl. Gieß-Stüber, P. (2001). Koedukation. In: H. Haag. & A. Hummel (Hrsg.), Handbuch Sportpädagogik (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, 133, S.307-313). Schorndorf: Hofmann.
9 Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt (1999). Rahmenrichtlinien Gymnasium/Fachgymnasium Sport, Sachsen-Anhalt. Halle: ohne Verlag, S.16.
Arbeit zitieren:
Sebastian Knobbe, 2003, Koedukation im Sportunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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