Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Intertextualität 4
2.1 Wortgeschichte 4
2.2 Intertextualitätsbegriff 8
3. Intertextualitätstheorie 9
3.1 Formen der Intertextualität 10
3.2 Funktionen der Intertextualität 13
3.3 Modell der Intertextualität 15
4. Hjalmar Söderbergs „Martin Birck Ungdom 16
4. 1 Prätext: Jens Peter Jacobsens „Niels Lyhne“ 17
4.2 Formen der Intertextualität 18
4.3 Funktionen der Intertextualität 24
5. Zusammenfassung 26
6. Literaturverzeichnis 27
2
1. Einleitung
In Hjalmar Söderbergs 1901 erschienenem Roman „Martin Bircks Ungdom“ heißt es an einer Stelle:
Men den första orsaken till deras vänskap var den, att de bägge hade läst Niels Lyhne och älskade den mer än andra böcker. 1
Wie wir sehen können, wird in diesem Textauszug explizit auf den 1880 erschienen literarischen Text „Niels Lyhne“ des dänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen (1847-1885) verwiesen. Dass es sich bei diesem intertextuellen Verweis um keinen belanglosen Einzelfall handelt, sondern dass dieser Verweis im Gegenteil eine vom Autor intendierte, textkonstituierende Eigenschaft des Entwicklungsromans „Martin Bircks Ungdom“ darstellt, die wiederum die Sinnkonstitution des Textes maßgeblich bestimmt, möchte ich innerhalb meiner Hausarbeit darlegen. In diesem Sinne beschränkt sich der hier im Mittelpunkt stehende intertextuelle Bezugshorizont ausschließlich auf das Werk „Niels Lyhne“, womit jedoch nicht suggeriert werden soll, dass es keine weiteren Prätexte, d. h. keine anderen literarische n Texte gibt, auf die Hjalmar Söderbergs Roman verweist.
Bevor ich mich jedoch dieser Aufgabe widme, werde ich im ersten Teil meiner Hausarbeit die für die Textanalyse notwendigen theoretischen Voraussetzungen einführen. Ich werde also zunächst den Begriff der Intertextualität erläutern und anschließend eine auf Peter Stocker 2 basierende Intertextualitätstheorie skizzieren. Im zweiten Teil werde ich mich der Textanalyse von „Martin Bircks Ungdom“ zuwenden. Nach einer kurzen Zusammenfassung beider Texte werde ich zunächst die verschiedenen Intertextualitätsformen, die auf den Prätext „Niels Lyhne“ verweisen, auflisten und kategorisieren. Anschließend werde ich untersuchen, welche Funktionen diese innerhalb des Textes erfüllen und
1 Söderberg, Hjalmar (1943): S. 79. Hervorhebung von mir.
2 Stocker, Peter (1998).
3
letztendlich versuchen, mithilfe dieser aufgedeckten Textverweise eine
abschließende Sinnkonstitution herauszuarbeiten.
2. Intertextualität
Wirft man einen Blick in die literaturtheoretischen Texte zu dem Thema
„Intertextualität“ fällt zunächst auf, dass alles andere als Einigkeit über seine
Bedeutung herrscht. 3 So schreibt zum Beispiel Plett:
Currently, intertextuality is a fashionable term, but almo st everybody who uses it understands it somewhat differently. 4
Pletts Worte sind m. E. sehr aufschlussreich, da sie auf zwei zentrale Punkte
hinweisen: zum einen auf die Popularität des Intertextualitätsbegriffs in der
Literaturwissenschaft und zum anderen auf seine unterschiedliche
Verwendungsweise. Wenden wir uns zunächst der Popularität des
Intertextualitätsbegriffs zu.
2.1 Wortgeschichte 5
Um zu verstehen, warum der Intertextualitätsbegr iff zu solch einem „fashionable
term“ in der Literaturwissenschaft avancierte, ist es ratsam, einen Blick auf dessen
3 „Der Begriff [der Intertextualität] erscheint vorerst nicht disziplinierbar, seine Polyalenz
irreduzibel.“ (Lachmann, Renate: „Ebenen des Intertextualtitätsbegriffs“. S. 134. In: Stierle, K./Warning, R. (Hrsg.) (1984): Das Gespräch. Poetik und Hermeneutik. 11. München. S. 133-
138.). „Wenngleich Intertextualität sich in den letzten Jahren als fester Bestandteil der literaturtheoretische Diskussion und auch der interpretativen Praxis etabliert hat, so zeichnet sich der Begriff dennoch bis heute durch eine erstaunliche terminologische Vielfalt sowie durch konzeptuelle Offenheit aus.“ (Schahadat, Shamma: „Intertextualität: Lektüre - Text - Intertext“. S.
366. In: Pechlivanos, Miltos (Hrsg.) (1995): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart und Weimar. 1995. S. 366-377.).
„Dennoch kann heute kaum von einem gesicherten oder ‚disziplinierten’ Begriff ausgegangen werden.“ (Stocker, Peter (1998): S. 16.). 4 Plett, F. Heinrich (Hrsg.) (1991): S. 3.
5 Da ich innerhalb dieses Abschnittes nicht auf die Entwicklung des Phänomens bzw. des Begriffs der Intertextualität eingehe, sondern mich mit der Entstehung und Entwicklung des Ausdrucks bzw. des Worts „Intertextualität“ auseinandersetze, habe ich diesem Abschnitt den Titel „Wortgeschichte“ gegeben.
4
Entstehung bzw. Wortprägung zu werfen. Das eigentliche Wort „intertextualité“ ist nämlich erst in den späten 60er Jahren von der Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva geprägt wo rden. 6 In Anlehnung an Michail Bacht ins Dialgogizitätstheorie umschreibt Kristeva mit „Intertextualität“ das literarische Phänomen, dass sich Texte auf andere Texte beziehen.
Bevor ich jedoch etwas genauer auf Kristevas Intertextualitätsbegriff eingehe, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass es sich bei dem literarischen Phänomen, das Kristeva als erste auf den Namen „Intertextualität“ taufte, um alles andere als ein neues Phänomen handelt. Pfister schreibt: „Schon seit der Antike haben sich Texte nicht nur in einer imitatio vitae unmittelbar auf Wirklichkeit, sondern in einer imitatio veterum auch aufeinander bezogen, und die Rhetorik und die aus ihr gespeiste Poetik brachten solche Bezüge von Texten auf Texte mit zunehmender Detailliertheit, wenn auch ohne Sinn für den Gesamtzusammenhang, auf den Begriff.“ 7 Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, von der Neuheit der Bezeichnung auf die Neuheit des Phänomens zu schließen. Obwohl sich Kristeva explizit auf Bachtin bezieht, nimmt Kristeva „entsche idende[n] Umakzentuierungen“ 8 vor. So führt sie den Terminus „Intertextualität“ ein, obwohl in Bachtins Konzept der Dialogizität intratextuelle Phänomene, also Stimmen innerhalb eines Textes, im Vordergrund standen und postuliert, dass dieses Phänomen ein Wesensmerkmal aller literarischen Texte sei. In diesem Sinne schreibt sie:
Tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte. A la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’intertextualité, et le langue poétique se lit, au moins, comme double. 9
6 Siehe Kristeva, Julia : „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman.“ In : Critique (1967) H. 239. S.
438-465. Geringfügig revidiert in : Kristeva, Julia (1969) : Sémeiotiké : Recherches pour une sémanalyse. Paris. S. 143-173.
7 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 1.
8 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 6.
9 Kristeva, Julia (1969): Sémeiotiké: Recherches pour une sémanalyse. Paris. S.146.
5
Des Weiteren nimmt sie eine Ausweitung des Textbegriffs vor. Im Gegensatz zu Bachtin unterscheidet Kristeva nicht mehr zwischen literarischen und nichtliterarischen Texten, sondern erklärt kurzerhand „alles, oder doch zumindest jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur“ 10 zum Text. Das wiederum hat zur Folge, dass „[b]ei solch einer Ausweitung des Textbegriffes […] natürlich kein Text mehr nicht intertextuell [ist], […] Intertextualität kein besonderes Merkmal bestimmter Texte oder Textklassen mehr [ist], sondern mit der Textualität bereits gegeben [ist].“ 11
Als letzte Umakzentuierung nimmt Kristeva die Dekonstruktion sowohl des Autors als auch des individuellen Subjekts vor. Kristeva zufolge steht nicht mehr der Autor als Erzeuger seiner Texte im Mittelpunkt, sondern die Produktivität geht vollständig auf den Text selbst über, der als Teil eines „texte général“ ständig auf andere Texte verweist. Und so wie „Aktivität und Produktivität dem Text und dem intertextuellen Spiel überschrieben werden, verschwindet die individuelle Subjektivität als intentionale Instanz“ 12 .
Nach diesem kurzen Überblick über Kristevas Intertextualitätsbegriff, sind wir nun in der Lage zu verstehen, warum er solch eine Popularität erlangt hat. Wie wir gesehen haben, zeichnet sich Kristevas Intertextualitätsbegriff vor allem dadurch aus, dass er eine Eigenschaft aller Texte ist, die in einem „Universum von Texten“ als subjektlose Texte immer wieder auf andere (subjektlose) Texte verweisen. Dieser globale Charakter der „Intertextualität“ wiederum ist es, der laut Stocker für die Popularität des Begriffs verantwortlich ist. So schreibt Stocker:
Was Ende der 60er Jahre den Attraktions- oder Sensationswert von
„Intertextualität“ ausmacht, ist der Versuch, ihn als einen Globalbegriff zu etablieren, der manches, was davor vereinzelter Betrachtung überlassen blieb, im Zusammenhang verstehen lässt. 13
Während Stocker in dem oben genannten Zitat vollkommen richtig den globalen Charakter des Intertextualitätsbegriffs für dessen Popularität verantwortlich macht,
10 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 7.
11 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 8.
12 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 8.
13 Stocker, Peter (1998): S. 18.
6
geht Pfister noch einen Schritt weiter, indem er auf den literaturtheoretischen Hintergrund, d. h. Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus, dieser Entwicklung hinweist. So schreibt Pfister:
Dies [Bild eines „Universums der Texte“, in dem subjektlose Texte stets aufeinander verweisen] ist die eine Grundvorstellung des Poststrukturalismus und des Dekonstruktivismus, und diese schwindelnde Perspektive markiert auch den theoriegeschichtlichen Ort, dem Kristevas Konzept der Intertextualität entstammt und dem er seine Konjunktur zunächst verdankte. 14
Pfister zufolge ist es also zu kurz gegriffen, allein den globale n Charakter des Intertextualitätsbegriffs für die Berühmtheit verantwortlich zu machen. Vielmehr hängt die Popularität des Intertextualitätsbegriffs damit zusammen, dass sein globaler Charakter Ausdruck poststrukturalistischer und dekonstruktivistischer Literaturtheorien ist, d. h. dass er, wenn man so will, ideologische Implikationen aufweist.
Dies hatte jedoch zur Folge, dass sich nach einer gewissen Zeit die Stimmen mehrten, diesen Begriff ohne seine ideologischen Implikationen zu verstehen und als einen Oberbegriff für die verschiedensten Forme n konkreter Bezüge zwischen Einzeltexten (z. B. Parodie, Travestie, Zitat, Anspielung) neu zu definieren. So bildete sich schließlich eine mehr oder weniger homogene 15 alternative Verwendungsweise des Intertextualitätsbegriffs heraus, was uns zu dem zweiten Punkt, der unterschiedlichen Verwendungsweise des Intertextualitätsbegriffs, bringt.
14 Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 9.
15 Auch wenn Anhänger dieser Verwendungsweise darin übereinstimmten, dass Intertextualität eine spezifische, aber nicht notwendige Eigenschaft von literarischen Texten darstellt (siehe 2.2 strukturalistischer Ansatz), gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten z. B. bezüglich der Frage, ob es sich um ein Spezifikum von Litera rizität und Poetitzität oder aber um eine besondere Eigenschaft bestimmter literarischer Texte oder Textsorten handelt, oder aber, ob Intertextualität nur einen Bezug von Einzeltexten auf Einzeltexte oder darüber hinaus noch den Bezug von Einzeltexten auf Textsysteme oder Gattungen beinhaltet.
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Quote paper:
Katrin Raschke, 2005, Intertextualität in Hjalmar Söderbergs "Martin Bircks Ungdom", Munich, GRIN Publishing GmbH
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