From the standpoint of sources Othello is unique. […] it uses one brief central source – the rest is Shakespeare; so that laying source and play side by side we may feel the full power of the transforming hand. The source is a novella by Giovanbattista Giraldi Cinthio, the seventh story of the third Decade of his Hecatommithi. 1
Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, Cinthio und sein Werk Gli Hecatommithi kurz vorzustellen, um anschließend die als Vorlage für Othello dienende 7. Erzählung der dritten Dekade mit Shakespeares Drama zu
Zunächst wird kurz auf den Autor der Quelle und sein Werk im Allgemeinen eingegangen. Im Anschluss werden die von Shakespeare im Vergleich zur Vorla ge vorgenommenen Veränderungen erläutert. Anhand dieser soll abschließend die Leistung Shakespeares bei der Verarbeitung der
Hecatommithi
thematisiert werden.
Cinthio und sein Werk Gli Hecatommithi
Der italienische Dichter Giovanni Battista Giraldi Cinthio wurde 1504 in Ferrara geboren. Nachdem er einen Großteil seines Lebens in Mondovi, Turin und Pavia verbracht hatte, kehrte er 1541 nach Ferrara zurück, wo er bis 1562 an der Universität Rhetorik, Medizin und Philosophie lehrte und 1571 starb. 1566 veröffentlichte er die Novellensammlung Gli Hecatommithi. 2 Inhaltlich setzen sich die Erzählungen mit Themen wie Liebe, Heirat, Ehe und, eng verknüpft damit, mit Intrigen, Schicksalsschlägen und Ehebrüchen auseinander. Cinthio verfolgte mit seinem Werk i n erster Linie eine moralisierende Absicht; sündhaftes Verhalten sollte verurteilt, Tugend und Religiosität als vorbildlich dargestellt werden. „My work [...] is wholly directed, with much variety of examples, to censure vicious actions and to praise hone st ones, - to make men fly from vice and embrace virtue.” 3
1
Satin, Joseph.
Shakespeare and his Sources.
Boston, 1966, 427.
2 Vgl. Ford, J.D.M.. “Giovanni Battista Giraldi.” Catholic Encyclopedia. 04. Januar 2002. 3 Zitiert nach: Taylor, John Edward. The Moor of Venice. Cinthio’s Tale and Shakespeare’s
Die Novellen sind in Anlehnung an das 1353 erschienene Decamerone von Boccaccio in eine Rahmenhandlung eingebettet, in welcher fünf Männer und fünf Frauen aufgrund der furchtbaren Plünderung Roms 1527 4 auf einem Schiff nach Marseilles flüchten. Zum Zeitvertreib erzählen sie sich während der Überfahrt Geschichten, denen an jedem Tag ein bestimmtes Thema zugrunde liegt. 5 Der Titel des Werks suggeriert, dass es sich insgesamt um 100 6 , in Dekaden unterteilte, Novellen handeln soll, tatsächlich sind es jedoch 112 7 . Die dritte Dekade, deren siebte Erzählung die Vorlage für Shakespeares Othello darstellt, beschäftigt sich inhaltlich hauptsächlich mit der Untreue verheirateter Männer und Frauen. 8
Shakespeares Verwendung der Gli Hecatommithi
Es lässt sich nicht definitiv sagen, ob Shakespeare bei der Verwendung von Cinthios Erzählung als Vorlage für sein Drama Othello das italienische Original von 1566 oder die französische Übersetzung des Autors Gabriel Chappuys von 1584 verwendete, da sprachliche Hinweise für beide Fassungen vorliegen. Möglicherweise existierte auch eine englische Übersetzung, die auf der französischen und der italienischen Ausgabe basierte, heute jedoch nicht mehr erhalten ist. 9 Beim Vergleich der Erzählung mit dem Drama Othello wird offensichtlich, dass Shakespeare inhaltlich große Teile von Cinthio übernommen hat. Weitaus interessanter sind jedoch die vorgenommenen Veränderungen und die sich daraus ergebenden Folgen für die Handlung.
4
Nachdem Karl V. 1527 Rom erobert hatte, plünderten seine Truppen die Stadt („Sacco di Roma“). Vgl. hierzu genauer:
www.uni-essen.de/geschichte/162-bram.htm,
12 Februar 2002.
5
Vgl. Bullough, Geoffrey.
Narrative and Dramatic Sources of Shakespeare.
London, 1973,
6
Der Begriff
Hecatommithi
setzt sich aus der griechischen Zahl
hekaton
(„hundert“) und dem Plural des griechischen Begriffs
mythos
(„Erzählung“) zusammen. Hinzu kommt der Artikel
gli. Gli Hecatommithi
bedeutet dementsprechend „Die hundert Erzählungen“. Vgl. Langenscheidt: Großwörterbuch Griechis ch-Deutsch, ed. Menge, Hermann. Berlin, 1979, 215;
7
Vgl. Ford, “Giovanni Battista Giraldi”.
8 Vgl. Shakespeare, William. Othello, ed. Honigmann, Ernest A.J.. The Arden Shakespeare, Third Series. Walton-on-Thames, 1997, 369.
9 Vgl. hierzu detaillierter: Muir, Kenneth. The Sources of Shakespeare’s Plays. London, 1977,
Bei der Lektüre der Tragödie fallen insbesondere einige inhaltliche Differenzen zu Cinthios Erzählung auf, von denen im Folgenden die markantesten erläutert
Den Charakteren in
Othello
wurden im Gegensatz zu denen der
Hecatommithi
eigene Namen gegeben.
10
Bei Cinthio war nur Disdemona direkt benannt, die Kennzeichnung der restlichen Figuren erfolgte durch Nennung ihres Dienstgrads oder Berufs. Dementsprechend war der Maure der
capitano moro,
Cassio ein
capo di squadra,
was übersetzt soviel bedeutet wie „Offizier“, und Iago hieß lediglich
alfiero,
also „Leutnant“. Die Individualisierung der Figuren bei Shakespeare zeigt sich nicht nur in der Namengebung, sondern vor allem in ihren persönlichen Motivationen. Bei Cinthio ist es ausschließlich die Eifersuc ht, die den Leutnant zu seinen Intrigen treibt. Er liebt Disdemona, richtet seine Aggressionen aufgrund der unerfüllten Liebe gegen ihren Mann und will aus Neid das Glück ihrer Ehe zerstören. In
Othello
ist Iagos Motivation weitaus komplexerer Natur. Sein Hass sitzt bereits zu Beginn der Handlung tief und scheint fester Bestandteil seiner düsteren Persönlichkeit zu sein. Als Auslöser seiner Intrigen nennt er die Beförderung Cassios, die er zu erhalten erhoffte.
Three great ones of the city, in personal suit to make me his lieutenant, Off-capped to him; and by the faith of the man, I know my price, I am worth no worse place.
But he, as loving as his own pride and purposes, Evades them with a bombast circumstance, Horribly stuffed with epithets of war, And in conclusion, Non-suits my mediators. ‘For Certes’, says he, ‘I have already chosen may officer’. 11
Diese Motivation ist so bei Cinthio nicht zu finden, da sein capo di squadra, also Shakespeares Cassio, während der gesamten Handlung einen niedrigeren Die nstgrad innehat als der alfiero, der spätere Iago. Das in den Hecatommithi ausschlaggebende Liebes- bzw. Eifersuchtsmotiv wird bei Shakespeare nur noch an einer Stelle beiläufig erwähnt.
[...] Now, I do love her too, Not out of absolute lust [...] but partly led to diet my revenge. 12
10
Vgl. Shakespeare, William.
Othello,
ed. Sanders, Norman. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge, 1984, 54.
11 Shakespeare (1984), I, 1, 8-16.
12 Shakespeare (1984), II, 1, 272-274.
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Rebecca Blum, 2001, Cinthios Gli Hecatommithi als Vorlage für Shakespeares Othello, Munich, GRIN Publishing GmbH
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