1. Einleitung
Die Kommunikationswissenschaft konzentriert sich vor allem auf die Massenkommunikationsforschung. Interpersonale Kommunikation wird allenfalls als Teilaspekt, wie beispielsweise bei der Theorie des „Two-Step-Flow of Communication“ von Lazarsfeld et al. (Lazarsfeld et al. 1948), in die Forschung mit einbezogen. „Die Bedeutung interpersonaler Kommunikation wird dabei [...] zwar erkannt, doch bleibt sie meist eine Art Restkategorie, die zur Erklärung der W irksamkeit oder Unwirksamkeit von Massenkommunikation herangezogen wird.“ (vgl. Beniger 1987, S. 362) Im Rahmen der technischen Entwicklung ist jedoch zu beobachten, dass es Tendenzen hin zu einer Verschmelzung von Indiviadual- und Massenkommunikation gibt (vgl. Höflich1996, S.13). Es wird also in zunehmendem Maße notwendig, auch die technisch vermittelte interpersonale Kommunikation zum Gegenstand der Kommunikationswissenschaft zu machen. Unter technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation „[...] ist Kommunikation zwischen zwei oder mehr Personen unter Verwendung von Kommunikationstechnologien bzw. technischen und im besonderen elektronischen Medien“ (Höflich 1996, S.17) zu sehen. Sie geht also über Definitionen, wie etwa die von Miller und Steiberg (Miller/ Steinberg 1975), die im Zentrum der interpersonellen Kommunikation die physische Präsenz sehen, hinaus. Höflich sieht in der Einbeziehung technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation in die kommunikationswissenschaftliche Forschung „eine Herausforderung an eine Kommunikationswissenschaft, die nicht nur die Massenmedien zum Gegenstand hat und haben will und sich dergestalt als Wissenschaft von der menschlichen Kommunikation versteht.“ (Höflich 1996, S.24) Für ihn ergibt sich die Forderung, Medien der
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interpersonalen Kommunikation aufzunehmen und sie nicht nur als Ergänzung, sondern als Alternative zur Analyse massenmedialer Kommunikation zu sehen.
Im Folgenden sollen die Merkmale technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation sowie ihre Einbindung in den Alltag beschrieben werden. Es soll dabei erörtert werden, ob technische Kommunikations-Innovationen eher zu einer Isolierung in der Gesellschaft beitragen, oder als Integrations- und Verbindungselemente fungieren.
2. Merkmale technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation
2.1 Interaktivität
Ist heute von technischen Innovationen, dem Internet und Multimedia die Rede, so fällt meistens auch der Begriff ‚Interaktivität‘. Meistens wird dieser Begriff jedoch nicht näher definiert. „Hierbei dient der Verweis auf Interaktivität insbesondere zu einer Abgrenzung gegenüber der durch Einseitigkeit und begrenzte Rückkopplungsmöglichkeiten gekennzeichneten Massenkommunikation [...]“ (vgl. Höflich 1996, S. 61). Das einfachste Beispiel für eine Form der Rückkopplung ist die Antwort auf eine Frage innerhalb der interpersonalen Kommunikation: Person A erkundigt sich nach dem W etter, Person B sagt, es werde wohl regnen, worauf Person A wiederum reagiert und beschließt, den Regenschirm einzupacken. Diese einfachen Formen des Reagierens, oder Kommentierens sind bei Formen der Massenkommunikation nur begrenzt möglich. Allenfalls bietet sich hier die Möglichkeit zum Feedback beispielsweise in der Form des Leserbriefs oder des Anrufs in einer Radiosendung.
„So the most distinctive single quality of the new media is their interactivity, indicating their basic change in the directionality of
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communication from the one-way, one-to-many flow of print and electronic mass media of the past century“, folgert Rogers (Rogers 1986, S. 5). Laut Rogers ist Interaktivität also eine Qualität des Mediums. Er unterscheidet Medien mit geringer Interaktivität, beispielsweise das Fernsehen und andere Formen „klassische Massenmedien“, im Gegensatz zu Medien mit hoher Interaktivität, wie beispielsweise Telefonkonferenzsysteme. Es handelt sich also bei dieser Definition der Interaktivität um eine „systemimmanente Möglichkeit der Rückkopplung.“ Kritisch anzumerken ist hierbei, dass es bei einer bloßen Reduktion auf den Rückkopplungsaspekt schwierig wird, zwischen „einzelnen ‚interaktiven‘ Medien mit je eigenen Kommunikationspotentialen [zu differenzieren] (vgl. Höflich 1996, S. 62). Das versucht Rafaeli zu umgehen, indem er sich nicht auf die systemimmanente Rückkopplungsmöglichkeit, sondern auf die kommunikationsimmanente Rückbezüglichkeit bezieht. „D.h. daß sich im Verlauf des Kommunikationsprozesses dritte oder weitere Botschaften auf vorgängige, wiederum aufeinander bezogene Botschaften beziehen." Unterschieden werden interaktive Kommunikationssequenzen, quasiinteraktive Kommunikationssequenzen und nicht-interaktive Kommunikationssequenzen. Beim Lesen eines Zeitungsartikels beispielsweise handelt es sich um eine nicht-interaktive Kommunikationssequenz. Es findet kein Rollentausch statt. Bei quasiinteraktiven Kommunikationssequenzen bezieht man sich lediglich auf die vorausgegangene Botschaft. Ein Beispiel hierfür ist das Lesen eines Artikels und das anschließende Schreiben eines Leserbriefes, auf den jedoch nicht mehr reagiert wird. Interaktive Kommunikation hingegen, beschreibt Kommunikation, bei der auch auf noch weiter davor liegende Botschaften eingegangen wird. Das findet beispielsweise bei E-Mails oder während eines Telefongesprächs statt (vgl. Rafaeli 1988, S. 111). „Interaktivität gilt für Rafaeli als Idealtypus, an dem unterschiedliche
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Kommunikationssituationen und auch medienvermittelte Kommunikation gemessen werden.“ (Höflich 1996, S. 64)
2.2 Restriktionshypothese
Bei unvermittelter Face-to-Face-Kommunikation befinden sich die Kommunikationspartner in einer gemeinsamen räumlichen Umgebung. Sie sind also weder zeitlich, wie im Falle asynchroner Kommunikation, noch geographisch getrennt. Alle Kanäle der menschlichen Sinneswahrnehmung werden angesprochen: Selbst wenn die Personen sich nicht unterhalten, so können sie doch durch nonverbale Kommunikationsmittel wie Gestik, Mimik oder sogar Kleidung miteinander kommunizieren (vgl. Höflich 1996, S. 67). Rammert beschreibt Face-to-Face-Kommunikation als „authentisch, gleichzeitig und sozial unentrinnbar“ (vgl. Rammert 1990, S. 20). Werden diese Faktoren miteinbezogen, so wird klar, dass „Interaktivität eines Mediums eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung technisch vermittelter Kommunikation ist“ (Höflich 1996, S. 66). Zur ihrer Beschreibung wird häufig eine „Restriktionshypothese“ herangezogen, derzufolge jedes Medium die Möglichkeiten der interpersonalen Kommunikation einschränkt. Sie muss also an das jeweilige Medium angepasst werden, was letztendlich zu Kommunikationsdefiziten führt (vgl. Höflich 1996, S. 68). Short et al. beschreiben technisch vermittelte interpersonale Kommunikation in diesem Zusammenhang als ein „System von Zwängen“ (vgl. Short et al. 1976, S. 43). Die Restriktionshypothese bezieht sich darauf, dass verbale- und vor allem nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten ausgeblendet oder beschränkt werden. Technik-pessimistische Vermutungen gehen sogar so weit, von einem Verfall der nonverbalen
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Ausdrucksmöglichkeiten mit einer zunehmenden Gewöhnung an den Gebrauch technischer Kommunikationsmittel zu sprechen (vgl. Höflich 1996, S. 69).
Eine übermäßig große Bedeutung der nonverbalen Kommunikation wird vor allem in der Sozialpsychologie propagiert. Diese Annahmen lassen sich aber nicht bestätigen: Friedman kommt zu der Feststellung, dass „die Annahme einer dominierenden nonverbalen Kommunikation ein Mythos sei“ (Friedman 1978, S. 149). W ährend Brown feststellt: „Die Sprache [ist] als das universale Medium der Kommunikation anzusehen“ (Brown 1986, S. 500). „Eine einfache Restriktionshypothese dürfte damit als unhaltbar ad acta gelegt werden“ (Höflich 1996, S. 71).
2.3 Theoretische Ansätze zur technisch vermittelten Kommunikation
a) Soziale Präsenz
Short, W illiams und Christie beschreiben in ihrer „Theory based on Feelings of Social Presence“ die Qualität eines Mediums soziale/ psychische Nähe zu vermitteln. Sie operationalisierten die soziale Präsenz mit Hilfe eines semantischen Differentials. Die Testpersonen wurden aufgefordert, auf einer bipolaren Skala Medieneigenschaften folgenden Gegensatzpaaren zuzuordnen: unsoziabel - soziabel; intensiv - sensitiv; kalt - warm; unpersönlich - persönlich. Medien mit einem hohen Grad an sozialer Präsenz sind also warm, persönlich, sensitiv und soziabel. W ährend beispielsweise ein Brief einen geringen Grad an sozialer Präsenz hat, hat die Face-to-Face-Kommunikation den höchsten Wert an sozialer Präsenz.
Höflich kritisiert die eher induktive und konzeptionell kaum ausformulierte Form des Ansatzes. Auf Rogers Kritik hin, die soziale
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Arbeit zitieren:
Petra Flaischlen, 2004, Technische Innovation - Kommunikationszerstörung versus Electronic Community - Folgen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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