Inhaltsverzeichnis
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS V
TABELLENVERZEICHNIS VII
1. EINLEITUNG 8
1.1 HINTERGRUND UND ZIELSETZUNG 8
1.2 AUFBAU UND THEMENABGRENZUNG 3
2. DETERMINANTEN DER ARBEITSLOSIGKEIT. 6
2.1 DER SÄCHSISCHE ARBEITSMARKT: EINE EMPIRISCHE ANALYSE 7
2.1.1 Bestimmung und Entwicklung des sächsischen Arbeitsangebots 7
2.1.2 Bestimmung und Entwicklung der sächsischen Arbeitsnachfrage. 16
2.1.3 Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt: Arbeitslosigkeit. 21
2.2 ERGEBNIS DER ANALYSE: STRUKTURELLE ARBEITSLOSIGKEIT. 27
2.3 THEORETISCHER ANSATZ ZUR ERKLÄRUNG STRUKTURELLER ARBEITSLOSIGKEIT. 33
2.3.1 Arbeitsmarkt und Tarifautonomie. 33
2.3.2 Bestimmungsfaktoren der Arbeitskräftenachfrage. 39
2.3.3 Reallohnstarrheiten als Ursache struktureller Arbeitslosigkeit. 42
2.4 ZWISCHENFAZIT: DIE GESAMTWIRTSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG DER
TARIFVERTRAGSPARTEIEN 49
3. ELEMENTE EINER BESCHÄFTIGUNGSFÖRDERNDEN LOH-N UND TARIFPOLITIK 52
3.1 MODERATE LOHNPOLITIK 52
3.2 DIFFERENZIERUNG DER LOH-N BZW. TARIFSTRUKTUR 63
3.3 FLEXIBILISIERUNG DER LOH-N BZW. TARIFSTRUKTUR 65
3.4 ARBEITSZEITFLEXIBILISIERUNG. 68
3.5 VERSTETIGUNG DER LOH-N UND TARIFPOLITIK 70
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
4. EMPIRISCHE ANALYSE DER LOH-N UND TARIFPOLITIK IN DER METALL- UND
ELEKTROINDUSTRIE UND CHEMISCHEN INDUSTRIE IN SACHSEN. 72
4.1 ANALYSE DES LOH-N UND TARIFPOLITISCHEN KURSES 74
4.1.1 Moderate Lohnpolitik. 75
4.1.2 Differenzierung der Lohn- bzw. Tarifstruktur. 89
4.1.3 Flexibilisierung der Lohn- bzw. Tarifstruktur 94
4.1.4 Arbeitszeitflexibilisierung 101
4.1.5 Verstetigung der Lohn- und Tarifpolitik 105
4.2 ANALYSE DER FOLGEN DES EINGESCHLAGENEN LOH-N UND TARIFPOLITISCHEN KURSES 107
4.2.1 Positive und negative Lohndrift. 107
4.2.2 Tarifbindung und Organisationsgrad. 111
5. AUS DER ANALYSE ABGELEITETE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN AN DIE
TARIFVERTRAGSPARTEIEN 116
5.1 DER CHEMISCHEN INDUSTRIE IN SACHSEN. 116
5.2 DER METALL- UND ELEKTROINDUSTRIE IN SACHSEN 117
6. FAZIT UND AUSBLICK 121
METHODISCHER ANHANG VIII
LITERATUR - UND QUELLENVERZEICHNIS. XIII
Alexander Haase II
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Abkürzungsverzeichnis
ABM Arbeitsbeschaffungsmaßnahme AG Arbeitgeber AGV Arbeitgeberverband AN Arbeitnehmer BA Bundesagentur für Arbeit BAVC Bundesarbeitgeberverband Chemie e.V. BCE Bergbau, Chemie und Energie BetrVG Betriebsverfassungsgesetz BIP Bruttoinlandsprodukt BMGS Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung BMWA Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit BR Betriebsrat BV Betriebsvereinbarung BWS Bruttowertschöpfung CGM Christliche Gewerkschaft Metall DDR Deutsche Demokratische Republik DGB Deutscher Gewerkschaftsbund DIHK Deutscher Industrie- und Handelskammertag DIW Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Berlin ERA Entgeltrahmentarifvertrag EU Europäische Union EZB Europäische Zentralbank FTV Flächentarifvertrag GG Grundgesetz HTV Haustarifvertrag bzw. Firmentarifvertrag IAB Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung i.d.F.v. in der Fassung vom IG Industriegewerkschaft ILO International Labour Office IW Institut der deutschen Wirtschaft Köln JG Jahresgutachten KMU Kleine und mittlere Unternehmen M+E Metall- und Elektro
Alexander Haase III
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
MTV Manteltarifvertrag NGG Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten OECD Organisation for Economic Co-operation and Development sozverspfl. sozialversicherungsplichtig(e) StaBa Statistisches Bundesamt StaLa Statistisches Landesamt SVR Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung TV Tarifvertrag TVG Tarifvertragsgesetz TVP Tarifvertragsparteien, Tarifparteien Tz. Textziffer ver.di Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft VL Vermögenswirksame Leistungen VSME Verband der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie e.V. VW Volkswagen WAZ Wochenarbeitszeit WSI Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung WZ Wirtschaftszweig ZEW Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim
Alexander Haase IV
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2.1 : Arbeitskräfteangebot in Sachsen.
Abbildung 2.2 : Entwicklung der Erwerbstätigen nach Altersgruppen
Abbildung 2.3 : Entwicklung der 20- bis 35-jährigen Erwerbslosen.
Abbildung 2.4 : Wanderungsverhalten in Sachsen.
Abbildung 2.5 : Saldo aus Zu- und Fortzügen (-) nach Altersgruppen
Abbildung 2.6 : Auspendlerüberschuss nach Altersgruppen
Abbildung 2.7 : Auspendlerüberschuss nach Qualifikationen und Altersgruppen
Abbildung 2.8 : Entwicklung der Erwerbslosen nach Altersgruppen
Abbildung 2.9 : Erwerbsquoten im intra- und internationalen Vergleich
Abbildung 2.10: Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in
Sachsen.
Abbildung 2.11: Entwicklung der 20- bis 35-jährigen sozialversicherungspflichtig
Besch äftigten nach der Qualifikation
Abbildung 2.12: Entwicklung der Erwerbs- und Beschäftigtenquoten
Abbildung 2.13: Der sächsische Arbeitsmarkt 2003
Abbildung 2.14: Entwicklung der Arbeitslosenquoten im intranationalen Vergleich
Abbildung 2.15: Entwicklung der Arbeitslosenquoten nach Geschlecht.
Abbildung 2.16: Arbeitslosenquoten nach Qualifikationen
Abbildung 2.17: Entwicklung der Arbeitslosenzahlen von 1970 bis 2003.
Abbildung 2.18: Regelung von Löhnen und Arbeitsbedingungen.
Abbildung 2.19: Die Arbeitskräftenachfrage der Unternehmung
Abbildung 2.20: Das Lohnsetzungsverhalten der Tarifvertragsparteien.
Abbildung 3.1 : Gliederung der Arbeitskosten
Abbildung 4.1 : Entwicklung der lohnpolitisch entscheidungsrelevanten Parameter
in der chemischen Industrie in Sachsen von 1998 bis 2003.
Abbildung 4.2 : Entwicklung der lohnpolitisch entscheidungsrelevanten Parameter
in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen von 1998 bis 2003
Abbildung 4.3 : Sektorale Lohndifferenzierung in Sachsen zwischen 1998 und 2003
Abbildung 4.4 : Regionale Lohndifferenzierung in der chemischen Industrie
zwischen 1998 und 2003
Abbildung 4.5 : Regionale Lohndifferenzierung in der Metall- und Elektroindustrie
zwischen 1998 und 2003
Abbildung 4.6 : Wochenarbeitszeiten im intra- und internationalen Vergleich
Alexander Haase
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
des Jahres 2002 ........................................................................................ 102 Abbildung 6.1 : Arbeitskosten im intra- und internationalen Vergleich des
Jahres 2003 ............................................................................................... 125
Alexander Haase VI
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2.1 : Vor- und Nachteile des Flächentarifvertrages.................................................. 38 Tabelle 4.1 : Grunddaten in der chemischen Industrie in Sachsen ...................................... 76 Tabelle 4.2 : Zwischenergebnisse in der chemischen Industrie in Sachsen ........................ 79 Tabelle 4.3 : Lohnpolitischer Verteilungsspielraum in der chemischen Industrie in Sachsen von 1998 bis 2003 ........................................................................................... 81 Tabelle 4.4 : Grunddaten in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen............................. 84 Tabelle 4.5 : Zwischenergebnisse in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen............... 86 Tabelle 4.6 : Lohnpolitischer Verteilungsspielraum in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen von 1998 bis 2003 ............................................................................ 87 Tabelle 4.7 : Entwicklung der qualifikatorischen Lohndifferenzierung zwischen
1998 und 2003................................................................................................. 89 Tabelle 4.8 : Entgelt-Öffnungsklauseln ohne Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien ....... 97 Tabelle 4.9 : Entgelt-Öffnungsklauseln mit Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien .......... 98
Tabelle 4.10: Entgelt-Einstiegsklauseln................................................................................. 99 Tabelle 4.11: Arbeitszeit-Öffnungsklauseln ohne Zustimmungsvorbehalt der
Tarifparteien................................................................................................... 103 Tabelle 4.12: Arbeitszeit-Öffnungsklauseln mit Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien... 104 Tabelle 4.13: Entwicklung der Lohndrift zwischen 1998 und 2003...................................... 109 Tabelle 4.14: Entwicklung der Tarifbindung in der chemischen Industrie in Sachsen zwischen 1998 und 2003 ............................................................................... 113 Tabelle 4.15: Entwicklung der Tarifbindung in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen zwischen 1998 und 2003 ............................................................................... 114
Alexander Haase VII
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
1. Einleitung
1.1 Hintergrund und Zielsetzung
Die Vereinigung Deutschlands - ohne Zweifel ein historischer Glücksfall - liegt mittlerweile mehr als vierzehn Jahre zurück. 1 Im ehemaligen Gebiet der DDR ist an die Stelle der zentralen Verwaltungs- und Planwirtschaft die soziale Marktwirtschaft getreten. Seitdem haben sich Wohlstand und Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in Ostdeutschland objektiv erhöht, die Aufbauleistungen sind unübersehbar.
Trotz der Erfolge ist die wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern weiterhin als völlig unbefriedigend zu beurteilen. Gemessen an den ökonomischen Zielen, die im
§ 1 des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom
08. Juni 1967 festgeschrieben sind, ist besonders eines dieser Stabilitätsziele auf gravierende Weise verfehlt worden: Die Erreichung eines hohen Beschäftigungsstandes. 2 In der dramatischen Entwicklung der Arbeitslosigkeit, insbesondere in den neuen Bundesländern, lässt sich der wirtschaftspolitische Handlungsbedarf am deutlichsten erkennen: Die Arbeitslosenquote, die die relative Unterauslastung des Angebots an Arbeitskräften zeigt, erreichte im Januar 2005 in Ostdeutschland saisonbereinigt 22,4 Prozent (im Vergleich zum Vorjahresmonat +1,6 Prozent). Damit ist sie nach wie vor mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland, die um 1,2 Prozent auf 11,1 Prozent angestiegen ist. Für das gesamte Bundesgebiet resultierte daraus eine Arbeitslosenquote von 13,5 Prozent, ein Zuwachs um 1,3 Prozentpunkte gegenüber dem Januar 2004. 3 Damit waren zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik über fünf Millionen Menschen ohne
1 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) (2002) Tz. 339
2 Die anderen Stabilitäts- und Wachstumsziele sind die Stabilität des Preisniveaus im Rahmen der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum und ein aussenwirtschaftliches Gleichgewicht.
3 Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005) Tabellenanhang. National und international existieren unterschiedliche statistische Definitionen von Arbeitslosigkeit. Die hier verwendete Arbeitslosenquote basiert auf dem Konzept der Bundesagentur für Arbeit (BA) und setzt den Anteil der (registrierten) Arbeitslosen in Beziehung zu den abhängigen zivilen Erwerbspersonen (sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigte, Beamte und Arbeitslose). Daneben besteht die Möglichkeit, den Anteil der Arbeitslosen an allen zivilen Erwerbspersonen (abhängige zivile Erwerbstätige, Selbständige, mithelfende Familienangehörige und Arbeitslose) zu berechnen. Die letztgenannte Methode ist im Ausland gebräuchlicher und wird daher für internationale Vergleiche herangezogen. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005a). Die auf diese Weise ermittelten Arbeitslosenquoten betrugen im Januar 2005 für Ostdeutschland 20,5 Prozent, für Westdeutschland 9,9 Prozent und für Gesamtdeutschland 12,1 Prozent (vgl. http://pub.arbeitsamt.de (2005) Tabellenanhang). Um das hohe Maß der Unterbeschäftigung zu unterstreichen, wurden oben diejenigen Arbeitslosenquoten aufgeführt, die sich durch die erstgenannte Berechnungsmethode ergeben. Nach der Arbeitsmarktstatistik der BA ist derjenige arbeitslos, der vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine versicherungspflichtige Beschäftigung sucht, den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsmarktes zur Verfügung steht und sich beim Arbeitsamt persönlich arbeitslos gemeldet hat. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005b). Alexander Haase VIII
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Arbeit (5.037.142 Personen). 4 Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um die bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Arbeitslosen. Würde man zu diesen offiziellen Zahlen noch den Teil der verdeckten Arbeitslosigkeit hinzurechnen, käme man auf über sechs Millionen Arbeitslose. 5
Diese Situation macht deutlich, dass das vorhandene Potential der Ressource „Arbeitskraft“ in großem Maße ungenutzt bleibt. Impulse zur Bekämpfung der Unterbeschäftigung scheinen nicht oder nicht ausreichend gesetzt worden bzw. nicht oder nur teilweise wirksam geworden zu sein.
Aufgrund dieser Entwicklungen und den damit verbundenen ökonomischen, aber vor allem auch sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen ist es dringend geboten, dem Problem der Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Die auffallend hohen Stimmenzuwächse links- und rechtsextremer Parteien bei den letzten Landtagswahlen vom 19.09.2004 in Brandenburg (Stimmenanteil von 34,1 Prozent) und Sachsen (Stimmenanteil von 32,8 Prozent) sind alarmierend und ein Zeichen für die Unzufriedenheit der ostdeutschen Bevölkerung, die vor allem aus der desolaten Lage auf dem Arbeitsmarkt resultiert. 6 Schnelles und zielgerichtetes Handeln ist gefragt, bevor das Pulverfass explodiert.
Wenn auch zur Bekämpfung der hohen Unterbeschäftigung ein ganzes in sich stimmiges Bündel an Maßnahmen verschiedener Politikfelder wie z.B. der Sozialpolitik erforderlich ist, so spielt doch der Bereich der Lohn- und Tarifpolitik eine ganz entscheidende Rolle. Die zentrale Bedeutung dieses Politikbereiches für den Beschäftigungsstand lässt sich bereits ansatzweise daran ablesen, wie häufig und kontrovers dieser öffentlich, wissenschaftlich und politisch diskutiert wurde und wird. So bestimmte im Jahr 2003 die Forderung der Gewerkschaft IG Metall, die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metall-und Elektroindustrie durchzusetzen, wochenlang die Schlagzeilen und Gemüter. Der in diesem Zusammenhang durchgeführte Arbeitskampf wurde schließlich abgebrochen und blieb ohne Ergebnis. 7 Ein weiteres Ereignis aus dem November letzten Jahres waren die Tarifverhandlungen zwischen der IG Metall und der Volkswagen AG. Während die
4 Das hohe Niveau kommt auch dadurch zustande, dass zu Beginn des Jahres 2005 die Erfassung der Arbeitslosigkeit einer Änderung unterworfen war. Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe (Arbeitslosengeld II) hat bewirkt, dass bisher nicht als arbeitslos verbuchte Sozialhilfeempfänger ab sofort statistisch erfasst werden. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005) S. 3 und 6. Dies hat die Unterbeschäftigung in die Höhe schnellen lassen. Die nunmehr transparentere und realitätsnähere Erfassung der tatsächlichen Arbeitslosigkeit ist zu begrüßen (vgl. SVR (2004) Tz. 22).
5 Der SVR ist der Auffassung, dass es sich um 1,63 Millionen Menschen handelt, die verdeckt arbeitslos sind (vgl. SVR (2004) Tz. 235 und 244). Damit wären über sechs Millionen Personen ohne Beschäftigung. Andere Schätzungen gehen über dieses Maß hinaus und bewegen sich bei über sieben Millionen Arbeitslosen (vgl. Sinn (2003) S. 2).
6 Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen können unter http://www.das-parlament.de (2004) abgerufen werden.
7 Vgl. dazu u.a. http://www.igmetall.de (2003) und http://www.wams.de (2003). Häufig wurde geäußert, dass dieser Streik negative Konsequenzen für die neuen Bundesländer bedeute und die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig geschädigt werde (vgl. dazu u.a. http://www.bd-forecast.de (2003)). Alexander Haase 2
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Gewerkschaft für Lohnerhöhungen eintrat, forderte VW flexiblere Arbeitszeiten und einen gewinnabhängigen Anteil am Gesamteinkommen von 30 Prozent. Die gegensätzlichen Interessen wurden schließlich durch einen Kompromiss einvernehmlich zusammengeführt. 8 Beispiele dieser Art könnten endlos fortgeschrieben werden.
Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, den gesamtwirtschaftlichen Verantwortungsbereich der Tarifvertragsparteien - der Gewerkschaften und Arbeitgeber(-vereinigungen) - für einen hohen Beschäftigungsstand abzustecken. Aufgrund dessen wird auf die Rolle des Staates und seiner Aufgabe, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Abbau der Arbeitslosigkeit zu schaffen, lediglich am Rande eingegangen. Im Fokus der Betrachtung steht der Handlungsspielraum, der den Tarifvertragsparteien zur Verfügung steht. Im Zuge dieser Arbeit soll deutlich werden, dass diese im Besonderen ihren Beitrag für mehr Beschäftigung zu leisten haben.
Aus diesem Grund soll eine lohn- und tarifpolitische Strategie definiert werden, die schließlich als Maßstab herangezogen wird, um die Lohn- und Tarifpolitik auf den Prüfstand zu stellen. Im Rahmen einer empirischen Analyse sollen die lohn- und tarifpolitischen Entwicklungen und Entscheidungen auf ihre Tragfähigkeit und Wirksamkeit hin untersucht werden. Diesbezüglich ist die Frage zu beantworten, ob und inwieweit die Tarifvertragsparteien ihren Beitrag geleistet haben, um den Abbau der Arbeitslosigkeit nachhaltig voranzutreiben.
Letztlich sollen daraus ableitend Handlungsempfehlungen an die Tarifvertragsparteien gerichtet werden, die aus Sicht des Verfassers notwendig sind, der
beschäftigungspolitischen Aufgabe gerecht zu werden.
1.2 Aufbau und Themenabgrenzung
Zunächst soll der Zusammenhang zwischen dem Beschäftigungsstand und der Lohn- und Tarifpolitik dargestellt werden. Dazu ist zu Beginn eine Bestandaufnahme erforderlich. Möchte man den Patienten „Arbeitsmarkt“ zur Gesundung verhelfen, ist es notwendig, nicht bei den Symptomen, sondern bei den Ursachen der Krankheit anzusetzen. Nur wenn diese bekannt sind, können wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Therapie zum Erfolg zu bringen.
8 Vgl. u.a. http://www.wams.de (2004a) und http://www.igmetall-nieder-sachsen-anhalt.de (2004)
Alexander Haase 3
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Deshalb befasst sich das zweite Kapitel mit einer empirischen Analyse des sächsischen Arbeitsmarktes. 9 In einem ersten Schritt wird auf die Bestimmungsgründe sowohl der Angebots- als auch der Nachfrageseite eingegangen, um im zweiten Schritt schließlich beide Seiten zusammenzuführen. Im Anschluss daran werden das Ausmaß der Arbeitslosigkeit, ihre Struktur und die wichtigsten Charakteristika als Ergebnis festgehalten, wobei der Blick insbesondere auf die am stärksten betroffenen Problemgruppen gerichtet wird. Im weiteren Verlauf wird schließlich der Versuch unternommen, die analysierte Arbeitslosigkeit und deren wichtigste Ausprägungen theoretisch zu erklären. Damit soll es gelingen, die Brücke zwischen der Arbeitslosigkeit und der Lohn- und Tarifpolitik zu schlagen. Hierbei steht vor allem die Frage nach den Ursachen der anfangs analysierten Arbeitslosigkeit im Fokus. Das Kapitel endet mit dem Herausstellen der Bedeutung der Lohn-und Tarifpolitik und des Verhaltens ihrer Akteure für den Beschäftigungsstand, und damit für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft.
Im dritten Kapitel wird auf den bisherigen Überlegungen aufgebaut und eine lohn- und tarifpolitische Strategie definiert, die geeignet ist, beschäftigungsfördernde Impulse zu setzen. Den unterschiedlichen politischen aber auch wissenschaftlichen Positionen und Ansichten soll hierbei möglichst Rechnung getragen werden. Letztendlich soll der Rahmen und der Maßstab für die dann folgende empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik abgesteckt werden.
Diese Analyse, die Inhalt des vierten Kapitels ist, beschränkt sich auf die Wirtschaftszweige der Metall- und Elektroindustrie und der chemischen Industrie in Sachsen und umfasst den Zeitraum von 1998 bis 2003. Diese Eingrenzungen haben mehrere Gründe: Die regionale Eingrenzung ist erforderlich, um die Lohn- und Tarifpolitik adäquat untersuchen zu können. Dieser Aspekt wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich. Dass die Wahl auf Sachsen fiel, hat zudem bestimmte Gründe. Zum einen sind die ostdeutschen Bundesländer und eben auch Sachsen besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Erfolgversprechende Maßnahmen, die - basierend auf einer empirischen Untersuchung - positive Impulse auf dem Arbeitsmarkt setzen können, werden dort dringender benötigt als anderswo. Sachsen ist auch deshalb so interessant, weil es unter den ostdeutschen Bundesländern die längste Grenze zum benachbarten Ausland aufweist. 10 Durch die EU-Osterweiterung mit den neuen Mitgliedsstaaten Polen und der Tschechischen Republik ergeben sich deshalb gerade
9 Die Eingrenzung der Untersuchung des Arbeitsmarktes auf die Region Sachsen wird im übernächsten Abschnitt erläutert, der sich mit dem vierten Kapitel beschäftigt.
10 Die Grenze Sachsens zum benachbarten Ausland (Tschechische Republik und Polen) hat eine Länge von 566 km (vgl. StaLa Sachsen (2003) S. 26). Die Grenze Brandenburgs zu Polen ist 252 km lang (vgl. Landesbetrieb Brandenburg (2004) S. 19). Alexander Haase 4
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
für Sachsen neue Chancen, aber auch neue Risiken. Die sich dadurch neu ergebenden Rahmenbedingungen könnten den Arbeitsmarkt zusätzlich belasten und sind deshalb in die Überlegungen mit einzubeziehen.
Die Metall- und Elektroindustrie und die chemische Industrie, für die die Analyse durchgeführt werden soll, spielen im Besonderen in Sachsen eine enorm wichtige Rolle, da sie die tragenden Wirtschaftssäulen markieren. 11
Die darüber hinaus erfolgte sektorale Eingrenzung ist analog zur regionalen darauf zurückzuführen, dass eine derartige differenzierte Betrachtungsweise Voraussetzung ist, um die Lohn- und Tarifpolitik untersuchen und schließlich beurteilen zu können. Beide Wirtschaftszweige wurden - wie bereits angeführt - deshalb ausgewählt, weil sie zum einen zu den Schlüsselindustrien in Sachsen gehören. 12 Zum anderen ist hier die Verfügbarkeit und Bezugsmöglichkeit von relevanten Daten am stärksten ausgeprägt. Darüber hinaus war die Tiefe der Analyseebene der im Zuge dieser Diplomarbeit durchgeführten Untersuchung Pilotprojekt und besonderer Reiz zugleich. 13 Zudem beschränkt sich die Analyse auf den Zeitraum von 1998 bis 2003. Die Zeit nach der Wiedervereinigung war in den neuen Bundesländern durch wirtschaftliche und politische Umbrüche geprägt. Auswirkungen und Einflüsse auf die Lohn- und Tarifpolitik, die Anfang der neunziger Jahre u.a. auch auf politische Entscheidungen der damaligen Bundesregierung zurückzuführen sind, sollen nicht Bestandteil dieser Arbeit sein. 14 Darüber hinaus gab es seit 1998 keinen Regierungswechsel mehr. Der Zeitraum wurde auch deshalb gewählt, weil die mathematischen Berechnungen, die zur Analyse der Lohn- und Tarifpolitik notwendig sind, eine möglichst genaue Beurteilung erst ab 1998 ermöglichen. Diese Eingrenzungen gelten sowohl für die Untersuchung der Entwicklung des lohn- und tarifpolitischen Kurses, den die Tarifvertragsparteien eingeschlagen haben, als auch für die Untersuchung der sich daraus ergebenden Folgen.
Schlussfolgernd werden den verantwortlichen Akteuren im fünften Kapitel schließlich Handlungsempfehlungen nahe gelegt, die diese im Sinne eines Beitrages für mehr Beschäftigung umsetzen sollten.
11 Da die Lohn- und Tarifpolitik in Sachsen untersucht und der Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und dem genannten Politikbereich aufgezeigt werden soll, beschränkt sich die empirische Analyse des Arbeitsmarktes in Kapitel 2 auf Sachsen.
12 Vgl. http://www.sachsen.de (2005)
13 Die Analyse der Lohn- und Tarifpolitik beschränkt sich sowohl auf eine Region als auch auf eine bzw. zwei Branchen. Eine auf dieser tiefen Ebene durchgeführte Untersuchung ist, obwohl - wie sich noch herausstellen wird - durchaus sinnvoll und notwendig, bisher nicht bekannt. Die Gründe dafür mögen im Datenmangel und der schweren Zugänglichkeit relevanter statistischer Informationen liegen.
14 Die u.a. politischen Fehlentscheidungen, die insbesondere in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung getroffen wurden und sich vornehmlich in der ökonomischen Entwicklung bemerkbar gemacht haben, lassen sich sehr anschaulich bei Sinn/Sinn (1993) nachlesen. Dort wird vor allem eindrucksvoll auf die die Lohn- und Tarifpolitik betreffenden Weichenstellungen eingegangen. Alexander Haase 5
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Den Abschluss dieser Arbeit bildet das sechste Kapitel. Neben einer persönlichen Einschätzung wird an dieser Stelle auch auf die Rolle des Staates und seiner Möglichkeit, die gesetzlichen Rahmenbedingungen bezüglich des Arbeitsmarktes optimal zu gestalten, eingegangen. Dabei sollen jene Handlungsfelder aufgezeigt werden, die in unmittelbarem Zusammenhang zur Politik der Tarifvertragsparteien zu sehen sind. Darüber hinaus soll die Bedeutung der Lohn- und Tarifpolitik vor dem Hintergrund der erweiterten Europäischen Union umrissen werden. Ein kurzes Eingehen auf die Ergebnisse der Tarifrunde 2004 rundet die Arbeit ab.
2. Determinanten der Arbeitslosigkeit
Ökonomisch gesehen bedeutet eine hohe Unterbeschäftigung nichts anderes als die Verschwendung der Ressource „Arbeitskraft“, die brach liegend ihren Beitrag zur Wertschöpfung und damit zum Wohlstand nicht leistet. Damit wird auch deutlich, dass alle Bevölkerungsgruppen von ihr betroffen sind: Zum einen die Arbeitslosen, die keine Beschäftigung haben und mehrheitlich unter dieser Situation leiden, was zu Unzufriedenheit und gesellschaftlichen bzw. sozialen Spannungen führt. Zum anderen diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, von ihrem Einkommen jedoch vermehrt in die Sozialkassen einzahlen müssen, damit die Beschäftigungslosen eine Mindestsicherung durch Transferzahlungen erhalten können.
Deshalb sind sich Politik und Wissenschaft darüber einig, dass das vorrangige wirtschaftsaber auch gesellschaftspolitische Ziel die Schaffung von Arbeitsplätzen ist und bleiben muss. 15 Die Meinungen und Vorschläge zur Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt gehen jedoch zum Teil weit auseinander.
Aus diesem Grund soll analytisch an das Problem herangegangen und der Markt, auf dem Angebot und Nachfrage des Produktionsfaktors „Arbeit“ zusammentreffen, näher untersucht werden. Auf diese Weise soll es gelingen, die wichtigsten Ausprägungen und Merkmale der Arbeitslosigkeit festzustellen. Auf dieser Grundlage aufbauend können schließlich ursachengerechte Maßnahmen aufgestellt werden, die die beschäftigungsfördernden Impulse wirksam setzen können.
15 Bei Amtsantritt der Bundesregierung im Jahr 1998 hat diese sich die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zum obersten Ziel gesetzt (vgl. SVR (1998) Tz. 422). Dieses wirtschaftspolitische Ziel steht nach wie vor an der Spitze der Agenda der Bundesregierung (vgl. BMWA (2005) S. 10). Auch die Wissenschaft ist der Auffassung, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit die vordringlichste wirtschaftspolitische Aufgabe sein muss (vgl. u.a. SVR (1998) Tz. 422); Christensen (2003) S. 573). Alexander Haase 6
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
2.1 Der sächsische Arbeitsmarkt: Eine empirische Analyse
2.1.1 Bestimmung und Entwicklung des sächsischen Arbeitsangebots
Das Arbeitskräfteangebot wird zum einen von der Erwerbsneigung, also dem Wunsch, einer Arbeit nachzugehen, und zum anderen von der Größe und Struktur der Bevölkerung bestimmt. 16
Die Erwerbsneigung ist an der Zahl der Erwerbspersonen, d.h. der Summe aus erwerbstätigen und erwerbslosen Menschen, ablesbar. 17 Das Erwerbspersonenpotential 18 , das dem absoluten Angebot an Arbeitskräften entspricht, ist in Sachsen seit der Wiedervereinigung rückläufig.
Ursache für diese Entwicklung ist die Zahl der Erwerbstätigen, die von 1991 bis 2003 um 480.500 Personen gesunken ist. Im gleichen Zeitraum lässt sich bei den Erwerbslosen dagegen nur ein Zuwachs von ca. 190.000 Personen nachweisen (Abbildung 2.1).
Der Grund für den Rückgang des Erwerbstätigenpotentials lag allerdings nicht in einsetzenden Vorruhestandsregelungen, denn das Ausscheiden der über 50-Jährigen aus dem Erwerbsleben betraf zwischen 1991 und 2003 nur 85.100 Personen. Zugleich nahm die
16 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 22
17 Als erwerbstätig gelten alle Personen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, unabhängig von der Dauer der tatsächlich geleisteten oder zu leistenden Arbeitszeit. Als erwerbslos gelten alle nicht erwerbstätigen Personen, die sich nach eigenen Angaben um eine Arbeitsstelle bemühen bzw. dem Arbeitsmarkt innerhalb von zwei Wochen zur Verfügung stehen, unabhängig vom Umfang der gesuchten Tätigkeit und unabhängig davon, ob sie beim Arbeitsamt registriert sind oder nicht. Vgl. Mankiw (2000) S. 39 und Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 9
18 Erwerbstätige und Erwerbslose im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren
Alexander Haase 7
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Zahl der Erwerbslosen derselben Altersgruppe um 82.200 zu, so dass dieser Personenkreis für die in Abbildung 2.1 dargestellte Entwicklung nicht verantwortlich ist. 19 Der Rückgang des Arbeitskräfteangebots geht zum größten Teil auf das Konto der jungen Menschen. Seit 1991 ist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 15 und 35 Jahren um knapp 326.000 Personen zurückgegangen. Das entspricht ca. 68 Prozent der gesamten Abnahme des Erwerbstätigenpotentials. Auch die jeweiligen prozentualen Veränderungen zum Vorjahr machen deutlich, dass vor allem die jungen Erwerbstätigen der Altersgruppe 20 - 35 davon betroffen waren. 20 Bis auf das Jahr 1999 lagen die Veränderungsraten stets im negativen Bereich (Abbildung 2.2).
Sinkt die Zahl der Erwerbstätigen z.B. aufgrund von Arbeitsplatzabbau, müsste die Zahl der Erwerbslosen unter der Voraussetzung einer gleichmäßig wachsenden
Bevölkerungsentwicklung und eines geschlossenen Arbeitsmarktes in annähernd derselben Höhe steigen. Diese Vermutung lässt sich jedoch nicht bestätigen. Von 1991 bis 2003 ist die Zahl der 20- bis 35-jährigen Erwerbstätigen um 288.000 zurückgegangen, während das Erwerbslosenniveau in dieser Altersklasse nur um 13.600 gestiegen ist. Diese Entwicklung ist im folgenden Schaubild durch die entsprechenden Veränderungsraten visualisiert.
19 Die Zahlen resultieren aus eigenen Berechnungen, die mit den Ursprungsdaten der Bevölkerungs- und Erwerbstätigenstatistik des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen durchgeführt wurden (vgl. StaLa Sachsen (2004c).
20 Die in Abbildung 2.2 vorgenommene Einteilung der Erwerbstätigen in die drei Altersgruppen wurde gewählt, um eine gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten (jeweils 15 Jahre). Die Erweiterung der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen um die 15- bis 20-Jährigen bringt im Ergebnis keine nennenswerte Abweichung. Alexander Haase 8
Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003
Es ist erkennbar, dass die tatsächliche Erwerbslosenentwicklung zum Teil deutlich von derjenigen abweicht, die sich einstellen müsste, wenn sie spiegelbildlich zur Erwerbstätigenentwicklung verlaufen würde. Letzteres ist aber nicht der Fall. Der Verlauf der IST-Erwerbslosenentwicklung unterhalb des SOLL-Niveaus bedeutet, dass die meisten unter 35-Jährigen, die nicht mehr zur Gruppe der Erwerbstätigen gehören, auch nicht als Erwerbslose erfasst werden. Sie stehen also dem sächsischen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung.
Aus diesem Sachverhalt resultiert der Arbeitskräfterückgang: Das Verschwinden der unter 35-Jährigen vom sächsischen Arbeitsmarkt. Hierfür lassen sich drei Gründe anführen.
Erstens ist seit der Wende eine große Zahl von Menschen aus Ostdeutschland und damit auch aus Sachsen abgewandert. Dabei kann das Wanderungsverhalten seit der Wiedervereinigung in drei Phasen gegliedert werden. In der ersten Phase - zu Beginn der neunziger Jahre - war eine starke Abwanderungsdynamik in das frühere Bundesgebiet festzustellen. Nach diesen anfänglichen Reaktionen der Sachsen auf die durch die Wiedervereinigung ausgelösten Arbeitsplatzverluste normalisierten sich die Fortzüge. In den Jahren 1993 bis 1997 konnten sogar Wanderungsgewinne erzielt werden. Seit 1998 hat sich das Blatt gewendet. Allein zwischen 1998 und 2001 verließen etwa 320.000 Personen Sachsen, während nur 260.000 Menschen zuwanderten (Abbildung 2.4). 21 Insbesondere die Fortzüge in das frühere Bundesgebiet haben wieder zugenommen, wobei Bayern und Baden-Württemberg die wichtigsten Zielländer darstellen. 22
21 Zu den drei Phasen der Wanderungsbewegung vgl. auch StaLa Sachsen (2002) S. 12ff.
22 Vgl. dazu Deutsche Bank (2003) S. 15; StaLa Sachsen (2002) S. 15
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Insgesamt verlor Sachsen in den Jahren 1990 bis 2003 aufgrund der Fortzüge vor allem nach Westdeutschland 1.162.606 Einwohner, während Zuzüge von 933.001 Personen zu zählen waren. Damit belief sich der Saldo, d.h. der Überschuss an Fortzügen, auf 229.605 Personen. Auffällig dabei ist, dass über zwei Drittel aller Wanderungsverluste der vergangenen Jahre die Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen betreffen.
Dieses Ergebnis ist in Abbildung 2.5 visualisiert. Dabei ist der Anteil des Überschusses an Fortzügen junger Menschen in den letzten Jahren größer geworden. Im Jahre 2003 waren die 15- bis 35-Jährigen mit über 78 Prozent an den Wanderungsverlusten beteiligt. Ein Jahr zuvor waren es noch 65 Prozent.
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Eine weitere wichtige Erkenntnis gewinnt man, wenn man die Fortgezogenen in Bildungsbzw. Qualifikationsgruppen einteilt. 23
97 Prozent der Fortgezogenen verfügten über einen Schulabschluss. Darunter lag der Anteil derjenigen mit Fachhochschulreife oder Hochschulreife bei 37 Prozent. 47 Prozent konnten einen Realschulabschluss nachweisen, während lediglich 12 Prozent über den Hauptschulabschluss verfügten. Insbesondere die jungen Menschen im Alter zwischen 21 und 35 Jahren hatten einen überdurchschnittlich hohen Schulbildungsabschluss und wiesen mit fast 44 Prozent eine absolvierte Fachhochschulreife oder Hochschulreife auf. Der Anteil der erwachsenen Bevölkerung in Sachsen, die über einen solchen Schulabschluss verfügen, beträgt jedoch nur 18 Prozent, während der Anteil der fortgezogenen Erwachsenen mit einer derartigen Schulbildung an allen fortgezogenen Erwachsenen mit 19 Prozent höher liegt. Bei denen, die einen Hauptschulabschluss nachweisen konnten, liegt der Anteil bei den Fortgezogenen nur bei 12 Prozent, bei der sächsischen Bevölkerung hingegen im Durchschnitt bei 33 Prozent (2001).
Auch das berufliche Ausbildungsniveau der Fortgezogenen lag über dem Durchschnitt der sächsischen Bevölkerung. Über 85 Prozent der abgewanderten Sachsen besaßen einen beruflichen Ausbildungsabschluss, 53 Prozent hatten eine Lehrausbildung oder eine Berufsfachschule absolviert, 20 Prozent eine Fachhochschule, Hochschule oder Promotion. Die Hälfte der Fortgezogenen war erwerbstätig. Diese Tatsache hat neben den noch anschließend zu erläuternden Ursachen dazu geführt, dass die Erwerbstätigenzahlen und damit auch das Arbeitskräfteangebot gesunken sind. Nur 16 Prozent der Abgewanderten waren dagegen arbeitslos, und 30 Prozent galten als Nichterwerbspersonen.
Zu den Abwanderungsmotiven lässt sich sagen, dass 40 Prozent wegen Arbeitsaufnahme oder Fortsetzung einer Tätigkeit am Zielort fortgezogen sind. An zweiter Stelle rangierten die Ehenachzüge mit 15 Prozent, gefolgt vom Wunsch nach besseren Verdienstmöglichkeiten mit 12 Prozent der Befragten. 24 Der Beginn einer Ausbildung oder die Aufnahme eines Studiums wurde in 9 Prozent, bei den jungen Sachsen sogar in 37 Prozent, der Fälle als Hauptmotiv angegeben.
Die jungen Arbeitslosen bis 25 Jahre, die Sachsen verlassen haben, suchten vor allem in den westdeutschen Bundesländern bessere Perspektiven sowie Arbeitsplatz- und Ausbildungsmöglichkeiten. Rund 62 Prozent unter den Fortgezogenen könnten sich vorstellen, nach Sachsen zurückzukehren. Bei den unter 30-Jährigen sind es knapp 75
23 Die in den beiden folgenden Textabschnitten gemachten Angaben über die Qualifikation bzw. Schulbildung der Fortgezogenen sind der Wanderungsanalyse 2002 des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen entnommen (vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 21-23).
24 Die Informationen hinsichtlich der Abwanderungsgründe der Sachsen basieren auf der Befragung sächsischer Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2002 durch das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen (vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 26-27). Alexander Haase 11
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Prozent. Hier nimmt der Anteil mit steigendem Alter ab. Die wichtigste Voraussetzung für eine Rückkehr nach Sachsen ist für jeden Zweiten ein Arbeitsplatz.
Zweitens ist der Saldo der Ein- und Auspendler seit der Wiedervereinigung stets negativ. 25 Im Jahr 1992 übertraf die Zahl der Auspendler die der Einpendler um knapp 44.000 Personen. 26 Dieser Saldo erhöhte sich bis zum Jahr 2003 auf ca. 53.300 Menschen. Und auch hier ist die Altersgruppe der unter 35-Jährigen stark vertreten. Während der letzten Dekade ist der Auspendlerüberschuss in absoluten Zahlen um über 20 Prozent angestiegen. An dieser Entwicklung waren vor allem die unter 35-Jährigen beteiligt, nämlich jedes Jahr durchschnittlich mit 56 Prozent.
Seit dem Jahr 2000 zeichnet sich zwar ein etwas rückläufiger Trend ab. Allerdings muss man an dieser Stelle zu bedenken geben, dass hier nur die Pendlerbeziehungen zwischen Sachsen und dem früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) berücksichtigt sind (Abbildung 2.6). Würde man die Pendler von und nach Berlin und vor allem diejenigen, die ins benachbarte Ausland pendeln, mit einbeziehen, ist davon auszugehen, dass der Auspendlerüberschuss noch mehr ins Gewicht fallen würde.
Zwar ging die Zahl der 15- bis 35-jährigen Pendler deshalb etwas zurück, weil diese Personengruppe in starkem Maße, wie bereits dargestellt, den Wohnort ausserhalb von
25 Als Einpendler werden alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Arbeitsort in Sachsen und dem Wohnort ausserhalb des Freistaates Sachsen verstanden. Die Ermittlung der Zahl der Auspendler beruht auf den Beschäftigten, die ihren Wohnort in Sachsen hatten und deren Arbeitsort sich außerhalb der Landesgrenze befand. Vgl. StaLa Sachsen (2003a).
26 Alle Angaben zu den Ein- und Auspendlern basieren auf Daten, die vom IAB der Regionaldirektion der BA in Sachsen zur Verfügung gestellt wurden (vgl. BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004)). Die Statistik beim IAB beginnt jedoch erst mit dem Jahr 1992, so dass über 1991 keine Informationen vorlagen. Alexander Haase 12
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Sachsen wählt. Dennoch bilden sie immer noch den größten Anteil am Auspendlerüberschuss.
An den Pendlerbeziehungen sind - genau wie bei den Wanderungsbewegungen - in erster Linie sowohl die jungen als auch gleichzeitig die ausgebildeten und besser qualifizierten Menschen beteiligt.
Der Anteil des Auspendlerüberschusses mit abgeschlossener Berufsausbildung am gesamten Auspendlerüberschuss beträgt seit 1992 jährlich durchschnittlich 77 Prozent. Damit pendeln überwiegend qualifizierte Personen von Sachsen in die westdeutschen Bundesländer. Die Altersgruppe, die daran den größten Anteil hat, sind wieder die unter 35-Jährigen (Abbildung 2.7).
Das ist erstaunlich, bedenkt man die hohen Abwanderungsquoten der unter 35-Jährigen und die Tatsache, dass Sachsen, wie noch zu erläutern sein wird, unter einem anhaltenden Nachwuchsmangel leidet. Trotz allem sind bei den Pendlerbewegungen wie auch bei den Abwanderungen insbesondere junge, qualifizierte Menschen beteiligt. Diese tragen also überwiegend dazu bei, dass das Arbeitskräfteangebot in Sachsen kontinuierlich abnimmt.
Dieser Prozess wird durch die demografische Entwicklung zusätzlich verstärkt, weil es sich drittens in Sachsen eben nicht um eine gleichmäßig wachsende, sondern seit der Wiedervereinigung um eine stets sinkende Bevölkerung handelt.
Zum einen ist das die logische Konsequenz der bereits dargestellten Abwanderungen. Diese haben zu etwa 40 Prozent dazu beigetragen, dass die Bevölkerung Sachsens seit 1990
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jährlich um durchschnittlich 0,9 Prozent geschrumpft ist. In Summe entspricht dies einer Größenordnung von ca. 230.000 Menschen. 27
Zum anderen jedoch sind die übrigen 60 Prozent allein auf natürliche Verluste zurückzuführen. Zwar stieg die Zahl der Lebendgeborenen im Jahr 2003 im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozent, während sich bei den Sterbefällen eine Veränderung von 1,1 Prozent ergab. Diese Veränderungsraten beruhen jedoch auf deutlich unterschiedlichen Ausgangsniveaus, so dass in absoluten Zahlen fast 20.000 Menschen mehr starben als geboren wurden. Die Zahl der Neugeborenen sinkt stetig, so dass immer weniger junge Menschen nachrücken können. Diese demografische Entwicklung in Sachsen schlägt sich bisher vor allem in der Altersgruppe der unter 35-Jährigen nieder. Seit 1990 übersteigen die Sterbefälle kontinuierlich die Geburtenraten. Während der letzten 14 Jahre wurden in Sachsen 422.840 Lebendgeborene statistisch erfasst. Im gleichen Zeitraum sind jedoch 783.289 Menschen gestorben. Dieses Defizit von ungefähr 360.000 Menschen entspricht den 60 Prozent, die dafür verantwortlich sind, dass die Bevölkerung im betrachteten Zeitraum von 4,9 Millionen auf 4,3 Millionen Menschen geschrumpft ist. Der dramatische Rückgang der Geburtenzahlen hat zur Folge, dass selbst die sinkende Zahl der Gestorbenen nicht mehr ausgeglichen werden kann.
Um den Bevölkerungsbestand zumindest zu halten, müssten im Durchschnitt 2,1 Kinder je Frau geboren werden. Tatsächlich kommen in Sachsen jedoch durchschnittlich lediglich etwa 1,2 Kinder je Frau zur Welt. 28
Diejenigen, die im erwerbsfähigen Alter sind, jedoch in keinem Beschäftigungsverhältnis stehen und trotzdem in Sachsen bleiben, tauchen dort als Erwerbslose wieder in der Statistik auf. Die Erwerbslosenzahlen sind seit der Wiedervereinigung gestiegen, wobei auch hier die Entwicklung der unteren Altersgruppe ins Auge fällt. Seit 1999 ist der Erwerbslosenanteil der 20- bis 35-Jährigen an der Bevölkerung derselben Altersklasse von 14 auf 17 Prozent gewachsen. Des Weiteren stieg die Quote der 35- bis 50-jährigen Erwerbslosen im gleichen Zeitraum von 15 auf 18 Prozent an (Abbildung 2.8).
Nur in der höheren Altersgruppe sank der Anteil der Erwerbslosen um 3 auf 15 Prozent an der entsprechenden Bevölkerung. Allerdings ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der illustrierte Erwerbslosenrückgang der über 50-Jährigen zum Teil darauf zurückgeführt werden kann, dass deren Bevölkerungsanteil gestiegen ist.
27 Die Zahlen dieses und des folgenden Abschnitts beruhen auf eigenen Berechnungen, die mit Hilfe der Daten des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen durchgeführt wurden (vgl.
http://www.statistik.sachsen.de (2004)). Die Ergebnisse werden gestützt durch die sächsische Wanderungsanalyse (vgl. StaLa Sachsen (2002)), wobei diese die Entwicklung nur bis 2001 berücksichtigt.
28 Vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 11.
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Setzt man nun beide Bestimmungsgrößen für das Arbeitsangebot - Erwerbspersonen und Bevölkerung - in Beziehung, erhält man die Erwerbsquoten. Sie können je nach Vergleichsmerkmal (z.B. Regionen, Qualifikationen, Alter etc.) sehr unterschiedlich ausfallen. Unter anderem lässt sich mittels eines intra- und internationalen Vergleichs der Erwerbsquoten aufzeigen, wie hoch das sächsische Erwerbspersonenpotential trotz des Arbeitskräfterückgangs ist (Abbildung 2.9).
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Unter Berücksichtigung des hohen Potentials an Arbeitskräften fällt der Rückgang der Erwerbspersonen - besser der Erwerbstätigen - nicht so stark ins Gewicht wie man zunächst hätte annehmen können. Darüber hinaus wäre eine doch zu spürende Entlastung auf dem Arbeitsmarkt rein quantitativer Natur. Wie bereits dargestellt wurde, würde es sich bei einer derartigen Entlastung in erster Linie um eine qualitative handeln. Denn in der großen Mehrheit verlassen vor allem junge und qualifizierte Menschen den sächsischen Arbeitsmarkt, weil sie insbesondere in Westdeutschland bessere Perspektiven sehen. All dies verstärkt den ohnehin schon biologisch bedingten Alterungsprozess.
Damit geht ein Humankapitalverlust einher, der eine mögliche Ansiedlung von Firmen und die Erhaltung und Erweiterung von Kapazitäten bestehender Unternehmen erschwert, wenn nicht gar verhindert. Durch die Alterung der Betriebe und einen fehlenden Nachwuchs an qualifizierten Fachkräften könnte deren Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr geraten. Dennoch: Die schrumpfende Zahl der Erwerbspersonen müsste, wenn auch geringfügig, dazu führen, dass durch ein sinkendes Angebot an Arbeitskräften eine gewisse Entlastung auf dem sächsischen Arbeitsmarkt zu spüren ist. Ob das der Fall ist, soll im Folgenden analysiert werden. Dazu untersucht der folgende Abschnitt die dem Arbeitsangebot entgegenstehende Seite der Arbeitsnachfrage.
2.1.2 Bestimmung und Entwicklung der sächsischen Arbeitsnachfrage
Die Arbeitskräftenachfrage wird durch die Summe der nicht realisierten Nachfrage (unbesetzte Stellen) und der realisierten Nachfrage (besetzte Stellen) bestimmt. Bei der Ermittlung des gesamten Nachfragepotentials besteht der Schwachpunkt darin, dass nicht alle der noch zu besetzenden Stellen dem Arbeitsamt gemeldet werden. Diese können daher auch nicht berücksichtigt werden.
Die realisierte Arbeitsnachfrage, wird gemessen an der Zahl der Beschäftigten bzw. Erwerbstätigen. Aus dem vorigen Abschnitt ist bereits bekannt, dass diese Zahl in Sachsen gesunken ist. Als Ursache für diese Entwicklung wurde das Verschwinden vor allem der jungen und qualifizierten Menschen vom sächsischen Arbeitsmarkt durch den demografischen Trend und das Pendler- und Abwanderungsverhalten festgehalten. An dieser Stelle lohnt es sich, die Gruppe der Erwerbstätigen weiter aufzugliedern. Denn neben den Selbständigen, Beamten, Soldaten und geringfügig/sozialversicherungsfrei Beschäftigten sind vor allem die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Bedeutung.
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Fast ausschließlich sie werden von den Unternehmen nachgefragt und machen den größten Teil der Erwerbstätigen aus.
Abbildung 2.10 macht deutlich, dass der Rückgang der Erwerbstätigkeit in erster Linie nicht angebots- sondern nachfragebedingt verursacht ist. Die Arbeitskräftenachfrage seitens der Unternehmen hat abgenommen, so dass die Zahl der Beschäftigungsplätze in den vergangenen Jahren gesunken ist. Im Jahr 2003 nahmen die Erwerbstätigenzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent (16.900) ab.
Ausschlaggebend waren in diesem Zeitraum allein die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einer Veränderungsrate von -2,7 Prozent (39.127). Diese Entwicklung wurde ausschließlich von den jungen Menschen getragen. Denn in der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen nahm die Beschäftigung von 1993 bis 2003 um jährlich durchschnittlich 3,3 Prozent ab.
Bei den 50- bis 65-Jährigen hingegen war ein Zuwachs von jeweils 1,4 Prozent zu verzeichnen. Die Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen fällt dabei nicht ins Gewicht. Damit finden vor allem junge Menschen keine Beschäftigungsmöglichkeiten mehr, die aus diesem Grund ihre Perspektiven ausserhalb der sächsischen Landesgrenze sehen.
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Die Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in qualifikatorischer Sicht zeigt, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung jener in der Altersgruppe der 20bis 35-Jährigen drastisch abgenommen hat, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten (Abbildung 2.11). Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind hier seit 1995 im Durchschnitt jährlich um 4,1 Prozent gesunken. Daraus resultieren die verstärkten Abwanderungen. Es bleiben diejenigen, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Die Zahl derer, die zu den nicht qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gehören, ist relativ konstant geblieben.
Bezieht man nun noch die nicht realisierte Arbeitsnachfrage mit in die Betrachtung ein, und zwar den Teil der offenen Stellen, die den Arbeitsämtern gemeldet worden sind, ist ein ähnliches Bild festzustellen. Der Bestand an offenen Stellen ist in Sachsen ebenso rückläufig. Im Jahr 2003 konnte ein jahresdurchschnittlicher Bestand von 17.063 offenen Stellen festgestellt werden. Dies entspricht dem niedrigsten Stand seit 1997. 29 Der Rückgang des Stellenbestandes beruht auf erheblich weniger Stellenzugängen. So verzeichneten die Arbeitsämter im Jahr 1997 noch 244.149 Stellenmeldungen, im Jahr 2003 waren es nur noch 165.998. Das bedeutet, dass die Stellenzugänge seit 1997 jährlich durchschnittlich um 8,6 Prozent zurückgegangen sind.
Über das Volumen des Teils der nicht realisierten Arbeitsnachfrage, der aus den offenen, aber nicht gemeldeten Stellen besteht, konnten leider keine Daten zusammengestellt werden. 30
29 Die Angaben über Bestand und Zugang offener Stellen siehe BA-Regionaldirektion Sachsen (2004).
30 Es existiert lediglich eine Repräsentativbefragung von Betrieben über das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot im Auftrag des IAB. Diese erfasst auch diejenigen Angebote, die den Arbeitsämtern nicht gemeldet wurden. Diese Erhebung war dem Verfasser nicht zugänglich. Alexander Haase 18
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Festzuhalten ist, dass nicht nur das Arbeitsangebot sondern auch die Arbeitsnachfrage gesunken ist.
Diese Aussage lässt sich unterstreichen, wenn man die Entwicklungen des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsangebotsniveaus und des (realisierten)
Arbeitsnachfrageniveaus mit der Bevölkerungsentwicklung in Beziehung setzt und beide, Erwerbs- und Beschäftigtenquote, miteinander vergleicht (Abbildung 2.12).
Zum einen wird deutlich, dass trotz der rückläufigen Erwerbsquote von 81,1 Prozent im Jahr 1991 auf 76,6 Prozent im Jahr 2003 das Angebotsniveau stets höher war als das Nachfrageniveau nach Arbeit. Denn die Beschäftigtenquote ist im selben Zeitraum von 73 Prozent um mehr als das doppelte auf 61,4 Prozent gesunken. Damit hat sich die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage in knapp 12 Jahren sogar um 7,1 Prozentpunkte auf 15,2 Prozent vergrößert. Dieses Ergebnis würde sich selbst dann nicht spürbar ändern, wenn man die nicht realisierte Nachfrage mit einbezieht. Die Beschäftigungsmöglichkeiten reichen bei weitem nicht aus, um für eine auch nur annähernde Befriedigung der Arbeitskraftanbieter zu sorgen. Das Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt ist aufgrund der stark rückläufigen Arbeitsnachfrage sogar deutlich größer geworden.
Zum anderen lässt sich wiederholt feststellen, dass diese Entwicklung vor allem von den jüngeren Menschen getragen wird. Denn sowohl die Erwerbsquote als auch die Beschäftigtenquote der 15- bis 35-Jährigen ist überdurchschnittlich um jeweils über 14 Prozent gesunken. Die Gründe hierfür sind bereits bekannt. Auch in dieser Altersgruppe hat sich die Differenz zwischen Erwerbs- und Beschäftigtenquote, wenn auch nur geringfügig, um 0,4 Prozentpunkte auf 11,4 Prozent vergrößert.
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Das Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt hat ein verheerendes Ausmaß angenommen. Die Folge ist Arbeitslosigkeit.
Der Zusammenhang ist in Abbildung 2.13 visualisiert, in dem beide Seiten, Arbeitskräftenachfrage und -angebot, einander gegenübergestellt werden.
An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass die nicht erwerbstätigen Personen, die Erwerbslosen, auf der Angebotsseite noch einmal untergliedert werden. Zum einen gehören dieser Gruppe diejenigen an, die zur Stillen Reserve gerechnet werden und zum anderen diejenigen, die unter den Begriff „Arbeitslose“ fallen. 31 Bei der Stillen Reserve handelt es sich um Personen, die Arbeit suchen, ohne bei den Arbeitsämtern als Arbeitslose registriert zu sein. Zum Teil handelt es sich bei der Stillen Reserve um beschäftigungslose Personen, die in arbeitsmarkt- oder sozialpolitischen Maßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit stecken (Stille Reserve in Maßnahmen). Dazu gehören Personen, die auf unterschiedlichste Art und Weise gefördert werden, wie z.B. durch berufliche Weiterbildung, Vorruhestandsregelungen oder Sprachkurse. Zur Berechnung des quantitativen Ausmaßes lassen sich Angaben aus Geschäftsstatistiken gewinnen. Zieht man von der Stillen Reserve insgesamt diese Stille Reserve in Maßnahmen ab, gelangt man zur Stillen Reserve i.e.S. Insbesondere dieser Teil lässt sich nicht genau quantifizieren, da es sich hierbei z.B. um Studenten und Hausfrauen handelt, über die nur grobe Schätzwerte existieren.
31 Daraus folgt, dass die Begriffe „Arbeitslose“ und „Erwerbslose“ nicht deckungsgleich sind. Arbeitslose sind Arbeitssuchende, die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen, den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsamtes zur Verfügung stehen und sich beim Arbeitsamt persönlich arbeitslos gemeldet haben. Der Begriff „Erwerbslose“ (Mikrozensus) ist demnach im Vergleich zum Begriff „Arbeitslose“ einerseits weiter, da er vor allem auch nicht beim Arbeitsamt gemeldete Arbeitssuchende umfasst. Andererseits ist er enger, da er z.B. Arbeitssuchende, die in der Berichtswoche wenigstens eine Stunde erwerbstätig waren, ausschließt, während sich „Arbeitslosigkeit“ mit einer Erwerbstätigkeit bis zu 15 Wochenstunden verträgt. Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 9. Alexander Haase 20
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Im weiteren Verlauf der Arbeit spielt die Stille Reserve jedoch keine tragende Rolle, da zum einen die Masse der Erwerbslosen aus der Gruppe der Arbeitslosen besteht und zum anderen, weil der erste Arbeitsmarkt der relevante ist.
Bisher wurden sowohl die Arbeitsangebots- als auch die Arbeitsnachfrageseite bestimmt und die wichtigsten Entwicklungen auf dem sächsischen Arbeitsmarkt dargestellt. Deshalb sollen nun im folgenden Abschnitt beide Seiten zusammengeführt werden, um die Aufmerksamkeit auf den in Abbildung 2.13 visualisierten Angebotsüberhang zu lenken.
2.1.3 Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt: Arbeitslosigkeit
In den beiden letzten Abschnitten wurde u.a. aufgezeigt, dass die Nachfrage nach Arbeit in weit größerem Maße zurückging, als das beim Arbeitsangebot der Fall war. Der daraus resultierende Angebotsüberhang entspricht dem, was allgemein hin als Arbeitslosigkeit bezeichnet wird. Diese wird mit Hilfe der Arbeitslosenquote, die die relative Unterauslastung des Kräfteangebots anzeigt, gemessen. Dazu werden die registrierten Arbeitslosen zu den Erwerbspersonen in Beziehung gesetzt. Die Unterbeschäftigung in Form Stiller Reserve wird demnach also nicht berücksichtigt. 32
Die Arbeitslosenquote, hier als der Anteil der registrierten Arbeitslosen an allen abhängigen zivilen Erwerbspersonen berechnet, lag im Jahr 2003 in Sachsen bei 19,4 Prozent. Würde man hingegen die registrierten Arbeitslosen zu den zivilen Erwerbspersonen in Beziehung setzen (also zuzüglich der Selbständigen und Mithelfenden) erhält man eine Arbeitslosenquote für Sachsen von 17,9 Prozent (2003). Es spielt jedoch keine besondere Rolle, welche der beiden Berechnungsmethoden man zu Grunde legt. Denn in beiden Fällen stieg die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozent auf das jeweils höchste Niveau, das Sachsen seit der Wiedervereinigung zu verzeichnen hat. 33 Aufgrund der stark rückläufigen Arbeitsnachfrage und nur schwacher „Entlastung“ beim Arbeitsangebot hat sich die Arbeitsmarktbilanz in Sachsen immer weiter verschlechtert. Zwar steht Sachsen im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Bundesländern noch relativ gut da, denn die Arbeitslosenquote lag überwiegend unter dem ostdeutschen Durchschnitt. Aber schon bei Hinzunahme der alten Bundesländer - im intranationalen Vergleich - ist erkennbar, wie kritisch die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen ist (Abbildung 2.14).
32 Die registrierten Arbeitslosen werden zu den Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Arbeitslose) in Beziehung gesetzt. Dabei kann der Kreis der Erwerbstätigen unterschiedlich abgegrenzt werden. Möglich ist hier der Bezug auf alle zivilen Erwerbstätigen (diese Berechnung ist im Ausland gebräuchlicher und deshalb für internationale Vergleiche geeigneter) oder auf die abhängigen zivilen Erwerbstätigen (Diese Quotenberechnung hat in Deutschland die längere Tradition). Vgl. hierzu Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 48.
33 Vgl. http://www.sachsen.de (2004)
Alexander Haase 21
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Die Arbeitslosigkeit ist während der letzten Jahre in Sachsen zwar etwas schwächer angestiegen als in Westdeutschland. Dies liegt jedoch ausschließlich am höheren Ausgangsniveau in Sachsen. Darüber hinaus beruht die stärker gestiegene Arbeitslosigkeit im früheren Bundesgebiet auf den in Abschnitt 2.1.1 beschriebenen Abwanderungen der ostdeutschen (auch der Sachsen) in den Westen. Somit kann mit einiger Vorsicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Abwanderungen nach Westdeutschland den Arbeitsmarkt dort zusätzlich belasten. 34 Im Ergebnis ist die durchschnittliche jährliche Arbeitslosenquote in Sachsen seit 1999 dennoch mehr als doppelt so hoch wie die Westdeutschlands. Diese dramatische Entwicklung in Sachsen, wie die (sogar noch schlechtere) im gesamten neuen Bundesgebiet, trägt einen Großteil dazu bei, dass Deutschland insgesamt in Europa das Schlusslicht bildet. Im November 2003 wurde in Deutschland eine Arbeitslosenquote von 9,3 Prozent erreicht, während die der EU-15 lediglich bei 8,0 Prozent lag. Zu diesem Zeitpunkt schnitten nur die Franzosen (9,5 Prozent) und die Spanier (11,3 Prozent) schlechter ab. 35
Ebenso ist der Abbildung 2.14 zu entnehmen, dass die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Sachsen kaum Schwankungen unterworfen, sondern nach wie vor relativ stetig und kontinuierlich gestiegen, ist. Für die ökonomische aber auch gesellschaftliche Situation ist es
34 Ein Beispiel dafür gibt die gestiegene Arbeitslosigkeit in Bayern. Allein im Jahr 2001 sind etwa 100.000 Personen - überwiegend aus Thüringen und Sachsen - in die bayerischen Grenzgebiete abgewandert und haben dort zur Verfügung stehende Arbeitsplätze besetzt. Die bayerischen Arbeitslosen blieben hingegen ohne Beschäftigung. Vgl. Sinn (2003-Nr. 41).
35 Vgl. http://europa.eu.int (2004). Die im europäischen Vergleich dargestellten Arbeitslosenquoten wurden von Eurostat erstellt und basieren auf der Definition der International Labour Organisation (ILO). Gemäß den Kriterien der ILO und der Definition von Eurostat ist derjenige arbeitslos, der zwischen 15 und 74 Jahre alt und ohne Arbeit ist, innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Arbeit aufnehmen kann und während der vier vorhergehenden Wochen aktiv eine Arbeit gesucht hat. Alexander Haase 22
Arbeit zitieren:
Alexander Haase, 2005, Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie und chemischen Industrie zwischen 1998 und 2003, München, GRIN Verlag GmbH
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