Oliver Tekolf
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I. Teil ............................................................................................................................................ 2 II. Teil: Antisemitismus: Schicksalsfrage oder Vorwand?............................................................ 3 Antisemitismus als Gleichmacherei ......................................................................................... 3 Antisemitismus als Produkt des Kapitalismus ......................................................................... 5 Der religiöse Ursprung des Antisemitismus ............................................................................. 6 Antisemitismus als Idiosynkrasie ............................................................................................. 8 Antisemitismus als falsche Projektion.................................................................................... 10 Antisemitismus als Ticketdenken........................................................................................... 14 III. Teil ........................................................................................................................................ 17 IV. Teil........................................................................................................................................ 21
I. Teil
Das Kapitel 'Elemente des Antisemitismus' in der 'Dialektik der Aufklärung' wurde von Max Horkheimer konzipiert und von Theodor W. Adorno überarbeitet. 2 An den ersten drei Thesen, wie die mit römischen Ziffern betitelten Abschnitte des Kapitels von den Autoren bezeichnet werden, arbeitete außerdem Leo Löwenthal mit 3 . Die letzte These erschien erstmals in der Buchausgabe von 1947, noch nicht im vervielfältigten Typoscript von 1944 (Dialektik der Aufklärung, S. 24)
Zuerst sollen in Form einer erweiterten Inhaltsangabe die Thesen der Autoren Horkheimer und Adorno dargestellt werden (2.1.-2.7.). Daran anschließend soll der Zusammenhang der Thesen erläutert, Sekundärliteratur
1 Überarbeitete Fassung eines Referats im Wintersemester 1994/95 im Seminar von Prof. Dr. Wolfhart Henckmann,
Ludwig-Maximilians-Universität München.
2 Vgl. SCHMID NOERR, Gunzelin: Nachwort des Herausgebers. - In: HORKHEIMER, Max: Gesammelte Schriften. Band 5.
'Dialektik der Aufklärung' und Schriften 1940-1950. Herausgegeben von Gunzelin Schmidt Noerr. - Frankfurt am Main 1987. - S. 423-452. - Hier: S. 430.
3 Vgl. HORKHEIMER, Max/ADORNO Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. - In: HORKHEIMER
(1987) S. 11-290. - Hier: S. 23. - Im folgenden im Text zitiert mit der Seitenangabe in Klammern hinter dem Zitat.
- 3 - behandeltund Kritikpunkte des Verfassers an der Argumentation und den Behauptungen der Autoren Horkheimer und Adorno diskutiert werden. (3.1.-3.3.)
II. Teil: Antisemitismus: Schicksalsfrage oder Vorwand?
Für die Faschisten ist der Antisemitismus die Schicksalsfrage der Menschheit. Für sie hängt die Rettung der Welt von der Ausrottung der Juden ab, die für sie das negative Prinzip darstellen. Diese Doktrin ist wahr, weil die Faschisten sie wahr machten. Jedoch drückt ihr Bild von den Juden ihr eigenes Wesen aus: absolutes Besitz- und Machtstreben.
Für die Liberalen definiert sich Jüdisches nur durch Religion und Tradition. Dies ist wahr als Idee. Jedoch gehen die Liberalen von einer bereits verwirklichten Einheit der Menschen aus. Tatsächlich durchbricht Dasein und Erscheinen der Juden diese Allgemeinheit. Die Juden hatten stets ein unsicheres Verhältnis zur herrschenden Schicht. Im Schritt der Juden aus ihrer ursprünglichen Gemeinschaft hinein in die neuzeitliche bürgerliche Gesellschaft zeigt sich die Dialektik der Aufklärung, denn diese bürgerliche Gesellschaft war ja schon auf dem Weg zur Reorganisation in die hundertprozentige Rasse. Rasse ist aber heute nicht das naturhaft Besondere, sondern "die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv." (DdA, S.199) Die Ordnung der harmonischen Gesellschaft ist ohne Verfolgung nicht möglich. Wesen dieser Ordnung ist die Gewalt.
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Der Antisemitismus war als Volksbewegung stets Gleichmacherei. Denen, die keine Macht hatten, sollte es auch nicht besser gehen als dem Volk, dachte dieses. Gerade weil aber die Pogrome und Plünderungen ökonomisch den Massen nur wenig einbrachten, bekam der Antisemitismus als völkisches
- 4 - Heilmittelnoch mehr Attraktivität. Er "hilft nicht den Menschen, sondern ihrem Drang nach Vernichtung." (DdA, S. 199)
Von den Herrschenden als Korruptionsmittel für die Massen benutzt, blieb die urgeschichtlich-geschichtliche Verstrickung des Antisemitismus im Dunkeln: Weil die Rationalität, die mit der Herrschaft verknüpft ist, dem Leiden der beherrschten Massen zugrunde liegt, ist den völkischen Antisemiten durch rationale, ökonomische und politische Argumente nicht beizukommen. Verfolger wie Opfer sind blind. Der sich antisemitisch verhaltende Mensch ist seiner Subjektivität beraubt, seine Taten sind nur sinnleere Reaktionen. Antisemitismus ist somit ein Ritual der Zivilisation, die Pogrome die dazugehörigen Ritualmorde.
Wut entlädt sich stets auf den Auffallenden. Das Opfer ist austauschbar, wie auch der Täter, er muß sich nur als Norm fühlen. Deshalb: "Es gibt [...] keine geborenen Antisemiten." (DdA, S.200)
Während die Auftraggeber des Haßes weder die Juden hassen, noch ihre eigene Gefolgschaft lieben, kann es für letztere Entspannung nur in der Erfüllung geben, die sie jedoch nie erlangen. Plünderung wird als Rettung von Familie, Vaterland und Menschheit ideologisiert. Weil aber die Taten ökonomisch uneffektiv bleiben, wandelt sich die erbärmliche Rationalität der Motive zum unerhellten Trieb. Die Erde muß zwingend erneuert werden. Um ihre Zwecklosigkeit zu verbergen, mutiert die Tat zum Selbstzweck. Alles muß erfaßt werden. Antisemitismus und Totalität hängen eng zusammen. Die im Liberalismus zwar machtlosen, aber besitzenden Juden erregten die Wut der Massen, die das Versprechen der Menschenrechte "Glück auch ohne Macht" in der vorherrschenden Klassengesellschaft als Lüge empfanden. Daß Glück ohne gleichzeitige Macht möglich sei, war ihnen unerträglich. Der vermeintlich mit den Bolschewisten verschwörte jüdische Bankier und der vermeintlich nicht arbeitende jüdische Intellektuelle, der sich den Luxus des Denkens gönnt, sind das Wunschbild der Beherrschten, das sie jedoch verleugnen.
Die heutige Gesellschaft ist die Gesellschaft des Geschäfts, eine Gesellschaft, "in der nicht mehr bloß Politik ein Geschäft ist, sondern das ganze Geschäft die ganze Politik." (DdA, S. 202) Der Jude als Händlerfigur, als Schacherer erregt die Empörung dieser Gesellschaft.
Der spezifisch ökonomische Grund des bürgerlichen Antisemitismus ist die Verkleidung der Herrschaft in Produktion. Während in vorindustriellen Zeiten Arbeit als Schmach galt, die nur die Beherrschten auszuüben hatten, sagten die neuen, bürgerlichen Herren: »Arbeit schändet nicht«, um sich auf rationale Weise, der Arbeitskraft anderer zu bemächtigen. Scheinbar arbeiten sie, tatsächlich nehmen sie nur ein, denn weil die Herrschenden im Besitz der Produktionskräfte sind, können sie die Beherrschten zwingen, zu produzieren. Die "produktive Arbeit" der Unternehmer ist der ideologische Deckmantel, der "das Wesen des Arbeitsvertrages und die raffende Natur des Wirtschaftssystems überhaupt zudeckte." (DdA S.203) Darum war der Jude nötig als Sündenbock für die Arbeiterklasse. Im Gegensatz zum gigantischen Besitz des Unternehmers ist der Lohn des Arbeiters, wenn er zum Kaufmann geht, kaum etwas wert. Der Händler als Vertreter der Zirkulationssphäre und "Gerichtsvollzieher" des Fabrikanten lädt stellvertretend den Haß der Arbeiter auf sich, wenn er anpreist, was diese sich nicht leisten können.
Zwar ist diese Zirkulationssphäre nicht nur von den Juden besetzt gewesen, jedoch waren sie so lange in diese gezwungen, daß sie nun den laufend erfahrenen Haß in ihrem Wesen zurückspiegeln. Das Eigentum an den Produktionsmitteln war ihnen lange verwehrt, außer sie betrieben durch Taufe die Selbstverleugnung und nahmen das Verdikt über die anderen Juden bestätigend an. Weil sie in Europa nicht Wurzeln schlagen durften, traf sie der Vorwurf des "Wurzellosen". Sie waren damit brauchbar für die Herrschenden als Vermittler und somit Schutz gegen die Massen, die den Fortschritt bezahlten. Sie zogen sich als Träger kapitalistischer Existenzformen den Haß
- 6 - dererzu, die unter diesen litten. Heute jedoch schließt der Fortschritt die Juden aus, sie sind in der Defensive. Sie, die einmal Individualismus und abstraktes Recht propagierten, sind zur Spezies »Jude« degradiert. Angewiesen auf die Zentralgewalt, die das allgemeine Recht, die Garantie für die jüdische Sicherheit, zu schützen hatte, ist ihnen das Ausnahmegesetz ein Horror. Der Jude "blieb Objekt, der Gnade ausgeliefert, auch wo er auf dem Recht bestand. Der Handel war nicht sein Beruf, er war sein Schicksal." (DdA, S. 205)
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Die völkischen Antisemiten geben vor, ihre Abneigung habe nichts mit Religion zu tun, denn ein Ungläubigkeitsvorwurf an die Juden taugt ihn heutiger Zeit nicht mehr zur Massenmobilisierung. Die Religion aber ist nur in die Kultur integriert worden, nicht aufgehoben worden. Durch das Bündnis zwischen Aufklärung und Herrschaft hat die Religion jedoch ihren Inhalt verloren, und ihre Wahrheit ist aus dem Bewußtsein geschwunden, nur ihre verdinglichten Formen wurden beibehalten. Der Faschismus verfilzte nun die Religion mit dem System und baute Elemente aus ihr in seine Massenkultur ein. Der fanatische Führerglaube heute und der verbissene Glaube von früher gleichen sich. Vom Inhalt des letzteren blieb nur der Haß auf die übrig, die ihn nicht teilen. Im Judentum trägt Gott trotz seiner universalen Gestalt noch Züge des Naturdämons. Der präanimistische Schrecken wurde zur Furcht vor dem Absoluten, vor dem Inkommensurablen, vor dem keinen Widerspruch duldenden "Ich bin" des Gottes. Gott als Geist ist ein der Natur entgegengesetztes Prinzip, um aus dieser zu befreien. Er "fordert, was ihm gebührt, und rechnet mit dem Säumigen ab. Er verstrickt sein Geschöpf ins Gewebe von Schuld und Verdienst." (DdA, S. 207) Im Christentum hingegen gilt das Prinzip der Gnade, das es im Judentum durch den Gottesbund und die Messiaserwartung gibt. Durch die Menschwerdung Gottes in Christus und seinen menschlichen Tod wurde der
Arbeit zitieren:
Oliver Tekolf, 2002, Zu Horkheimer und Adornos Elementen des Antisemitismus in der Dialektik der Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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