Freizeit- und Hochleistungssport gerichtet werden, um die so oft von Politikern und Medien beschworene integrative Leistung des Sports zu hinterfragen. 3 Hierzu möchte ich aufzeigen, welche Theorien eine umfassende und reflektierte Analyse gesellschaftlicher Prozesse zulassen und in welcher Verbindung ebendiese mit den Konstrukten Körper, Fremdheit und Geschlecht gesehen werden können. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Körper-Aspekt von Fremdheit und Rassismus ist für den Sport als privilegiertes Handlungs- und Darstellungsmedium des Körpers (vgl. ALKEMAYER/BRÖSKAMP 1996:8) von großer Bedeutung und soll von daher auch als Schwerpunkt seinen Niederschlag in dieser Arbeit finden.
Aber auch für die Darstellungsweisen der Geschlechter ist der Körper eine verlässliche identitätstabilisierende Quelle, vor allem am Beispiel massenmedialer Produktion von Körperbildern möchte ich auf diesen Sachverhalt im zweiten Abschnitt meiner Arbeit eingehen.
1.1 Der Körper im Fokus postmoderner 4 Gesellschaften
Die Auseinandersetzung mit dem Körper hat in der letzten Zeit neue Dimensionen erreicht. Sowohl in der wissenschaftlichen soziologischen Auseinandersetzung (vgl. VILA 2000:51) als auch in der Öffentlichkeit hat das Thema Konjunktur (vgl. VILLA 2000:52). Ausstellungen zum Thema (so z.B. die heftig umstrittene „Körperwelten“-Ausstellung von Gunther von Hagen), Tagungen zum Körper, politische Diskussionen um Klonierung 5 , Gentechnik und künstliche Befruchtung sind an der Tagesordnung. An Bedeutung zugenommen hat anscheinend auch die symbolische Funktion des Körpers, somit ist dieser zu den bevorzugtesten und wirksamsten Mitteln der symbolischen Darstellung sozialer Differenzen avanciert (vgl. ALKEMAYER/BRÖSKAMP 1996:13). Gerade im Sport als körperbezogene Praktik spiegelt sich der Kampf um Prestige, soziale Positionen und symbolische Macht nieder, auch wenn er Sport auf den ersten Blick eine Öffnung erfahren
3 Der Deutsche Sportbund beispielsweise wirbt mit dem Slogan "Sport spricht alle Sprachen" und stellt somit den Sport als universales Mittel einer kulturübergreifenden Verständigung dar (vgl. ALKEMAYER/BRÖSKAMP 1996:7).
4 Da der Begriff der Postmoderne ein sehr schwammiger Begriff zu sein scheint, der in den unterschiedlichsten Situationen und Milieus seine Anwendung finden kann, möchte ich ihn hier kurz nach meinem Verständnis definieren. Der Begriff ist offensichtlich nicht einfach zu definieren, da ihm eine gewisse amorphe Qualität innewohnt und ich werde nicht versuchen, ihn in seiner Komplexität darzulegen. Ein wichtiger Aspekt der Diskussion der Postmoderne, der auch Relevanz für die vorliegende Arbeit birgt, ist die Freisetzung des Individuums, die einhergeht mit einer Entstrukturierung traditioneller Gesellschaftsverhältnisse. Die Individualisierungsdebatte (vgl. 1.1.1) ist in diesem Sinn eine postmoderne Diskussion.
5 Ein gutes Beispiel liefert u.a. diese Seite im Internet: http://www.religioustolerance.org/clo_intr.htm.
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hat. Allerdings kann diese Öffnung nicht mit einem „Sport für alle“-Slogan beschrieben werden, wie es sich Sportvereine gerne auf ihre Vereinswerbung schreiben.
1.1.1 Individualisierungsprozesse und ihre Auswirkungen
Für diese o.a. Phänomene gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, genannt seinen hier die Globalisierungstheorie 6 , die Habitustheorie 7 und die Individualisierungstheorie 8 , auf letztere möchte ich in diesem Abschnitt etwas näher eingehen, da ich denke, dass sie, vor allem in Relation zu Phänomenen im Bereich des Sports, einen wertevollen Erklärungsansatz bieten kann.
Die zentrale These der Individualisierungstheorie geht von einer Tendenz zur Stilisierung der Lebensstile auf Seiten der Individuen aus. Diese Tendenz leitet sich aus mehreren Faktoren ab:
a) durch die Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge, d.h. durch die Enttraditionalisierung industriegesellschaftlicher Lebensformen (ausgelöst u.a. durch eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen 9 );
b) durch eine damit einhergehende Pluralisierung der Gesellschaft und Diversifizierung der Lebenslagen der Individuen
c) durch den Verlust von traditionellen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen (BECK spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Entzauberungsdimension“, vgl. BECK 1986:206f.)
d) durch eine neue Art der sozialen Einbindung, so dass Individualisierung nicht als vollständige Autonomie des Subjekts gegenüber gesellschaftlichen Abhängigkeiten
6 Der Begriff Globalisierung wird in verschiedenen Bereichen, zu denen Ökonomie, Ökologie, Soziologie, Kultur und Ethik gehören, verwendet. Er bezeichnet die transnationale Vernetzung der Systeme, Gesellschaften und Märkte. Im Zusammenhang mit Fremdheit und Geschlecht kann die Theorie einen wichtigen Standpunkt einnehmen (vgl. GRÄßEL 2001:212-213), für die Erklärung des Körperkults schien mir die Theorie jedoch nicht hinreichend genug zu sein.
7 Die Habitustheorie von P. Bourdieu gibt auch zur Entstehung des Körperkults einige brauchbare Ansätze. Da die Theorie in ihrer Komplexität jedoch eher von meinen Themenschwerpunkten wegzuführen scheint, werde ich nur ansatzweise auf ebd. zu sprechen kommen (vgl. 1.1.3.2 dieser Arbeit)
8 Die Darstellung der Individualisierungstheorie wird sich nach den Ansichten von Ulrich BECK und Elisabeth Beck-Gernsheim richten.
9 Diese Tendenz lässt sich am Ausbau des Wohlfahrtsstaates, an der Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards, an weitgehender sozialer Sicherheit, an der massiven Bildungsexpansion, an der gesteigerten Mobilität und an der steigenden Freizeit exemplarisch belegen. Durch diese Entwicklungen verlieren ständisch-konventionelle Lebenswege und kollektive Sinnquellen an Bedeutung. Alte Traditionen wie z.B. die Verteilung der Geschlechterrollen, die Institution Familie, etc. verlieren im Rahmen der „reflexiven Modernisierung“ (reflexiv bzieht sich in diesem Sinn auf die eigene Kraft der Moderne zur Selbstveränderung) zunehmend an Bedeutung (vgl. SCHWIER 1997:318)
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verstanden werden darf, sondern eher als paradoxer Zwang zur Selbstinszenierung (vgl. SCHWIER 1997: 319-20).
1.1.2 Der Körper im Sport-Sport in der Gesellschaft
Auch im Sport ist eine Aufwertung des körperlichen Ausdrucks nicht zu verkennen: man denke nur an (Trend)-Sportarten wie Beach-Volleyball, Aerobic, Tai Chi, Streetball, etc. Es scheinen Ausdifferenzierungsprozesse in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen stattzufinden, die auch eine Ausdifferenzierung des sportlichen Feldes zulassen und so gleichzeitig den funktionsfähigen, fit getrimmten, jugendlich gestylten Körper zu einem Statussymbol machen, zu einer Produktionswand für Unvergleichlichkeit und Individualität (vgl. Bette 1993:39 u. 42 in WINKLER 1997:322). Auch im Sport werden also die tradierten Sinn- und Wertmuster aufgelöst, die Gefahr einer Zweckentfremdung des Sports nimmt zu. So wird nicht mehr Sport des Sports willen getrieben, sondern um den Körper zu formen (z.B. Box-Aerobic, Indoor-cycling, etc.), um zu einer Sub-Kultur zu gehören (Skateboarding, etc.), um die „Suche nach dem Thrill“ 10 zu befriedigen, oder ähnliches. In diesem Zusammenhang korrespondiert eine derartige „Entsportung des Sports“ mit einer „Versportung des Alltags“ (vgl. SCHWIER 1997:321), die
„Kodes, Botschaften und Versprechungen des Sports sind anscheinend so vieldeutig geworden, dass sie einerseits andere Kulturbereiche durchdringen können und andererseits eine geradezu beliebige Ausweitung sportiver Praxen erlauben.“ (SCHWIER 1997:321)
Die „Versportung des Alltags“ ist an der permanenten Präsenz ehemals sportspezifischer Symbole in der Mode, in der Werbung und in den Massenmedien deutlich zu erkennen. 11 Diese Prozesse im Feld des Sports können als ein Nebenprodukt der gesellschaftlichen Individualisierung gesehen werden. Als körperbezogenes Handlungsfeld kommt dem Sport so eine besondere Rolle zu, denn der Körper und das Sich-Bewegen stehen im Mittelpunkt der Selbstgestaltung und Selbstinszenierung zur Stabilisierung des eigenen Ichs und zudem als ultimativer Ausdruck des Selbstseinkönnens.
10 Die „Suche nach dem Thrill“ beinhaltet ein wachsendes Bedürfnis nach außeralltäglichen Erlebnissen, extremen Erfahrungen und starken Reizen. Der Sport wird benutzt, um nach positiver Erregung zu suchen, um die Risikolust auszuleben und Grenzerfahrungen zu machen. Die expandierende Zahl diverser Extremsportarten (z.B. Sky-surfing, Bungee-sports, River-rafting, Scad-diving,...) kann diese Suche illustrieren (vgl. auch SCHWIER 1997:324).
11 So wird bspw. der Jogging-Anzug nicht mehr nur zum Sporttreiben benutzt, sondern auch als Alltagskleidung. An anderer Stelle werden die Basketballschuhe eines Michael Jordan so sehr vergöttert, dass sie auch auf der Straße getragen werden, etc.
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Axel Tomforde, 2002, Die Konstruktion von Körper, Fremdheit und Geschlecht im Sport und in den Massenmedien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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