1. Einleitung
Wenn heute allgemein von ,,Geschlechterforschung" die Rede ist, ist damit eigentlich nahezu immer ,,Frauenforschung" gemeint. In Abhandlungen, die sich mit Geschlechterforschung auseinandersetzen, sind Männer bisher selten zum Gegenstand empirischer Untersuchungen geworden.
In dieser Arbeit sollen aktuelle wissenschaftliche Befunde über ,,Männlichkeit" dargestellt werden: Was weiß man heute von ,,Männlichkeit" und wie ist die Entwicklung hin zur Männlichkeit zu verstehen ?
Ansätze sollen betrachtet werden, die Männer als Geschlecht im Vergleich zu Frauen darstellen. Dabei wird zunächst einmal die Frage nach den Unterschieden zwischen beiden Geschlechtern und ihren Ursachen zu beantworten sein. Entwicklungsprozesse müssen hierbei verstanden werden, die beide Geschlechter in Form von Sozialisation durchleben. In Bezug auf die sozialisationsbedingten Geschlechtsunterschiede stellt sich des weiteren die Frage, ob diese nicht angeglichen werden sollten.
Weiter soll nach einer empirischen Erhebung, die Cornelia Behnke in ihrem Buch ,,Frauen sind wie andere Planeten" darstellt, untersucht werden, wie sich nach Jahren der Frauenbewegung und Emanzipation Männer selbst definieren und wie sie das andere Geschlecht sehen:
Was denken Männer in der heutigen Zeit über das andere Geschlecht und wie deuten sie Beziehungen zwischen sich und dem anderen Geschlecht ?
Besteht ein Denken in Geschlechterkategorien fort oder hat eine Annäherung stattgefunden? Gibt es, da Frauen in vielen gesellschaftlichen und politischen Bereichen ,,aufgeholt" haben, ein verschärftes Konkurrenzdenken, oder eher ein sich gegenseitig akzeptierendes Miteinander ?
Als letzter Punkt sollen Ansätze zur Konstruktion von Männlichkeit dargestellt werden. Dabei werden Ansätze aus unterschiedlichen Bereichen (Klinisch- therapeutisch, sozialpsychologisch etc.) beleuchtet und miteinander verglichen. Einen besonderen Stellenwert nehmen hier die psychoanalytischen Ansätze zur Erklärung unterschiedlicher Sozialisation von Männern ein.
2. Männerbilder/ Frauenbilder
Das Buch ,,Frauen sind wie andere Planeten" von Cornelia Behnke befasst sich mit dem Geschlechterverhältnis aus männlicher Sicht. Untersucht wird dabei, wie Männer sich selbst und das andere Geschlecht wahrnehmen.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht als zentrale Fragestellung, was Männer in der heutigen Zeit über Frauen denken und wie sie Beziehungen zwischen sich und dem anderen Geschlecht deuten.
Behnke wirft hierzu die Fragen auf, ob eine Gegenüberstellung heute überhaupt noch Sinn mache oder ob wir nicht vielleicht schon in einer Zeit lebten, ,,in der das `Ewigweibliche` aus den Vorstellungen von Männern verschwunden sei. 1 "
Des weiteren könne vermutet werden, dass sich parallel zu den jüngeren Entwicklungen wie der Frauenbewegung und dem Feminismus Frauen- und Männerbilder langsam auflösen und dass gängige Geschlechterrollenmodelle brüchig werden. Ob dies wirklich der Fall ist, soll anhand der Aussagen in der Erhebung nachgeprüft werden. Behnke hat es sich zum Thema gemacht, den männlichen Blick auf die Frau und das derzeitige Geschlechterverhältnis zu untersuchen.
Um die Einstellungen von Männern festzuhalten und Ergebnisse auszuwerten, wurden Gruppendiskussionen mit unterschiedlichen Zusammenschlüssen von Männern- vom Herrenclub bis zur Stammtischrunde- geführt. Als Erhebungseinheiten sollten bewusst nicht einzelne Individuen befragt werden, sondern größere Gruppierungen von Männern. Ihr Buch ist untergliedert in einen einleitenden Teil, in dem u.a. aktuelle Konzeptionen der Kategorie Geschlecht diskutiert und sozialhistorische Hintergründe über die Entstehung der modernen Geschlechterordnung aufgezeigt werden, in einen methodischen und einen empirischen Teil.
Behnke hebt bereits in der Einleitung hervor, dass Im Verlauf der empirischen Analyse sehr schnell deutlich wurde, dass Aussagen und Einstellungen zur Geschlechterordnung maßgeblich mit der Milieuzugehörigkeit zusammenhängen. In der bürgerlichen Mittelschicht finde eine rigide Trennung zwischen männlichen und weiblichen Welten unter Bezugnahme auf geschlechtsspezifische Eigenheiten statt.Bei den Männern des Arbeitermilieus lasse sich eine gewisse Gleichgültigkeit im Hinblick auf Fragen der Geschlechtszugehörigkeit feststellen. 2
Den Untersuchungen vorangestellt kritisiert Behnke die Entsexuierung der Kategorie Geschlecht durch neuere theoretische Konzeptionen, die Geschlecht als rein soziales Konstrukt ansehen:
,, Konkrete leibliche Erfahrungen sind aber meines Erachtens ein zentraler Schlüssel für das Verständnis von Geschlecht und Geschlechterdifferenz." 3
Geschlecht ist für sie sowohl ein materiell/ körperliches Phänomen als auch ein symbolisches System in einem gesellschaftlich- kulturellen Kontext. Diesbezüglich führt sie aus: ,, Eine Analyse, die das Mannsein und Frausein als missverständliche Wahrnehmung oder falsches Bewusstsein interpretiert, geht am konkreten Erleben des Menschen vorbei." 4 2.1 Wie Männer sich selbst sehen
In Behnkes Diskussion mit verschiedenen ,,Männergruppen" wurde stets die Einstiegsfrage gestellt: ,,Was heißt oder bedeutet es für Sie/ euch ein Mann zu sein ?" 5 Es geht ihr hierbei zunächst darum, an einer kollektiv geteilten Erfahrung in der Diskussion anzusetzen.
Männer der ,,leistungsorientierten" Mittelschicht
Die Befragten einer Gruppe von Managern und Freiberuflern antworteten auf di e Einstiegsfrage, ihnen gelte das Geschlecht als eine Selbstverständlichkeit, welche nicht zur Disposition stehe. Es sei folglich überflüssig darüber nachzudenken. Der Mann sei derjenige, der eine ,,übergeordnete Verantwortung" trage. Er mache sich im Laufe seines Lebens nicht ein Verantwortungsethos zu eigen, sondern werde gleichsam damit geboren. Mit dem Eintritt ins Berufsleben und der Gründung einer Familie beginne die Verantwortung, welche eine lebenslange Verpflichtung darstelle und den Übertritt zum ,,eigentlichen Mannsein" schaffe. 6
Männer haben hier nach eigener Meinung für die finanzielle Absicherung der Familie zu sorgen.
Die Verantwortung bedeutet für die Männer Last und Privileg zugleich. Sie müsse vom Mann ein Leben lang getragen werden, sorge jedoch gleichfalls für die Sicherung der `natürlichen` Führungsposition des Mannes in der Familie. 7 Bei der Befragung einer zweiten Gruppe wurde die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht und das Geschlechterverhältnis nicht als diskussionswürdig betrachtet.
Ihrer Meinung nach sei die Frage nach dem Mannsein für die gesamte männliche Bevölkerung der Bundesrepublik eine sinnlose Frage, da es in Deutschland keine ,,Machos" gäbe. Mannsein könnte also folglich nur eine kleine Klientel erklären, die eine gewisse ,,Hypermaskulinität" verkörpert.
Geschlechtszugehörigkeit sei ,,eine Entscheidung der Natur", Geschlecht und Geschlechterverhältnis sind für die Gruppe etwas, dass nicht verhandelbar sei. 8 Männer der ,,intellektuellen" Mittelschicht
Eine weitere Gruppe, deren Mitglieder von Behnke zur ,,intellektuellen Mittelschicht" gezählt wurden, reagierte auf die Einstiegsfrage im Gegensatz zu den leistungsorientierten Männern weder überrascht noch mit Befremdung. Die Frage wird als sinnvoll und zentral erachtet, da sie als kompatibel für die Gruppenthematik der Mitglieder angesehen wird. Für die Männer dieser Gruppe ist Männlichkeit auch `nach langer Suche` immer noch eine offenen Frage.
Männlichkeit wird hier zunächst theoretisch durch psychoanalytische und sozialisationstheoretische Annahmen erklärt. Diese theoretisch Herangehensweise war bei den leistungsorientierten Männern nicht zu beobachten, die Männlichkeit als etwas selbstverständliches und von der Natur gegebenes ansahen.
Die Männer dieser Gruppe bescheinigen sich selbst ein Defizit an männlicher Identifikation, was mit einer ,,unzureichenden" Vater- Sohn Beziehung erklärt wird. Sie lehnen das hypermaskuline ab, folgen den feministischen Ansätzen und vermissen doch in irgendeiner Form das ,,ursprünglich männliche".
,,Die Gruppe [...] vermisst eine selbstverständliche Handlungspraxis, eine Selbstdarstellung ohne kritische Reflexion der eigenen Geschlechtszugehörigkeit, kurz habituelle Sicherheit als Mann. 9
Diese Gruppe von Männern befindet sich in einem Konflikt:
Sie distanzieren sich von der männlichen Geschlechtsrolle, `eindeutig männliches Verhalten` wird moralisch verurteilt, aber doch mit Sehnsucht betrachtet. Festgelegt ist lediglich, wie ein Mann nicht sein soll. Fraglich bleibt, wie er sein soll.
In einer weiteren Gruppe wird das Geschlecht auf den von der Natur zusammengesetzten Chromosomensatz (XX oder XY) zur ückgeführt.
Mann sein bedeutet, dass man mit dem Chromosomensatz XY geboren worden sei. Diese Gruppe versucht sich bewusst von den Geboten der Frauenbewegung zu distanzieren. Sie will nicht länger die Rolle des Angeklagten einnehmen.
Beiden Gruppen mange lt es an eigenen positiven Entwürfen von Männlichkeit, was hier ein zentrales Problem darstellt. Männer des Arbeitermilieus
,,Mannsein" ist für die befragten Arbeiter mit den körperlichen Merkmalen verbunden. Dass man ein Mann sei, das sehe man eben. 10 Der Mann ist für sie der Ernährer und zugleich das Familienoberhaupt. Die Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gründe sich darauf, dass der Mann nicht gebären könne. Die Frau sei an den Gattungszweck gebunden, ihr stehe es nicht frei, Erwerbsarbeit nachzugehen. Folge: Der Mann bleibe als Ernährer übrig. 2.2. Wie Männer Frauen sehen
Da die Frage nach dem `Mannsein` in Behnkes Untersuchung unweigerlich auch die Frage nach dem `Frausein` implizierte, ist das Frauenbild der Männer zu einem zentralen Aspekt ihrer Arbeit geworden.
Männer der ,,leistungsorientierten" Mittelschicht
Die Befragten der Gruppe von Managern und Freiberuflern erkennen an, dass die Frau den, wie sie selbst formulieren, `schwierigeren Part` in der ehelichen Gemeinschaft habe. Die Folgen der doppelten Vergesellschaftung trügen dazu maßgeblich bei. Die Ehefrauen werden respektiert und ihre Arbeitsleistungen werden gewürdigt. Trotzdem stellten Frauen merkwürdige Wesen dar: Männer und Frauen besäßen unterschiedliche Interessen, Eitelkeiten etc.
,,Mann und Frau erscheinen als unterschiedliche Geschlechtscharaktere, deren jeweilige Eigenarten nicht verhandelbare Größen, sondern wesensmäßige Bestimmungen darstellen." 11 Für die befragten Männer bildeten Frau und Mann ,,ein sich ergänzendes Gegensatzpaar, was in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung seinen natürlichen Ausdruck findet." 12 Um Frauen zu charakterisieren, werden von den Männern auffällig viele Stereotype benutzt. Handlungspraktiken der Frauen seien nur schwer nachvollziehbar und damit auch Ausdruck und Beweis für ihr Anderssein. Männer der ,,intellektuellen" Mittelschicht
Lebensweltlicher Hintergrund der beiden untersuchten Gruppen ist das politisierte linksliberale Milieu der 70er /80er Jahre, in dem die Männer beider untersuchter Gruppen ihre Sozialisation als Mann erfahren haben.
Die Männer sind durch politische und gesellschaftliche Umbrüche sensibilisiert worden. Behnke schreibt dazu:
,,Beide Gruppen dokumentieren durch ihre Mitgliedschaft in Männergruppen ihre Bereitschaft, sich von alten Geschlechtsrollenmodellen zu distanzieren. Die Männer haben feministische Theorie rezipiert und sind bereit, frauenbewegte Forderungen zu erfüllen. Auf der Ebene der Einstellungen sind [die beiden Gruppen, Anm. d. Verf.] als profeministisch und veränderungswillig zu bezeichnen." 13
Zwischen Frauen (Partnerinnen) und Männern werden hier in der Partnerschaft unüberwindbare Differenzen gesehen (,,Frauen sind wie andere Planeten"). Frauen unterliegen wie bei den ,,leistungsorientierten" einem gewissen Bild: Die pedantische, regelfixierte Hausfrau.
Das Geschlechterverhältnis erscheint des weiteren stets in ei ner gesellschaftspolitischen Dimension: Dominanz der Männer/ Diskriminierung von Frauen meint gesamtgesellschaftliche Dominanz/ gesamtgesellschaftliche Diskriminierung. 14 Viele der Männer geben weiter an, dass sie sich in früheren Zeiten hauptsächlich in `frauenbewegten Kreisen` bewegt hätten. Dort seien sie mit Pauschalurteilen von Frauen oftmals konfrontiert worden: Mannsein wurde gleichgesetzt mit Aggression und Gewalt, Männer seien potentielle Vergewaltiger, Kriegstreiber etc.
Auch hier wird deutlich, ,,wie wenig in ihrem Milieu [Mittelstand, Anm. d. Verf.] zwischen gesamtgesellschaftlichen Problematisierungen und konkreter Interaktionsebene differenziert wird." 15 Männer des Arbeitermilieus
Das Verhältnis der Geschlechter wird innerhalb des übergreifenden Rahmens der alltäglichen Anforderungen verortet.
Generalisierte Aussagen über `die Frau` werden kaum getroffen. Es besteht im Gegensatz zu der leistungsorientierten Mittelschicht kein Idealtypus Frau, der anhand bestimmter Wesensmerkmale festgemacht werden könnte.
Frauen werden im Arbeitermilieu nicht in dem Maße als `anders` angesehen. Zentral ist für den männlichen Arbeiter, dass er gemeinsam mit seiner Frau die Anforderungen des Lebens bewältigen muss, wobei die Frau gleichen Zwängen unterliegt wie der Mann. Partnerschaft ist hier eher als Schicksalsgemeinschaft zu verstehen, in der eine praktische Moral und eine Orientierung an der Notwendigkeit vorherrschen.
Arbeit zitieren:
Matthias Rischer, 2000, Männer und Geschlechterforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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