I) Einleitung
Mit der Errungenschaft der Menschenrechte nach dem Zeitalter der Aufklärung und den Neuerungen durch die französische Revolution im Sinne von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit bot sich für die Deutschen aller Staaten ein ganz neues Verständnis vom Miteinanderleben, von dem eigenen Wert, von der Unabhängigkeit, dem Freiwerden aus jahrhundertelanger Knechtschaft durch den Adel und den Fürsten der Feudalherrschaft.
Die Juden in den deutschen Staaten sahen in dieser „politisch- gesellschaftlichen Neuordnung“ die Möglichkeit, aus der jahrhundertelangen Position des „Bürgers zweiter Klasse“, welchem nicht die gleichen Rechte zustanden, herauszutreten, und mit Hilfe der aus dem Naturrechtsdenken der Aufklärung entstandenen Menschenrechte die Gleichheit vor dem Gesetzt zu erlangen. Der Anfang der Emanzipation wird von vielen Historikern in dem Beginn der französischen Revolution 1789 als Teil des allgemeinen Kampfes um die Menschenrechte 1 gesehen, andere sprechen von einer ersten „unvollständigen Emanzipation“ während der napoleonischen Herrschaft, bei der die Gleichstellung von den französischen Besatzungsbehörden in einigen Ländern verordnet wurde und daraufhin dieses als Vorbild auch in anderen Ländern übernommen wurde. Viele, und darunter hauptsächlich die streng Nationalen, sprachen in Bezug auf die von den Franzosen auferlegten Maßnahmen von einer „ausländischen Tyrannei“. 2 Ein weiteres Fortschreiten der Emanzipationsbewegung brachten die Revolutionsjahren 1848/49 mit sich. Zwanzig deutsche Staaten erkannten die vollständige Gleichstellung der Juden unbedingt an.
Erst durch die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes 1869 wurde die unter anderem von Wilhelm von Humboldt, um 1800 Leiter des Schul- und Bildungswesen im preußischen Innenministerium, geforderte uneingeschränkte Gleichstellung verwirklicht, nach gut einem halben Jahrhundert heftiger Diskussionen und Auseinandersetzungen.
Die Argumente und Ansichten gegen die Emanzipationsbewegung müssen vor ihrer Gewichtung zunächst einmal auf gewisse historisch-gesellschaftliche Hintergründe untersucht werden. Zu fragen ist dabei, aus welchen gesellschaftlichen und politischen Schichten die Autoren antisemitischer Schriften stammten, aus welcher Intention sie handelten und wie sie zu den von ihnen formulierten Thesen gekommen waren.
1 Grab, Walter: Der Deutsche Weg der Judenemanzipation 1789- 1938, München Zürich 1991, S.2
2 Poliakow, Leon: Geschichte des Antisemitismus, Bd.6. Emanzipation und Rassenwahn, Worms 1987, S.29
Der überwiegende Teil der antisemitischen Autoren stammt aus dem mittleren Bürgertum. Tradition und damit verbundener Konservativismus waren die Grundlagen für eine ablehnende Position gegenüber jeglichen Neuerungen und gegen den mit Modernisierungskonzepten verbundenen Liberalismus. Diese Schicht hatte nichts für grundlegende Veränderungen des politischen Systems oder den Wandel der gesellschaftlichen Ordnung übrig. Dem Fortschrittsdenken, sowie Reformideen, standen sie ablehnend gegenüber. Die Emanzipationsbewegung lehnten sie erst recht ab. Sie sahen in der rechtlichen Gleichstellung ein Unglück: Die Gleichstellung mit den unverbesserlich „verderblichen“ Juden. 3 Diese Einstellung beruhte auf ganz eigenen Vorurteilen.
Diese Vorurteile wurden bereits durch Autoren wie Johann A. Eisenmenger um 1700 in seiner berüchtigten Schrift „Entdecktes Judentum oder gründlicher und wahrer Bericht...“ geschürt, der seinerzeit „die schlechten Charaktereigenschaften der Juden“ herausgestellt hatte. Aus den Vorurteilen wurden später oftmals Argumentationsgrundlagen, aus denen wiederum Rechtfertigungsmuster entstanden. Diese dienten im 19. Jahrhundert den Literaten dazu, die Notwendigkeit, sich gegen die Emanzipationsbewegung zur Wehr zu setzten, zu begründen. Ausgangspunkt für weitere Argumentationen war ein durchweg negatives Judenbild. Dieses Judenbild war in politischer, wirtschaftlicher, religiöser und gesellschaftlicher Hinsicht ein Grund, die Juden von einer Gleichstellung auszuschließen. Weiterhin bot es auch einen Rechtfertigungsgrund für die im folgenden Beitrag genannten „Alternativen zur Emanzipation.“
II) Die zeitgenössisch antisemitischen Literaten
Emanzipation / Integration 1. Argumente gegen eine Emanzipation der Juden
Das natürliche Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden muß als erster Punkt der Betrachtung gelten, um die weiteren Ansichten verstehen und deuten zu können. In den Schriften antisemitischer Literaten wird in metaphorischer Weise der Unterschied zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen deutlich gemacht. Hartwig von Hundt- Radowsky schreibt 1819 dazu:
„Christ und Jude sind einander abstoßende Pole, sind Metalle ohne Wahlverwandtschaft, bei denen kein Gedanke an Verschmelzung stattfindet (...).Der Plan, die Israeliten mit den Christen
3 Berding, Helmut: Antisemitismus in der modernen Gesellschaft, in: Hettling, Manfred/ Nolte, Paul: Nation und Gesellschaft in Deutschland, München 1996, S. 194
zu verschmelzen, war also eine der lächerlichsten Thorheiten des aufgeklärten achtzehnten Jahrhunderts“. 4
Etwa 100 Jahre später, gegen Ende des Deutschen Kaiserreichs, äußert sich Daniel Frymann, mit bürgerlichen Namen Heinrich Claß und Vorsitzender der XXX, zu dem natürlichen Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in ganz ähnlicher Weise; eine Kontinuität dieser Einstellung über einen langen Zeitraum ist daraus ersichtlich.
„Nun sind Deutscher und Jude ihrem innersten Wesen nach wie Feuer und Wasser; solange unser Volksleben gesund war, gab es nichts Verschiedeneres als die deutsche und die jüdische Lebensauffassung.“ 5
Die beiden Textstellen verdeutlichen die Meinung der Autoren, daß eine „Verschmelzung“ der beiden Bevölkerungsgruppen aufgrund der natürlichen Verschiedenheit bzw. der krassen Gegensätzlichkeit als ausgeschlossen angesehen werden müsse. Wie die Gegensätzlichkeit im Detail ausgesehen haben soll, beschreibt Hundt- Radowsky 1819 in seiner Schrift „ Judenspiegel, Ein Schand- und Sittengemälde alter und neuer Zeit“. In der Widmung erwähnt er seinen „Vorgänger“, den Antisemiten Karl Wilhelm Friedrich Grattenauer: „Dem Saamen Abrahams freundlichst gewidmet von Grattenauer dem Zweiten.“
Hundt- Radowsky stellt in seinem Werk Grundsätze heraus, die seiner Meinung nach die Juden „unfähig mache, jemals gute Staatsbürger unter nichtjüdischen Völkern zu werden.“ 6 Zu diesen Grundsätzen zähle die „rücksichtslose Bereicherung“, hervorgerufen durch den „angeborenen Schachergeist“ 7 der Juden, der erlaubte Meineid, Christenmord, „der von ihnen nicht als Verbrechen angesehen werde“ 8 , Schandtaten, die generell durch die Religion legitimiert seien; Betrug, gerade gegen einen Christen - einen „goi“ 9 , der geradezu als „Kavaliersdelikt“ angesehen werde. Es herrsche ein starker Zusammenhalt, eine Art Sippschaft, in der untereinander kein Verrat erlaubt sei.
4 Hundt- Radowsky, Hartwig: Judenspiegel, Ein Schand- und Sittengemälde alter und neuer Zeit, Würzburg, 1819, S.142
5 Frymann, Daniel: Wenn ich der Kaiser wär`- Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten, Leipzig 1914, S.30
6 Hundt- Radowsky: Judenspiegel, S. 61
7 Ebd., S.62
8 Ebd., S.61
Arbeit zitieren:
Matthias Rischer, 2001, Stimmen gegen die Judenemanzipation im 19. Jahrhundert / Der Antisemitismus in der Literatur des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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