Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Lehrerfrage 3
2.1. Frageformen 6
2.2. Der Frageunterricht 9
3. Der Lehrerimpuls 11
3.1. Impulsformen 12
3.2. Der Impulsunterricht 16
4. Exkurs: Die Prüfungsfrage als Sonderform der Lehrerfrage 18
5. Schlussbetrachtung 22
Literaturverzeichnis 24
2
1. Einleitung
Diese Arbeit geht der pädagogischen Kontroverse nach, wann es sich bei den Aktivitäten eines Lehrenden um eine Lehrerfrage oder einen Lehrerimpuls handelt. bzw. in welcher Situation es sinnvoller ist, zu fragen und wann, einen Impuls zu geben. Dabei soll zunächst die Bedeutung von „Lehrerfrage“ und „Lehrerimpuls“ mit den wichtigsten Unterschieden veranschaulicht werden. Es folgt ein kurzer Ausblick auf die Diskussion um das jeweilige Unterrichtsmittel. Anschließend werden die verschiedenen Formen von Lehrerfrage und Lehrerimpuls vorgestellt und gegeneinander abgegrenzt.
Aus der Frage nach Lehrerfrage oder Lehrerimpuls ergibt sich auch die Frage nach der Unterrichtsmethode: Frageunterricht oder Impulsunterricht. In dieser Arbeit sollen diese beiden Arbeitsweisen miteinander verglichen und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile herausgearbeitet werden. Dabei geht es vor allem darum, wie groß der Spielraum für die Antworten bzw. für die Denkweise des Schülers bleiben soll.
Zum Schluss wird in einem Exkurs noch eine Sonderform der Lehrerfrage, die Prüfungsfrage, vorgestellt.
2. Die Lehrerfrage
Im Alltag ist die Frage ein Mittel, mit dem sich ein Nichtwissender Zugang zum Wissen eines anderen verschafft.
Die Lehrerfrage aber soll bei den Lernenden mentale Prozesse anregen. Der Lehrer kennt die Antwort bereits, die Schüler sollen für sich eine Antwort suchen. So soll der Schüler in produktive Verlegenheit gebracht werden, ganz in der mäeutischen Tradition des Sokrates 1 . Der eigentliche Sinn einer Lehrerfrage liegt darin, dass der Lehrer mit seiner Frage stellvertretend für den Schüler den Gegenstand angeht, wenn der Schüler selbst zu solchen Fragen noch nicht fähig ist.
1 Vgl. Leisen, J.: Gesprächsführung im Unterricht und Frontalunterricht, aus: www.uni-
koblenz.de/~odsleis/Allgemeines Seminar/frontalunterricht.pdf, S. 5.
3
In den letzten Jahrhunderten ist die Lehrerfrage für den Schulunterricht immer wieder unterschiedlich bewertet und dementsprechend mehr oder weniger eingesetzt worden. Den erkenntnisfördernden Sinn des Fragens entdeckte man erst im 18. Jahrhundert, basierend auf der Aufklärungsbewegung dieser Zeit, für den Schulunterricht wieder. Der Lehrer sollte nun nicht mehr nur abfragen und vortragen, sondern den neuen Lehrstoff mit Hilfe von Fragen entwickeln. Dies setzt voraus, dass die zu lehrenden Gegenstände von ihm in eine dialogische Form umgesetzt werden. Die Schüler sollen angeregt werden, Erkenntnisse durch Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen selbst zu finden. So soll zugleich das Verstehen des Gelernten gefördert werden. Diese Tatsache bedeutete seinerzeit eine revolutionierende Wende von der monologischen zur dialogischen Lehrform. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten die Didaktiker die Lehrerfrage zu einer Fragetechnik weiter. Nicht selten jedoch artete der Frageunterricht hier zu einem Frage - Antwort - Mechanismus aus, der von den Schülern keine große Denkleistung forderte 2 . Solche Ausprägungen des entwickelnden Unterrichts sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Recht kritisiert worden. So schreibt Hugo Gaudig 1909 in seinen „Didaktischen Präludien“:
„Die Frage des Lehrers ist dies fragwürdigste Mittel. An eine Gesundung unseres deutschen
Schulwesens vermag ich n icht mehr zu glauben, ehe nicht der Despotismus der Frage
gebrochen ist. … Was ist gegen die Frage zu haben?
• Wenn der Lehrer fragt, so ist es der Lehrer und nicht der Schüler, der das Problem
aufstellt.
• Der Antrieb zur Denkarbeit geht bei der Frage vom Lehrer und nicht vom Schüler
aus.
• Die Frage zwingt den Schüler in eine bestimmte Denkrichtung und nimmt ihm so die
Freiheit der geistigen Bewegung.
• Die Frage ist nach den bekannten, allerdings nicht eben erfreulichen
Begriffsbestimmung ein unvollständiges Urteil mit der Forderung, das absichtlich
noch unbestimmt Gelassene zu bestimmen: Jedenfalls läuft das Frage- und
Antwortspiel auf ein Zusammenwirken des Lehrers und Schülers hinaus; für den
Schüler ist es ,halbe´ Arbeit; halb ist dabei übrigens, glaube ich ein zu hoch
gegriffener Durchschnittswert; vermutlich liegt er im allgemeinen erheblich tiefer.
• Die Frage ist ein zu starker Denkreiz, der gegen die Denkreize, die in dem
Unterrichtsstoff selbst liegen, leicht abstumpft.
• Die Frage des Lehrers erstickt den Fragetrieb des Schülers, einen der wichtigsten
Triebe des jugendlichen Intellekts, und schädigt so eine der wertvollsten lebendigen
Kräfte des Geistes.
• Die Frageform ist eine künstliche Form der Erregung geistiger Energie, eine
3 Schulform, die das Leben so gut wie gar nicht kennt:“
2 Vgl. Steindorf, G.: Grundbegriffe des Lehrens und Lernens, Bad Heilbrunn/Obb. 2000, S. 139/140.
3 Gaudig, H.: Didaktische Präludien, Leipzig/Berlin 1909, S. 205f.
4
Doch der fragende Lehrer „täuscht nicht vor, etwas nicht zu wissen, was er ganz genau weiß, und er fordert den Schüler nicht auf, über etwas Auskunft zu geben, das ihm unbekannt ist. Er fordert ihn ganz einfach auf, einen vorliegenden Gegenstand unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachten“ 4 .
Mit diesem Argument hat Aebli die reformpädagogische Kritik an der Lehrerfrage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgewiesen und so zur „Versachlichung des Streites um die Lehrerfrage“ 5 beigetragen. Er stellt außerdem erstmals den Unterschied zwischen Erkundigungsfrage und didaktischer Frage heraus. So schaffe das fragend -entwickelnde Verfahren seiner Meinung nach durchaus eine natürliche Erkenntnissituation:
„Der Lehrer sieht den Schüler vor dem neuen Gegenstand. Er weiß, was es daran
festzustellen gibt. Aber nicht nur das. Als Pädagoge weiß er auch, auf welche Weise der
Schüler diese Erkenntnis selber entwickeln kann. Er teilt ihm daher nicht das fertige
Ergebnis mit, sondern leitet ihn zum Vollzug der Erkenntnisakte, zur Anwendung der
Auffassungstätigkeiten und Gesichtspunkte an, von denen er weiß, daß sie zum
gewünschten Ergebnis führen. Die Antwort des Schülers zeigt ihm, ob er den Erkenntnisakt
richtig durchgeführt hat. Die didaktische Frage ist damit als eines der wichtigsten Mittel der
6 Leitung der geistigen Arbeit des Schülers erwiesen“ .
Auch wenn die Klärung durch Aebli allgemein akzeptiert wurde, gibt es bis heute viel Kritik am Frageunterricht: Lehrer-Fragen sind außerordentlich häufig (50 und mehr pro Stunde), während Schüler-Fragen sehr selten sind. Das kognitive Anspruchsniveau der Fragen ist oftmals sehr gering. Nach verschiedenen empirischen Untersuchungen sind 60% der Fragen immer noch Fakten-Fragen, nur 20% sind Denk-Fragen und weitere 20% sind Fragen zu Ablauf und Organisation des Unterrichts 7 . Trotz aller Kritik ist die Lehrerfrage jedoch das wichtigste Instrument der Unterrichtsführung geblieben. Richtig gestellte Frage führen im Unterricht durchaus gedanklich und sachlich weiter.
Es wäre eine Illusion, sie abschaffen zu wollen. Es sollte allerdings von Seiten des Lehrkörpers ein größeres Repertoire an Fragen beherrscht werden. Die verschiedenen Typen und Funktionen von Lehrerfragen werden nun ausführlich dargestellt.
4 Aebli, H.: Grundformen des Lehrens, Stuttgart 1976, S. 218.
5 Steindorf, S. 140.
6 Aebli, S. 219.
7 Vgl. Grell, J. u. M.: Techniken des Lehrerverhaltens, Weinheim/Basel 1974, S. 63.
5
2.1. Frageformen
Zunächst sollte man sich darauf verständigen, welche Lehreräußerungen eigentlich zur Frage gerechnet werden sollen. Dazu gehören die W- Fragen, die mit „Was“?, „Wer“?, „Warum?“, „Wie?“ usw. eingeleitet werden und Sätze der grammatischen Frageform, die mit einem Fragezeichen enden wie z.B. „Könnt Ihr mir einige Werkzeuge nennen, die von einem Steinzeitmenschen benutzt wurden?“
Die Lehrerfrage muss aber nicht unbedingt mit einem Fragezeichen enden. So lässt sich fast jede Lehrerfrage auch durch eine grammatische Änderung in eine Aufforderung umformulieren. Beispiel: „Warum sind die Stromkabel isoliert?“ - „Erkläre den anderen, warum Stromkabel isoliert sind!“ Die von den Schülern geforderte Denkleistung ist jedoch in beiden Fällen die gleiche. 8
Folgende Frageformen können unterschieden werden:
Wissensfragen 9
Sie fordern das Wiedergeben oder Wiedererkennen von bereits gelernten Fakten. Wissensfragen sind zwar nicht „die Krönung der pädagogischen Methodik“ 10 , haben aber auch ihren Sinn. An vielen Stellen des Unterrichts ist es notwendig, den Schülern bestimmte Ideen, Materialien oder Erscheinungen ins Gedächtnis zu rufen und so zu vermitteln. Gut gestellte Wissensfragen können zudem auch das Einprägen von Lernstoff erleichtern.
Denkfragen 11
Sie stoßen Denkprozesse an (selbstverständlich wird bei Wissensfragen auch gedacht). Denkfragen stellen den Schüler vor neuartige Situationen oder Probleme und fordern von ihm, anhand seines vorhandenen Wissens geeignete Informationen und Techniken zu finden und diese auf die neue
8 Vgl. Petersen, J./ Sommer, H.: Die Lehrerfrage im Unterricht, Donauwörth 1999, S. 20.
9 Vgl. Petersen/Sommer, S. 21ff., ferner Bloom, B.S.: Taxonomie von Lernzielen im kognitiven
Bereich, Weinheim u. Basel 1974, S. 71.
10 Vgl. Petersen/Sommer, S. 23.
11 Vgl. Petersen/Sommer, S. 24ff., ferner Bloom, S. 49.
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Arbeit zitieren:
Anne-Meike Stuke, 2002, Lehrerfrage oder Lehrerimpuls? Eine didaktische Kontroverse, München, GRIN Verlag GmbH
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