I n h a l t
1. Einleitung. 1
2. Rezeption lateinamerikanischer Kultur in Deutschland 2
2.1 Das allgemeine Interesse Deutschlands an Lateinamerika. 2
2.2 Die Rezeption lateinamerikanischer Literatur in Deutschland 4
3. Die Rezeption des Werks von Jorge Luis Borges 9
3.1 Ein lateinamerikanischer longseller-Autor. 9
3.2 Ein literarischer „Spätzünder“ in Deutschland? 13
3.3 Ein (zu) europäischer Autor Lateinamerikas 15
4. Bibliographie 18
1. Einleitung
Das Themenfeld der Rezeptionsforschung stellt eine weitere, fruchtbare Art der Beschäftigung mit Literatur dar und eröffnet Wege, sich an das über die Zeit entstandene Bild eines Autors und seines Werks anzunähern. Man könnte sagen, es handelt sich um die Produktion von „Tertiärliteratur“, da hier die bestehende Sekundärliteratur - je nach Themenstellungauf unterschiedliche Aspekte hin untersucht wird. Einen weiteren Zugang zur Literatur stellt die Möglichkeit der quantitativen Bewertung dar, bei der beispielsweise die Masse der Übersetzungen oder die Häufigkeit der Rezensionen berücksichtigt werden. Gerade bei einem Autor wie Jorge Luis Borges lohnt dieser wissenschaftliche Ansatz, da er einerseits zu den großen Literaten der Weltliteratur gezählt wird, andererseits aber - vor allem bei nicht professionellen Lesern - weitgehend unbekannt geblieben ist.
Diese Arbeit widmet sich aus diesem Anlass der Rezeption der lateinamerikanischen Kultur und Literatur in Deutschland im Allgemeinen und der deutschen Rezeption des Werks von Jorge Luis Borges im Speziellen, d.h. das Ziel dieser Arbeit ergibt sich aus der Beobachtung der Überlieferung, Verbreitung und Wirkung der lateinamerikanischen Literatur und Borges Werk.
In einem ersten Teil sollen die Interessen-Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika aus deutscher Sicht skizziert werden, um dann der Frage nachzugehen, wie es um die Rezeption lateinamerikanischer Literatur in Deutschland steht und was eventuelle Gründe für den derzeitigen Tatsachen-Stand sein können. Dieser Teil stützt sich auf allgemeine Untersuchungen der letzten Jahre sowie auf eigene Erhebungen mithilfe des im Internet zugänglichen Index Translationum der UNESCO.
Daran anknüpfen werden Beobachtungen und Realien zur Borges-Rezeption in Deutschland. Bestandteile dieses Abschnitts werden Überlegungen zum Leserkreis, den Erwartungen an lateinamerikanische Literatur, dem Status Borges als longseller-Autor und die Dokumentation der Verbreitung Borges Literatur in Deutschland sein. Die großen Missverständnisse und falschen Behauptungen, die in den ersten Jahrzehnten der Borges-Rezeption in Deutschland entstanden und sich teilweise bis heute halten, sollen ebenfalls in diesem Kapitel beschrieben werden. Außerdem sollen zur damit zusammenhängenden Bezeichnung Borges als „europäischem“ Autor Erklärungsversuche gemacht werden.
1
2. Rezeption lateinamerikanischer Kultur in Deutschland
2.1 Das allgemeine Interesse Deutschlands an Lateinamerika
Bei der Frage, was das Interesse an Nachrichten verschiedenster Art an bestimmten Nationen im Menschen weckt, wird man schnell die Bedeutung der Medien in Prozess der Interessenbildung eingestehen müssen, weil diese über ihre Berichterstattung schließlich auch die entferntesten Gegenden dieser Welt greifbar machen. Anlass zur Euphorie über weltweite und profunde Information besteht jedoch nicht, bedenkt man den kleinen Anteil von Nachrichten aus aller Welt, der noch dazu thematisch eher begrenzt ist. An dieser Stelle soll Jürgen Wilkes Darstellung der Präsenz lateinamerikanischer Themen in Deutschland grob umrissen werden 1 .
Berichte über Lateinamerika in Deutschland kommen seit dem 15. Jahrhundert vor. Allerdings darf zu dieser Zeit nicht von einer wahren Masse an Informationen ausgegangen werden: es handelte sich lediglich um vereinzelte Reiseberichte von Weltreisenden, die dann ihre Erfahrungen in „Entdeckerzeitungen“ 2 niederschrieben. Durch das vereinzelte Entstehen dieser Texte - der Teil der Bevölkerung, der nach Lateinamerika reisen konnte und dann auch darüber berichten, war verschwindend klein - war natürlich auch die Verbreitung nicht sehr weitläufig.
Erst Ende des 17. Jahrhunderts befand sich eine eher regelmäßige Nachrichtenerstattung aus überseeischen Gebieten im Entstehen. Im Vergleich zur Berichterstattung aus dem europäischen Ausland war diese Nachrichtenkorrespondenz jedoch eher mager. Weiterhin behielten so (zunehmend auftretende) Reiseberichte ihre Bedeutung, um an Neuigkeiten aus Lateinamerika zu gelangen.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Lage mit dem Entstehen von Nachrichtenagenturen. Zu dieser Zeit war jedoch eine französische Nachrichtenagentur, die Agence Havas über Kartellbestimmungen allein dazu berechtigt, Nachrichten aus Lateinamerika zu verbreiten. Deutschland blieben damals lediglich Gebiete in Nord- und Osteuropa für die Berichterstattung. Einen Ausweg sah Deutschland während des Erstens Weltkriegs in der Gründung einer neuen, unabhängigen Nachrichtenagentur, der Transocean, die sich auf Asien und Lateinamerika spezialisierte und sich 1928 auch in Brasilien niederließ. Der Zweite Weltkrieg machte allerdings alle Erfolge durch die Feindstellung Deutschlands zunichte und führte zu einem erneuten Rückschlag was die Nachrichtenlage angeht.
1 ausführliche Darstellung siehe Wilke, 1996
2 ebd., 255
2
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist vor allem die Deutsche Presse-Agentur (dpa) von Bedeutung, deren Nachrichtenmaterial zu rund 50 % aus Auslandsnachrichten besteht. Trotz dieser Tatsache bleibt die Berichterstattung über Lateinamerika in den deutschen Zeitungen gering. Wilke beobachtet, dass der größte Anteil an Berichterstattung auf die großen, wohlhabenden Blätter entfällt, die sich eigene Auslandskorrespondenten leisten können 3 . Außerdem nennt er einige Gründe, die für das seltene Erscheinen von Nachrichten aus Lateinamerika Maßgeblich sind:
„ 1. Die Informationskapazität der Zeitungen ist begrenzt [...]
2. [... die] Journalisten orientieren sich [...] am Leserinteresse [...] [...]
4. [...] Vorrangig bringen die Medien zunächst einmal Nachrichten aus den umliegenden Ländern. [...] An zweiter Stelle der Auslandsberichterstattung stehen in der Regel Nachrichten über [...] sogenannte «Elite-Nationen». [...] Drittens folgen in der Berichterstattung die jeweiligen Krisen- und Konfliktgebiete [...]. Schließlich kommt erst an vierter Stelle die Berichterstattung über sonstige Regionen der Welt, insbesondere die Entwicklungsländer.“ 4
Kein allzu guter Stern also, unter dem die Berichterstattung über Lateinamerika hier in Deutschland stand und steht. Hinzu kommt noch, dass Deutschland über die Jahrhunderte hinweg keine kulturelle oder andere nennenswerte Verbindungen zu Lateinamerika hatte, wie etwa Länder romanischen Kulturursprungs. Betrachtet man die o.g. Kriterien, wird man auch feststellen, dass die Themen, die dieses Raster passen, nicht die „angenehmsten“ sind. Es bleiben vor allem Berichte über Politik, wohingegen fundierte Beiträge über Kultur einen verschwindend geringen Anteil der Nachrichten ausmachen. So genannte „Nachrichtenfaktoren“ 5 tragen schließlich dazu bei, dass beim deutschen Leser hauptsächlich Nachrichten über politische Missstände und Repressionen, Menschenrechtsverletzungen, Drogenhandel, Kriminalität im Allgemeinen, Unglücke und sonstige Katastrophen ankommen. Das Bild, das der deutsche Durchschnittsbürger erhält, ist also überwiegend negativer Art: es herrscht ein verzerrtes Bild von Lateinamerika in deutschen Köpfen vor. Von wem - außer geneigtem Fachpublikum - würde man außerdem erwarten, dass er oder sie sich aus eigenem Antrieb eingehender mit der Landeskunde einer derart differenzierten und so entfernt gelegenen Region der Erde beschäftigte?
Allein aus der allgemeinen Mediensituation lässt sich also der relativ geringe Stellenwert der Kenntnisse Lateinamerikas - und somit auch der lateinamerikanischen Literatur als Teil der dortigen Kultur - in Deutschland schließen. Im folgenden Kapitel wird eine genauerer Blick auf die Rezeption Lateinamerikanischer Literatur im Allgemeinen, und speziell der
3 ebd. 258
4 ebd. 259 f.
5 ebd. 262 ff.
3
Literatur Jorge Luis Borges, geworfen und so weitere Faktoren des vorgestellten Sachverhalts dargestellt .
2.2 Die Rezeption lateinamerikanischer Literatur in Deutschland
Das vorige Kapitel hat bereits den wichtigen Hinweis geben, dass das Interesse an einer Kultur - und somit an deren Literatur - zu einem nicht unerheblichen Teil von politischen Gegebenheiten und dem Interesse der Leserschaft, das selbstverständlich auch durch Marktstrategien von Verlagen und Agenturen gesteuert wird, abhängt. An einem Angebot an lateinamerikanischer Literatur mangelt es kaum; die Nachfrage von deutscher Seite ist, wie in diesem Abschnitt dargestellt werden soll, allerdings eher gering und zudem sehr auf einige Autoren, die im allgemeinen unter der Bezeichnung „Boom-Autoren“ bekannt wurden, beschränkt. Der Grund hierfür ist mit bei den wesentlich größeren Werbeetats multinationaler Verlagshäuser wie Randomhouse oder Bertelsmann zu suchen. Gabriel García Márquez oder Isabel Allende (und andere) wurden von diesen unter Vertrag genommen, mussten in gewissen Zeitabständen neue Romane vorlegen und wurden dafür europaweit bekannt gemacht. Verlage mit entsprechenden finanziellen Mitteln können es sich leisten, ihre „Star-Autoren“ mit dem neusten Werk ins Fernsehen oder überdimensionale Plakatwände zu bringen, wo kleinere Verlage zu einfacheren und weniger webewirksamen Mitteln wie direkte Kontakte bei Zielgruppen zurückgreifen müssen. Um zu sehen, wie es mit dem Werbe- und Marketingetat eines Verlages steht, reichte auch 2004 wieder ein Blick auf die Frankfurter Buchmesse aus, wo die Publikumsverlage hunderte Quadratmeter an Ausstellungsfläche mit ihren aufwändigen Aufbauten belegten und kleinere Verlage - mit nicht minder qualitativem Programm - sich aufgrund fehlender Mittel mit 12 bis 20 m² begnügen mussten. Wer die größere Masse an interessiertem Publikum zu verzeichnen hatte, muss hier kaum näher erläutert werden.
Wie schon gesagt, kann aber auch die Medienpräsenz Lateinamerikas - qualitativ wie quantitativ betrachtet - einiges über das allgemein niedrige Interesse für den Subkontinent aussagen. Anzunehmen wäre, dass gerade bei einer Region, die durch politische und gesellschaftliche Schwierigkeiten bekannt wurde und leider auch heute noch bekannt ist, ein Interesse an diesen Literaturen wegen ihrer Inhalte besteht. Dass dies im Falle Lateinamerikas nicht zutrifft, ist ein weiteres Indiz dafür, dass das Argument der ideellen und räumlichen Distanz zwischen Deutschland und Lateinamerika als Ansatz für die geringe Rezeption so falsch nicht sein kann. Dazu kommt, dass diese Distanz nicht zwischen Europa und Lateinamerika, sondern im Besonderen zwischen Deutschland und Lateinamerika zu bestehen
4
Arbeit zitieren:
Joachim Flickinger, 2004, Rezeption lateinamerikanischer Literatur und Kultur: Jorge Luis Borges in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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