Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Deutsches Seminar I
Proseminar: Märendichtung
2. Semester
Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Mären Der
Herrgottschnitzer, Der Bildschnitzer von Würzburg und den
Fabliaux Du prestre crucefié, Du prestre teint. Verbreitung
und Modifikation eines literarischen Stoffes
von: Fabienne Meiers
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
Herkunft und Thematik des Herrgottschnitzer-Stoffes 3
II. Vergleichende Analyse des Herrgottschnitzer-Stoffes 6
1. Die vier Texte im Gesamtve rgleich 6
2. Die vier Texte im Einzelve rgleich. 10
3. Verhältnis zwischen den französischen und den deutschen Fassungen 13
III. Schlussbetrachtung 15
IV. Literaturverzeichnis 17
I. Einleitung
Herkunft und Thematik des Herrgottschnitzer-Stoffes
Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts1 begegnet uns in der Märendichtung ein Stoff, der, von Frankreich ausgehend,2 sowohl in Deutschland als auch in Italien3 weite Verbreitung findet. Besonders im französischen und im deutschen Raum erfreut er sich großer Beliebtheit4 und erfährt dadurch ebenfalls seine Übertragung in die italienische Literatur. Der Stoff, um den es sich hier handelt, ist der des Herrgottschnitzer- Schwankes.5
Seine grenzüberschreitende Verbreitung hat er unter verschiedenen Namen erfahren: so taucht er in den deutschen Handschriften, die vom ersten Drittel des 14. Jahrhunderts bis etwa zum Jahre 1450 reichen, unter dem Namen Der Herrgottschnitzer (HGS.) 6 oder Der Bildschnitzer von Würzburg (BSW.) 7 auf. Von den Handschriften, die den Stoff des HGS.s beinhalten, ist die Heidelberger Handschrift Cpg 3418 mit ihrer bedeutenden Märensammlung höchstwahrscheinlich die älteste in mittelhochdeutscher Sprache überlieferte Fassung. Daneben lässt sich der Text ebenfalls in der jüngeren Weimarer Handschrift9 Oct 145 und dem Karlsruher Codex K 408 von 1430 finden. 10 Der BSW., dessen Autorschaft um Hans Rosenplüt in der Forschungsliteratur umstritten ist,11 taucht in sechs Handschriften auf, die - bis auf eine - aus dem Nürnberger Raum stammen und sich untereinander nur in einigen Segmenten unterscheiden. 12 Darauf werde ich im Verlauf dieser Arbeit noch einmal zurückkommen.
In der französischen - wie bereits oben erwähnten - älteren Überlieferung13 trägt der Herrgottschnitzer-Stoff den Titel Du prestre crucefié (PC.). Das andere, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts14 entstandene und vermutlich von Gautier le Leu15 stammende Fabliau hat die Überschrift Du prestre teint (PT.). Ebenso wie in den deutschen Handschriften des HGS.s sind auch im PC. einige Stellen mit allzu blasphemischem Inhalt ausradiert worden.1617 Wovon handeln nun diese Texte? Kurz gefasst kann bei jeder Fassung folgendes zur Kenntnis genommen werden: ein Geistlicher begehrt die Ehefrau eines kunstschaffenden Handwerkermeisters18. Unmittelbar, nachdem dieser das Haus verlassen hat, lässt die Frau den Gottesmann zu sich kommen. Doch noch bevor sie den Beischlaf vollziehen können, erscheint unvermittelt der Ehemann vor der Haustür und fordert, eingelassen zu werden.
Bis dahin zeigt der Handlungsverlauf der vier Texte, die in dieser Arbeit behandelt werden sollen, zunächst das gängige, symptomatische Schema der "moralisierenden Schwänke"19 auf. Was dann jedoch im Erzählmuster dieser Mären folgt, ermöglicht sie erst aufgrund ihrer "spezifischen Komik"20 zu einer eigenständigen Gruppe zusammenzuschließen. Das für den Herrgottschnitzer-Stoff repräsentative Motiv sieht wie folgt aus: die Frau verbirgt den Geistlichen in der Weise, dass er nach dem äußeren Anschein wie eine geschnitzte Figur aussieht. Aber der Gottes- mann fällt sogleich aus der Rolle, als der Handwerker, der das Spiel durchschaut hat, erklärt, er wolle die anstößigen Geschlechtsteile der Figur abtrennen21. Daraufhin entflieht der Gottesgelehrte und am Ende steht fasst, dass er sowohl seiner teuren Kleider sowie auch seines Geldes entledigt worden ist. Bereits FROSCH-FREIBURG hat sich eingehend mit dem Vergleich der verschiedenen Herrgottschnitzer-Fassungen beschäftigt. Doch im Bezug auf den PT. bin ich nach eigener Übersetzung und Interpretation zu dem Schluss gekommen, dass ihr einige Versäumnisse unterlaufen sind, die sich auch im Nachhinein auf ihre Schlussfolgerung zu den Verwandtschaftsbeziehungen der vier Dokumente ausgeübt haben.
Aus diesem Grund werde ich in dieser Arbeit erneut die Frage, inwieweit die verschiedenen mittelhochdeutschen und französischen Fassungen des Herrgottschnitzer- Stoffes miteinander verwandt sind, aufwerfen und gegebenenfalls auch versuchen, eine mutuelle Interferenz zu rekonstruieren. Im Verlauf dieser Arbeit will ich zunächst vom Handlungshergang ausgehend die Texte miteinander vergleichen, sie dann paarweise in Bezug auf ihre Gemeinsamkeiten untersuchen, um sie abschließend untereinander abzuwägen und die verwandtschaftlichen Beziehungen im Sinne der Verbreitung und der Modifikation dieses literarischen Stoffes zu erörtern.
II. Vergleichende Analyse des Herrgottschnitzer-Stoffes
1. Die vier Texte im Gesamtvergleich
[...]
1 Nach GRUBMÜLLER und FROSCH-FREIBURG sind keine älteren oder außereuropäischen Überlieferungen bekannt. Siehe dazu: NOVELLISTIK DES MITTELALTERS (NMA). Märendichtung; hrsg., übers. u. komment. v. Klaus GRUBMÜLLER, Frankfurt a. M. 1996, S. 1322; FROSCH-FREIBURG, Frauke: Schwankmären und Fabliaux. Ein Stoff- und Motivvergleich; Göppingen 1972, S. 105f.
2 Vgl. FROSCH-FREIBURG, Schwankmären, S. 106.
3 Franco SACCHETTI, Il trecentonovelle. hrsg. v. Antonio LANZA; Firenze, 1984, S. 166-172; STRAPAROLA, Giovan Francesco: Le Piacevoli notti, in: Scrittori d′Italia, Bd. 2, Bari 1927, S. 239f. Vgl. auch KÖHLER, R.: Anhang zu: Der Maler mit der schönen Frau, in: Germania 18 (1873), S. 44f.
4 Vgl. FROSCH-FREIBURG, Schwankmären, S. 106f. Zur entgegen gesetzten Meinung, NMA, S. 1323f.
5 Dieser Sammelbegriff für die Texte, die den dargestellten Stoff verarbeiten, findet sich zunächst in FROSCH-FREIBURG, Schwankmären, S. 105. Ich werde mir vorbehalten, diese Bezeichnung in homosemer Weise auch weiterhin in dieser Arbeit zu verwenden.
6 Allgemeine Bezeichnung für die drei Fassungen: in der Karlsruher Hs. beginnt der Text mit von dem moler mit der schon frawen, in der Weimarer mit ain spruch von dem maller und im Heidelberger Manuskript, wo der Anfang ausradiert ist, scheint die erste Zeile mit Ditz angelautet und mit molerine geschlossen zu haben. Vgl. BARTSCH, Karl: Der Maler mit der schönen Frau, in: Germania 18 (1873), S. 42; CODEX KARLSRUHE 408, hrsg. v. Ursula SCHMID, Bern/München (Deutsche Sammelhandschriften des späten Mittelalters) 1974, Bl. 132rb-vb, S. 28-30.
7 Name der von GRUBMÜLLER abgedruckten Fassung II aus der Dresdner Hs.: von dem maler zu wirtzpurg, in: 928 u. 1321.
8 MIHM, Arend: Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter, He idelberg 1967, S. 47f.
9 Sie ist nach dem 14. Jahrhundert entstanden.
10 Vgl. MIHM, Arend: Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter, Heidelberg 1967, S. 47-51.
11 Vgl. NMA, S. 1321; FISCHER, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung, bes. v. Johannes Janota, 2., durchges. u. erw. Auflage, Tübingen 1983, S. 153-159; MIHM, Überlieferung, S. 32-35; KIEPE, Hansjürgen: Die Nürnberger Priameldichtung. Untersuchungen zu Hans Rosenplüt und zum Schreib- und Druckwesen im 15. Jahrhundert; München 1984, S. 299.
12 NMA, S. 1320.
13 Obwohl die Hss. allesamt gegen Ende des 14. Jahrhunderts verfasst worden sind, wird angesichts spezifischer Flexionsmuster in den Reimen davon ausgegangen, dass das Fabliau bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein muss. Vgl. NOOMEN, Willem/ VAN DEN BOOGAARD, Nico: Nouveau recueil complet des fabliaux (NRCF), Bd. IV, Assen/Maastricht 1988, S. 93f.
14 NYKROG, Per: Les Fabliaux. Nouvelle édition; Genf 1973, S. 43.
15 Er wurde um 1210 geboren.
16 Vgl. zu dieser These auch NMA, S. 1322f. Ferner ebenfalls NOOMEN/ VAN DEN BOOGAARD, NRCF, S. 93f.
17 Außerdem ist es mit seinen 448 Versen beinahe dreimal so lang wie die anderen drei Fassungen.
18 Sei es nun ein Maler, Bildschnitzer oder Färber. Die verschiedenen Schwänke um den Stoff des Herrgottschnitzers verwenden unterschiedliche Bezeichnungen für das Handwerk des Mannes.
19 Vgl. SCHIRMER, Karl-Heinz: Stil- und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle, Tübingen 1969, S.226.
20 FROSCH-FREIBURG, Schwankmären, S. 110.
21 Nur im PC. kommt es zur tatsächlichen Ausführung der Kastrierung.
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Fabienne Meiers, 2005, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Mären 'Der Herrgottschnitzer', 'Der Bildschnitzer von Würzburg' und den Fabliaux 'Du prestre crucefié', 'Du prestre teint', Munich, GRIN Publishing GmbH
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