0. EINLEITUNG 3
1. KONSTANTIN DER GROßE - EINE BIOGRAPHISCHE SKIZZE 5
2. KONSTANTIUS II. BIOGRAPHIE UND POLITIK 9
2.1 Jugend 9
2.2 Die Nachfolgeregelung 11
2.3 Die Dreierherrschaft (337 340 ) 13
2.4 Die Zweierherrschaft (340 350 ) 14
2.5 Die Alleinherrschaft (350 361 ) 15
3. DER TRINITÄTSTHEOLOGISCHE STREIT BIS ZUM TOD KONSTANS 18
3.1 Das Konzil von Nizäa 18
3.1.1 Die arianische Lehre 20
3.1.2 Das Bekenntnis von Nizäa 20
Exkurs: Weitere theologische Richtungen während des arianischen Streits 22
3.2 Die Nachnizänische Zeit 23
3.3 Der arianische Streit während der Dreierherrschaft 26
3.4 Der arianische Streit während der Zweierherrschaft 28
4. DIE AUFRICHTUNG EINER NICHT-NIZÄNISCHEN REICHSKIRCHE 33
4.1 Die Synode von Sirmium (351 ) 33
4.2 Die Synode von Arles (353 ) 34
4.3 Die Synode von Mailand (355 ) 36
4.4 Die Synode von Sirmium (357 ) 39
4.5 Die Synode von Ancyra (358 ) 42
4.6 Die Synode von Sirmium (359 ) 44
4.7 Die Doppelsynode von Rimini und Seleucia (359 ) 46
4.7.1 Die Ausgangssituation 46
4.7.2 Theologische Vorbereitungen - das datierte Credo 47
4.7.3 Die Synode des Westens in Rimini 50
4.7.4 Die Synode des Ostens in Seleucia 52
4.8 Die Synode von Konstantinopel (360 ) und der Triumph der Homöer 55
5. ZUSAMMENFASSUNG 60
LITERATURVERZEICHNIS 63
2
0. Einleitung
Als Sohn Konstantins des Großen hatte Konstantius II. die Nachfolge eines überragenden Herrschers angetreten, dessen politisches Wirken seinen Sohn in einem fahlen Licht erscheinen ließ. Konstantius II. gelang es, genau wie seinem Vater, zum Alleinherrscher des Römischen Reiches aufzusteigen und die Grenzen während seiner gesamten Herrschaftszeit weitgehend erfolgreich zu verteidigen. Diese militärischen Erfolge erhalten jedoch in der Geschichtsschreibung wenig Anerkennung. Vielmehr ist es seine Kirchenpolitik, durch die er in die Geschichtsbücher einging. Durch seinen Versuch, die christliche Kirche auf einer nicht-nizänischen Basis zu einen, „wurde er schon zu seiner Zeit [...] als Vorläufer des Antichristen oder gar als Anwalt des Satans angeprangert.“ 1 Diese Kritik ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sich die theologischen Vorstellungen Konstantius‘ II. nur einige Jahre lang durchsetzen konnten und die Kirchenhistoriker seiner Zeit oftmals seinen Gegnern angehörten. Trotz dieser negativen Kritik war und ist Konstantius II. für die christliche Kirche aber von großer Bedeutung. Während seiner Herrschaft stieg das Christentum zur Reichskirche auf und auch wenn sie in dieser Form nicht bestehen bleiben sollte, waren es Konstantius‘ II. Durchsetzungsvermögen und seine Beharrlichkeit, die einen der Grundsteine für die Einigung der christlichen Kirche legten. 2
In dieser Arbeit soll die Person Konstantius‘ II., seine Rolle während des arianischen Streites und sein Versuch der Aufrichtung einer geeinten Reichskirche beschrieben werden. Im Kapitel 1 wird eine kurze biographische Skizze Konstantins des Großen gezeichnet, des Mannes, der Konstantius II. wohl mehr als jeder andere geprägt hat. In Punkt 2 erhält der Leser einen Überblick über die verschiedenen Etappen Konstantius‘ II. auf dem Weg zur Alleinherrschaft: Seine Jugend und Ausbildung sowie die Zeit als Caesar unter seinem Vater, schließlich der Tod Konstantins und dessen Nachfolgeregelung. Die Unterpunkte 2.3 und 2.4 befassen sich mit der Zeit der Dreierherrschaft und der Zweierherrschaft, 2.5 beschreibt die Jahre der Alleinherrschaft, wobei vor allem die außenpolitischen Entscheidungen Konstantius‘ II. geschildert werden, auf seine Kirchenpolitik wird hier nicht eingegangen. Punkt 3 befaßt sich mit den verschiedenen Phasen des arianischen Streites, ausgehend vom Auftreten Arius‘ über das Konzil von Nizäa bis zur Situation während der Zweierherrschaft. In einem knapp gehaltenen Exkurs werden dabei außerdem verschiedene theologische Richtungen vorgestellt, die während des arianischen Streites von Bedeutung waren. Punkt 4 beschreibt schließlich Konstantius‘ II. kirchenpolitische Entscheidungen während seines
1 Klein, Constantius XII.
2 Vgl. Barcelo, Constantius 14f; Klein, Constantius XII.
3
Versuches, eine einheitliche Reichskirche aufzurichten. Hierbei wird vor allem auf die verschiedenen Synoden, die dabei eine Rolle spielten, eingegangen. Die Unterpunkte 4.1 bis 4.3 befassen sich mit den Synoden von Sirmium (351), Arles (353) und Mailand (355) und dem Konflikt um die Person des Athanasius. In 4.4 wird die Synode von Sirmium des Jahres 357 beschrieben, deren Glaubensformel der erste Versuch des Kaisers war, eine theologische Einigung zu erzielen. 4.5 schildert die sich daraus ergebenden theologischen Entwicklungen und die Synode von Ancyra im Jahr 358, bei der Konstantius II. für die homöusianische Mittelpartei gewonnen wurde. 4.6 beschreibt eine weitere Synode in Sirmium und die Entwicklung einer neuen Glaubensformel, während in 4.7 bereits auf die beiden Synoden eingegangen wird, bei denen es Konstantius II., der nun die Partei der Homöer unterstützte, gelang, den Bischöfen eine einheitliche Entscheidung abzuringen. In diesem Punkt wird zuerst die Ausgangssituation der Synoden geklärt und dann eine weitere Glaubensformel vorgestellt, das datierte Credo vom 22. Mai 359. In den folgenden beiden Unterpunkten werden dann die Synoden in Rimini und Seleucia beschrieben, deren Ergebnis auf der Synode in Konstantinopel in 4.8. vorgestellt wird.
4
1. Konstantin der Große - eine biographische Skizze
Um die Motive Konstantius II. verstehen zu können, müssen an erster Stelle sein Umfeld und seine Herkunft untersucht werden. Gerade sein Vater, Konstantin der Große hat höchstwahrscheinlich einen großen Einfluß auf Konstantius ausgeübt und seine Ansichten über Kirchenpolitik und Staatsführung an seinen Sohn weitergegeben. Flavius Valerius Constantinus ging aus einer eher zweifelhaften Verbindung hervor und wurde höchstwahrscheinlich im Jahr 280 geboren. Sein Vater, Konstantinus I. war eine außereheliche Beziehung mit Helena, einer Stallmagd aus Bithynien an der Schwarzmeerküste, eingegangen, so dass Konstantin als illegitimer Sohn seines Vaters zur Welt kam. 3 Über die Kindheit Konstantins ist heute nichts mehr bekannt, es ist allerdings denkbar, dass Konstantin für eine Weile am Hof von Galerius lebte, um diesem als Geisel für die Treue seines Vaters zu dienen. Als belegt gilt nur seine militärische Laufbahn, die er unter Diocletianus begann. Da er sich als sehr fähig erwies, wurde er bald zum tribunus primi ordinis ernannt, einem hohen Offiziersrang. 4
In der Tetrarchie des römischen Reiches wurden zwei Augusti durch zwei Caesares unterstützt. Im Jahr 305 trugen Galerius und Konstantins Vater Konstantinus I. die Augustustitel, Severus II. und Maximinus Daia, beides Kandidaten von Galerius, hatten den Caesarentitel inne. Im Jahr 306 wurde Konstantin nach dem Tod seines Vaters von den Truppen in Eboracum zum Augustus ausgerufen. Dies war eine damals durchaus übliche Art der Amtseinführung, jedoch stürzte sie das tetrarchische System des römischen Reiches in eine ernste Krise, die erst durch das Eingreifen des Galerius gelöst wurde, der Konstantin zwar nicht als Augustus, jedoch als Caesar des Westens anerkannte. Des weiteren verfügte Galerius, dass Konstantin sich diese Stellung mit Maximinus Daia teilen solle. Severus II. wurde statt dessen befördert, um die vakante Stelle von Konstantins Vater zu besetzen. 5 In den folgenden Jahren gelang es Konstantin, seine Stellung durch erfolgreiche Feldzüge und politisches Taktieren immer mehr zu festigen, wobei ihm die Tatsache half, dass die Tetrarchie des Reiches kurz vor dem Zusammenbruch stand. Als im Jahr 310 sowohl Konstantin als auch Maximinus Daia den Augustustitel annahmen, „so daß es nun vier legitime Augusti gab, ferner die Usurpatoren Maxentius (in Rom) und Domitius Alexander (in Africa)“ 6 , war das System der Tetrarchie vollends zerbrochen und es mußte eine neue Ordnung gefunden werden. Der Auslöser für einen neuen Anfang war der Tod des Galerius
3
Vgl. Clauss, Konstantin I. 282; Benjamin, Constantinus 1014.
4 Vgl. Benjamin, Constantinus 1014.
5 Vgl. Brandt, Antike 29f; Clauss, Konstantin I. 284f; Benjamin, Constantinus 1014f.
5
im Jahr 311. Konstantin war inzwischen wohl fest entschlossen, sich einen Platz als neuer Herrscher im römischen Reich zu schaffen. Dabei stand im zuallererst Maxentius in Rom im Weg, während Licinius und Maximinus Daia im Osten ebenfalls um die Vorherrschaft kämpften. 7 Die Auseinandersetzung zwischen Konstantin und Maxentius gipfelte schließlich in der Schlacht an der Milvischen Brücke, aus der Konstantin als Sieger hervorging. Während dieser Schlacht soll sich ein Ereignis zugetragen haben, dass Konstantins Zuwendung zum Christentum erklärt. Clauss gibt an, dass die Moral der Truppen vor Beginn der Schlacht durch ungünstige Zeichen bei der Opferbeschau nicht zum Besten stand und somit keine Hilfe von den „alten Göttern“ zu erwarten war. Als Konstantin daraufhin um eine Lösung betete, zeigte sich ihm in einer Vision „die Erscheinung eines leuchtenden Kreuzes am hellichten Mittag“ 8 , das von einer Inschrift begleitet wurde, die man später auf folgende Art und Weise übersetzen sollte: „Hoc signo victor eris“, was soviel bedeutet wie „In/Durch dieses Zeichen wirst du siegen.“ 9 Es ist durchaus möglich, dass diese Geschichte erst viel später entstanden ist, sozusagen um die Beweggründe des Kaisers zu erklären, eine Religion, die noch vor wenigen Jahren blutig verfolgt worden war, über die traditionellen Religionen zu stellen. Clauss meint, dass man heute nicht mehr nachvollziehen kann, was genau Konstantin in der Vision gesehen hat. Er hält dies allerdings auch nicht für weiter wichtig. Allein von Bedeutung sind die daraus entstandenen Konsequenzen: Durch den erlangten Sieg an der Milivischen Brücke über die Truppen des Maxentius war Konstantin davon überzeugt, dass das Christentum, eine bis vor kurzem noch verfolgte und verpönte Religion, der erst seit einiger Zeit positive Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, der richtige Weg sei und begann damit, diese konsequent zu fördern. 10
In den folgenden Jahren regierten Konstantin und Licinius Seite an Seite, obwohl ihr Verhältnis, so Brandt, schon früh von gegenseitiger Abneigung geprägt war. Während nämlich Konstantin begann, den Christen immer mehr Privilegien einzugestehen, war Licinius immer noch Anhänger der alten römischen Götter. Dennoch gelang es den beiden Augusti, auf einigen Gebieten der Politik zusammenzuarbeiten, so bestätigten sie unter anderem das Galerius-Edikt aus dem Jahr 311, in dem Galerius kurz vor seinem Tod das Scheitern der Christenverfolgung eingestanden und das Christentum zur „religio licita“ erklärt
6 Brandt, Antike 22.
7 Domitius Alexander wird bereits 309 oder 310 abgesetzt. Vgl. Brandt, Antike 23.
8 Pietri, Konstantin 203.
9 Pietri, Konstantin 203.
10 Vgl. Brandt, Antike 23; Clauss, Konstantin I. 286f.
6
hatte. 11 Mit der Bestätigung dieses Edikts wurde in der sogenannten Mailänder Vereinbarung unter anderem die Rückerstattung von entwendetem Kirchengut beschlossen. 12 Trotz dieses gemeinsamen Erfolges wurde das Verhältnis der beiden Augusti zueinander immer angespannter. Nach einer ersten militärischen Auseinandersetzung, aus der Konstantin siegreich hervorging, verschärfte sich auch der Gegensatz der jeweiligen religiösen Haltungen der beiden Herrscher immer mehr. Konstantin hatte sich auch weiterhin für die Christen eingesetzt, und ihnen und ihrem Klerus mehr Rechte verliehen. Ihnen wurde unter anderem das Privileg gewährt, Schenkungen und Erbvermögen zu erhalten, außerdem erließ Konstantin dem Klerus die Steuern. Des weiteren wurde den christlichen Gemeinden Rechtsfähigkeit zugesprochen, etwas, das bisher nur jüdischen Gemeinden anerkannt worden war. Zwar durfte es sich dabei nur um zivilrechtliche und die Christen betreffende Fragen handeln, aber es bedeutete dennoch, dass die weltlichen Richter von nun an verpflichtet waren, die bischöfliche Rechtsprechung als legitim anzuerkennen. 13 Neben diesen Erlässen sah es Konstantin außerdem als seine Pflicht an, in kirchlichen Streitfragen als Richter zu fungieren. Während des Donatistenstreits versuchte Konstantin deshalb, zwischen den verschiedenen christlichen Parteien zu vermitteln. Die Donatisten, benannt nach Bischof Donatus, waren eine christliche Gemeinschaft in Nordafrika, die die Gültigkeit der Sakramente von der Heiligkeit der Person, die sie spendete, abhängig machte. Konstantin griff in den Konflikt auf Seiten der Donatistengegner ein und wurde zum erstem Mal mit der Vielschichtigkeit der verschiedenen christlichen Glaubensvorstellungen konfrontiert. 14
Während Konstantin so seine Distanz zum „Heidentum“ immer mehr vergrößerte, schickte sich Licinius an, die Christen aus allen öffentlichen Ämtern zu vertreiben und ihre Privilegien wieder einzuschränken. Ihnen war nicht mehr gestattet, liturgische Versammlungen innerhalb der Stadtmauern abzuhalten und viele ihrer Kirchen wurden zerstört. Dies nahm Konstantin zum Anlaß, seine Pläne auf Alleinherrschaft endlich zu verwirklichen. Er fiel mit seinem Heer in das Gebiet des Licinius ein, um dessen Armee am 18. September 324 in der Schlacht bei Chrysopolis zu schlagen. Licinius konnte zwar fliehen, wurde jedoch wenig später gefaßt und hingerichtet. Damit war Konstantin Alleinherrscher und konnte seine politischen Vorstellungen im gesamten Reich durchsetzen. 15
11 Vgl. Brandt, Antike 22ff.
12 Vgl. Bellen, Geschichte 13.
13 Vgl. Pietri, Konstantin 222f.
14 Vgl. Clauss, Konstantin I. 294.
15 Vgl. Pietri, Konstantin 212f.
7
Die Alleinherrschaft Konstantins war vor allem „gekennzeichnet von außenpolitischen Erfolgen, einer aktiven, viele Ansätze der tetrarchischen Zeit aufnehmenden und fortentwickelnden Reformtätigkeit sowie einer Religionspolitik im Zeichen eines zunehmenden innerchristlichen Dissenses.“ 16 Der Kirche wurden weitere Rechte verliehen und sie entwickelte sich immer mehr zur führenden Staatsreligion, während Konstantin das „Heidentum“ zwar nicht verbot, dafür gab es noch zu viele Anhänger, es aber auch nicht befürwortete. 17 Nach und nach ließ Konstantin die Rechte der alten Religionen immer mehr einschränken. 18 Er sah sich von Anfang an als Kaiser dazu befugt, den christlichen Bischöfen vorzustehen und entwarf „eine Philosophie politischer Macht, die Anleihen nahm bei der Tradition des jüdischen Königs als dem von Gott eingesetzten Anführer des Volkes.“ 19 Diese Überzeugung, die später auch bei Konstantius II. zu finden ist, ließ ihn unter anderem in den arianischen Streit eingreifen und seine Vorstellung des wahren christlichen Glaubens durchsetzen. Nach dem Konzil von Nizäa verfolgt er eine antiarianisch geprägte Politik. 20 Während der gesamten Zeit seiner Alleinherrschaft, mußte Konstantin die Grenzen des Reiches sowohl im Westen als auch im Osten verteidigen. Erst in seinen letzten Regierungsjahren überließ er die Aufgaben der Grenzsicherung immer mehr seinen Söhnen. Konstantin starb im Jahr 337 und ließ sich kurz vor seinem Tod taufen. 21
17 Vgl. Lorenz, Osten 120.
18 Vgl. Bellen, Geschichte 44.
19 Pietri, Konstantin 215.
20 Vgl. Lorenz, Osten 130ff.
21 Vgl. Pietri, Konstantin 239.
8
2. Konstantius II. - Biographie und Politik
2.1 Jugend
Flavius Iulius Constantius II. war der zweite Sohn von Konstantin dem Großen und seiner Gattin Flavia Maxima Fausta. Geboren wurde Konstantius II. am 7. August 317, als Geburtsort wird Sirmium in der Provinz Illyricum angenommen. Schon vor der Geburt von Konstantius II. war es Konstantin gelungen, Licinius einige Provinzen, nämlich Illyricum und Moesien, abzunehmen und in seinen eigenen Herrschaftsbereich einzugliedern. Dadurch war es für Konstantin notwendig geworden, sich oft in eben diesen Gebieten aufzuhalten, um das Reich vor den Goten und Sarmaten zu schützen. Dies erklärt auch den Aufenthalt des Kaisers und die Geburt Konstantius‘ II. in Sirmium im Jahr 317. 22 Zu diesem Zeitpunkt war Konstantin der Große kurz vor dem Höhepunkt seiner Macht. Sein Mitregent Licinius war zunächst noch bereit, mit Konstantin zusammenzuarbeiten, allerdings war Konstantin nicht mehr willens, sich mit weniger als dem gesamten römischen Reich zufrieden zu geben. Eine Kooperation der beiden Herrscher war also nur noch bis zu einem gewissen Punkt möglich und scheiterte schließlich an Konstantins Ambitionen auf die Alleinherrschaft. 23 Über die Kindheit des Konstantius II. ist wenig bekannt. Es kann wohl angenommen werden, dass er eine standesgemäße Erziehung genießen durfte. Dabei wurde Konstantius II. wahrscheinlich, so wie sein Bruder Crispus, der „von dem prominenten christlichen Gelehrten Laktanz unterrichtet“ 24 wurde, früh mit Priestern des Christentums in Berührung gebracht. Eine Erziehung unter dem Einfluß des Christentums wäre einige Jahre früher unmöglich gewesen, war das Christentum doch erst vor kurzem von einer illegalen, verfolgten Sekte zur tolerierten, ja privilegierten Religion aufgestiegen. Das christliche Umfeld seiner Jugend sollte Konstantius‘ II. gesamte zukünftige Lebensführung prägen. Barcelo zitiert in seinem Buch den Geschichtsschreiber Aurelius Victor. Dieser beschreibt eine spätere Lebensphase Konstantius‘ II., doch kann man aus diesem Text vielleicht erschließen, auf welche Art und Weise Konstantius II. erzogen wurde:
„[Er ist] sanft und mild in Anbetracht seines Amtes; er besitzt eine erlesene literarische Bildung und hat eine sanfte und angenehme Art zu sprechen; er erträgt Strapazen und ist beim Pfeilschießen erstaunlich treffsicher; er hält sich bei jeder Speise zurück und vermag seinen Geschlechtstrieb und alle Begierden zu zügeln; der
22 Vgl. Groß-Albenhausen, Constantius II. 322f; Jülicher, Constantius 1044f.
23 Vgl. Barcelo, Constantius 33f.
24 Barcelo, Constantius 34.
9
Verehrung des Vaters erweist er reichlich Aufmerksamkeit, und bei seiner eigenen Person übt er allzu große Zurückhaltung; er weiß, daß von der Lebensführung guter Kaiser der Frieden im Inneren gelenkt wird.“ 25
Man könnte beinahe soweit gehen, die Tugenden Konstantius‘ II. als christlich zu bezeichnen, spielt doch, wie gerade beschrieben, das Christentum bei seiner Erziehung eine große Rolle. Barcelo erwähnt, dass an anderer Stelle, nämlich im Panegyricus des Julian aus dem Jahr 356 weitere Eigenschaften des Konstantius II. genannt werden. Hier werden „Körperkraft, Selbstbeherrschung, Ausdauer, Frömmigkeit, Gehorsam und Pflichtgefühl“ 26 als positive Eigenschaften des Kaisers angegeben. Diese Eigenschaften kann man zwar auch christlich nennen, doch sollte man sie lieber als „römische“ Tugenden bezeichnen, also Ziele, die in der Erziehung der damaligen Zeit nicht nur von Christen angestrebt wurden. In der gleichen Quelle werden auch noch negative Eigenschaften des Kaisers aufgezählt: er soll danach ängstlich, mißtrauisch und wankelmütig gewesen sein, sowie einen Hang zur Unnachgiebigkeit gehabt haben. Diese Angaben, sowohl die positiven als auch die negativen, sind mit Vorsicht zu genießen, da sie entweder aus der Feder der Gegner Konstantius‘ II. stammen, oder, nach Barcelo, im Falle des Aurelius Victor, zur Stereotypie neigen 27 . Eine zufriedenstellende Charakterstudie ist mit den heute zur Verfügung stehenden Quellen wohl kaum mehr möglich und auf jeden Fall sehr problematisch.
Die frühen Jahre Konstantius‘ II. waren wahrscheinlich geprägt von dem Kampf seines Vaters um die alleinige Herrschaft. Als Konstantius II. sechs Jahre alt wurde, konnte sein Vater das langjähriges Ziel erreichen und zum Alleinherrscher des römischen Reiches aufsteigen. Nur wenig später, am 8. November 324 wurde Konstantius II. von seinem Vater zum Caesar erhoben. Es gab nun drei Caesaren, die sich zusammen mit Konstantin dem Großen die Macht teilten: Crispus, Konstantin II. und nun auch noch Konstantius II. Der letzte Sohn des Konstantin, Konstans, war zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr alt. 28 Im Jahr 326 n.Chr. - Konstantius II. war zu diesem Zeitpunkt gerade acht Jahre alt - ließ Konstantin aus Gründen, die sich heute nicht mehr genau nachvollziehen lassen, seine Frau Fausta und seinen ältesten Sohn Caesar Crispus umbringen 29 . Auch einige Freunde und Höflinge fielen dieser Verfolgung zum Opfer. Barcelo nimmt an, dass sich Konstantin, der in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Regierungsjubiläum beging, auf diese Weise erhoffte, seine Macht zu sichern. Es war seit Diocletian nicht unüblich, dass anläßlich der Vincennalien eines
26 Barcelo, Constantius 35.
27 Vgl. Barcelo, Constantius 35.
28 Vgl. Barcelo, Constantius 36.
29 Groß-Albenhausen gibt als angeblichen Grund für die Ermordung Inzest an. Vgl. Groß-Albenhausen, Constantius II. 322.
10
Herrschers die Macht an die nächste Generation weitergegeben wurde. Konstantius II. könnten, so Barcelo, diese erschütternden Ereignisse dazu gebracht haben, bei der Kirche Trost zu suchen. 30
Über den Verbleib Konstantius‘ II. in den folgenden Jahren ist wenig bekannt. Erst über seinen Aufenthalt in Gallien im Jahr 332 gibt es wieder Berichte. Dort sollte er seinen Bruder Konstantin II. vertreten, der wegen Grenzstreitigkeiten an der Donau verhindert war. 31 Nur wenig später, im Jahr 334, wurde Konstantius II. in den Orient versetzt; dort gab es seit einiger Zeit Unruhen. Die Perser, eigentlich vor Jahren von Diocletian und Galerius geschlagen, wollten unter dem Sassanidenherrscher Sapor II. ihre an Rom verlorenen Gebiete zurückerobern. Konstantius II. führte bei diesen Auseinandersetzungen das römische Heer erfolgreich an, dennoch war durch den Bruch des Vertrages von Nisibis durch die Perser eine neue Situation entstanden, die darauf hindeutete, dass es in dieser Region weitere Auseinandersetzungen geben würde. Dies sollte sich bewahrheiten: seine ganze Regierungszeit hindurch blieben die Perser für Konstantius II. ein immer wiederkehrendes Problem. 32
Im Jahr 335 heiratete Konstantius II. die Tochter seines Onkels Iulius Constantius. Ihr Name ist, so Barcelo, heute nicht mehr bekannt, die Ehe sollte aber ein Versuch sein, „die Bande innerhalb der constantinischen Linien zu stärken“ 33 . Nur kurze Zeit nach seiner Eheschließung mußte Konstantius II. wieder reisen. Er wurde zuerst auf den Balkan versetzt, um dort das Donauheer zu befehligen, und dann zurück in den Orient. Dort plante sein Vater einen Kriegszug gegen die Perser, die sein Sohn bis zum geeigneten Zeitpunkt in Schach halten sollte. Allerdings konnte Konstantin der Große diesen Feldzug nicht mehr durchführen. 34
2.2 Die Nachfolgeregelung
Am 22. Mai 337 starb Konstantin der Große. Er hinterließ seinen Söhnen den gescheiterten Versuch, das Reich durch eine einheitliche Religion, das Christentum, zu einen, dazu verschiedene Krisenherde in den Grenzregionen des Reiches und eine unklare Nachfolgeregelung. Dies führte zu einem „Blutbad innerhalb der Verwandtschaft
30 Vgl. Brandt, Antike 27f; Barcelo, Constantius 37f.
31 Vgl. Barcelo, Constantius 40.
32 Vgl. Barcelo Constantius 40f; Jülicher, Constantius 1045f
33 Barcelo, Constantius 43.
34 Vgl. Groß-Albenhausen, Constantius II. 322.
11
Konstantins“ 35 : Laut Brandt fehlte es den Söhnen des Konstantin an der Bereitschaft, eine gemeinsame Lösung des Nachfolgeproblems zu finden. Eine Mehrkaiserherrschaft wäre durchaus wünschenswert gewesen, da das Reich für einen alleinigen Herrscher zu groß war; gerade die Sicherung der Grenzen war in letzter Zeit wichtig geworden und allein kaum zu bewältigen. 36
Demandt schreibt, dass Konstantins Testament folgende Nachfolgeregelung vorsah: „Konstantinus II. sollte Gallien mit Britannien und Spanien behalten; Flavius Julius Constantius II., der zweitälteste Sohn, bekam den Orient mit Ägypten; der jüngste, Flavius Julius Constans, erhielt Italien und Africa, Pannonien und Dakien; während Thrakien mit Konstantinopel dem Neffen Konstantins, Flavius Dalmatius zufiel.“ 37 Damit gab es vier Anwärter auf den Thron, ganz nach dem Muster Diocletians, von denen es, so Demandt, allerdings in den ersten Monaten nach Konstantins Tod keiner wagte, sich zum Augustus ausrufen zu lassen. 38
Die Armee spielte bei der Machtübernahme eine erhebliche Rolle, sie war schon immer der Stützpfeiler der Herrschaft gewesen. Gleichzeitig war sie wohl den Söhnen des Konstantin treu ergeben, während sie Dalmatius verachtete. Es waren die Soldaten Konstantius‘ II., die dem Waffenstillstand ein Ende bereiteten: ihrer Säuberungsaktion fielen mögliche Thronanwärter aus Konstantins Verwandtschaft und verschiedene Persönlichkeiten der Reichsverwaltung zum Opfer. Ziel war es, die Alleinherrschaft der Söhne des Konstantin zu sichern. Groß-Albenhausen schreibt, dass das Heer einen nicht unbeträchtlichen Druck auf den Senat ausübte, der die Konstantinsöhne letztendlich im September 337 zu Augusti proklamierte. Eine Lösung des ungeklärten Zustandes wurde allerdings erst durch das Treffen der drei Augusti im Juni des Jahres 338 in Viminacium erreicht. Dabei ging es um die genaue Aufteilung des Herrschaftgebietes, vor allem der Gebiete des Dalmatius, der den Säuberungsaktionen des Heeres zum Opfer gefallen war. Seine Gebiete fielen Konstans zu, bis auf Thrakien, das Konstantius erhielt. Konstantin II. übernahm offiziell die Vormundschaft seines jüngsten Bruders Konstans, diese Geste blieb zwar von lediglich formaler Natur, sollte sich allerdings später als Konfliktquelle herausstellen. 39
35 Brandt, Antike 34.
36 Vgl. Brandt, Antike 34.
37 Demandt, Spätantike 60.
38 Vgl. Demandt, Spätantike 60.
39 Vgl. Demandt, Spätantike 60f; Groß-Albenhausen, Constantius II. 323f.
12
2.3 Die Dreierherrschaft (337 - 340)
Konstantius II. hatte sich als Herrscher der Ostgebiete nach seinem „Amtsantritt“ als erstes um Probleme zu kümmern, die der nicht beendete Perserfeldzug seines Vaters verursacht hatte. Die Perser hatten die Unruhen und Unsicherheiten der ungeklärten Nachfolge im römischen Reich dazu genutzt, ihr Gebiet wieder auszuweiten. Da keiner der anderen beiden Augusti bereit war, Konstantius II. bei seinen Schwierigkeiten mit den Persern hilfreich zur Seite zu stehen, mußte er diesen Konflikt alleine beilegen. Der Perserkönig Sapor II. war in Mesopotamien eingefallen und belagerte die Stadt Nisibis. Dies hatte zur Folge, dass der Adel Armeniens, der mit Persien sympathisierte, seinen König Arsaces absetzte und dieser daraufhin Schutz im römischen Reich suchte. 40
Konstantius II. stand nun vor der Aufgabe, seine Grenzen wiederherzustellen. Da er über keine großen militärischen Mittel verfügte, versuchte er die Stämme im Süden Persiens zu überreden, in das Reich der Perser einzufallen, was auch gelang. Der dadurch abgelenkte Perserkönig mußte sich zurückziehen. Des weiteren gelang es Konstantius II., den König Armeniens mit Militärgewalt wieder an die Macht zu helfen. Konstantius II. sicherte sich auf diese Weise einen langjährigen Verbündeten. 41
Da zum Gebiet des Konstantius II. inzwischen auch die „neue Hauptstadt Konstantins“ Konstantinopel zählte und diese „einen anerkannten Gravitationspunkt des Reiches“ 42 darstellte, versuchte Konstantius II., sie rechtlich an Rom anzugleichen, das zwar de iure immer noch die Hauptstadt des Reiches war, sich aber, geographisch betrachtet, in einer ungeeigneten Lage befand. Schon Konstantin der Große hatte Konstantinopel als neue Hauptstadt gesehen und darauf hingearbeitet, diese Vision wahr werden zu lassen. Konstantius II. führte die Pläne seines Vaters nunmehr konsequent weiter und war dabei ebenso wie dieser darauf bedacht, der Stadt einen christlichen Charakter zu geben. 43 Im Jahr 339 zeichnete sich ein Ende der bisherigen Machtverhältnisse ab. Konstans, der offiziell immer noch unter der Vormundschaft seines Bruders stand, hielt diese Situation für nicht weiter tragbar und begann, sich mehr und mehr selbständig zu machen und in seinem Herrschaftsbereich eigene Gesetze zu verabschieden. Schließlich kam es zu einem Angriff Konstantins II. auf Konstans „wegen des Besitzrechtes an Italien und Afrika“ 44 . Dieser Angriff scheiterte, und nur wenig später gelang es Konstans, den Sieg über seinen Bruder
40 Vgl. Barcelo, Constantius 60ff.
41 Vgl. Barcelo, Constantius 60ff.
42 Barcelo, Constantius 68.
43 Vgl. Barcelo, Constantius 68; Stichel, Konstantinopel 305.
13
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Birgit Doffek, 2005, 'Was ich will, soll Richtschnur für die Kirche sein.' Konstantius II. und die Aufrichtung einer nicht-nizänischen Reichskirche, Munich, GRIN Publishing GmbH
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