Inhaltsverzeichnis
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1. Thema der Arbeit und einige Vorbemerkungen dazu---------------------------------------------------1
2. Die möglichen Anlässe der Angelsachsenmission-------------------------------------------------------3
3. Die Ursachen der Angelsachsenmission-------------------------------------------------------------------6
4. Synthese------------------------------------------------------------------------------------------------------- 15
5. Schlußbemerkung ------------------------------------------------------------------------------------------- 16
Literaturnachweis-------------------------------------------------------------------------------------------------0
II
Die Ursachen der Angelsachsenmission Gregors I.
1. Thema der Arbeit und einige Vorbemerkungen dazu
In der vorliegenden Arbeit soll die Frage erörtert werden, welche Ursachen und Gründe die Angelsachsenmission 1 Gregors I. hatte. Diese Thematik wurde aus zwei Gründen gewählt: Erstens ist mir keine Untersuchung bekannt, die sich dieser Problematik systematisch gestellt hätte. Es finden sich zwar in den von mir benutzten Arbeiten die verschiedensten Stellungnahmen zu diesem Thema 2 , auf die auch in der vorliegenden Arbeit kritisch zurückgegriffen werden soll, aber dennoch befindet sich keine ausschließlich diesem Aspekt der Angelsachsenmission gewidmete Arbeit darunter. Diesem Mangel soll Abhilfe geschaffen werden. Zweitens sollen diese einzelnen Ursachenvorschläge auf ihre Plausibilität untersucht werden, um den geeignetsten Lösungsvorschlag anzunehmen und schließlich einen neuen Lösungsvorschlag zu unterbreiten, der sich - so wird es sich zumindest am Ende dieser Arbeit ergeben haben - auf die bereits vorhandenen und nicht in dieser Arbeit widerlegten Lösungsvorschläge stützen wird. Genauer gesagt beansprucht diese Arbeit nicht, einen neuen Vorschlag zu unterbreiten, sondern sie beansprucht, daß eine Synthese aus den als plausibel befundenen Vorschlägen die aussichtsreichste Erklärung für die Frage nach den Ursachen und Gründen der Angelsachsenmission Gregors darstellt.
Eine wichtige Unterscheidung, die sich in der Literatur so nicht findet, aber dennoch zum Teil in den Darstellungen mitklingt, ist die zwischen Ursachen im engen Sinne (oder auch Teilursa-
1 Ichmöchte einige Bemerkungen zur Nomenklatur, die in dieser Arbeit verwendet wird, vorausschicken. Die verschiedenen Bezeichnungen für die beteiligten gentes sind an sich schon problematisch. Dah er möchte ich von vornherein definieren, wie die Bezeichnungen der einzelnen gentes und geographischen Bezeichnungen von mir gewählt worden sind; daß diese (mehr oder weniger willkürliche) Setzung angegriffen werden kann, wird dabei hingenommen. Wenn von „England“ die Rede ist, so ist damit der germanisch besiedelte und beherrschte Teil der heutigen englischen Insel gemeint. Und „germanisch“ bezieht sich hier auf die eingewanderten gentes der Angeln, Jüten und Sachsen. Sies sind wiederum gemeint, wenn von den Angelsachsen die Rede ist. Dies ist wichtig, da in der Bezeichnung „Angelsachsen“ die Jüten unterschlagen sind, die aber für die Mission Gregors de facto diejenige gens war, in deren Herrschaftsbereich Augustinus tätig war und wo sich zeitweilig der letzte Rückzugspunkt der Missionsbewegung nach dem heidnischen ‚Revival‘ nach Æthelberhts Tod befand. Mit „Briten“ wird der Teil der Bevölkerung der englischen Insel angesprochen, der nicht unter der Herrschaft der Angelsachsen (in der jetzt definierten Extension des Begriffs) stand, seine christliche Religion beibehalten hat und im Konflikt mit den Angelsachsen lag. „Bretonen“ wäre eine Alternative dazu gewesen, aber die meisten Autoren des von mir verwendeten Schrifttums benutzen „British“, wenn sie von diesem Teil der Bevölkerung sprechen. Dieser Teil der englischen Insel wird im folgenden mit „Wales“ bezeichnet.
2 Am übersichtlichsten und systematischten noch bei Markus 1963, S. 29 f. und Mayr-Harting 1972, S. 59-61, leider sind beide Arbeiten veraltet und diskutieren nicht alle Aspekte dieser Frage.
1
chen 3 ) und Anlässen für die Angelsachsenmission. Ich möchte diese kategoriale Unterscheidung einführen, da ich denke, daß es einen qualitativen Unterschied zwischen einer Episode gibt, die ein Ereignis (mehr oder weniger) auf einen Schlag auslösen kann und Bedingungen, welche die ausgelösten Handlungen überhaupt erst ermöglichen. In diesem Sinn ist der Inhalt des Anlasses 4 austauschbar und nicht wirklich - unter dem Gesichtspunkt der kausalen Rolle für die Angelsachsenmission - von großer Bedeutung. Damit soll nicht gesagt werden, die diversen Alternativen zu diesem Punkt sollten nicht diskutiert werden; worum es an dieser Stelle geht, ist das Unterscheidungskriterium für die Differenzierung zwischen Anlaß und Ursache. Und dieses Kriterium findet sich im Bereich des Psychologischen, oder einfacher formuliert: Was hat Gre-gor die Idee zur Angelsachsenmission eingegeben? An welcher Stelle in seinem Leben und auf-grund welchen äußeren Ereignisses ‚kam‘ der Gedanke ‚über‘ ihn, eine Gruppe von Mönchen in eine ferne, im Grunde unbekannte Weltgegend zu schicken? Demgegenüber zeichnet sich der Begriff der (Teil)Ursache durch seine Rolle als ‚Ermöglichungsfaktor‘ aus. Ohne diese Teilursachen hätte auch der geeignetste Anlaß keine Mission nach England in die Wege zu leiten vermocht.
Mit (Teil)Ursache ist in dieser Arbeit alles gemeint was die Gesamtursache 5 der Angelsachsenmission konstituiert (dazu gehören eigentlich auch die Anlässe), aber gleichzeitig nicht zur Kate-gorie „Anlaß“ in seiner oben erläuterten Bedeutung gehört. In Laufe der Arbeit werden Begriffe wie „Motiv“, „Motivation“ oder „Grund“ gebraucht, gemeint sind damit Spezifikationen von „Ursache“ oder „Teilursache“, wie sie aus dem jeweiligen Kontext hervorgehen.
Der erste Hauptteil der vorliegenden Arbeit soll den Anlässen gewidmet sein, der zweite Hauptteil der Diskussion der Ursachen. Im dritten Hauptteil wird mein Vorschlag für die Gesamtursache der Angelsachsenmission Gregors vorgelegt.
Das Ergebnis wird sein - um es in der jetzt eingeführten Terminologie nochmals zu formulieren -, daß sich die Gesamtursache für die Angelsachsenmission aus dem (inhaltlich beliebigen) Anlaß und zwei Teilursachen zusammensetzt. Das Vorhandensein mindestens eines Anlasses ist notwendig für die Konstituierung der Gesamtursache, ebenso sind es die beiden Teilursachen.
3 Die folgenden Betrachtungen sind gedanklich und auch terminologisch mehr oder weniger locker an die Gedanken und die Terminologie Dieter Birnbachers angelehnt, die er in seinem Buch „Tun und Unterlassen“ entwickelt. Mit einigen Punkten aber stelle ich seine Aussagen jedoch auf den Kopf.
4 Daß es einen Anlaß geben muß, ist aber notwendig für alle weiteren Geschehnisse.
5 „Die Gesamtursache von w [steht für Wirkungsereignis - J.K.] ist derjenige Komplex von Ereignissen, Zuständen und Bedingungen, der für den Eintritt von w kausal hinreichend ist, d.h. bei dessen Vorliegen w ausnahmslos eintritt.“ Birnbacher 1995, S. 73 f.
2
2. Die möglichen Anlässe der Angelsachsenmission
Welche Umstände die Angelsachsenmission Gregors ausgelöst haben könnten, ist strittig. Es werden in der Regel zwei Alternativen angeboten, die - so soll zumindest in der vorliegenden Arbeit argumentiert werden - nicht streng disjunktiv, sondern auch inklusiv verbunden werden können.
Der eine Anlaß der Angelsachsenmission, so zumindest nach Ansicht von Markus 6 , findet sich in der ersten Biographie Gregors des Großen vom Anfang des 8. Jahrhunderts, deren Autor ein anonym gebliebener Mönch des Klosters Whitby (oder Streoneshealh) ist. 7 Dort wird berichtet, Gregor habe vor Antritt seines Bischofspostens auf einem römischen Markt folgenden Dialog mit Sklaven aus dem angelsächsischen Königreich Deira gehalten:
Cumque responderent [sc. die Sklaven], ‚Anguli dicuntur, illi de quibus sumus‘, ille [sc. Gregor] dixit, ‚Angeli Dei‘. Deinde dixit, ‚Rex gentis illius, quomodo nominatur?‘ et dixerunt, ‚Aelli‘. Et ille ait, ‚Alleluia. Laus enim Dei esse debet illic.‘ Tribus quoque illius nomen de qua erant proprie requisivit. Et dixerunt, ‚Deire.‘ Et ille dixit, ‚De ira Dei confugientes ad fidem.‘ 8
Zunächst muß gefragt werden, wie diese legendär anmutende Geschichte zu bewerten ist. Dazu muß man festhalten, daß sich bei Beda eine inhaltlich gleiche Geschichte findet 9 , die sich lediglich in Details von der Vorlage des Anonymus, sofern es sich dabei tatsächlich um Bedas Vorlage handelt 10 , unterscheidet. Es muß auch festgehalten werden, daß Beda ausdrücklich die Geschehnisse in dieser Geschichte als Grund für die Angelsachsenmission Gregors angibt. 11
Wichtiger für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit, genauer gesagt für die Frage nach der Authentizität der Geschichte, ist aber, welche Quelle Beda und der Anonymus verwendet haben. Hier werden zwei Versionen angeboten: Erstens wird eine Quelle in Northumbria ins Spiel gebracht. 12 Diese Möglichkeit ist aber nicht sehr wahrscheinlich und wird von den mir vorliegenden Texten - sofern sie diese Frage behandeln - zugunsten der Alternative Rom aufgegeben. Mit der Entscheidung für die Alternative Rom geht meist auch die (im großen und ganzen) akzeptierte Authentizität der Whitby-Geschichte einher. Hierfür werden mehrere Argumente vorgebracht.
6 Markus 1963, S. 29 f.
7 Auf dieses Werk wird im folgenden mit der Bezeichnung „Whitby-Biographie“ bezug genommen. Colgrave datiert die Entstehung der Whitby-Biographie auf die Zeit zwischen 704 und 714. (Colgrave 1968, S. 49)
8 Whitby-Biographie, § 9.
9 Beda HE II,1.
10 Dazu Richter 1984, S. 101 f.
11 „Nec silentio praetereunda opinio, quae de beato Gregorio tradtione maiorum ad nos usque parlata est, qua videlicet ex causa admonitus tam sedulam erga salutem nostrae gentis curam gerisset.“ (Beda HE II,1)
12 So Markus 1963, Brechter referierend. (S. 29)
3
Es wird von mehreren Seiten betont, daß der Whitby-Anonymus über sehr gute Kenntnisse in der Sache verfügte. Es handelt sich dabei um die Ordnung der Missionare, die im Liber Pontificalis angegeben werden: Mellitus, Augustinus und Johannes. 13 Dieses Argument ist aber nicht sehr schlagend, da die tatsächliche Abfolge der Missionen von jeder beliebigen Quelle korrekt dargestellt werden konnte. Weshalb muß ausgerechnet diese ‚Allerweltsinformation‘ (wenn es um die Angelsachsenmission Gregors geht, handelt es sich bei dieser Information um eine solche) aus Rom stammen? Schwerer wiegt, daß er den Namen von Gegors Mutter (Sylvia) kennt. 14 Beda scheint diese Kenntnis nicht mehr besessen zu haben und die Kenntnis dieses Namens ist eng mit den römischen Verhältnissen, aus denen Gregor stammt verknüpft. Deshalb kann geschlossen werden, daß der Whitby-Anonymus über eine römische Quelle verfügt hat. Für einen römischen Ursprung der Geschichte - wenn auch nicht für deren Authentizitätspricht die Episode über Trajan, die in der Whitby-Biographie angeführt wird. 15 Dieser letzte Punkt ist insofern nicht stichhaltig, als man davon ausgehen darf, daß Trajan auch jenseits des Ärmelkanals kein Unbekannter gewesen sein dürfte und diese Geschichte durchaus dem Zweck gedient haben könnte, einen authentischen römischen Hintergrund zu simulieren, wo er nicht tatsächlich vorhanden gewesen ist. Um einen Beweis für einen authentischen römischen Hin-tergrund zu erhalten, müßten sich intimere Kenntnisse der römischen Geschichte oder römischer Vorkommnisse in der Biographie finden.
In etwas anderer Variation liegt die Beurteilung dieser Geschichte bei Richter vor. Dort wird davon ausgegangen, daß Gregor selbst der Urheber der Geschichte war. 16 Begründet wird dies mit dem Hinweis auf das Vorhandensein dreier Elemente der Sklavenmarktgeschichte, die aus Gregors Feder selbst stammten: „Thus we have, from Gregory himself, three elements of the story that set in motion his mission: pagan men, coming from the Anguli, and the Alleluia brought to them.“ 17
Ein weiteres Indiz für die Authentizität - oder wenigstens für einen wahren historischen Kern - findet sich in einem Brief Gregors an Candidus in Gallien. Es wird dort der Erwerb von
13 Liber pontificalis, LXVI. Gregorius. Dazu: Markus 1963, S. 30. So wie ich Markus‘ Argument an dieser Stelle verstehe, meint er, daß der Whitby-Anonymus die Information besaß, daß es sich um zwei Missionen handelte und die erste nicht von Mellitus sondern Augustinus geleitet worden ist, was sich beides nicht aus dem Eintrag im Liber Pontificalis herauslesen läßt. Der Wortlaut im Liber Pontificalis: „Eodem tempore beatissimus Gregorius misit servos Dei Mellitum, Augustinum et Iohannem et alios plures cum eis monachos timentes Deum; misit eos in praedicationem ad gentem Angulorum ut eos converteret ad dominum Iesum Christum.“
14 Markus 1963, S. 30. Whtiby-Biographie § 1. Dazu merkt Colgrave in Anmerkung 4 (S. 141) an, daß der Name entweder aus einer Tradition aus Whitby oder Canterbury stammen solle.
15 Whitby-Biographie, § 29. Markus 1963, S. 30.
16 Richter 1984, S. 104.
17 Richter 1984, S. 104. Kursivierungen im Original.
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Jens Kistenfeger, 2002, Die Ursachen der Angelsachsenmission Gregors I., München, GRIN Verlag GmbH
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