Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung Seite 3
2 Synopse und Vergleich Seite 4
2.1 Formale Gemeinsamkeiten Seite 4
2.2 Inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede Seite 4
2.3 Besonderheiten Helwigs von Waldirstet Seite 12
3 Biblische Bezüge Seite 13
4 Schlussbetrachtung Seite 15
5 Anhang: Synopse der Verse 14 278 Helwigs und 95 422 Heinrichs Seite 17
6 Literaturverzeichnis Seite 25
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1 Einleitung
Während des Mittelalters waren viele Varianten von Kreuzesholzlegenden in vielen Teilen Europas verbreitet. Das gesteigerte Interesse an der Kreuzrelique und die Einbindung des Kruzifixes in den christlichen Gottesdienst förderten das Verlangen nach einer legendarischen Ausgestaltung, des Kreuzes Jesu und deren Verbreitung. Das Besondere an den neu entstehenden Legenden war, dass nicht nur die Symbolik des Paradiesbaumes mit der des Kreuzes verbunden wurde und somit der Beginn der Erbsünde mit der Vergebung aller Sünden in Verbindung gebracht wurde, sondern auch die Wiederauffindung des Kreuzes und dessen Bedeutung in den Vordergrund trat 1 . Da diese Legenden in vielen Varianten überliefert worden sind, ist das Original bzw. die erste Version nicht mehr ermittelbar 2 .
Im Folgenden sollen nun zwei dieser Kreuzesholzlegenden im Mittelpunkt stehen. Zum einen „Helwigs märe vom heiligen Kreuz“ von dem Dichter Helwig von Waldirstet und „Die Legende vom heiligen Kreuz“ des Dichters Heinrich von Freiberg. Da beide Legenden sowohl zei tlich als auch räumlich nicht weit voneinander entstanden sind, liegt die Vermutung nah, dass entweder die eine in Abhängigkeit zur anderen entstanden ist, oder beide auf einer gemeinsamenVorlage beruhen.
„Helwigs märe vom heiligen Kreuz" ist in der Sammel handschrift Nr. 5305, aus dem 15. Jahrhundert, in der Wiener Nationalbibliothek überliefert. Diese wurde wahrscheinlich im hessischen Kloster Alsfeld geschrieben oder entstand in enger Verbindung zu diesem 3 . Über den Dichter des Werkes ist nicht viel bekannt. Er selbst stellt sich in seinen Einleitungsworten 4 als Helwig von Waldirstet vor und nennt zum Schluss seines Gedichtes den Markgrafen Friedrich 5 als seinen Gönner. Damit wird die zeitliche Einordnung seines Werkes erleichtert, da es sich bei den Markgraf Friedrich II (gest. 1333) oder Markgraf Friedrich III (gest. 1353) um die letztmöglichen Gönner mit dem Namen Friedrich von Baden handelt 6 . Die Vorlage für den ersten Teil des 980 Verse umfassenden (W Vers 1-694) Gedichts ist bis heute unbekannt. Bei dem zweiten Teil (W Vers 699-980) handelt es sich bei der Vorlage wahrscheinlich um die „legenda aurea" von Jacobus de Voragine 7 .
„Die Legende vom heiligen Kreuz" ist in der Papierhandschrift Nr. 2885, aus dem Jahre 1393, in der Wiener Nationalbibliothek überliefert 8 . Der Dichter Heinrich von Freiberg
1 Vgl. Draseek, Daniel: Sp. 398-401.
2 Vgl. Williams -Krapp, Werner: Sp. 371-372.
3 Vgl. van Dam, J., Sp. 393.
4 W Vers 4-5: „So wunsche ich von Waldir-/Stet der getruwe He lwic“
5 W Vers 969: „von Baden here fredirich“
6 Vgl. Feistner, Edith, Seite 340.
7 Vgl. Wimmer, Erich, Sp. 988.
8 Vgl. Steinhoff, Hans-Hugo, Sp. 725.
3
erscheint in drei Werken des 13. und 14. Jahrhunderts. Neben der vorliegenden
Kreuzesholzlegende wird ihm eine Tristanfortsetzung und die „Ritterfahrt des Johann von
Michelsberg" zugeschrieben 9 . Als Auftraggeber nimmt man den böhmischen adligen
Reimund von Lichtenburg an 10 .
Da in der wissenschaftlichen Forschung Unstimmigkeiten über die gegenseitige Beziehung
dieser beiden Texte 11 vorherrschen, bietet es sich an diese miteinander zu vergleichen und
auf eine mögliche Abhängigkeit zu untersuchen. Dabei soll auch der Bezug zur Bibel
hergestellt werden.
2 Synopse und Vergleich
2.1 Formale Gemeinsamkeiten
Dass zwischen „Helwigs märe vom heiligen Kreuz" und der „Legende vom heiligen
Kreuze" eine Verbindung bestehen muss, zeigt sich nicht nur am Titel, sondern auch an
zahlreichen inhaltlichen und sogar sprachlichen Übereinstimmungen. Einige der Verse
ähneln sich so sehr, sodass sie nur durch die Verarbeitung eines Gemeinsamen oder des
jeweilig anderen Textes entstanden sein können. Dazu gehören in den zu vergleichenden
Textausschnitt vor allem die Verse:
„Helwigs märe vom heiligen Kreuz“
32 Her quam in daz tal zu Ebron 111 In Ebrôn daz tal Adam
33 Mit Eva sinem wibe: 112 mit Êven sînem wîbe quam,
56 Abel met reines herzen mut 124 Abel ûz reines herzen sin
95 der wonet vor dem paradise. 177 der vor dem paradîse stât:
97 den wec und waz ich werbin sol. 183 „zeige mir den wec und sage mir,
184 waz ich süle werben dir:
101 Ouch mich zu lebin me vordrize 187 verdrieze mînes lebenes nu
106 Du er mich uz dem pardise stiz, 194 dô er vertreip und verstiez
195 mich ûz dem paradîse!
111 die vindistu in eime grunen phat
160 schalen und loubes was er bloz.
198 Wi sines brudir sele
199 Was in sweren pinen da.
245 Nach des engels sage
246 An dem dritten tage 412 nâch des engeles sage.
256 Daruz wuchsin in korzir stunt 418 dar ûz in vil kurzer stunt
2.2 Inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Vor allem am Inhalt und der, fast gleichen, chronologischen Textabfolge ist eine
Beziehung zwischen den Werk Helwigs und Heinrichs erkennbar. Beide Dichter beginnen
9 Vgl. Gierach, E. Sp. 261-265.
10 Vgl. Gierach, E. Sp. 261.
11 „[D]er Dichter hat vielleicht [...] Heinrichs von Freiberg Kreuzlegende gekannt“. Vgl. van Dam, J. Sp. 394.
„Eine weitere selbstständige Nachdichtung der Legende [...] verfasste unabhängig von Heinrich Helwig (von Waldirstedt):“ Vgl. Steinhoff, Hans-Hugo. Sp.725.
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den zu vergleichenden Abschnitt mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Während Heinrich nur von einer „missetât" (F Vers 95) 12 spricht, die Adam begangen hat, erwähnt Helwig außerdem, dass diese „dorch eine verboten spise" (W Vers 18) 13 geschehen ist, geht aber auch nicht genauer darauf ein. Dies bedeutet, dass die Legende von Adam und seiner Sünde, zu der Entstehungszeit der beiden Texte, soweit verbreitet gewesen sein muss, dass beide Dichter es nicht für nötig hie lten, diese näher zu erklären und mit ausführlichen Versen zu bedenken. Jedoch zeigt sich schon hier eine Besonderheit Helwigs, da er das Handeln Adams moralisiert, indem er seinen Ungehorsam missbilligt (W Vers 16).
Adams Ungehorsamkeit bedeutet allerdings nicht das Ende seiner Beziehung zu Gott. Obwohl bei beiden Dichtern die Beziehung von Adam und Gott erneuert wird, geschieht dies in unterschiedlicher Weise. Während Helwigs Adam eher eine passive Rolle spielt, betet Heinrichs Adam um Gnade, da er die Schwere seiner Tat erkennt. Bei Helwigs Text sendet Gott den Engel Cherubim zu Adam, damit er ihn tröstet (W Vers 23), ohne dass Adam etwas dafür tun muss bzw. seine Tat bereut. Daraus lässt sich eine unterschiedliche Gottesauffassung der beiden Dichter erkennen. Während Helwigs Gott die Sünde des Menschen sofort verzeiht, ist Heinrichs Gott erst nach der Reue des Menschen dazu bereit zu verzeihen. Der Mensch muss demzufolge um die Gnade des Herrn kämpfen und bekommt sie nicht einfach zugesprochen, was im pädagogischen Sinne viel effektiver ist, da er dadurch die Gnade Gottes zu schätzen lernt. Helwigs Adam hingegen, weiß diese Gnade noch nicht zu schätzen, da er „manchin bittern don" (W Vers 31) lässt und somit seinen Gott kritisiert, obwohl er selbst an seiner Lage schuld ist. Doch trotz dieser unterschiedlichen Ausgangssituationen erhält Adam bei beiden das Versprechen, dass Gott ihm vor dem Ende der Welt (F Vers 108) bzw. des Lebens (W Vers 25) das Öl der Barmherzigkeit zu teil werden lassen will. Um was es sich bei diesem Öl jedoch handelt, wird zunächst in beiden Texten nicht geklärt.
In der folgenden Episode tritt bei beiden Dichtern zum ersten Mal Adams Frau Eva auf (W Vers 33/ F Vers 112), mit der er in Ebron sesshaft wird. Adam beginnt für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten und zeugt mit Eva zwei Söhne namens Kain und Abel (W Vers 43/F Vers 118). Diese bekommen den Auftrag ihren Gott ein Opfer zu bringen. Während sie bei Helwig diesen Auftrag direkt von Gott erhalten (W Vers 47), wird bei Heinrich nicht darauf verwiesen. Dies zeigt wiederum das der Mensch bei Heinrich aktiver ist als bei Helwig. Wahrscheinlich gehörte es einfach zum Brauch seinem Gott regelmäßig
12 Im Folgenden beziehe ich mich bei Heinrich von Freibergs Text auf: Bernt, A.: Heinrich von Freiberg „Die Legende vom heiligen Kreuze“, S. 213-238. Abkürzung: F Vers ...
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zu opfern. Ein weiterer Unterschied in dieser Episode besteht in der Opferbereitschaft Kains. Während Helwigs Kain sich einen Plan ausdenkt (W Vers 52) um Gott „met einer garwen gefuge" (W Vers 53) zu überlisten, opfert Heinrichs Kain lediglich „ein snoedes opfer" (F Vers 129), weil er sich anscheinend keine großen Gedanken darüber macht. Kain wird somit bei Helwig als berechnender Mensch und bei Heinrich als oberflächlicher Mensch dargestellt. Auch Abels Handeln wird bei Heinrich, im Gegensatz zu Helwig, mehr abgestuft. Zwar opfert er auch bei Heinrich „ûz reines herzen sin" (F Vers 124), jedoch opfert er nicht wie bei Helwig „sin beste lam" (W Vers 57), sondern lediglich „ein genêmez opfer" (F Vers 125). Somit stellen Kain und Abel bei Heinrich nicht die absoluten Gegenpole, wie bei Helwig, dar, sondern sie befinden sich beide in einem mittleren Bereich. Die Gründe Helwigs diese gegensätzlichen Charaktere besonders hervorzuheben, liegen wahrscheinlich darin, dass er den folgenden Brudermord stärker motivieren will und somit die Ursachen für das Publikum transparenter zu gestalten. Dies erklärt auch, warum es Helwig nicht für nötig erachtet zu erwähnen, dass Gott Kains Opfer nicht annimmt und aus diesem Grund Abel erschlägt, sondern nur beschreibt, dass Gott Abels Opfer entgegennimmt (W Vers 62-64). Wahrscheinlich erscheint es Helwig, aufgrund des Gegenpols, als einige logische Konsequenz, dass Gott Kains Opfer verweigert, währenddessen es Heinrich wegen seiner mittleren Einordnung ausführlicher betonen muss. Bevor Helwig, wie Heinrich, das weitere Geschehen berichtet, schiebt er nach diesem Mord eine Sentenz bzw. eine Konsequenz ein. „Do hup sich die erster untruwe,/ Di nu alle tage ist nuwe!" (W Vers 63- 64) bemerkt er und beschuldigt damit Kain, er sei die Ursache für die Untreue in der Welt. Aber ist nicht schon durch Adams Gebotsübertritt die Unbeflecktheit der Menschen nichtig geworden? Nicht umsonst wird Adams Sünde immer als Erbsünde bezeichnet. Aus welchem Grund möchte Helwig nun, dass Kain der Urheber der Untreue ist und nicht sein Vater? Wahrscheinlich will Helwig Adam und Kain aus dem folge nden Grund voneinander lösen. In der Kunst werden Kain und Abel meist, wie bei Helwig, als Gegenpole dargestellt. Abel symbolisiert den guten Christen und Kain den Juden. In der Auffassung des Mittelalters waren die Juden immer die Schuldigen, da sie auch Jesu gekreuzigt haben. Dies hat nun zur Folge, dass Adam, der zu den Stammvätern der Christen gehört, nicht der Schuldige sein kann, da er Christ ist. Somit wird aus Kain, den Juden, der Schuldige jeder Untreue die deswegen immer wieder geschieht und Adams Schuld gemindert.
Als Adam, im weiteren Verlauf des Geschehens, von dem Brudermord erfährt, reagiert er bei beiden Dichtern auf dieselbe Weise. Er beklagt sich, dass seine Frau Eva an seinem
13 Im Folgenden beziehe ich mich bei Helwig von Waldirstets Text auf: Helwigs Märe vom heiligen Kreuz. Hrsg. von Paul Heymann, 1908. Abkürzung: F Vers ...
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Doreen Oelmann, 2004, Helwig von Waldirstet "Helwigs märe vom heiligen kreuz" - Synopse und Vergleich mit "Der Legende vom heiligen Kreuze" des Heinrich von Freiberg, Munich, GRIN Publishing GmbH
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