Ziel des zweiten Teils der Ausführungen stellt der Vergleich des zuvor Erarbeiteten mit der Erziehung des jungen Gregorius dar, beginnend mit dem Fund des Säuglings durch die Fischer, endend mit dem Verlassen des Klosters und dem Auszug des Jungen in die Ritterschaft. Neben dem Ablauf seiner Erziehung werden auch die bei Gregorius während seines Aufwachsens zutage tretenden Besonderheiten seiner Persönlichkeit erörtert.
2.1 Erziehung im 12./13. Jahrhundert
2.1.1 Entwicklungsphasen der Kindheit
Im Mittelalter unterschieden die Verfasser didaktischer, medizinischer und moralischer Werke zumeist nach antiker Tradition drei Entwicklungsphasen innerhalb der Kindheit des Menschen. Die infantia 1 bezeichnete die Zeit von der Geburt bis zum Alter von sieben Jahren; daraufhin folgte die pueritia 2 , die bei Mädchen mit zwölf, bei Jungen mit vierzehn Jahren abgeschlossen war. Als letzte Phase schloss sich die adolescentia 3 an, die sich vom Ende der pueritia bis zum Erwachsenenalter erstreckte. Die Erziehung des Kindes wurde auf die jeweilige Entwicklungsphase abgestimmt. Dementsprechend wurden Verhalten und Leistungen den normativen Erwartungen an die spezifische Altersgruppe entsprechend beurteilt. 4
Die infantia war durch mangelndes Sprachvermögen gekennzeichnet, welches nach Meinung der Gelehrten durch die noch nicht abgeschlossene Zahnentwicklung bedingt war 5 . Während dieser Zeit oblag die Erziehung den Müttern, die dazu angehalten waren, ihren Kindern gute
Wachstumsbedingungen zu verschaffen und sie vor Gefahren zu bewahren. Als einzige intellektuelle Leistung wurde von den Kindern erwartet, die drei
1 infantia: Säuglingsalter, Vgl. STOWASSER, a.a.O., S. 260.
2 pueritia: Knabenalter, Vgl. ebd., S. 416.
3 adolescentia: Jugendzeit, Vgl. ebd., S. 16.
4 Vgl. SHAHAR, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. München: Artemis und Winkler 1991, S.
29ff..
5 Man beachte die lateinische Bedeutung des Wortes infans: „noch nicht sprechend“. Vgl.
STOWASSER, a.a.O., S. 260.
3
wichtigsten Gebete 6 zu erlernen. Mit Ausnahme derer, die früh ins Kloster geschickt wurden, führten die Kinder somit bis zum Alter von sieben Jahren im Idealfall ein freiheitliches Leben. Die eigentliche Erziehung zu christlicher Moral und Gehorsam sollte erst in der zweiten Phase der Kindheit einsetzen, da nach Meinung der Pädagogen dies der Zeitpunkt war, zu dem das Kind die Sprachentwicklung abgeschlossen habe, Entscheidungen treffen könne 7 und verstandesmäßig in der Lage sei, die Inhalte der Erziehung zu begreifen und zu verinnerlichen. Zudem befänden die Kinder sich dann in der Phase ihres Lebens, in der sie besonders empfänglich für prägende Einflüsse von außen seien. 8 Des Weiteren ging man davon aus, dass sich bei einem Kind mit dem Beginn der pueritia die Neigung zu sündigen kontinuierlich verstärke, und somit die Erziehung zu Christentum, Disziplin und sittlichem Verhalten unbedingt einsetzen müsse.
Der Beginn der Erziehung ging oftmals, insbesondere bei adeligen Jungen, mit dem Verlassen des Elternhauses und d em Eintritt in Schule oder Kloster einher 9 und war somit meist ein einschneidendes Ereignis im Leben der Heranwachsenden, für viele das Ende von Nachsicht und Zärtlichkeit. Als letzter Abschnitt der Kindheit schloss sich die adolescentia an. Die Pädagogen glaubten, dass nun mit der Entwicklung des Intellekts der Drang, Sünden zu begehen und sich unsittlich zu verhalten, weiter zunehme; daher sollte der Erzieher die bereits in der pueritia eingeschlagene Richtung fortsetzen und verstärken. Zudem konzentrierte sich jetzt ein großer Teil der Erziehung auf Ausbildung und Förderung des Geistes und der intellektuellen Fähigkeiten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden die Jugendlichen in die
6 Hierunter verstand man „Vaterunser“, „Gegrüßet seist du Maria“ und „Credo“. Vgl. SHAHAR,
a.a.O., S. 116.
7 Daher bezeichnete man den Beginn der pueritia auch als den Zeitpunkt, zu dem die Kinder
die sogenannten anni discretionis, die „Jahre der Entscheidung“, erreicht haben. Vgl. SHAHAR,
a.a.O., S. 31f..
8 ANSELM VON CANTERBURY vergleicht das Jugendalter mit einem Stück Wachs, das zum
Eindrücken eines Siegels genau die richtige Wärme, das heißt, in Bezug auf das Kind, das
richtige Alter haben muss. „Denn wenn der Wachs zu hart oder zu weich ist, dann gibt es nach
Eindruck des Siegelstempels dessen Abbild niemals vollkommen wieder. Wenn es jedoch die
rechte Mitte zwischen den beiden Extremen einnimmt, wird das Siegelbild deutlich und
vollständig erkennbar. Das gleiche ist es mit den Altersstufen des Menschen. [...]“ Zitiert in:
SHAHAR, a.a.O., S. 118.
9 Vgl. ARNOLD, Klaus: Die Einstellung zum Kind im Mittelalter. In: Mensch und Umwelt im
Mittelalter. Hrsg.: HERRMANN, Bernd, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1986 (a), S. 57.
4
Arbeitswelt der Erwachsenen aufgenommen 10 und waren voll straffähig 11 . Dies zeigt, dass sie meist, obwohl der Theorie nach noch der Kindheit zugehörig, in Bezug auf ihre Verpflichtungen bereits wie Erwachsene behandelt wurden. Über das Ende der dritten Phase herrschte Uneinigkeit. Einige Autoren glaubten, dass die adolescentia mit einundzwanzig beendet sei, andere jedoch erwähnen das Alter von achtundzwanzig oder sogar fünfunddreißig Jahren, was zeigt, dass es im Mittelalter kein einheitliches Kriterium für Volljährigkeit gab. Erst nach dem Abschluss der adolescentia begann offiziell das Erwachsenenalter, in dem der Mann in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft eigenständig handeln und staatliche Ämter einnehmen durfte. 12
2.1.2 Bedeutung der Erziehung und ihre Ziele
Mittelalterliche Gelehrte vertraten die Auffassung, dass der Mensch nicht von Geburt an „ist“, sondern erst durch Erziehung zum Menschen „wird“. Ausgangspunkt für ihre Vorstellung eines idealen Erziehungsprozesses war bei vielen Autoren das Bild der tabula rasa, der „glatten Tafel“ 13 , auf der im Laufe des Lebens die von den Erziehern als richtig empfundenen Dinge eingraviert werden sollten. 14 Ein zeitgenössischer Autor, Bartholomäus METLINGER, beschrieb dieses Bild folgendermaßen: „Die sel eins kints ist wie ein abgeschaben tafel, daran nichts geschriben ist; m an mag aber daran schreiben was man will.“ 15 Einige Autoren gingen allerdings bereits davon aus, dass bestimmte Züge der Persönlichkeit des zu erziehenden Kindes von Geburt an festgelegt sind, und die Aufgabe des Erziehers darin bestehe, diese Anlagen in die gewünschte Richtung weiterzuentwickeln. 16 Letztlich waren sich jedoch alle Gelehrten einig, „daß Kinder und Jugendliche einer besonderen
10 Vgl. LIMMER, Rudolf: Bildungszustände und Bildungsideen des 13. Jahrhunderts, dargestellt
unter besonderer Berücksichtigung der lateinischen Quellen. München: Oldenbourg 1970, S.
122.
11 ARNOLD, Klaus: Kindheit im europäischen Mittelalter. In: Zur Sozialgeschichte der
Kindheit. Hrsg.: MARTIN, Jochen / NITSCHKE, August. München: Alber 1986 (b), S. 448.
12 Vgl. SHAHAR, a.a.O., S. 37ff..
13 rasus = glatt. Vgl. STOWASSER, a.a.O., S. 426.
14 Vgl. ARNOLD (1986b), a.a.O., S. 449.
15 METLINGER, Bartholomäus: Eyn vast nutzlich regiment der jungen Kinder. Zitiert in:
ARNOLD (1986b), a.a.O., S. 450.
16 Vgl. LIMMER, a.a.O., S. 122.
5
Behandlung bedürften, eben der Erziehung, und daß man sie keineswegs ohne die entsprechenden Vorkehrungen aufwachsen l assen dürfe“ 17 , da man überzeugt war, dass sich die Jugend nicht von allein zum Guten hin entwickeln werde, sondern es einer ständigen Kontrolle und Steuerung bedurfte, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen. 18 Dementsprechend kam der kindlichen Erziehung eine große Bedeutung zu. Deren Ziel bestand im Mittelalter vorrangig darin, den Menschen zu Demut, Glauben und christlicher Vollkommenheit zu führen und ihn zum funktionierenden Teil der religiöskirchlichen Ständegesellschaft zu machen. Da die Erziehung der Kinder und ihre gesamte weitere weltliche Existenz auf das Jenseits, das ewige Leben im göttlichen Paradies, ausgerichtet sein sollte, empfand man die Verinnerlichung der kirchlichen Moral für weitaus wichtiger als den Erwerb von Wissen oder beruflichen Fertigkeiten. 19
Um die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, die nach der damaligen Auffassung Gottes Wille entsprach und dementsprechend nicht angezweifelt werden durfte, zu garantieren, bestand ein weiteres wesentliches Ziel der Erziehung darin, den Kindern Gehorsam und Ergebenheit gegenüber den Eltern und anderen hierarchisch höhergestellten Personen zu vermitteln und jeden Widerspruch gegenüber dem Status quo zu unterdrücken. 20 Trotz dieser übergeordneten Ziele, die allen Ständen gemein waren, blieb in einer ständisch differenzierten Gesellschaft die soziale Stellung der Eltern für den genauen Ablauf der Erziehung und des Bildungswegs ihrer Kinder entscheidend. 21
2.1.3 Das Bildungswesen
Bildung diente im 12./13. Jahrhundert nicht wie heutzutage der Vermittlung von allgemeinem und beruflichem Wissen, sondern einer Einführung in das
17 WINTER, Matthias: Kindheit und Jugend im Mittelalter. Freiburg: Hochschulverlag 1984, S.
111.
18 Vgl. ebd., S. 211.
19 Vgl. ARNOLD (1986b), a.a.O., S. 452.
20 Vgl. ebd., S. 453.
21 Vgl. BAUTIER, Robert-Henri (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band 3. München: Artemis
1986, S. 2197.
6
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Rebecca Blum, 2002, Das Erziehungswesen im 12./13. Jahrhundert und dessen Reflex in Hartmanns von Aue Gregorius, München, GRIN Verlag GmbH
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