2
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Die gesellschaftliche Situation der Frau und zeithistorische Hintergründe
von Liebelei 5
2.1. Die Problematik der weiblichen Identitätsfindung in einer männlichen Gesell-
schaftsordnung 5
2.2. Im Spannungsverhältnis zwischen liberalen Einflüssen, dem Spiel mit der
Liebe und dem Niedergang des Liberalismus 8
3. Emanzipationsversuche der Protagonistin Christine 9
3.1. Der Typus des süßen Mädels 9
3.2. Die emanzipatorische Qualität des süßen Mädels 11
3.3. Rollenbrechungen des süßen Mädels Christine und ihr Versuch der Lösung
von gesellschaftlichen Konventionen 12
3.4. Die Entlarvung der Unzulänglichkeit männlicher Denkmodelle 14
4. Die Unmöglichkeit von Christines Emanzipation 16
4.1. Rollenreduzierungen und die Unterdrückung von Autonomiebestrebungen 16
4.2. Christines Gefangenschaft in der Klischeehaftigkeit der romantischen Liebe
und der männlichen Interpretation weiblicher Liebesfähigkeit 18
4.3. Christines Realitätsentfernung durch illusionäre Liebe und ihr Selbstmord als
Ausdruck der Unmöglichkeit weiblicher Authentizität 21
5. Schlussbetrachtung und Ausblick 23
6. Literaturverzeichnis 26
3
1. Einleitung
„[...] Alles an uns ist Toilette und am liebsten möchte man unseren armseligen Herzen, die die liebe Natur ja ganz so erschaffen hat, wie die der Männer, noch Handschuhe anziehen. Darum werden auch so viele unter uns Muckerinnen [...]“. 1
An diesem Satz aus einem Brief von Olga Waissnix an ihren Geliebten Arthur Schnitzler wird der Ausbruchswunsch vieler Frauen aus einer männlich dominierten Gesellschaftsordnung im Wien des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts deutlich. Die Beziehung zu Olga Waissnix hatte großen Einfluss auf Schnitzlers bewusstseinsmäßige Ausgangslage im Bezug auf die damalige Situation der Frau. Sie machte ihn auf die Problematik einer weiblichen Identitätsfindung in einer männlichen Gesellschaftsordnung aufmerksam. Schnitzler ließ diese Erkenntnisse in sein Werk einfließen, um einen Beitrag zur Überwindung dieser Situation zu leisten.
Nun soll zunächst geklärt werden, wie Schnitzler eine weibliche Emanzipation überhaupt definierte. Er verstand unter der Emanzipation der Frau das „Durchschauen und Überwinden des von der Gesellschaft oktroyierten und von der Frau z.T. akzeptierten Rollenzwanges!“. 2 Anhand dieser Feststellung soll in der folgenden Analyse herausgearbeitet werden, dass dieses Idealbild einer Emanzipation von der Protagonistin Christine in der „Liebelei“ nicht erreicht werden kann.
Schnitzler verstand sich als Anwalt der Frauen, jedoch musste er feststellen, dass eine Frau ihre innere Unzufriedenheit über ihre gesellschaftliche Unterdrückung nicht artikulieren konnte. An der Figur der Christine wird deutlich, dass sie ihre Situation zwar durchschaut, aber die oktroyierten Rollenzwänge nicht überwinden kann. Ihr Ausbruchsversuch aus den Konventionen hat nur die Rückkehr in männlich definierte Denk- und Verhaltensmuster zur Folge. Es soll gezeigt werden, dass ihr Ausbruch scheitern muss, da Christine außerhalb männlicher Normen nicht über eine eigene weibliche Authentizität verfügt. Ihre äußere Emanzipation
1 Gutt, Barbara: Emanzipation bei Arthur Schnitzler. Berlin 1978, S. 21.
2 Ebd., S. 35.
4
bleibt aus, da sie in einem Zustand der Entfremdung von diesen Konventionen stehenbleibt. Ihre fehlende weibliche Authentizität in dieser Entfremdung führt schließlich zum Selbstmord, da Christine unfähig ist, in einer konventionslosen authentischen Realität zu existieren.
Die Analyse nähert sich dieser Ausgangshypothese zunächst über die Darstellung der Situation der Frau. Hier werden die verschiedenen Unterdrückungsmechanismen aufgeführt, die Christine zu einer Emanzipation veranlassen. Die Beschreibung der zeithistorischen Hintergründe soll die Desillusionisierung von Christines Ausbruchsversuche durch gesellschaftliche Veränderungen und den Verlust einer kulturellen Identität erklären.
Im dritten Kapitel wird zunächst anhand von Schnitzlers ambivalentem Frauenbild das Durchschauen ihrer Situation geschildert. Über ihre Versuche einer Rollendistanzierung und der Entlarvung der Fragwürdigkeit männlicher Denkmodelle wird die Parteinahme Schnitzlers für Christine deutlich. Im Anschluss daran wird abschließend die Unmöglichkeit der äußeren Artikulation ihrer durchschauten Situation erläutert. Über die Unterdrückung und Funktionalisierung von Christine soll die destruktive Seite von Schnitzlers ambivalentem Frauenbild zum Ausdruck kommen. Ihre Ausweglosigkeit durch die Gefangen- schaft in einem männlichen Wertesystem verhindert schließlich, dass es auch zu einer äußeren Emanzipation kommen kann. Die Forschungslage zum Thema Emanzipation bei Arthur Schnitzler ist recht unbefriedigend. Die emanzipatorische Substanz bei Schnitzlers Frauenfiguren wurde erstmals von Barbara Gutt im Jahre 1978 untersucht, die seinen Beitrag zu einer Überwindung der Situation der Frau anerkennt. Schuld an dieser schlechten Forschungslage waren z.T. auch emotionsgeladene Rezensionen über Theateraufführungen, von denen die Forschung sich hat treiben lassen. Im Falle von „Liebelei“ war die moralische Überlegenheit des süßen Mädels Christine gegenüber dem Großbürger Fritz Anlass dieser negativen Kritik. Die Wiener Burg, Ort der Uraufführung am 9. Oktober 1895, wurde als Repräsentanzbühne des Adels und des Großbürgertums verstanden. Christine verstieß somit ge gen die Burgtheatersitten, indem sie sich über ihre Rolle als süßes Mädel erhob. Gleichzeitig wird an diesen Reaktionen bereits deutlich, dass die damalige Situati-
5
on der Frau von Unterdrückung geprägt war.
2. Die gesellschaftliche Situation der Frau und zeithistorische Hintergründe
von Liebelei
2.1. Die Problematik der weiblichen Identitätsfindung in einer männlichen Ge-sellschaftsordnung
Die gesellschaftliche Situation der Frau im Österreich der Jahrhundertwende war gekennzeichnet durch eine emanzipationsfeindliche Grundstimmung. Diese äußerte sich in einer wirtschaftlichen, wie auch sozialen Unterlegenheit gegenüber dem männlichen Geschlecht. 3 Unter dem Einfluss von Sigmund Freud und seinen The-orien über die aus der Kastrationserkennung folgenden Empfindungen der Minderwertigkeit und der sich daraus ergebenden mangelnden Ausbildung eines Über-Ichs 4 , wurde diese Unterlegenheit mit der biologischen und geistigen Minderwer- tigkeit der Frau begründet.
Dieser sozialen und wirtschaftlichen Unterlegenheit ging eine Unterdrückung aller natürlichen weiblichen Regungen durch die Erziehung voraus. Schon in der Kindheit wurde darauf geachtet, dass junge Mädchen lernen, auf gesellschaftliche Umgangsformen und ihren Ruf zu achten, so dass natürliche Bedürfnisse und Eigeninteressen verdrängt wurden.
Diese Erziehung zur Unnatürlichkeit zeigte sich auch in der Erziehung zum Triebverzicht. Potentielle Ehemänner erwarteten von einer Frau Jungfräulichkeit und Reinheit. 5 In diesem Punkt spiegelte sich auch die Doppelmoral der damaligen Gesellschaft wider. Während ein verheirateter oder lediger bürgerlicher Mann
3 Vgl. Ebd., S. 17-20.
4 Vgl.: Knoben-Wauben, Marianne: Ambivalente Konstruktionen der Weiblichkeit. Das Bild der Frau aus Sicht des Wissenschaftlers Sigmund Freud und des Dichters Arthur Schnitzler. In: Van Gemert, Guillaume/ Ester, Hans (Hg.): Grenzgänge. Literatur und Kultur im Kontext. Amsterdam u.a. 1990, S. 283-284.
5 Vgl. Gutt: Emanzipation; a.a.O., S. 21.
6
durch ein amouröses Leben „[...] in der Hierarchie der männlichen Werte [...]“ 6 aufsteigen konnte, wurde eine unverheiratete junge Frau mit einer erotischen Vergangenheit von der Gesellschaft als „Gefallene“ ausgegrenzt. 7 Eine Gefallene hatte kaum noch eine Aussicht, in die Klasse der Verheirateten einzutreten. Diese Liebesaffären geschahen im inoffiziellen Einverständnis mit der Gesellschaft, da es ihre Form der Triebregulierung war. Die Frau verringerte damit jedoch ihre Aussicht auf eine Heirat erheblich, was wegen fehlender Ausbildungsmöglichkeiten für die Frau in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts einer existenziellen Bedrohung gleichkam. 8
Dieser Ehezwang wurde erhöht durch das Ideal der Jugendlichkeit und Schönheit, dem eine junge Frau unterworfen war. Da nur dieses Ideal als begehrenswert erachtet wurde, stand für eine Frau nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung, einen Ehemann zu finden. Andernfalls drohte eine gesellschaftliche Diskriminierung in der Rolle des alternden Fräuleins, deren Jungfräulichkeit keine männlichen Besitzansprüche mehr wecken konnte. 9
Die Heirat war für Frauen somit ein gesellschaftlich vorgegebener Lebenslauf, auf den die pädagogische Sozialisation der Töchter aller Schichten vorbereiten sollte. Es war dabei die Aufgabe der Familie und von Angehörigen, für die Töchter Ehemänner auszusuchen, um den sozialen Status zu erhalten oder zu erhöhen. 10 Die damalige Ehekonvention verstand unter dem Begriff der Ehe somit in erster Linie materielle Sicherheit. Es war üblich, dass junge Mädchen meist mit älteren solventen Herren verheiratet wurden, die im Tausch für sexuelle Unberührtheit eine finanzielle Absicherung versprachen. 11
Implizit beinhaltete dieses Tauschgeschäft jedoch auch die Reduzierung auf die Rolle der Hausfrau und Mutter. 12 Infolge der Idealisierung der Familie im deutsch-sprachigen Raum seit dem achtzehnten Jahrhundert und der industriellen
6 Möhrmann, Renate: Schnitzlers Frauen und Mädchen. Zwischen Sachlichkeit und Sentiment. In: Diskussion Deutsch 13 (1982), S. 511.
7 Vgl. Ebd., S. 511-512.
8 Vgl. Müller, Heidy M.: Töchter und Mütter in deutschsprachiger Erzählprosa von 1885-1935. München 1991, S. 32-33.
9 Vgl. Gutt: Die Emanzipation; a.a.O., S. 41.
10 Vgl. Müller: Töchter und Mütter; a.a.O., S. 29.
11 Vgl. Möhrmann: Schnitzlers Frauen; a.a.O., S. 515.
12 Vgl. Gutt: Emanzipation; a.a.O., S. 45-47.
7
Revolution wurde von der Frau eine Beschränkung auf Funktionen im Dienste der Fami- lie erwartet. Wegen veränderter Arbeitsbedingungen konnte die Frau nicht mehr als ökonomische Stütze für die Familie tätig sein und war gegenüber dem Mann somit nicht mehr gleichberechtigt. 13
Die Funktionalisierung der Frau wurde auch durch die Neuinterpretierung der Bedeutung von Kindheit und Jugend durch Freud 14 beeinflusst. Seine in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts aufgestellten Theorien über die prägen- de Wirkung der frühen Lebensjahre hatte einen Bedeutungszuwachs der Kinder zur Folge. Somit erhöhte sich auch die Bedeutung der Eltern, wobei es allerdings ausschließlich die Aufgabe der Mutter war, für die Erziehung der Kinder zu sor gen. 15
Diese bürgerliche Idealvorstellung der Frau als Hausfrau und Mutter bedeutete zugleich den Verzicht auf jegliches Eigeninteresse. Erwartet wurde Pflichtbewusstsein gegenüber den Aufgaben im Haushalt, Besorgnis um die eigenen Kinder, aber auch Nachsichtigkeit gegenüber dem Ehegatten und seinen Liebesaffären außerhalb der Ehe bei gleichzeitiger Unterdrückung eigener sexueller Bedürfnisse. Die Unterwerfung der Hausfrau und Mutter unter den Mann war somit gleichbe- deutend mit einer geistigen und seelischen Unterdrückung. 16 Da Ordnung, Autori- tätsglaube und Gehorsam zu den damaligen gesellschaftlichen Grundwerten gehörten, passten sich die Frauen an. Es war ihnen bewusst, dass die Rolle als Haus- Hausfrau und Mutter in der damaligen männlichen Gesellschaftsordnung für eine Frau die einzig Mögliche war. 17
Diese Unterdrückung und Rollenreduzierung der Frau soll im Hinblick auf „Liebelei“ im folgenden Abschnitt auch am damals üblichen Spiel mit der Liebe ver- 13Vgl. Weinhold, Ulrike: Die Renaissancefrau des Fin de siecle. Untersuchungen zum Frauenbild
der Jahrhundertwende am Beispiel von R.M. Rilkes Die weiße Fürstin und H. v. Hofmannsthal Die
Frau im Fenster. In: Kluge, Gerhard (Hg.): Aufsätze zu Literatur und Kunst der Jahrhundertwende. Amsterdam: Rodopi 1984. S. 246.
14 Vgl. Müller: Töchter und Mütter; a.a.O., S. 28-29.
15 Vgl. Ebd., S. 28.
16 Vgl. Gutt: Emanzipation; a.a.O., S. 47.
17 Vgl. Müller: Töchter und Mütter; a.a.O., S. 31.
Arbeit zitieren:
Marco Antonic, 2005, Emanzipation in der Liebelei. Ausbruch und Ausweglosigkeit der Protagonistin Christine, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Frauen- und Mädchenbildung im deutschen Hochmittelalter: Klösterliche ...
Am Beispiel der Biographien Hi...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 14 Seiten
Frisiert oder unfrisiert? Zum literarischen Verfahren Sarah Kirschs un...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Die Macht der Triebkräfte im Bahnwärter Thiel
Sind die Triebkräfte der Grund...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Martin Suter - Lila, Lila. Der Roman in der Kritik - Rezensionen zu ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Arthur Schnitzlers 'Reigen' und Sigmund Freuds 'Über die a...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 23 Seiten
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Vergleich zwischen Welt des Prinzen ...
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Der Länderfinanzausgleich im deutschen Föderalismus
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 18 Seiten
Der Bund-Länder-Finanzausgleich - Darstellung und Analyse der Anreizwi...
Hausarbeit, 27 Seiten
Die Kindsmordproblematik und die Strafrechtsreform im 18. Jhd. im Kont...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Mittelalterliche Erziehung mit Schwerpunkt ritterliche Erziehung
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 24 Seiten
Die Bedeutung von Natur und Technik in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Kindermörderin von Heinrich Leopold Wagner - Figurenrede als Hinwe...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Schillers 'Kabale und Liebe' als bürgerliches Trauerspiel
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Marco Antonic hat den Text Emanzipation in der Liebelei. Ausbruch und Ausweglosigkeit der Protagonistin Christine veröffentlicht
Marco Antonic hat einen neuen Text hochgeladen
Arthur Schnitzler, Hugo Dittberner, Hermann Korte, Frauke Meyer-Gosau, Heinz Ludwig Arnold
Arthur Schnitzler und der Film
Zugleich Akten des Arthur Schn...
Achim Aurnhammer, Barbara Beßlich, Rudolf Denk
EinFach Deutsch ...verstehen. Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl
EinFach Deutsch ...verstehen Schnitzler
Arthur Schnitzler, Leutnant Gustl/Traumnovelle
Kopiervorlagen und Module für ...
Arthur Schnitzler
0 Kommentare