Inhaltverzeichnis
I EINLEITUNG 2
II BEGRIFF DER STADT NACH MAX WEBER 4
III FLEXIBILISIERUNG UND PERIODISIERUNG DES STADTBEGRIFFS 8
IV AKTUALITÄT DURCH SYMBIOSE 11
V RESÜMEE 14
LITERATURVERZEICHNIS 15
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Das komplexe, dynamische System Stadt
I Einleitung
An der reichhaltigen Rezension und Rezeption der Weberschen Werke 2 erkennt man deren Besonderheit für die historische Forschung, ist doch z.B. ein volles Beiheft der HZ nur der Frage gewidmet, wie Webers ‚okzidentale Stadt’ zumi n- dest in Teilen der heutigen Geschichtswissenschaft Anwendung erfahren kann, 3 auch beschäftigen sich ganze Bände mit Max Weber, dem Historiker, 4 oder, um eine Aufsatz aus just jenem Band zu zitieren:
„Über den Weberschen Idealtypus haben sich Ströme von Ti nte ergossen, ohne daß
5
abzusehen wäre, wann seine Abklärung erreicht sein wird.“
So soll diese Arbeit keiner reinen Wiedergabe der von Weber definierten ‚okzi- dentalen Stadt’ dienen, vielmehr soll sie sich mit der Fragestellung beschäfti- gen, ob einer generalisierenden Stadtdefinition – diskutiert am besonderen Bei- spiel der Typologie des Städtewesens nach Weber – in der heutigen G e- schichtswissenschaft noch Bedeutung zuerkannt wird.
Ein (wenn auch nicht ganz so breiter) Raum wird einer skizzenhaften Darste l- lung des Stadtbegriffes nach Haase 6 eingeräumt, da diesem zugesprochen wird, „den S[tadt]begriff als von der Vielfalt geschichtl. Merkmale geprägt end- gültig klären“ zu können. 7 Haases dynamisierter Stadtbegriff hält in dieser Ar- beit als Vertreter einer generalisierenden Definition der Stadt Einzug, anderen
1 Wolf, Klaus: Stadt. In: Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover 1995, S. 871. 2 Für die Fragestellung dieser Arbeit naturgemäß besonders interessant der später in „Wirt- schaft und Gesellschaft“ aufgenommene und posthum veröffentlichte Aufsatz „Die Stadt“ und hierin „§1 Begriff und Kategorien der Stadt“; später abgedruckt in: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 34-59. 3 Meier, Christian (Hrsg.): Die okzidentale Stadt nach Max Weber. Zum Problem der Zugehörig- keit in Antike und Mittelalter. (HZ, Beihefte, Neue Folge, Bd. 17). München 1994. 4 Kocka, Jürgen (Hrsg.): Max Weber, der Historiker. Göttingen 1986.
5 Schreiner, Klaus: Die mittelalterliche Stadt in Webers Analyse und die Deutung des okzidenta- len Rationalismus. Typus, Legitimität, Kulturbedeutung. In: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Max We- ber, der Historiker. Göttingen 1986, S. 119; Er zitiert: von Kempski, Jürgen: Zur Logik der Ordnungsbegriffe, besonders in den Sozialwissenschaften. In: von Albert, Hans (Hrsg.): Th e- orie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wirtschaftslehre der Sozialwissenschaften. 2.Auflage. Tübingen 1972, S. 119.
6 Haase, Carl: Stadtbegriff und Stadtentstehungsgeschichten in Westfalen. Überlegungen zu einer Karte der Stadtentstehungsgeschichten. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelal- ters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 60-94.
7 Pitz, Ernst: Art. Stadt. Teil A. Allgemein (Forschungsbegriff und –geschichte) und B. Deutsch- land. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. VII: Planudes bis Stadt (Rus’). München 1995, Sp. 2173.
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Autoren, die inhaltliche Redundanzen dazu aufweisen, zur Klärung eines Stadt- begriffes jedoch einen Beitrag leisten, können, auch aufgrund des Umfanges dieser Abhandlung, nur in kurzen Streifzügen bzw. den Anmerkungen skizziert werden. Als besonders hilfreich, vor allem im Zusammenhang der Klärung der Frage nach der aktuellen Verwendbarkeit des von Max Weber postulierten Id e- altypus der ‚okzidentalen Stadt’, haben sich Beiträge Dilchers erwiesen, daher wird er im vorletzten Kapitel vermehrt in den Anmerkungen zu finden sein. Als ein Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft, welches einen hohen Beitrag zur Klärung des Stadtbegriffs leisten kann, sei hier nur kurz die Entwick- lung des Städtewesens benannt 8 , da dessen Vielschichtigkeit den Umfang die-
ser Arbeit sprengen würde. Es wird – trotz begriffsdefinitorischer Relevanz – weiterhin auch nicht über die Entwicklung der Terminologie ‚Stadt’ (von civitas über burgus nach stat etc.) gesprochen, eine rseits bleibt angesichts der Fülle der Literatur und des doch begrenzten Raumes nur der Verweis in die Litera- tur 9 , zum zweiten soll in dieser Arbeit nicht in der Betrachtung stehen, was ‚dem
Mittelalter’ selbst als Stadt zu bezeichnen genehm war, sondern eine, zumin- dest zeitlich näher liegende Begriffsbestimmung.
In der Vergangenheit haben verschiedene Autoren mit zum Teil stark differie- renden Hintergründen – Philosophen, Soziologen, Historiker bis hin zu, wie wir sie zu heutiger Zeit nennen würden, Wirtschaftswissenschaftlern – versucht, eine Beschreibung der Wesenheit einer (oder ‚der’) Stadt zu liefern, genannt seien hier nur beispielhaft Voltaire (1754), der die Stadt als „Gemeinde freier
8 Einen Abriss über die Entfaltung des deutschen Städtewesens im Wandel der Zeit bietet ein Aufsatz Fritz Rörigs, in welchem sehr deutlich Linien zwischen den (dereinst auch von Max Weber skizzierten) Konsumenten- und Produzentenbeziehungen mit der Entwicklung des städtischen Lebens g ezeichnet werden, beginnend mit den Römerstädten auf späterem ‚deutschen’ Boden, übergehend zu Bischofsstädten, charakterisiert durch die (auch) weltliche Übermacht dieser Konsumentengruppe, hin zur Handels- und Zunftstadt des späteren Mittel- alters, deren Entscheidungsträger sich aus einem (zugegebenermaßen gesellschaftlich expo- nierten) nicht-klerikalen oder aristokratischen Anteil ihrer Einwohner rekrutierte (Rörig, Fritz: Die Stadt in der deutschen Geschichte. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 7-33).
9 Siehe hierzu insbesondere: Ennen, Edith: Die Forschungsproblematik Bürger und Stadt – von der Te rminologie her gesehen. In: Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Hrsg.): Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter. Bericht über Kolloquien der Kommis- sion zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1975-1977. Göttingen 1980, S. 9-26; Dil- cher, Gerhard: Zum Bürgerbegriff im späteren Mittelalter. Versuch einer Typologie am Bei- spiel von Frankfurt am Main. In: Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Hrsg.): Über Bür- ger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1975-1977. Göttingen 1980, S. 59-105; Köbler, Gerhard: civitas und vicus, burg, stat, dorf und wik. In: Jahnkuhn, Herbert; Schlesin- ger, Walter und Steuer, Heiko (Hrsg.): Vor- und Frühformen der europäischen Stadt im Mittel- alter. Bericht über ein Symposium in Reinhausen bei Göttingen in der Zeit vom 18. bis 24. Ap- ril 1972. Teil 1. 2. Auflage. Göttingen 1975, S. 13-32.
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Bürger“ mit eigener Stadtverfassung definierte, oder Adam Smith (1776), we l- cher die Hintergründe der Stadtentwicklung gegenüber dem Land in Folge ei- nes ausgebildeten „ständigen Markt[es]“ geschützt durch den von den Landes- herren gewährte besondere Rechtsordnungen und Schutzpolitik erkannte. 10 Jedoch kann und soll hier keine weiterführende Überblicksdarstellung über verschiedene Ansätze zur Klärung des Stadtbegriffs geliefert werden, könnte sie doch keinesfalls Vollständigkeit für sich beanspruchen und bliebe damit eine oberflächliche, einem Schlaglicht entsprechende Darstellung einzelner Aspekte der Begriffsgeschichte, in Komplexität bzw. Umfang beschränkt durch dessen Maßgabe, als Hinführung zu einer bestimmten Typologie der Stadt zu dienen, welche nach Heit zumindest die „meistzitierte“ 11 ist, Isenmann gar als den „er- folgreichsten Stadtbegriff“ 12 bezeichnet, ihres Zeichens eine ‚Antwort’ auf das Dilemma der Errichtung einer naturwissenschaftlich-generalisierenden vs. kul- turwissenschaftlich-individualisiernden Begriffsdefinition 13 , die „Entwicklung ei- nes Idealtypus’, als eines wissenschaftlichen Instruments zu Erfassung histori- scher und soziokultureller Phänomene“ 14 , kurz: die ‚okzidentale Stadt’ nach Max Weber.
II Begriff der Stadt nach Max Weber
Weber unterscheidet nach Isenmann zuerst einen „ökonomischen und einen politisch-administrativen Stadtbegriff“, wobei der „schließlich konstituierte ideal- typische Stadtbegriff“ beide in sich vereinigt. 15 Er prüft in einem ersten Teil sei- ner Betrachtung „Definitionsmerkmale, ob sie der Begriffsbestimmung der Stadt als Gesamterscheinung zu tragen geeignet sind“ 16 , d.h. Weber verwendet, um mit seinen Worten zu sprechen, „übliche Vorstellung“ 17 der Charakteristik einer Stadt, „die er mit historischen oder zeitgenössischen Realisationen konfrontiert
10 Pitz, Stadt, Spalte 2169f.
11 Heit, Alfred: Vielfalt der Erscheinung – Einheit des Begriffs? Die Stadtdefinition in der deutschsprachigen Stadtgeschichtsforschung seit dem 18. Jahrhundert. In: Johanek, Peter und Post, Franz -Josef (Hrsg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff. Köln 2004, S. 7. 12 Isenmann, Eberhard: Die deutsche Stadt im Spätmittelalter. 1250 – 1500. Stuttgart 1988, S. 24.
13 Zur Problematik der Kombination naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher (Ar- beit-)Definitionen in der Darlegung Heinrich Rickerts (1863-1936) siehe: Heit, Vielfalt, S. 1f. 14 Heit, Vielfalt, S. 2.
15 Isenmann, Stadt, S. 24.
16 Heit, Vielfalt, S. 7.
17 Weber, Max: Die Stadt. Begriff und Kategorien. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelal- ters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 34.
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Dipl.-Päd. Karsten Rohr, 2005, Begriff und Begriffsgeschichte der Stadt im Mittelalter - Aktualität einer generalisierenden Typologie der Stadt unter besonderer Berücksichtigung der 'okzidentalen Stadt' nach Max Weber, Munich, GRIN Publishing GmbH
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