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oder auch den Erzählgegenstand im besonderen." 5 Das heißt nichts anderes, als daß schon im Akt des Schreibens bzw. Vortragens des Epos die historische Wirklichkeit der Zeit zumindest mitgedacht wurde. Wenn wir davon ausgehen, daß uns von der Geschichtswissenschaft ein die damalige Wirklichkeit annähernd abbildendes Bild von Umständen und Bedingungen mittelalterlichen Lebens erabeitet wurde, können wir dieses als Hintergrund verwenden, vor dem wir einen literarischen Text jener Zeit betrachten. Dabei können wir einiges bestätigt finden und dadurch leichter verstehen, aber wir können auch zu dem Schluß kommen, daß die Personen des literarischen Textes anders handeln, als wir es von einem mittelalterlichen Menschen erwarten. Die nachfolgenden Betrachtungen wollen sich dieser Prämisse unterwerfen. Ferner soll die Fassung C gelegentlich zum Vergleich herangezogen werden, als zeitgenössischer Versuch, das Nibelungenlied zu "verstehen".
II.
Im Mittelalter machte die vollkommen andere Lebenswelt eine andere Haltung des Individuums zu der ihm gegenüberstehenden Gesellschaft notwendig. Die feindlichen, nur teilweise kultivierten Landschaften, der fehlende großflächige Rechtsraum mit seinen Instanzen, wie wir ihn kennen, und das Fehlen eines Wirtschaftssystems, in dem Produktion und Dienstleistung in verschiedene Aufgabenbereiche unterteilt sind, machten eine Existenz des Einzelnen ohne enge Bindung an eine größere Gemeinschaft unmöglich. Auch heute kann der Einzelne kaum ohne die Gesellschaft, den Staat existieren, aber die Bindung ist weniger eng, als dies im Mittelalter der Fall war. "Daß kollektive Ordnungen in einem höheren Grad und eindeutiger Aktionen und Reaktionen der einzelnen Figuren bestimmen, gehört allerdings selbst zu den historischen Voraussetzungen vormoderner Alltagswelten wie ihrer epischer Projektionen." 6 , stellt Müller fest, aber jene Ordnungen "eröffnen Spielräume des Handelns und der Identitätsbildung, die von den Einzelnen auf unterschiedliche Weise
5 Jan-Dirk Müller, Motivationsstrukturen und personale Identität im Nibelungenlied. Zur Gattungsdiskussion um 'Epos' und 'Roman', in: Fritz Peter Knapp (Hrsg.), Nibelungenlied und Klage. Sage und Geschichte, Struktur und Gattung. Passauer Nibelungenliedgespräche 1985, Heidelberg 1987, S. 221-256, hier S. 226.
6 Müller (1987), S. 229.
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genutzt werden können." 7 , das heißt mit anderen Worten, trotz der Notwendigkeit sich einer wie auch immer gearteten Gesellschaft einzugliedern, hatte auch der mittelalterliche Mensch die Chance sich einen individuellen Bereich zu bewahren. Individualität existierte auch im Mittelalter. Allerdings darf dieser individuelle Bereich nicht mit dem gesellschaftlichen in Widerspruch stehen. Ist dies der fall, muß es zum Konflikt kommen, dieser kann entweder aufgelöst werden, wenn sich beide Seiten versöhnen, wie in der zu betrachtenden Szene des Nibelungenliedes, wenn hier auch eher unbefriedigend, oder es führt zur Katastrophe, wie am Ende Nibelungenlieds. Der Betrachtung der eigentlichen Versöhnungsszene soll kurz vorausgeschickt werden, wovon sich der Konflikt, in dem Kriemhilt als Individuum und ihre Sippe als Gesellschaft stehen, herleitet. Kriemhilt steht nach der Ermordung ihres Mannes grundsätzlich die Möglichkeit offen, mit dem Sippenverband ihres Mannes, dem nun wieder dessen Vater Sigmunt vorsteht, nach Xanten zu gehen (1073,5). Sie aber bleibt in Worms, "bi den vriunden" (1082,4), also ihren Verwandten, wobei der Begriff "vriunde" ein allgemeinerer Begriff ist als "mâgen" oder "konemâgen", die beide in ihm enthalten sind. Es können jedoch auch bestimmte Mitglieder der Hofgemeinschaft, etwa besonders hochrangige Vasallen, hinzutreten. Werner Schröder stellt richtig fest: "Was sie [Kriemhilt] in Worms [...] festhält, sind Überlegungen sippengebundenen Denkens, die [...] für den mittelalterlichen [Menschen] [...] noch reale Bedeutung besitzen." 8 Von der Richtigkeit einer solchen Entscheidung versuchen sie ihre "mâge" (1077,2) und "vriunde" (1085,1) zu überzeugen, und dies gelingt. Ferner wird so gewissermaßen, ob Kriemhilt dies nun weiß, spielt keine Rolle, dem Wunsch Sîvrits entsprochen (996f). Schröders Vermutung, Kriemhilt müsse "als Angehörige der Mördersippe Vergeltung von Seiten der Sippe ihres Mannes fürchten" 9 , scheint mir vor dem Hintergrund ihrer Argumentation zur Abhaltung der Xantener von der sofortigen Rache wenig plausibel (1033ff). Vielmehr scheint mir für Kriemhilt die Verbindung zur agnatischen "mâge" der Burgunden wichtiger zu sein, als zur kognatischen "konemâge" der Niederländer: "ich habe niemen mâge / in Nibelunge lant." (1085,3). Obwohl Kriemhilt also in Worms
7 Ebd.
8 Werner Schröder, Nibelungenlied-Studien, Stuttgart 1968, S. 81.
9 Schröder (1968), ebd.
Arbeit zitieren:
Oliver Tekolf, 2002, Nibelungenlied - Die Versöhnung zwischen Gunther und Kriemhilt, München, GRIN Verlag GmbH
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