Einleitung
„We argue that […] men and women come from different sociolinguistic subcultures, having learned to do different things with words in a conversation, so that when they attempt to carry on conversations with one another, even if both parties are attempting to treat another as equals, cultural miscommunication results.” 1
Im Rahmen dieser Arbeit mit dem Titel „Ist Kommunikation zwischen den Geschlechtern interkulturelle Kommunikation? - Eine Kontroverse“ wird die im obigen Zitat zum Ausdruck kommende Annahme des Bestehens einer spezifisch weiblichen und männlichen Gesprächskultur, wie sie unter anderem von Maltz/Borker und Tannen vertreten wird, mit der als Reaktion auf die These der „zwei Kulturen“ erfolgte Gegendarstellung Günthners verglichen.
Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Anfängen der feministischen Sprachwissenschaft in der Frauenbewegung und dem Beginn der feministischlinguistischen Diskussion, um den Ursprung der anschließend beschriebenen Kontroverse darzustellen.
Daraufhin wird die Theorie der „zwei Kulturen“ basierend auf Gumperz’ Konzept unterschiedlicher Kontextualisierungskonventionen in interkultureller Kommunikation erörtert. Im Anschluss soll Günthners Kritik an dieser Theorie anhand einiger essentieller Punkte ausgeführt werden. Das Ziel der Schlussbetrachtung wird sein, aufgrund der vorherigen Darlegungen selbst Position zu beziehen.
1. Entstehung und Themen der feministischen Sprachwissenschaft 1.1 Die „Neue Frauenbewegung“ als Ausgangspunkt
Die deutsche Frauenbewegung lässt sich in zwei zeitlich aufeinanderfolgende Entwicklungsabschnitte einteilen. In der ersten Phase, im Zeitraum zwischen 1840 und 1933, kämpften die Frauen vorwiegend um ökonomische, politische, soziale und kulturelle Gleichberechtigung. Die zweite Phase nahm ihren Anfang in der
1 Maltz, Daniel/Borker, Ruth: “A cultural approach to male-female miscommunication.” In: Language and social identity. Hg.: Gumperz, John. Cambridge: Cambridge University Press 1982, S. 200.
3
Studentenbewegung der 68er und der außerparlamentarischen Opposition (APO). Bereits zu Beginn der Bewegung entstanden Konflikte zwischen Männern und Frauen im Sozialistischen Deutsche n Studentenbund (SDS). Der von 7 weiblichen Mitgliedern gegründete „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ griff Männer wegen ihres repressiven Verhaltens an. Sie wollten die nach außen getragenen Forderungen nach antiautoritären Verhaltensweisen auch im privaten Bereich realisiert sehen. Aus diesen intergeschlechtlichen Spannungen im SDS konstituierte sich die „Neue Frauenbewegung“. Ihre Anhängerinnen vertraten den Standpunkt, die Gesellschaft sei auf ein maskulines Patriarchat gegründet und funktioniere nur auf Kosten der Frauen. 2
„Die Männer dominieren [...] nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch die Privatsphäre, das Subjekt Frau - den weiblichen Körper, die weibliche Emotionalität, das weibliche Denken und Sprechen.“ 3
Die Neue Frauenbewegung bildete mit ihrer grundlegenden Kritik an der Gesellschaft der 70er Jahre und ihrem Streben nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten der Frauen den Beginn der feministischen Beschäftigung mit dem Thema „Geschlecht und Sprache“. Das Herantragen dieses Interessenschwerpunkts an die Wissenschaft führte in den späten 70er Jahren zur feministischen Sprachwissenschaft, zur Beschäftigung mit sexistischem Sprachgebrauch und geschlechtsspezifischem Sprechen. 4
1.2 Die Anfänge der feministisch-linguistischen Diskussion
Während der ersten Jahre der feministisch- linguistischen Sprachforschung versuchte man herauszufinden, inwiefern sich die Sprache des weiblichen von der des männlichen Geschlechts unterscheidet. Robin Lakoff und Senta Trömel-Plötz stellten Hypothesen über spezifisch „weibliches Sprechen“ auf, wonach Frauen angeblich höflichere Formen des Sprechens, mehr Frageformen und „tag-questions“, einen anderen Wortschatz und eine sich von den Männern unterscheidende Intonation verwenden. Der Gebrauch dieser Sprache führt ihrer Meinung nach dazu, dass Frauen machtlos bleiben, da sie unsicher, gefühlsbetont und rücksichtsvoll erscheinen und sich in Gesprächen nicht behaupten können. Der weibliche Sprechstil wurde somit von Lakoff und Trömel-Plötz als
2 Samel Ingrid: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. Berlin: Erich Schmidt 1995, S.14f.
3 ebd., S. 16.
4 vgl. ebd., S. 13ff..
4
defizitär abgelehnt. 5 Die weiteren Ergebnisse der Forschungsarbeit zeigten, dass diese, isolierte sprachliche Phänomene situationsgelöst mit dem Geschlecht der/des Sprechenden korrelierende, Hypothese im Wesentlichen nicht aufrechtzuerhalten ist. Gleichzeitig verdeutlichten die empirischen Arbeiten jedoch, dass sich durchaus Teile von Wortschatz, Stil oder Syntax bei Männern und Frauen unterscheiden. Für diese unterschiedlichen Sprachvarietäten der Geschlechter wurde der aus dem angloamerikanischen Sprachraum übernommene Ausdruck „genderlect“ geprägt; zurückgehend auf den Begriff „gender“, der im Gegensatz zum biologischen das soziale Geschlecht bezeichnet, wurden Weiblichkeit und Männlichkeit zukünftig als sozial erlernte und geprägte Verhaltensweisen verstanden. 6 Bemüht um eine Erklärung der konstatierten Unterschiede im Gesprächsverhalten entwickelten sich in der Gesprächsforschung zwei unterschiedliche theoretische Ansätze, deren sich widersprechende Annahmen zu einer weitreichenden Diskussion führten: Sind die „genderlects“ stabil und das soziale Geschlecht alleiniger Grund für die Unterschiede im Sprachverhalten von Männern und Frauen? Oder kann der „genderlect“ nur von Differenzen und Ähnlichkeiten kommunikativer Strategien in einer spezifischen Kommunikationssituation ausge hen, da weitere Faktoren neben dem Geschlecht beim Sprachverhalten relevant sind?
2. Die Theorie der „zwei Kulturen“
2.1 Die Basis: Gumperz’ Konzept der unterschiedlichen
Kontextualisierungskonventionen in der interkulturellen Kommunikation
Gumperz geht davon aus, dass die Interagierenden durch bestimmte, kulturell geprägte und empirisch erfassbare Signalisierungstechniken („contextualization cues“), die sie während einer Konversation anwenden, zeigen, wie die von ihnen produzierte Äußerung zu interpretieren ist. Kontextualisierungshinweise können durch bestimmte syntaktische Besonderheiten, anhand von Idiomatik oder durch eine spezifische Intonation zum Ausdruck gebracht werden.
Die Interaktionsteilnehmer stellen somit selbst, mehr oder weniger unbewusst, mit Hilfe der erlernten pragmatischen Regeln einen Gesprächskontext her, der den Inhalt der
5 vgl. Samel, Ingrid, a.a.O., S. 29ff..
5
Arbeit zitieren:
Rebecca Blum, 2003, Ist Kommunikation zwischen den Geschlechtern interkulturelle Kommunikation? - Eine Kontroverse, München, GRIN Verlag GmbH
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