I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Einleitung 3
I Die gemeinsamen Tage schöner Begeisterung Das Erleben der Einheit der
Welt bei Bacon und Chandos 9
1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon 9
2. Die Pläne der Optimisten 15
3. Die Methode der Optimisten 24
4. Der Geist als ein Spiegel der Welt 27
5. Das Gedächtnis als ein statischer Speicher der Welt 31
6. Werkzeuge der Erkenntnis Sprache und Rhetorik 35
7. Der Nutzen verdammungswürdiger Metaphorik 39
II Es zerfiel mir alles in Teile Der Verlust der Einheit eines konsistenten
Weltbildes 44
1. Das Bewusstwerden des Irrtums der Erkennbarkeit der Welt 44
2. Das Eigenleben des Gedächtnis als Voraussetzung der Individuation 52
3. Der Zerfall des versprachlichten Bewusstseins 57
3.1 Eine sich ankündigende Krise 57
3.2 (Nicht) Möglichkeiten von Sprache und des menschlichen
Erkenntnisvermögens 60
3.2.1 Sprache als ein widerspruchsvolles Unding Nietzsche 60
3.2.2 Die Dekonstruktion des sprachlichen Individuums Mauthner 63
3.3 Zerfall der Kongruenz von Sprache und Welt in Ein Brief 65
3.4 Verweigerung der Prämissen der Sprachkritik bei Hofmannsthal 71
4. Das Scheitern der Pläne und der Methode 74
III Ein Fluidum des Lebens und Todes des Traumes und Wachens Das
Erahnen des Doppelsinns 76
1. Neue Wege der Erkenntnis 76
2. Die Sprache der guten Augenblicke 84
3. Das Besondere im Allgemeinen Die Synthesekraft des Mythos 90
4. Die Gestaltungskraft der Metaphorik jenseits des wissenschaftlichen Diskurses 97
4.1 Rück und Ausblick 97
4.2 Der Segen des Bildlichen Hamann 99
4.3 Die hitzige Flüssigkeit der Bildermasse Nietzsche 103
4.4 Beständig das Fremdeste paarend Hofmannsthal 107
5. Die Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart und Zukunft 110
Zusammenfassung 117
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 125
Einleitung
Fast 300 Jahre liegen zwischen der Datierung des Briefes, dem 22. August 1603, welchen der D ichter Hugo von Hofmannsthal die fiktive Figur des Philipp Lord Chandos an den Empiriker Francis Bacon schreiben lässt, „um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen“ 1 (461), und der tat- sächlichen Niederschrift des Textes im Jahre 1902. Nur diese zeitliche Diskrepanz von rund 300 Jahren, welche durch die grundlegenden Erfahrungen mit einem durch Rationa- lismus und Aufklärung bestimmten Weltbild geprägt sind, lässt diesen fiktiven Brief, eine „philos[ophische] Novelle[]“ 2 , wie Hofmannsthal schreibt, überhaupt erst möglich erscheinen. Über die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Entschlüsselung der Welt und dem Erlangen einer allumfassenden Erkenntnis, welche sein übermächtiger Lehrer, Sir Francis Bacon, für möglich erachtete, stürzt Chandos in eine Krise, welcher er in jenem Brief Ausdruck verleiht.
Und tatsächlich muss es sich um einen besonderen, bedeutsamen Brief handeln, betrachtet man die einleitenden Zeilen genau. Der Text bestätigt, dass es zwischen Chan- dos und Bacon in fernerer Vergangenheit eine intensive Korrespondenz gegeben haben muss, welche durch eine Veränderung im Erleben der Welt durch den Lord, ohne dass dies bis dato thematisiert wurde, abgerissen ist. Nun entschließt sich Chandos noch ein- mal zu schreiben. Seine ersten Worte verdeutlichen sogleich die Bedeutung, die er den folgenden Zeilen und seinem Adressaten beimisst. Er schreibt, dass dies „ der Brief“ sei, den er „ diesem Freunde“(461) sende. Durch die sprachliche Schaffung einer endgültigen Singularität des Ereignisses des Schreibens und der eindeutigen Bestimmtheit in Bezug auf den Adressaten, Francis Bacon, wird den Zeilen „dieses voraussichtlich letzten Brie- fes“ (472) eine für das Leben des Chandos grundlegende Relevanz eingeräumt. Der Brief wird damit Rück- und Ausblick zugleich.
Hofmannsthal lässt Chandos, und man sollte sich hüten, wie dies oft geschehen ist, beide in Eins zu setzen und die Krise des Lords zu einer Krise des Dichters zu stilisie-
1 „Ein Brief“ wird zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden (künf- tig GW), hrsg. von Bernd Schoeller, Frankfurt am Main 1979/1980. Die Seitenzahl wird direkt hinter dem Zitat angegeben. Andere dieser Ausgabe entnommenen Zitate finden ihren Nachweis in Fußnoten. Die dem Sigel folgende römis che Zahl bezeichnet die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl.
2 Zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke (künftig SW). Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift, hrsg. von Rudolf Hirsch, Clemens Köttelwesch, Christoph Perels u.a., Frankfurt am Main. Die folgende römische Zahl bezeichnet dann die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl. hier: SW XXIX 258.
3
ren, von einem verloren gegangenen Totalitätsgefühl berichten. Chandos erlebte „das ganze Dasein als eine große Einheit“ (463f.), in der er eine bruchlose Identität und unbe- zweifelte E rkenntnis fühlte. Diese Totalität ist entschwunden und zurück blieben „Kleinmut und Kraftlosigkeit“ (464) sowie die Erkenntnis der vollkommenen Brüchig- keit der einstmals so sicher geglaubten Totalitätserfahrungen. Dafür verantwortlich zeichne sich, so der Lord, ein tief greifender Zweifel an der Fähigkeit der Sprache, die Welt adäquat abbilden zu können. Chandos entziehen sich jegliche Begrifflichkeiten, welche eine Einheit der Welt im Geiste schaffen könnten, was ihn zunächst zutiefst ver- stört. Doch wie ernst kann man diesen B efund angesichts der offenkundigen Sprach- mächtigkeit des Lords nehmen? Man muss ihn ernst nehmen, denn es finden sich durch- aus Erscheinungen einer tief greifenden Krise im Erleben von Welt, welche ihren origi- närsten Ausdruck in der mangelnden Möglichkeit sprachlicher Vermittlung findet. Nimmt man die Sprachproblematik im Brief ernst, reduziert diesen jedoch nicht auf diese Thematik, und hat so viel Vertrauen in die Sprache und den damit umgehenden Autor, dass man annimmt, durch sie ließen sich Gedächtnisinhalte in einem g ewissen Maße transportieren, und genau dies tut Chandos u nentwegt, so hält man einen Schlüssel zum Verstehen dieses Werkes b ereits in der Hand. Sprache „ist das Gedächtnis selbst“ 3 schreibt Hofmannsthal und verdeutlicht somit sein Vertrauen, mit Hilfe Innenansichten eines Menschen adäquat darstellen zu können. Aber er ist sich durchaus auch der Mög- lichkeit der Täuschung durch die Sprache bewusst und formuliert diesen Zwiespalt wenn er schreibt: „Sie [die Sprache] ist das große Werkzeug der Erkenntnis, sie ist das große Werkzeug der Verkennung.“ 4 Traut man Sprache, so wie viele Interpreten das für den Brief reklamieren, in keiner Weise eine A bbildung von erlebter und gefühlter Welt zu, so ist ein Verstehen im Grunde genommen unmöglich, da davon ausgegangen werden müss- te, dass sich Chandos ohnehin nicht mitzuteilen vermag. Was auch immer er uns, und in ihm in gewisser Weise auch der Dichter, hinterlässt, wäre o hne Bedeutung, da faktisch falsch. Darüber hinaus, und dies scheint bedeutsamer, liegt diesen Annahmen ein grund- sätzliches Missverständnis zu Grunde:
Der Widerspruch zwischen der Behauptung des Lord Chandos, er könne über nichts mehr zu- sammenhängend denken oder sprechen, und den Ausführungen seines Briefes, die verdeckt be- ständig das Gegenteil bezeugen, erweist sich als scheinbarer. Er ist Ausdruck einer der Optik Ba-
3 GW X 413.
4 Ebd.
4
cons verpflichteten Lesart, welche die denotative und prädizierende Funktion einer Identität be-
glaubigenden Sprache der instrumentellen Vernunft in den Fokus des Interesses rückt. 5
Das angesprochene Vertrauen in die Sprache kann jedoch nicht, wie auch aus den Zeilen Hofmannsthals zu entnehmen, zu einer zweifelsfreien Erkenntnis über den inneren Zustand des Chandos führen. Diesem Ansinnen verschließt sich das Werk. Es erlaubt zunächst lediglich, ihn in seinem Erleben und seinen Mitteilungen ernst zu nehmen. Die Sprache ist das verbindende Glied zwischen Chandos und dem Leser. Sie stellt eine Möglichkeit der Entschlüsselung seiner Erinnerungen und Visionen dar und ermöglicht dem Leser somit die dem Lord verwehrte Erkenntnis in Folge einer reflexiven Betrach- tung der angebotenen Erinnerungsstruktur. Dabei darf die scheinbare Widersprüchlich- keit der beschriebenen Zustände und Visionen des Lords nicht erschrecken, denn ein „Ein Brief behandelt seinen Gegenstand nicht expressis verbis, sondern in actu.“ 6 Dies bedeutet, dass der Leser keine durchstrukturierte Gedankenwelt dargeboten bekommt, sondern in weiten Teilen Bruchstücke einer komplexen Gedankenwelt, welche einer dif- ferenzierten Betrachtung unterworfen werden müssen, da sich in ihnen ein g esamtes Weltbild und dessen Veränderung offenbart. Dies kann jedoch nicht, um auf den Adres- saten des Briefes zu sprechen zu kommen, unter der Baconschen Prämisse einer g e- wünschten Eindeutigkeit geschehen.
Um Ein Brief verstehen zu können, muss man sich bewusst werden, dass sich der Text sehr dezidiert mit einer maßgeblich durch Francis Bacon initiierten wissenschaftli- chen Sprache in allen Kommunikationsbereichen und den damit verbunden Rationali- tätskonzepten der Moderne (Aufklärung) auseinandersetzt. 7 Dies stellt in jenem Sinne einen durch Bacon angebotenen Schlüssel dar, um die Gedanken des Lords zu verstehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Hofmannsthal im Brief einen Gegenentwurf zu einem r ationalistischen Weltbild darstellen möchte, welches auf eine v öllige Entschlüsse- lung der Geheimnisse der Natur und des Menschen zielt sowie auf der Hoffnung basiert, eine stete Eindeutigkeit schaffen und erkennen zu können. Als einer der Urväter solcher Gedanken muss Francis Bacon, der Empfänger des Briefes, gelten. Chandos lehnt im Verlaufe seines Zustandes mehr und mehr die auf sprachliche Eindeutigkeit und fort- schrittsoptimistisch fixierten Vorstellungen seines Lehrmeisters ab, welche letztlich auf eine klare Erkenntnis der Phänomene der Welt zielen. In der neuen Welt des Lords soll
5 Günter, Timo: Hofmannsthal: Ein Brief, München 2004, S.40.
6 Ebd., S.12.
7 Vgl. ebd., S.21.
5
die Metaphorik und mythische Verschlüsselung, welche von Bacon als eine Unvollkom- menheit im Ausdruck auf Grund mangelnden Wissens abgelehnt wurde, und doch kommt auch er ohne sie nicht aus, wieder eine Vormachtstellung über begriffliche Exaktheit er- halten. War Chandos in dem von ihm beschriebenen Plänen noch ganz ein Adept Bacon- scher Aufschlüsselung der Welt, erscheint ihm diese zunehmend u nmöglich, gar völlig unnütz und schädlich. Im weiteren Verlauf der Beschreibung r emythisiert der Lord die von Bacon vorgenommene Aufschlüsselung der Welt und „es gibt in den gegeneinander- spielenden Materien keine, in die [er] nicht hinüberzufließen vermöchte.“ (469) Er e r- kennt, dass es eine a uf ewig feststehende Eindeutigkeit nicht geben kann, sondern dass sich alles beständig verändert. Daher muss auch die Sprache der begrifflichen Abstrakta versagen. Bacon traute dieser Sprache zu, sei der menschliche Geist einmal von den Ido- len gereinigt, d ass sie die Ergebnisse der ungetrübten Erkenntnisleistung des Menschen vollkommen wiederzugeben vermag. Sprache kann also bei Bacon, sie tut es allerdings infolge defizitärer Verwendung des Menschen nicht, ein A bbild der Welt liefern, was jedoch einer umfassenden Erneuerung der von ihm vorgefundenen Sprachbestände b e- dürfte. War diese Haltung Bacons noch voller Optimismus, so lässt sich für die sprach- kritischen Strömungen um die Jahrhundertwende, insbesondere für Mauthner 8 , um hier nur einen der bedeutenden Sprachskeptiker aus dem direkten Umfeld Hofmannsthals zu nennen, etwa dreihundert Jahre später nur noch zersetzender Pessimismus verzeichnen. Beide, sowohl Bacon als auch Mauthner, teilen die, um es hier nur anzudeuten, Skepsis hinsichtlich der Eindeutigkeit von Sprache zur Erfassung der Welt 9 , ziehen daraus j e- doch, wie noch zu zeigen sein wird, grundverschiedene Schlüsse. Dieser angesprochene Pessimismus wurde von vielen Interpreten dem jungen Lord und damit dem Dichter Hofmannsthal zugeschrieben. Ein in m einen Augen grundsätzliches Missverständnis. Spätestens seit Bacon diente Sprache als ein der wissenschaftlichen Erkenntnis zuarbei- tendes Element, gelangte jedoch nie zu jener gewünschten vollkommenen Ausprägung der Deckungsgleichheit mit der Welt. Unterwirft der Mensch sie diesem A nspruch, so scheint sie tatsächlich ein untaugliches Element zu sein, um der wissenschaftlichen
8 Mauthner zweifelt radikal und grundsätzlich die Fähigkeit von Sprache an, ein Bildnis der erlebten und gefühlten Welt vermitteln zu können. Kein Mensch sei mit Hilfe der Sprache in der Lage, einen anderen zu verstehen, ja vielmehr sei sie das Haupthindernis des Verstehens. „Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmöglich gemacht, einander kennen zu lernen.“ Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (künftig KS) (3 Bände), Cotta, Stuttgart, Berlin 1906 (Reprint Hildesheim 1969). Die Nummer des Bandes wird in römischen Ziffern, die Seitenzahl in arabischen angegeben. hier KS I 56.
9 Zweifelt Mauthner diese Fähigkeit der Eindeutigkeit in Gänze an, so gilt dies für Bacon nur in Bezug auf den von ihm vorgefundenen Sprachbestand. Durch Veränderungen des Denkens der Menschen könne ei- ne Veränderung, so Bacon, der Sprachverwendung stattfinden, welche es ermöglicht, diese Deckungs- gleichheit zwischen Welt und sprachlicher Abbildung herzustellen.
6
Wahrheitsfindung dienlich zu sein. Es bleibt jedoch zu konstatieren, dass Hofmannsthal diesen Anspruch nicht teilt und sie als Element der dichterischen Welterschließung als für durchaus tauglich betrachtet. Für ihn ist der Schlüssel zur Welt, und im Laufe der Beschreibung auch für Chandos, nicht die scheinbare Eindeutigkeit der Erkenntnis, son- dern vielmehr die „ seelische Bewegung […], in welcher sich der Bezug auf das Ganze ausdrückt.“ 10 Nicht der kalte Intellekt erkennt die Welt, indem er sie zergliedert, katego- risiert und in sprachliche Abstrakta fasst, sondern das, was Chandos „mit dem Herzen zu denken“ (469) nennt, vermag eine Ahnung der Welt zu vermitteln. „Alle Worte, die nur Schall sind wenn wir das Ding in ihnen suchen, werden hell, wenn wir sie leben: im Tun, in „Taten“ lösen sich die Rätsel der Sprache.“ 11 Im Rückgriff auf Platon erhebt Hofmannsthal das Staunen über den Zauber der Dinge zu einer Quelle der Erkenntnis, welche sich der Eindeutigkeit verwehrt und die Individualität und Einzigartigkeit der Phänomene wahrnimmt, und stellt sich damit g egen die rationalistische, auf Analyse von Phänomenen beruhende Philosophie seit B acon. Das Rückgängigmachen der von Horkheimer und Adorno 12 als ein wesentliches Element auf- klärerischer Philosophie erkannten Entzauberung der Welt ließe sich somit für Hof- mannsthal proklamieren. Dies bedeutet eine vollkommene Dekonstruktion eines auf Ana- lyse u nd Eindeutigkeiten basierenden Weltbildes. Ziel der Arbeit soll somit die Beschrei- bung dieses Dekonstruktionsprozesses sein. Es soll aufgezeigt werden, wie Hofmanns- thal die geistigen Konzepte einer über Jahrhunderte wirkungsmächtigen rationalistisch- aufklärerischen Weltsicht, welche wesentliche Ansatzpunkte im Werk Francis Bacons findet, überwindet und welche er diesen in seinem Brief entgegensetzt. Ich möchte be- haupten und zeigen, dass Ein Brief eine Schrift wider jene rationalen Konzepte von Welt darstellt. Dies jedoch mit den Mitteln der Kunst, nicht denen des theoretischen Diskurses. Um sich den aufgezeigten Problemfeldern nähern zu können, wurde diese Arbeit in drei Hauptteile untergliedert. Dies ergibt sich aus der Ansicht des Verfassers, dass dem Brief eine dreigliedrige Struktur zu Grunde liegt. 13 Ein jeder dieser A bschnitte von Ein
10 SW XXXI 129, Rodauner Anfänge.
11 GW IX 49, Die Idee Europa.
12 Vgl. Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung, in: Theodor W. Adorno: Ge- sammelte Schriften (Band 3), hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1972.
13 Dies ist in der Literatur sehr umstritten. Viele Interpreten tendieren zu einer Gliederung des Briefes in nur zwei Abschnitte, welche einen gesunden und einen kranken Zustand des Chandos unterscheiden. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Busch, Walter/Schmitdt-Bergmann, Hansgeorg: Der Gestus des Ve r- stummens – Hugo von Hofmannsthals Chandosbrief, in: Literatur für Leser, Nr.4/1986, vgl. hier insbe- sondere S.216. Auch Bomers unterteilt den Brief eindeutig in zwei, wie er sagt, „Segmente“: Bomers, Jost: Der Chandosbrief – Die Nova Poetica Hofmannsthals, Stuttgart 1991, vgl. hier insbesondere S.17ff. Im Gegensatz dazu findet sich auch die Meinung, der Brief sei durch drei Teile gekennzeichnet. So bei- spielsweise Rutsch, Bettina: Leiblichkeit der Sprache: Sprachlichkeit des Leibes: Wort, Gebärde, Tanz
7
Brief soll auf seine Bedeutung innerhalb der Hofmannsthalschen Gesamtkonzeption des Werkes befragt werden, um sich ihr nähern und vorsichtige Antworten in B ezug auf die angesprochenen Problemfelder geben zu können. Der erste Abschnitt des Briefes stellt die Erinnerungen des Chandos an die glücklichen, „gemeinsamen Tage schöner Begeis- terung“ (462) dar. Als einem Adepten der Baconschen Philosophie zeigten sich ihm die Phänomene der Welt in einer „große[n] Einheit“ verbunden. In Folge des ihm eigenen, jegliche vorhandene Differenzen nivellierenden Blickes auf die Welt wurde er nirgends eines Gegensatzes gewahr. In diesem Abschnitt soll das Analyseinstrumentarium ange- legt werden, welches auch in den weiteren Teilen angewandt wird. Es wird um die Mög- lichkeiten einer scheinbar uneingeschränkten Totalitätserfahrung, um das Vertrauen in Sprache als einem Medium adäquater Weltabbildung und Erkenntnisfähigkeit sowie um die Konstruktion eines auf Rationalität beruhenden Weltbildes gehen.
Dieses zerfällt dem Lord jedoch zunehmend. Plötzlich erscheinen ihm die vor- mals so leichtläufig benutzten Begriffe, „die abstrakten Worte, denen sich doch die Zun- ge naturgemäß bedienen muß“ (465) nicht mehr geeignet, die von ihm erlebte und wahr- genommene Welt abzubilden. Doch dieses Versagen von Sprache ist nur eine sekundäre Erscheinung einer allumfassenden Krise des Erlebens von Welt in jenem zweiten Teil. Nichts mehr lässt sich in der gewohnten Art und Weise „aufschließen“, alle Dinge ent- ziehen sich dem Lord und verwehren ihm das Allmachtsgefühl, „ überall […] mitten drin“ (464) zu sein. Wo ihm früher „geistige und körperliche Welt […] keinen Gegensatz zu bilden“ (464) schienen, eröffnet sich nun der Abgrund einer grenzenlosen Differenz aller Erscheinungen, durch welchen „hindurch man ins Leere kommt.“ (464) Dieses D a- sein völliger geistiger Isolation wird jedoch durch „freudige und belebende Augenblicke“ (467) durchbrochen, in denen der Lord wieder eines Bezuges zur Welt gewahr wird. Auch in diesem Abschnitt sind die Erfahrung von Totalität der Erscheinungen, der sprachlichen Abbildung dieser sowie die Möglichkeiten, jene überhaupt erfassen und verarbeiten zu können zentrale Punkte der Auseinandersetzung mit dem Werk.
In jenen „guten Augenblicken“ (467) des dritten Teils seines Briefes, den Augen- blicken der Epiphanie, offenbart sich eine fundamental neue Weise des Welterlebens, welche ihre Darstellungsweise im Metaphorischen sowie im Mythos findet. Durch d ie Verbindung scheinbar nicht referentiell zusammengehöriger Gedächtnisinhalte in den Momenten der Epiphanie, zeigt sich eine Inversion des früheren Erlebens von Welt und die völlige Loslösung von seinem großen Lehrmeister, von Francis Bacon.
bei Hugo von Hofmannsthal, Frankfurt am Main u.a. 1998, S.61. oder Kobel, Erwin: Hugo von Hof-
mannsthal, Berlin 1970, S.147ff.
8
I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ –
Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und
Chandos
1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon
Die ersten und letzten Worte seines Briefes richtet Philipp Lord Chandos direkt an Francis Bacon, an den „größten Wohltäter s[m]eines Geistes“ (472), und Hofmanns- thal setzt damit einen Rahmen, in welchem Bacon als ein Fixpunkt des Textes fungiert. Chandos ist als ein Schüler des großen Empirikers anzusehen und war lange Zeit maß- geblich durch dessen Gedanken in seinen eigenen bestimmt. Er, Francis Bacon, muss somit als ein, um in der Baconschen Gedankenwelt zu verweilen, wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Werkes fungieren. Es bedarf demnach der Beschäftigung mit Grundgedanken der Baconschen Philosophie, um die Gedanken des Lords, seine Erinne- rungen, aber auch seine Hoffnungen sowie die von Bacon und seinem Werk ausgehende Faszination begreiflich machen zu können. Diese Faszination kann als unbestritten ange- sehen werden.
Wenn man auf irgendein einzelnes Werk weisen wollte, das zum Symbol des Aufbruchs in die Neuzeit geworden ist und in dieser säkularen Funktion die Schriften des Aristoteles ablöste – man hätte kaum eine andere Wahl als das „Novum Organum“ – erschienen im Jahr 1602. 14
An dieser Stelle sollen somit Grundzügen der G edankenwelt des Philosophen dargestellt werden, der an der Schwelle der Renaissance zur Neuzeit eine revolutionäre Veränderung in der Sicht auf die Welt anstrebte. Es soll sich um eine überblicksartige Darstellung handeln, um die Bedeutung der Baconschen P hilosophie ansatzweise ver- ständlich machen zu können. Diesem Blick wird jedoch noch jegliche Tiefenschärfe in Bezug auf die Bedeutung der Gedanken B acons für Ein Brief fehlen. Diese werden erst in den folgenden Punkten einer intensiven Untersuchung unterzogen werden.
In der Philosophie Francis Bacons zeigt sich dem Betrachter erstmals eine syste- matische Umdeutung des Wissensbegriffs. Dieser wandelte sich von einem statischen Wissensbegriff der Antike, welcher zu einem zirkulären Selbstzweck der Erkenntnis 14 Krohn, Wolfgang: Francis Bacon. Neues Organon, Hamburg 1990, Einleitung Teilband I, S.X.
9
führte, zu einem dynamischen Verständnis von Wissen, das von ihm als ein „Mittel zum Zweck“ 15 des Fortschritts der Menschheit verstanden wurde. Er wandte sich ab von der spekulativen Metaphysik mittelalterlichen Denkens, welche das geistige Klima seiner Zeit noch immer maßgeblich beherrschte, und entwarf ein Zukunftsprogramm, das den Menschen auf Grundlage empirisch gesicherter Erkenntnisse und methodisch orientierter Forschung ewige Wohlfahrt gewährleisten sollte. „Erfindungen und Entdeckungen sol- len nicht mehr dem Zufall oder der Magie überlassen bleiben, sondern Sache wissen- schaftlicher Methodik werden.“ 16 Für dieses Ziel löste sich Bacon von vorhandenen phi- losophischen Traditionen und suchte nach einer Philosophie, die sich ganz in den Dienst des Menschen zu stellen habe. Dieses Ziel sprach er den tradierten Richtungen der Philo- sophie, um im Folgenden nur zwei zu benennen, ab. In der Aristotelischen und Platoni- schen Philosophie fand er durchaus eine Möglichkeit zur Schulung des Geistes, vermisste jedoch deren Leistung für die Erkenntniserweiterung der Menschheit. Durch sie lasse sich die Methodik der Argumentation, nicht aber jene zum Erkenntnisgewinn schulen. Wissen galt lediglich dem Selbstzweck. Ebenso hart versuchte er sich von mittelalterli- cher Scholastik zu lösen, welche die naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht von religiö- sen Begründungen zu trennen vermochte und sie somit lediglich in den Dienst der Reli- gion stellte. Diesen Ansätzen gemein sah Bacon die Prämisse, dass „der Mensch sich irgendwann zwischen handlungsentlastender Erkenntnis und tätiger Praxis entscheiden müsse.“ 17 Jene bildeten für ihn jedoch keinen Gegensatz und er lehnte eine Entscheidung für einen dieser Pole ab und postulierte, dass Denken und Handeln eine Einheit bilden müssten: „Der Mensch, als Diener und Interpret der Natur, vermag und versteht so viel, wie er von der Ordnung der Natur durch die Tat oder den Geist beobachtet hat; darüber hinaus weiß und kann er nichts.“ 18 Hier wird deutlich, dass der Erkennende gleichzeitig ein Schaffender sein müsse, welcher sich mit den Erscheinungen der Natur auseinander- zusetzen und sich letztlich zum Beherrscher eben jener aufzuschwingen habe. Rein refle-
15 Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie (2 Bände), Band II: Neuzeit und Gegenwart, Frank- furt am Main 1980, S.48.
16 Ebd., S.49.
17 Krohn, Wolfgang: Philosophie der Forschung und des Fortschritts. In: Lothar Kreimendahl (Hg.): Philo- sophen des 17. Jahrhunderts: Eine Einführung, Darmstadt 1999, S.23 – 45, S.37.
18 Zur Zitierweise: The Works of Francis Bacon (künftig BW) werden zitiert nach der Gesamtausgabe von James Speding, Robert Leslie Ellis, Douglas Denon Heath (Hg.), London 1857 -1874 (Reprint Stuttgart- Bad Cannstadt 1961-63). Die Nummer des Bandes wird in römischen Ziffern vorangestellt, die Seiten- zahl wird in arabischen Ziffern angegeben (II 256). Das Novum Organum (künftig N.O.) wird nach der lateinisch-deutschen Ausgabe von Wolfgang Krohn 1990, a.a.O. zitiert. Es wird nach der Zählung der Aphorismen zitiert. Mit römischen Ziffern wird angegeben, ob es sich um den ersten oder zweiten Teil handelt, vorangestellt wird die Stelle der Gesamtausgabe, wo sich das Zitat findet. hier: BW I 157, N.O. I, Aph. 1.
10
xive Erkenntnis behindere, so Bacon, den menschlichen Fortschritt. „Was in der Hand- lung am nützlichsten ist, ist im Wissen am wahrsten.“ 19 Diese enge Kausalität führt zu dem Gedanken, dass nur wahr sein kann, was dem Menschen bei der Beherrschung der Natur dienlich ist. Daraus folgt für die Philosophie, dass deren „Gültigkeit […] mit ihrer Fähigkeit identisch ist, Werke zu schaffen und zum Wohlergehen der Menschheit beizu- tragen.“ 20 Dieser Gedanke durchzieht das gesamte Werk.
Aber Bacon beabsichtigte viel mehr als die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen. In seinem Hauptwerk, der Instauratio Magna, unternimmt er den Ver- such, ein gesamtes Gesellschaftssystem zu entwerfen. Um es vorwegzunehmen: es ist ihm nicht gelungen. Dennoch lohnt es sich, ihm Beachtung zu schenken. „Es ist der Ent- wurf einer Verknüpfung von Erkenntnisfortschritt und menschlicher Wohlfahrt, die vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies bis zur B efreiung der Menschheit durch Unterwerfung der Natur reicht.“ 21 Mit diesem Werk legte er einen Grundstein zu einem allumfassenden Forschungsplan, dessen Ausarbeitung und Umsetzung er als eine gesellschaftliche Aufgabe ansah. Bacon war stets bewusst, daher auch die scheinbare Unfertigkeit seiner Entwürfe, dass ein Mensch allein diese grundlegende Erneuerung der Wissenschaft nicht zu leisten vermag. I n diesem Bewusstsein delegierte er die anstehen- den Aufgaben an seine sowie künftige Generationen. Damit wurde er zu einem der ersten Philosophen, der einen tatsächlichen Zukunftsentwurf vorstellte, welcher nur wenige Anknüpfungspunkte an vergangene Zeiten aufwies. Die Ausblendung der V ergangenheit wurde regelrecht zu einem strukturbildenden Element seiner Philosophie, ja, sie benötig- te geradezu den Gedanken der tabula rasa des menschlichen Geistes, um jene allumfas- sende Erneuerung unbelastet in Angriff nehmen zu können. „Bacon lehrt uns, daß menschliche Existenz ein radikales Enthüllen und Verändern ist.“ 22 Unter dieser Prämisse ist der Begriff instauratio, welchen Bacon aus der Antike sowie der Religion entlehnte 23 , auch nicht im Sinne jener geistigen Umfelder als eine „Instandsetzung“ oder „Renovierung“ zu verstehen, sondern vielmehr als eine grundsätz- liche Neuerrichtung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit auf einer empirischen Grund-
19 BW I 229, N.O. II, Aph. 4.
20 Rossi, Paolo: Francesco Bacone. Dalla magia alla scienza, Bari 1957. Hier zitiert nach: Charles Whitney: Francis Bacon. Die Begründung der Moderne, Frankfurt am Main 1989, S.48.
21 Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.24.
22 Whitney, a.a.O., S.13.
23 Überhaupt ist Bacons Philosophie weitestgehend in den Kategorien und der Sprache der Renaissance verfasst. Er war aus Mangel an Begrifflichkeiten gezwungen, das grundsätzliche Neue in der Sprache der Vergangenheit zu verfassen.
11
lage 24 , deren Umsetzung sich die gesamte Menschheit verpflichtet fühlen müsste. Bacon bietet denn auch in der Utopie von Neu Atlantis einen Entwurf der zu schaffenden Ge- sellschaft, in der wissenschaftlich-technischer Fortschritt, von umsichtigen Politikern geplant und unterstützt, zum Wohle der Menschheit generiert und genutzt wird. Novum Organum und Neu Atlantis bilden demnach eine geplante Einheit, auch wenn sie jeweils fragmentarisch geblieben sind 25 :
Worin besteht das Baconsche Programm? Es besteht kurz gesagt darin, die Wissenschaft zu ei- nem Unternehmen der Erfindung zu organisieren und sie so gesellschaftlich zu institutionalisie- ren, daß ihre Erfindungen zum Nutzen der Menschheit umgesetzt werden. Dem ersten Ziel dient sein Novum Organon, das zweite wird in der Utopie „Neu Atlantis“ beschrieben. 26
Die weitestgehend auf einer hohen Stufe der Abstraktion gefangene, programma- tisch ausgerichtete Gedankenwelt der Instauratio Magna ergänzt Bacon durch die g e- nannte Utopie des Staates Neu Atlantis, in welcher er exemplarisch und konkret seine Vorstellungen von wissenschaftlicher Praxis darlegt, indem er eine Forschungsanstalt in das Zentrum der Betrachtung rückt. Ihm ist der utopische Charakter dieser Schrift zwar bewusst, dennoch glaubt er, dass diese Utopie Realität werden könnte. So kann denn auch der Titel des Werkes ebenso programmatisch wie zukunftsweisend verstanden wer- den. Er zielt sehr bewusst auf die Darstellung des durch Platon beschriebenen Staates, ebenso wie das Novum Organum auf das Aristotelische „Organon“ referiert. 27 Im Gegen- satz zu Platon, der das Ideal, welches schließlich im Meer versank, in der Vergangenheit suchte und den Zerfall beklagte, weist Bacons Utopie eines idealen Staates, Neu Atlantis, in die Zukunft. Er ist getragen von ungeheurem Optimismus und Vertrauen in die menschliche Erkenntnisfähigkeit, welche mit wachsendem Fortschritt sich stets mehren werde. „Da ich ja den Geist nicht bloß in seiner eigenen Fähigkeit, sondern gerade in seiner Verknüpfung mit den Dingen berücksichtige, muß ich einräumen, daß die Kunst des Erfindens mit den Erfindungen erstarken kann.“ 28 Bereits hier, w enn von d er „ ars
24 Vgl. BW I 122, N.O.I, Franz von Verulams Vorbemerkung. Hier findet sich die Bemerkung, dass man „zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaft […], überhaupt der menschlichen Gelehrsamkeit, auf einer gesicherten Grundlage“ kommen müsse. Hervorhebung S.M.
25 Der fragmentarische Charakter der Werke ergibt sich geradezu zwangsläufig aus den Prämissen iher Zielstellung. Bacon lieferte einen Zukunftsentwurf, dessen Umsetzung er als eine gesamtgesellschaftli- che Aufgabe ansah. Er konnte nur den Anstoß liefern, während künftige Generationen die Umsetzung in die eigenen Hände nehmen müssen. Das uns vorliegende Werk wurde vom Autor lediglich als ein An- fang eines Prozesses der Erneuerung gesehen und musste somit unausweichlich fragmentarisch bleiben. 26 Böhme, Gernot: Am Ende des baconschen Zeitalters, Frankfurt am Main 1993, S.10.
27 Vgl. Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.42.
28 BW I 223, N.O. I, Aph. 130.
12
inveniendi“ die Rede ist, wird deutlich, dass Teile der Baconschen Philosophie nicht in erster Linie auf Erkenntnisvermittlung ausgerichtet, sondern vielmehr dem methodischen Vorgehen bei der Erkenntnisgewinnung mit dem Ziel der Naturbeherrschung verpflichtet sind. 29 Auch wenn Bacon zu Lebzeiten an der Größe der Aufgabe, eine umfassende Re- organisation aller menschlichen Wissensbestände zu versuchen und diese auf methodisch fundierte, empirisch gewonnene Erkenntnisse zu stützen scheitern musste, so strahlt seine Gedankenwelt bis in die heutige Zeit und erreichte somit auch Hofmannsthal. 30 B acon selbst war der Gedanke der Übermacht der Aufgabe bewusst und so begriff er sich selbst als Initiator eines Entwurfes für eine in seinen Augen bessere Zukunft. D ie Ausgestal- tung dieser Zukunft auf Grundlage seines Programms musste und wollte er anderen über- lassen. Ihm war bewusst, was er verlangte. Wolfgang Krohn spricht davon, dass er von der Menschheit forderte, „einen ungedeckten Wechsel auf die Zukunft zu unterschrei- ben.“ 31 Der mögliche Erfolg seines Programms, ja überhaupt die gesicherte E rkenntnis, dass dessen Erfolg die Geschicke der Menschen tatsächlich zum Positiven bewegen kön- ne, lag in ferner Zukunft und es bedurfte großer Anstrengungen, die Menschen zur Um- setzung des Programms zu bewegen. Zu Lebzeiten, es wurde bereits angesprochen, ist er an dieser Aufgabe gescheitert, versuchte aber, eine Antwort auf die eben angesprochene Frage über die Wünschbarkeit der Ergebnisse des eigenen Forschungs- und Erneue- rungsprogramms zu geben.
Bacon versucht eine Rechtfertigung, die wiederum ganz vom Charakter seiner Methode geprägt ist: sich auf die experimentelle Methode der Naturbeherrschung einzulassen, ist selbst eine Art Experiment. Und man muss die Menschen einladen, sich darauf einzulassen, ohne ihnen den Er- folg vorweg beweisen zu können. 32
29 Zur Methodik Bacons, zur Idolenlehre und induktivem Verfahren siehe Kapitel I.3.
30 In einem Brief an seinen Freund Leopold von Andrians schreibt Hofmannsthal: „Ich blätterte im August öfter in den Essays von Bacon, fand die Intimität dieser Epoche reizvoll, träumte mich in die Art und Weise hinein, wie diese Leute des XVI. Jahrhunderts die Antike empfanden, […]“ Hugo von Hofmanns- thal: Briefe 1900-1909, Berlin 1937, S.99. Über das tatsächliche Maß der Textkenntnis Hofmannsthals wird in der Forschung gestritten. Günter geht von einer sehr umfassenden Textkenntnis aus. Er weist darauf hin, dass Hofmannsthal eine englischsprachige Sammelausgabe benutzt habe und es durchaus denkbar sei, dass ihm die Works in der Gesamtausgabe von Spedding durch einen Freund, Alfred Frei- herr von Berger, bekannt gemacht worden sein könnten. Vgl. Günter, a.a.O., S.22. Auch Rolf Tarot ver- mu tet eine umfassende Textkenntnis. Vgl. Tarot, Rolf: Hugo von Hofmannsthal. Daseinsform und dich- terische Struktur. Tübingen 1970, S.368. Tarot vermutet die Benutzung der Fürstenhagenschen Überset- zung von Bacons „De Sapientia Veterum“ sowie der Apophthegmata durch Hofmannsthal. Fürstenhage, Johannes v.: Kleinere Schriften des Lord Francis Bacon, Leipzig 1984.
31 Krohn, Philosophie der Forschung, a.a.O., S.32.
32 Ebd.
13
Dennoch ist er hier in dem Dilemma gefangen, spekulieren zu müssen und nicht eruieren zu können. Was er den Menschen anbieten kann, ist eine Hoffnung, dass techni- scher Fortschritt ihre Lebensbedingungen grundlegend verbessern könne. Der Optimis- mus, dass die Menschheit die an sie gestellte Herausforderung annehmen werde, findet seinen Ausdruck im 114. Aphorismus des ersten Buches des Novum Organum. Bacon verweist hier auf die ungeheuren Möglichkeiten, die Gefahren können ihm noch nicht bewusst sein, welche sich mit der U msetzung seines Programms verbinden. Bei einem Scheitern hingegen trüge die Menschheit einen unermesslichen Verlust, jedoch keinen Schaden davon. Insofern müsse man sich zu dem „Versuch entschließen, wenn wir nicht ganz verzagten Sinnes dastehen wollen. Es ist nämlich beim Unterlassen und beim au- genblicklichen Nichtglücken der Sache nicht gleichviel zu befürchten, denn beim Unter- lassen steht ein unermeßliches Gut, beim Mißlingen ein geringer Aufwand menschlicher Arbeit auf dem Spiel.“ 33 Bacon zieht hier die Möglichkeit des augenblicklichen Schei- terns in Betracht, ist aber von der Hoffnung getragen, dass künftige Generationen sich seines Programms annehmen und es verwirklichen werden.
Und tatsächlich zeigte sich seine Philosophie wirkungsmächtig in der Beeinflus- sung der folgenden Generationen. „Descartes, Mersenne, Boyle, Hooke, Gassendi, New- ton, Leibnitz, Bayle, Comenius, Hartlib […] Locke, Voltaire, d`Alembert, Kant, u m nur einige zu nennen; - kein Philosoph hatte je eine buntere Anhängerschaft.“ 34 Dies bedeutet aber auch, dass Bacons Philosophie die Möglichkeit der beliebigen Nutzung bot, hatte er doch keine Entdeckung gemacht, kein Gesetz und keine Theorie fundamentiert. Und es bleibt zu bezweifeln, ob dies sein Ziel war. Vielmehr ist sein Werk geradezu darauf ange- legt, benutzt und geistig erweitert zu werden. „Bacons Philosophie wirkte, weil sie zum Symbol des modernen Geistes wurde. In dieser epochalen Funktion löste Bacon Platon ab.“ 35 Diese Einschätzungen sollen nicht verheimlichen, dass sich die Baconsche Philo- sophie Zeit ihres Bestehens heftigen Angriffen ausgesetzt sah. Häufig wurde der schein- bare Mangel an tatsächlich Zählbarem angeführt und seine Leistungen für d ie Wissen- schaft somit gering geschätzt. Auch bescheinigt ihm die jüngere Forschung eine stärkere Verhaftung in der Gedanklichkeit der Renaissance, „in deren später Phase Aristotelis- mus, Platonismus, hermetische, okkulte und alchemistische Tradition sich zu Überzeu- gungen mischten, deren Abstand zur Neuzeit unüberbrückbar erscheint.“ 36 Eine Diskus-
33 BW I 210, N.O. I, Aph.114. Hervorhebung S.M.
34 Krohn, Wolfgang: Francis Bacon, München 1987, S.174.
35 Ebd., S.175.
36 N. O., Einleitung Teilband I, S.XI.
14
sion dieser Ansichten soll und kann an dieser Stelle nicht stattfinden. Unbestritten bleibt, gleich wie man sich zur Baconschen Philosophie positionieren möchte, dass von ihr eine Faszination ausgeht, welche bis in unsere Tage strahlt.
Insofern kann und darf es nicht verwundern, dass sich auch ein großer Geist sei- ner Zeit, wie es Hugo von Hofmannsthal war, dem englischen Philosophen zuwandte und sich mit dessen Gedanken auseinandersetzte, hatte dieser doch „hinsichtlich der g e- schichtlichen Entwicklung Europas einen geradezu prophetischen Blick g etan.“ 37 Die industrielle Revolution setzte das baconsche Programm in beeindruckender, wenn uns heute auch häufig in erschreckender Weise, um. Die Gefahr, welche sich mit scheinbar grenzenloser Erkenntnisfähigkeit verbindet, die uns heute zuweilen ob der Ausgeburten menschlichen Geistes in Erstarrung schaudern lässt, konnte Bacon nicht vorhersehen. Seinen ungeheuren Optimismus in H inblick auf eine positive Entwicklung der Mensch- heit in Folge des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts konnten folgende Generatio- nen im Angesicht der Verheerungen, welche eben jener auch bedeuten kann, nicht mehr unbedacht teilen. Gar mögen die Erfahrungen der Moderne den baconschen Optimismus zuweilen in einen tief greifenden Pessimismus umschlagen lassen.
Der Brief des Lord Chandos greift genau dieses Spannungsfeld auf und soll im Folgenden auf Hofmannsthalsche Antworten befragt werden.
2. Die Pläne der Optimisten
Hofmannsthal lässt Chandos sogleich am Beginn seines Briefes von umgesetzten und noch zu verwirklichenden Plänen sprechen. Der Lord erinnert sich an eine Vielzahl von Plänen, die noch aus „ den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung“ ( 462) stam- men und die ihn nun „starr und kalt anstarr[t]en.“ (462) Insofern erscheint es sinnvoll, sich nochmals den Vorhaben des Francis Bacon zuzuwenden, um die des Chandos in einem weiteren Schritt begreiflich machen zu können, denn:
Die augenscheinliche Nähe zwischen Bacons Werk und den Plänen des Lord Chandos […] lassen kaum einen anderen Schluss zu, als in der literarischen Figur des Lord Chandos einen imaginären Schüler des englischen Philosophen zu sehen, der sich ganz dem Denken seines Lehrers und In-
37 Klein, Jürgen: Francis Bacon oder die Modernisierung Englands, Hildesheim u.a. 1987, S.51.
15
timus verpflichtet fühlt, und daß seine „Werke“ und „Pläne“ das Ideal dieser Philosophie und Methodenlehre repräsentieren. 38
Das Betrachten der Baconschen Pläne soll an dieser Stelle somit Eingang finden. Die Besprechung des methodischen Vorgehens, welches v on Bacon geradezu den Vorrang vor der Philosophie an sich zugesprochen bekam, wird in einem weiteren Abschnitt be- handelt.
Es ist interessant, dass auch die Instauration Magna, Bacons Hauptwerk, im Grun- de genommen nur einen Plan darstellt. Mit diesem Werk, welches selbst ein Fragment geblieben ist, verband Bacon die Hoffnung, eine umfassende Erneuerung der menschli- chen Erkenntnisfähigkeit zu initiieren. Lediglich das Werkzeug, das Novum O rganum, welches zur angestrebten Erneuerung benötigt wird, formuliert er im zweiten, gleichnami- gen, Kapitel des Gesamtwerkes umfassend aus. Dessen Ziel ist es:
Dem zweiten Teil ist […] die Lehre über den Gebrauch der Vernunft bei der Untersuchung der Dinge und über die wahren Hilfsmittel des Verstandes vorbehalten. So soll […] der Verstand ge- hoben und mit der Fähigkeit ausgestattet werden, das Schwierige und Dunkle an der Natur zu durchdringen. Die Kunst, die ich einführe, gehört zur Logik, und ich pflege sie „Interpretation der Natur“ zu nennen, obgleich der Unterschied zwischen ihr und der gewöhnlichen Logik groß, ja ungeheuer ist. 39
In diesem Sinne führt Bacon eine Reihe weiterer Pläne aus, welche sich im Brief, dort als solche des Lords deklariert und somit seiner Erinnerungsstruktur zugeordnet, zum Teil direkt wieder finden lassen. 40 Darüber hinaus stellt Hofmannsthal Chandossche A b- sichten dar, welche sich zumindest indirekt aus der Gedankenwelt Bacons adaptieren las- sen. So führt Chandos, um auf den Brief zurückzukommen, aus:
Ich wollte die Fabeln und mythischen Erzählungen, welche die Alten uns hinterlassen haben und an denen die Maler und Bildhauer ein endloses und gedankenloses Gefallen finden, aufschließen als die Hieroglyphen einer geheimen, unerschöpflichen Weisheit, deren Anhauch ich manchmal, wie hinter einem Schleier, zu spüren meinte. (463)
Der Lord geht davon aus, dass den Mythen eine grundsätzliche Wahrheit zu Eigen ist, welche jedoch „hinter einem Schleier“ verborgen liegt, den zu lüften es gelte. Er ist
38 Bomers, a.a.O., S.35.
39 BW I, 135, N.O., Die Einteilung des Werkes.
40 Vgl. dazu die grundlegende Arbeit von Schultz, Stefan H.: Hofmannsthal and Bacon: The Source of the Chandos Letter, in: Comparative Literature, Nr.13/1961.
16
getragen von dem Optimismus einen Schlüssel finden zu können, welcher das Tor zu den in den Mythen verborgenen Wahrheiten zu öffnen vermag. „Bacon äußert [dazu] die glei- che Absicht wie Chandos; er will das verborgene und geheime Wissen der Alten […] auf- decken, oder wie Chandos sagt „aufschließen“.“ 41 Dieses Vorhaben entwickelt der Philo- soph vornehmlich in der Schrift De Sapientia Veterum. 42 Hier beschreibt Bacon die anti- ken Fabeln und Mythen in ihrem Ausdruck und ihrem Reflexionsgrad als in hohem Maße unvollkommen. Die Menschen seien nicht ausreichend in der Lage gewesen, die sie u m- gebende Welt eindeutig zu beschreiben und begrifflich exakt zu fassen. Insofern könne es nicht verwundern, wenn sich über alle Beschreibungen der Schleier des Unklaren ausge- breitet habe, welcher nun von den Dingen gezogen werden müsse, um sie in ganzer Klar- heit auferstehen zu lassen. Chandos gibt diese G edanken in seinem oben zitierten Satz wieder und macht sie zu den seinigen. 43 Er möchte „aus ihnen [den Fabeln und mythi- schen Erzählungen] heraus mit Zungen reden“ ( 463) und sie somit in e inem B aconschen Verständnis in eine eindeutige Bestimmtheit überführen. Chandos sieht in jenen, analog zu Bacon, verschlüsselte Lehrsätze allgemeiner Gültigkeit, welche es aufzuschließen gilt. In diesem Zusammenhang macht er sich offenbar zu einem Adepten der Auffassung des Phi- losophen über den Wert und Gehalt von Dichtung, wenn dieser darüber schreibt: „Poesis est genus doctrinae.“ 44 Hier wird Dichtung die Funktion der Belehrung und Unterweisung zugeschrieben. Sie habe im Sinne eines Schlüssels zu den Geheimnissen der Welt zu fun- gieren und diese aufzuschließen. Sie ist und darf in keiner Weise, wie Chandos es später erlebt, ein Medium der Bewahrung der Geheimnisse sein. Hier, an den von Chandos erin- nerten Stellen, verstand er seine Aufgabe als Dichter und die der Kunst, ganz wie sein Lehrer, noch völlig im Sinne des Dienstes an der Wissenschaft.
Diese Übereinstimmung im Geiste zeigt sich denn auch umfassend in der Ähnlich- keit der ausgeführten und geplanten Werke. Hofmannsthal nutzt im Brief ganz dezidiert das Gedankenmaterial Bacons, um den Einheitsgedanken der Welt, welchem Chandos erlegen war, zu fundamentieren. Die Pläne des Chandos zeigen sich uns als die Pläne Ba- cons mit allen damit verbundenen und eben angesprochenen philosophischen Annahmen.
41 Tarot, a.a.O., S.368.
42 BW I, 606 – 686. Eine Übersetzung, welche wohl auch Hofmannsthal benutzte, findet sich bei Fürsten- hage, a.a.O.
43 Vgl. Schultz, a.a.O., S.8f.
44 BW I, 517
17
Wie der gehetzte Hirsch ins Wasser, sehnte ich mich hinein in diese nackten, glänzenden Leiber, in diese Sirenen und Dryaden, diesen Narcissus und Proteus, Perseus und Aktäon: verschwinden wollte ich in ihnen und aus ihnen heraus mit Zungen reden. (463)
Diese Worte erweisen sich so als Anspielungen auf das Werk Bacons und bilden somit Chiffren zum Verständnis von Ein Brief 45 , indem sie Chandos in eine geistige B a- lance und Übereinstimmung mit seinem großen Lehrmeister aus „den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung“ (462) treten lassen. In diesem Zusammenhang sei bereits hier dar- auf verwiesen, dass der Dichter Hofmannsthal jene geschaffene Übereinstimmung natür- lich nutzt, um ihr ein Gegenkonzept entgegensetzen zu können, welches sich in seinen Schlussfolgerungen fundamental von den Baconschen Prämissen unterscheidet. Hof- mannsthal zielt nicht auf eine Entschlüsselung der Mythen und somit auch auf eine Ent- schleierung der Geheimnisse der Welt, sondern er verweist vielmehr darauf, dass sich „mit Phillip Chandos die E rfahrung des Mythos in seiner Mehrdeutigkeit und Individualität restituiert.“ 46 Darauf wird noch intensiv einzugehen sein.
Zunächst jedoch soll weiteren direkten Anspielungen in Bezug auf das Werk B a- cons nachgegangen werden, um diese, welche die Grundlage für die Pläne des Chandos bilden, für das Verständnis des Briefes fruchtbar zu machen. Chandos erinnert sich des Vorhabens, „die ersten Regierungsjahre unseres verstorbenen glorreichen Souveräns, des achten Heinrich, dar[zu]stellen.“ ( 462) Hier findet sich eine fast wörtliche Übernahme eines Baconschen Werkes, dem dieser den Titel The Beginning of the history of the reign of King Henry the eighth 47 gab. Ebenso genau greift Hofmannsthal auf Bacon im Zusam- menhang mit der von Chandos gewünschten, noch anzulegenden Sammlung von A- pophthegmata zurück. So findet sich eine geradezu verblüffende Übereinstimmung im Wortlaut, wenn im Brief geschrieben steht: „Ich gedachte eine Sammlung „Apophthegma- ta“ anzulegen, wie deren eine Julius Cäsar verfaßt hat: sie erinnern die Erwähnung in ei- nem Brief des Cicero.“ (463) und dem Baconschen Wortlaut in Fürstenhages Übersetzung von De Sapientia Veterum: „Julius Cäsar schrieb eine Sammlung Apophthegmata wie aus einem Brief des Cicero hervorgeht.“ 48
45 Die aufgeführten Mythen werden, ausgenommen der der Dryaden, ausnahmslos von Bacon in den Alle- goresen von „De Sapientia Veterum“ behandelt. Bacon stellt der jeweiligen Fabel stets einen Begriff zur Seite, welcher diese versinnbildlicht. Vgl. dazu Günter, a.a.O., S.136.: „31. Sirenes, sive Voluptas; 4. Narcissus, sive Philautia; 13. Proteus, sive Materia; 7. Perseus, sive Bellum; Akt?on et Pentheus, sive Curiosus.” Vgl. auch Schultz, a.a.O., S.10.
46 Günter, a.a.O., S.25.
47 BW VI 48 Fürstenhage, a.a.O., S.261, Vgl. dazu Bomers, a.a.O., S.34f.
18
Chandos wird von Hofmannsthal somit zu einem Adepten der Baconschen Philo- sophie gemacht, welcher zunächst widerspruchslos deren Prämissen akzeptierte und über- nahm. Chandos „erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit“ ( 463), in der es keinerlei Widersprüche zu g eben schien, denn „das eine war wie das andere; […]“ (464). Chandos glaubte, wie sein großer Lehr- meister, alles erkennen und beschreiben zu können, da ihm „jede Kreatur ein Schlüssel der anderen war.“ (464)
Aus dieser Sachlage kann nun […] gefolgert werden, daß das bewußte Recurrieren des Chan- dosbriefes auf Bacons Schrifttum den geistesgeschichtlichen Fixpunkt markiert, von dem aus der Chandosbrief in den Blick zu rücken ist. […] Es kann vielmehr kein Zweifel darüber bestehen, daß die Figur des Lord Chandos mit seinen Plänen und Werken im ersten Teil des Briefes […] die wissenschaftstheoretischen Überlegungen Bacons vorstellt. 49
Die Pläne des Chandos, welche also auf solche Bacons zurückgehen, wurden be- reits dargestellt 50 , sodass hier Gleiches noch für die beendeten Werke des Lords zu leisten ist, was den bisher getroffenen Befund weiter stützen wird. Die bereits vollendeten Werke charakterisieren den Lord als einen Menschen, der voller Optimismus in die unbegrenzte Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit des Menschen die Entschlüsselung der ihn umgebenden Welt zu versuchen bereit war. In Folge des an ihn gesandten Briefes erinnert sich Chandos seiner bereits abgeschlossenen Arbeiten, zu welchen er nun, im Zustand der Krise, keinen Zugang mehr findet. Bereits im Alter von neunzehn Jahren schrieb er den „Neuen Paris“ und andere Werke, welche er selbst als „unter dem Prunk ihrer Worte hintaumelnde[n] Schäferspiele“ (S.3/27) bezeichnet und sie somit in eine antike Tradition bukolischer Dichtung stellt, zu welcher sich die Renaissance in einem besonderen Maße hingezogen fühlte. 51 Dieser Paris des Homers, welcher einzig in der Lage war, den Schönheitsstreit der Göttinnen zu entscheiden, wird hier zu einem Symbol für den urteilenden Menschen, welcher in der Lage ist, die Welt und ihre Erscheinungen kognitiv zu erfassen und zu be- arbeiten. Darüber hinaus ist der Hirte seit alter Zeit selbst ein bedeutsames Symbol für den denkenden Menschen:
Dichten unter Bäumen […]: Dies wird […] im Hellenismus selbst zum poetischen Motiv erho- ben. Dazu braucht man einen soziologischen Rahmen: einen Berufsstand, der im freien lebt oder
49 Bomers, a.a.O., S.35.
50 Auf das „Nosce te ipsum“, als den großen Plan des Chandos, werden wir noch an einer anderen Stelle
dieses Abschnittes eingehen.
51 Vgl. Bomers, a.a.O., S.20.
19
doch auf dem Lande […]. Er muß Zeit und Anlaß zum Dichten haben, […]. Über all das verfügt
der Hirte. 52
Dem Hirten wird hier mit der Möglichkeit zum Dichten, explizit die Möglichkeit zum Denken zugesprochen. Er wird somit zu einem „Sinnbild des dichtenden (d.i. philo- sophierenden) Menschen […], der nach dem Ursprung des Daseins fragt.“ 53 In diese Tra- ditionen des denkenden und selbstbewusst entscheidenden Menschen kann Chandos sei- nen „Neuen Paris“ setzen und knüpft somit wiederum an das Baconsche Ideal des auf Er- kenntnisse zielenden Menschen an. Das erwähnte Einheitsgefühl der Welt ist in dieser Phase seines Schaffens geradezu allgegenwärtig und nicht der leiseste Hauch eines Zwei- fels bezüglich der unbegrenzten Erkenntnisfähigkeit des Menschen hat sich seiner b e- mächtigt. Aber noch etwas wird immer deutlicher und muss hier zunächst nur kurz fest- gehalten, um später nochmals aufgegriffen werden zu können. Insbesondere diese bereits beendeten Werke zeigen uns Chandos zunächst als einen Menschen der Renaissance. Sei- ne Werke stehen in der Tradition eines auf die Antike zurückreichenden Dichtungs- und Bildungsideales, sei es im Rückgriff auf die bukolischen D ichtungen im „Neuen P aris“, sei es in der Behandlung der artes liberales in seinem im Folgenden zu erläuternden Werk über die lateinische Sprache und Rhetorik. Seine geplanten, nicht ausgeführten Werke, insbesondere das noch zu besprechende „Nosce te ipsum“ jedoch atmen bereits den Geist des Humanismus und der Aufklärung, sodass Chandos, gleich seinem Lehrmeister Bacon, an dieser Zeitenschwelle steht. Und es ist durchaus bezeichnend, dass er letztlich an diesen aufklärerischen Werken scheitert, sie nicht umzusetzen vermag.
So fügt sich jedoch zunächst auch nahtlos, auf den „Traum der Daphne“ werden wir noch kurz g esondert einzugehen haben, da sich hier bereits eine Besonderheit offen- bart, jenes „kleine[n] Traktat[es]“ (462), gefüllt mit „lateinischen Wörtern“ (462), an, wel- ches er sich erinnert, im Alter von dreiundzwanzig Jahren geschrieben zu haben. Offenbar handelt es sich hier um den literarischen Versuch einer Restitution der als verkommen angesehenen lateinischen Sprache und der Hinwendung zur Rhetorik. 54 Das Latein in sei- ner als vollkommen angesehenen antiken Form, und in diesem Stile wird das Werk abge- fasst gewesen sein, wird hier in seinem Aufbau und Formung mit der meisterhaften Archi- tektur Venedigs verglichen.
52 Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern und München 1978,
S.195.
53 Bomers, a.a.O., S.21.
54 Zur Bedeutung der Rhetorik bei Bacon und die sich daraus ergebende Bedeutung für Ein Brief siehe
Punkt sechs dieses Kapitels.
20
Das bereits angesprochene Werk mit dem Titel „Traum der Daphne“ nimmt z u- nächst auch wieder, wie der „Neue Paris“, Bezug auf eine antikisierende Mythenrezeption der Renaissance. Allerdings fallen hier zweierlei Dinge ins Auge. Es wurde schon kurz angesprochen, dass sich für diesen Mythos, im Gegensatz zu den anderen aufgezählten, keine Bezugnahme Bacons in den Allegoresen von De Sapientia Veterum finden lässt. Wir hatten gesehen, dass der Philosoph bemüht war, die hinter den Fabeln liegenden Weishei- ten der Alten aufzuspüren und sie im Sinne einer Eindeutigkeit zu entschlüsseln. Hier, im Falle der Dryade genannten Baumnymphe, kann dies nicht gelingen.
Nach dem Beispiel Bacons, der im Titel seiner Allegoresen auf die Nennung der jeweiligen Fabel stets den Begriff folgen lässt, den er in ihr verkörpert sieht, muß dieser lauten: „Dryades, sive Metamorphoses“. Was sich verwandelt, entzieht sich der Reduktion auf den einen, unwandelba- ren Gehalt. 55
Bedeutsam erscheint, dass der Lord, obwohl scheinbar bis in das kleinste Detail ein Adept der Baconschen Weltsicht, diesen Mythos, obwohl sein Lehrmeister ihn mied, den- noch in einem seiner Werke bearbeitet hat. Dieses Faktum kann bereits als ein früher Hinweis auf die spätere Konstitution des Chandosschen Geistes gelesen werden. Das Träumen entzieht sich der e indeutigen Fixierung durch einen klaren und scheinbar selbst- bestimmt operierenden Geist und verweist somit schon an dieser Stelle auf die Wandlung des Lords, die jener später als die Möglichkeit des „Hinüberfließen[s] in […] Geschöpfe“ (468) beschreiben wird. „Im „Traum der Daphne“ deutet sich an, daß „Traum“ für Chan- dos „Verwandlung meint.“ 56 Die Tendenz des Lords, sich der Sachlichkeit und Eindeutig- keit der Erkenntnis zu verweigern, welcher er sich offenbar zahlreiche Jahre, verbracht im Banne der Baconschen Philosophie, scheinbar mühelos erwehren konnte, schimmert b e- reits hier durch die Fassade der geglaubten Einheit der Welt hindurch. Daphne steht be- reits hier als eine Chiffre für die spätere Phase des Lebens von Lord Chandos, welche un- ter anderem durch T räume und Verwandlungen, durch die Sprengung von Grenzen sowie die Erweiterung des Subjektbegriffes gekennzeichnet ist.
An dieser Stelle bedarf es zunächst jedoch noch, um auf die Pläne des Lords zu- rückzukommen und den Bogen zu schließen, der Betrachtung d es Chandosschen Haupt- werkes: „Nosce te ipsum“. Es ist davon auszugehen, dass es Chandos darum zu tun war, analog zu der Instauratio Magna seines Lehrers, ein großes, das Wissen der Welt u m-
55 Günter, a.a.O., S.136
56 Ebd.
21
schließendes, Werk zu schaffen. Und tatsächlich, es kann jedoch nicht mehr verwundern, finden sich wiederum, betrachtet man die Vielzahl der Chandosschen Pläne und Werke, bemerkenswerte Übereinstimmung mit Francis Bacon, hier insbesondere in Bezug auf dessen Zielstellung und Methodik. 57 Die Zielstellung ist universalistisch, da davon ausge-
gangen wird, dass sich die Welt in ihren Erscheinungen erkennen lässt und sie somit dem Menschen dienlich g emacht werden könne, was einem tendenziell modernen, aufgeklärten Gedankengut entspricht. 58 Diesen Anspruch versucht Chandos in seiner Enzyklopädie zu
verwirklichen und kann sich dabei auf den dritten Aphorismus des Novum Organum sei- nes Lehrers berufen, wenn dieser dort schreibt: „Wissen und menschliches Können ergän- zen sich insofern, als ja Unkenntnis der Ursache die Wirkung verfehlen l äßt. Die Natur nämlich läßt sich nur durch Gehorsam bändigen; […]“ 59 Es bedarf also einer umfassenden (enzyklopädischen) Erfassung und Beherrschung der Natur, um diese dem Menschen nutzbar zu machen. Genau dieses Ziel verfolgt Chandos mit seinem Werk „Nosce te ipsum“. „Die lückenlose Aufklärung über die Wahrheit der Welt erweist sich als Aufgabe einer extensiven Sammeltätigkeit, die Chandos mit dem Projekt der Enzyklopädie im Sin- ne seines Lehrers betrieb.“ 60 Dazu griff er in seinen Plänen, wie schon gezeigt, renais- sancetypisch auf die artes liberales zurück und versuchte diese jeweils zu bedienen. 61 A l-
lerdings verändert sich, auch wenn die Mittel der Umsetzung aus der Vergangenheit rüh- ren, die Blickrichtung des Planes und zielt in die Zukunft, da es nicht mehr um ein Sam- meln und Festhalten von Wissen, sondern um die im Baconschen Sinne Nutzbarmachung
57 Auf die Methodik Bacons wird im kommenden Abschnitt explizit eingegangen werden.
58 Chandos unterscheidet sich insofern durchaus von anderen Bestrebungen seiner Zeit, enzyklopädische Werke zu verfassen, wenn seine Gedanken jene zukunftsweisenden aufklärerischen Züge annehmen, auch wenn er in der Wahl der Mittel, der Darstellung der artes liberales, noch zutiefst in den Gedanken der Renaissance verhaftet ist. „Um das Gesamte der göttlichen Weltordnung zu erkennen, mußte man al- le Gebiete umfassen: das ist der religiöse Hintergrund der barocken Vielwisserei, die kein Vielheits- sondern eine Ganzheitsstreben war. Darum haben in diesem Jahrhundert immer wieder Gelehrte ver- sucht, die Ganzheit darzustellen; …“ Trunz, Erich: Weltbild und Dichtung im deutschen Barock, in: Ri- chard Alewyn (Hg.): Aus der Welt des Barock, Stuttgart 1957, S.6.
59 N.O. I, Aph. 3. In diesem Fall bevorzuge ich jedoch eine frühere von Krohn (1987), a.a.O, S.85f angebo- tene Übersetzung, welche mir exponierter erscheint: „Menschliches Wissen und menschliche Macht tref- fen in einem zusammen; denn bei Unkenntnis der Ursache versagt sich die Wirkung. Die Natur kann nur beherrscht werden, wenn man ihr gehorcht; …“ 60 Günter, a.a.O., S.95f.
61 Vgl. Bomers, a.a.O., S.28, Bomers ordnet den Plänen des Chandos die jeweiligen Wissensgebiete im Ve rständnis der Renaissance zu: „Die Darstellung der Regierungsjahre Heinrichs XIII. (Geschichte) [bei der Zahl XIII. handelt es sich offensichtlich um einen Druckfehler, da Chandos ausdrücklich von den Regierungsjahren des „achten Heinrich“ (462) spricht], die Bewunderung für Sallusts geniale Verbin- dung von Stoff und Form (Grammatik, Rhetorik und Poetik zugleich), Musik und Algebra als ohnehin klassische Disziplinen, das Aufschließen der antiken „Fabeln und Erzählungen“ (Poetik), schließlich das Sammeln von Sentenzen (Moral) und Reflektionen (Logik).“
22
von Wissen für die Menschheit 62 in jenem Werk des Chandos geht. Der Text sagt dies nicht explizit, es lässt sich jedoch aus der Gesamtkonzeption des ersten Teils des Briefes schließen. Bacon fungiert hier als alles beherrschender Lehrmeister, an dessen Lippen Chandos, von einer gewichtigen und bereits beschriebenen Ausnahme abgesehen, hängt. Bacon bestimmt im Geiste die Pläne und Werke des Lords, sowohl in deren Inhalten als auch, wie noch zu zeigen sein wird, im methodischen Vorgehen. D abei wandelt Chandos, wie sein Vorbild selbst, auf der Schwelle zwischen Renaissance, dies in den Mitteln der Darstellung, und der Neuzeit, jenes in der konzeptionellen Ausrichtung des Vorhabens, wenn er dem einen großen Werk, welches er zu schaffen wünscht, den Titel „Nosce te ipsum“ – „Erkenne dich selbst“ – gibt. Die darin liegende Programmatik, von der der selbstbewusste Titel kündet, versprüht dabei bereits den Esprit eines ungeheuren Opti- mismus in die E rkenntnisfähigkeit des Menschen und einer neuen Geistesepoche. In B e- sinnung des Baconschen Anspruches, die Natur zu erforschen und zu b eherrschen, die Dinge fass- und verstehbar zu machen, die Erscheinungen der Welt empirisch zu sammeln und rational zu e rklären, versucht Chandos die Geheimnisse der Welt zu entzaubern, sie nackt zu entkleiden. Er spricht von der Erkenntnis des Selbst und denkt die Erkenntnisfä- higkeit in Hinblick auf die Welt mit. Aus dieser in vielerlei Hinsicht geradezu sklavischen Orientierung an Bacon folgt auch, dass die bereits vorgestellten Pläne, und es zeigte sich, dass es derer viele gab, jeweils einen Teil dieser einen, großen von Chandos geplanten Enzyklopädie, die ihr direktes Vorbild in der Instauratio Magna des Lehrmeisters fand, bilden sollten. Chandos schreibt: „Das ganze Werk aber sollte den Titel „Nosce te ipsum“ tragen.“ ( 463, Hervorhebung S.M.) und weist ihm mit dem b estimmten Artikel eindeutig eine Singularität in der Erscheinung zu. „Der bestimmte Artikel und das Substantiv in der Einzahl stehen hier genausowenig zufällig, wie das Adjektiv.“ 63 Chandos strebt also, b e- trachtet man seine vollendeten und geplanten Werke als eine Gesamtheit, ein allumfassen- des Kompendium des Wissens an.
Es zeigte sich, dass die Pläne des Lords die Pläne des Francis Bacon sind, dass die vollendeten Werke des Chandos, zumindest in großen Teilen, die Werke des Lehrers repe- tieren. Sie sind den Gedanken des großen Empirikers vollends verpflichtet und erreichen
62 Vgl. Nate, Richard: Wissenschaft und Literatur im England der frühen Neuzeit, München 2001, S.26. Nate schreibt an dieser Stelle: „Deutlich erkennbar stellt Bacon hier dem Prinzip der Bewahrung des kul- turellen Wissens, […], das Prinzip der Innovation gegenüber.“ 63 Bomers, a.a.O., S.25. Die hier vertretene, ebenso bei Bomers zu findende These, dass Chandos ein einzi- ges großes Werk zu schreiben gedachte, in welches alle anderen Pläne und Werke einfließen sollten, wird in dieser Weise in großen Teilen der Literatur nicht vertreten. Vielmehr wird häufig davon ausge- gangen, dass „Nosce te ipsum“ ein Werk unter vielen sei, welche Chandos zu verwirklichen wünschte. Vgl. dazu bspw. Kobel, a.a.O., S.146 oder Werner Kraft: Der Chandos Brief, Darmstadt 1977, S.10f.
23
jenen gegenüber keinerlei Emanzipation. Aus Chandos spricht Bacon. In diesem Abschnitt war es darum zu tun, die inhaltlichen Übereinstimmungen zu beschreiben. Welche weiter- führenden Schlüsse daraus zu ziehen sind, wird noch dargestellt werden. Zunächst jedoch soll ein Blick auf die Methodik Bacons und somit, so kann vermutet werden, auf jene des Lords geworfen werden.
3. Die Methode der Optimisten
Bacon schreibt in der Vorrede zur Instauratio Magna, welche in ihrem z weiten Teil, dem Novum Organum, die Darstellung der bei der Erkenntniserweiterung notwendi- gen methodischen Anweisungen, also das Werkzeug enthält, über die bisherigen Leistun- gen der Philosophie und die Notwendigkeit einer Neuorientierung:
Deshalb bleibt das ganze [bisherige] Verfahren, das wir zur Erforschung der Natur einsetzen, nicht gut eingerichtet. Es gleicht einem äußerlich prächtigen Bau ohne sicheres Fundament. […] Abhilfe konnte nur so kommen, daß man an die Dinge mit neuen Methoden in der lauteren Ab- sicht heranging, zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaften und Künste, überhaupt der ganzen menschlichen Gelehrsamkeit, auf gesicherten Grundlagen zu kommen. 64
Bacon bezweifelt die Fähigkeit der bisherigen Wege der Erkenntnisgewinnung, welche nur durch einzelne Beobachtungen und Feststellungen, ohne diese auf einer empi- risch gesicherten Grundlage fundamentiert zu haben, allgemeingültige Aussagen m achen zu können. Die somit gewonnenen Wissensbestände befänden sich in einer großen Unord- nung und müssten grundlegend systematisiert werden, um kenntlich und somit nutzbrin- gend gemacht werden zu können. Dabei ist Bacon weniger an der philosophischen Frage- stellung interessiert, was Erkenntnis eigentlich sei, sondern vielmehr von dem Gedanken geleitet, wie die Wege der Erkenntnis methodisch verbessert werden können. Er trennt demnach grundsätzlich die Sphären der Erkenntnis als Ergebnis eines kognitiven Prozes- ses und der Erkenntnis in Folge des Handelns 65 , welcher er mit seiner Methode eine fun- damentale Rolle beim Erlangen für den Menschen nützlicher Erkenntnisse beimisst. Die Methode, mit welcher er vorzugehen gedachte, war negativ bestimmt. Durch Induktion,
64 BW I 121, N.O., Franz von Verulams Vorbemerkungen.
65 Vgl. Krohn, Francis Bacon, a.a.O., S.76.
24
also dem Gang vom besonderen zum allgemeinen Gegenstand und logische Ausschlüsse, sollte die Wissenschaft zur Erkenntnis des Ganzen gelangen. 66 Bacon n ahm an, dass die Addition der Einzelteile eines Wissensbegriffes eben jenen in seiner Gesamtheit hervor- bringt. 67 Dies könne jedoch nur gelingen, wenn sich die Menschen von bisher erworbenen, und von ihm als verfälscht empfundenen Wissensbeständen trennen würden. Seine Philo- sophie setzt einen geistigen Nullpunkt, eine geistige tabula rasa voraus. 68
Die mit der Anwendung der induktiven Methode zwangsläufig einhergehende Zer- splitterung von Wissen in Unterkategorien war letztlich, auch für Bacon, nicht beherrsch- bar. Dieses Scheitern des Lehrers kann als ein Grund für das Scheitern der Vorhaben des Schülers, Lord Chandos, gelten.
Der Philosoph hatte das Projekt am Ende seines Lebens in eben derjenigen bruchstückhaften, un- geordneten Gestalt eines Materialhaufens hinterlassen, die er in den philosophischen Bemühun- gen vergangener Jahrhunderte zu finden meinte und in Richtung auf ein neues Fundament zur Er- richtung der Wissenschaften glaubte neu konstituieren zu müssen. […] Hofmannsthal [zielt] auf eben jenes Mißverhältnis im Zusammenhang von Anspruch und Wirklichkeit der „architektura- len“ Neubegründung, die offensichtlich des Alten als Boden doch nicht entbehren kann, will sie nicht in den Abgrund stürzen. 69
Genau dies tat Bacons Philosophie letztlich. Sie stürzte in einen Abgrund grenzen- loser Offenheit und unendlicher Kategorien. Bacon verzettelte sich in der Katalogisierung
66 Bacon beschreibt, dass man von den „Sinnen und vom Einzelnen ausgehend die Sätze [ermittelt], indem man stetig stufenweise aufsteigt, so daß man erst auf dem Gipfel zu den allgemeinen Lehrsätzen gelang; dieser Weg ist der wahre, aber so gut wie nicht begangene.“ BW I 160, N.O. I, Aph.19.
67 Ein weiterer Hauptstrang der Baconschen Forschungsmethodik, auf dessen Darstellung hier verzichtet werden soll, bezieht sich auf die Forschungspraxis an sich. Die Werkzeuge, die das „Novum Organum“ bereitstellt, gelten, im Gegensatz zur antiken Philosophie, nicht der Beschreibung und Ermöglichung lo- gischen Operierens, sondern vielmehr dem Forschungsprozess, der „Kunst des Erfindens“ (BW I 223, N.O. I, Aph. 130) an sich. Die Fähigkeit zur „Kunst des Erfindens“ ist dabei an den jeweiligen Kenntnis- stand des Menschen gebunden und wird gleichsam mit jenem wachsen. Insofern ist auch die von ihm vorgeschlagene Methode nur ein Teilschritt auf dem Weg zu einem Ganzen, der Erkenntnis der Wahr- heit, und bedarf der ständigen Anpassung an die neuen Wissensbestände. Es gilt also auch die Methode der Forschung zu erforschen, was bedeutet, dass Bacon keine fertige Maschinerie darzustellen gesucht hat, sondern vielmehr einen Anstoß zu einer neuen Art des Denkens liefern wollte, auf dessen Weg er bereits selbst einige Schritte gegangen ist.
68 Bacon entwickelt dazu eine so genannte Idolenlehre (BW I 163ff, N.O. I, Aph. 38 – 62). Diese Idole verschleiern die Möglichkeit der wahren Erkenntnis und versperren den Weg zu neuem Wissen. Er spricht davon, dass durch Antizipation und Selbstbetrug des Verstandes falsche Urteile und Begriffe ent- stehen, welche mit dem Bewusstmachen der Täuschung mit Hilfe der Idole auszuräumen seien. Bacon unterscheidet in diesem Zusammenhang vier Idole: die idola theatri, die idola fori, die idola specus so- wie die idola tribus. „Die Idole des Theater sind Anschauungen, die man festhält, weil sie Schultradition sind […]. Die Idole des Marktes bestehen darin, daß der Mensch immer geneigt ist, den Worten zu glau- ben und nur Worte nachzusagen, statt zu denken, was gemeint ist, Begriffe nämlich und Sachen. Die Ido- le der Höhle sind persönliche Lieblingsmeinungen, […]. Die Idole des Stammes aber sind allgemeine menschliche Vorurteile, durch die man das Objektive subjektiviert.“ Hirschberger, a.a.O., S.50f. 69 Günter, a.a.O., S.90.
25
Quote paper:
Stefan Mielitz, 2005, 'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Stefan Mielitz has published the text 'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes
Stefan Mielitz has uploaded a new text
Hermann Lotze. Briefe und Dokumente
mit einem Vorwort herausgegebe...
Ernst Wolfgang Orth, Reinhardt Pester
Max Beckmann und J.B. Neumann. Der Künstler und sein Händler in Briefe...
Ursula Harter, Stephan von Wiese
0 comments