2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Charakterisierung Emmas durch die Freundschaft zu Harriet Smith 3-11
2. 1. Emmas dominierendes Wesen und ihre Arroganz 3-6
2. 2. Emmas Selbsttäuschung und ihr Bedürfnis nach geistiger Eleganz 6-8
2. 3. Emmas Sinn für Gerechtigkeit und die gesellschaftliche Stellung der Frau 9
2. 4. Emmas Reifeprozess und Wandel durch die Freundschaft zu Harriet Smith 9-11
3. Charakterisierung Emmas durch die Freundschaft zu Jane Fairfax 11-16
3. 1. Charakterisierende Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Emma und Jane 11-14
3. 2. Die Funktion und Folgen von Jane Fairfax auf Emma 14-16
4. Charakterisierung Emmas durch die Freundschaft zu Miss Bates 16-19
4.1. Charakterisierende Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Emma und Miss Bates 16-18
4. 2. Folgen für Emma durch die Freundschaft zu Miss Bates 18-19
5. Schluss 20
Literaturverzeichnis 21
3
1. Einleitung
“Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, […]“(S.1) 1 so wird die Protagonistin und Heldin des Romans Emma von Jane Austen vorgestellt. Vorerst scheint Emma sehr einfach strukturiert zu sein und ist daher zunächst als Heldin ungeeignet, da sie die Faszination des Lesers damit abzuschrecken scheint. Allerdings liegen ihre interessanten und zugleich ambivalenten Züge tiefer unter ihrer vermeintlich perfekten Oberfläche. Nicht nur Jane Austen selbst beschrieb Emma als eine Heldin “whom no one but herself would much like“ 2 , denn auch zahlreiche Wissenschaftler wie beispielsweise Bernard J. Paris bezeichnen Emma als einen „remarkably complex character“. 3 Dies zeigt die Schwierigkeit Emma Woodhouse bei einem einmaligen Lesen des Romans gleich sympathisch finden zu können und so stellt sich die Frage nach Emmas wahrem Charakter. Austens Werk kann daher nicht verstanden werden ohne einen genaueren Blick auf Emmas Innenleben zu werfen. Ihre Intentionen und Fehler können am besten im Hinblick auf eine Analyse der Protagonistin selbst, mithilfe zentraler Kontrast- und Korrespondenzfiguren verstanden und nachvollziehbar gemacht werden. Um dies zu zeigen, werden in der folgenden Arbeit die drei wichtigsten weiblichen Charaktere, Harriet Smith, Jane Fairfax und Miss Bates in Beziehung zu Emma Woodhouse gesetzt. Dabei sollen Emmas dominierende und wichtigste Charaktereigenschaften anhand von Beispielen beleuchtet werden. Emmas
Selbstcharakterisierung mithilfe ihres Schützlings Harriet Smith und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu Jane Fairfax und Miss Bates werden zu deren Untersuchung hilfreiche Ausgangspunkte sein. Die Folgen, welche sich für die Heldin Emma Woodhouse durch diese Verbindungen ergeben, werden hierbei ebenfalls nicht außer Acht gelassen, denn Ziel ist es, die Entwicklung der Heldin von der „frozen maid“ (S. 62) zur leidenschaftlichen, jungen Frau zu zeigen. 4
2. Charakterisierung Emmas durch die Freundschaft zu Harriet Smith 2.1. Emmas dominierendes Wesen und ihre Arroganz
Eine der dominierenden Charaktereigenschaften Emmas ist, wie zahlreiche Kritiker übereinstimmend bemerken, ihre Herrschsucht. Vor allem durch die Freundschaft zu Harriet wird diese besonders deutlich, denn sie dient ihr als Vorbild und kann deren Handeln
1 Im Folgenden beziehen sich alle Seiten- oder Kapitelangaben, die in runde Klammern gesetzt wurden, auf die
folgende Romanausgabe: Austen, Jane. (1816). Emma. London: Penguin Popular Classics.
2 Kirkham, Margaret. (1983). Jane Austen, Feminism and Fiction. New Jersey: John Spiers, Seite 125.
3 Paris, Bernard J. (1978). “ From the Viewpoint of Karen Horney: ´Creations Inside a Creation´: The Case of
Emma Woodhouse.” Psycho cultural review (2/1978), Seite 121.
4 Vgl. Brosch, Renate. (1984). Eleganz und Autonomie: Die Auffassung vom Weiblichen bei Jane Austen.
Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, Seite 74.
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dadurch leichtfertig manipulieren. 5 Da Emma seit dem Verlust ihrer Mutter und Miss Taylor eine weibliche Bezugsperson fehlt, dient die naive Harriet Emma dazu, ihren „Wunsch nach einer Freundin, die sie dominieren kann“ 6 zu verwirklichen, denn Harriet wird schon bald bezeichnet „as a walking companion“ (S.20). Dadurch wird deutlich, dass sie von Emma nicht als gleichgestellte Freundin angesehen wird, denn Harriet ist für Emma weder in intellektueller noch in sozialer Hinsicht eine ernstzunehmende Konkurrenz. Harriets Abhängigkeit von Emma macht diese Freundschaft so einzigartig, denn sie ist „Emma sozial weit unterlegen, sie kann nie mehr werden als der unterwürfige Protégé, den Emma aus ihr macht.“ 7 In ihrer Gegenwart kann sich Emma ständiger Komplimente und Bewunderung sicher sein und so ihre Überlegenheit genießen. 8
Emma ist in ihrem Denken und Handeln sehr arrogant und eitel, denn sie erlaubt sich ständig, in die privaten Angelegenheiten ihres Umfeldes einzugreifen und Menschen zu verkuppeln. Sie ist fälschlicherweise davon überzeugt, dass sie darin sehr talentiert ist. Mit diesem Verhalten täuscht sie sich jedoch nur selbst und drängt darüber hinaus auch Harriet in eine solch arrogante Haltung, da sie ihr einredet, sie habe eine reale Chance bei Männern höheren Standes. 9 Sie redet ihr weiterhin ein, dass sie aus einem wohlhabenden Elternhause stamme und dass sie dies dazu legitimiert sozial überlegen zu agieren. 10 Die Protagonistin ist einerseits sehr bedacht auf die soziale Meinung und demgemäß konservativ, andererseits steht diese Haltung im Widerspruch zu ihrer Phantasiewelt, denn indem sie Harriet mit Mr. Elton zu verkuppeln versucht, widerspricht sie den strikten Regeln der oberen Schicht, die es vorsieht, eheliche Verbindungen nicht im Sinne einer Degradierung einzugehen. Es wird deutlich, dass sie die Regeln der Gesellschaft noch nicht so verstanden hat wie sie es vorgibt. Harriet ist ihr in diesem Aspekt überlegen, denn sie schließt Mr. Eltons Interesse an ihr von Beginn an aus. Dennoch lässt sie sich von Emmas romantischem Gerede manipulieren und verliebt sich unglücklich in ihn. Auch als Harriet von ihm verstoßen wird, erkennt Emma ihr falsches Verhalten zunächst nicht; stattdessen verfällt sie einer neuen romantischen Liebesbeziehung, einer Verbindung zwischen Harriet und Frank. Emma kann soziale und menschliche Verhaltensweisen erst richtig verstehen, wenn sie Bescheidenheit erlangt und sich von ihrer Haltung als Snob distanziert. 11
5 Vgl. Brosch, Seite 56- 57.
6 Brosch, Seite 57.
7 Brosch, Seite 57.
8 Vgl. Paris, Seite 125.
9 Vgl. Mudrick, Marvin. (1952). “Irony as Form: Emma”. In: Lodge, David. (Ed.). Jane Austen: Emma:
a casebook. Basingstoke: Macmillan, Seite 97.
10 Vgl. Brosch, Seite 82.
11 Vgl. Brosch, Seite 66.
5
Emmas Ich-Bezogenheit und kindliche Rechthaberei zeigen ihre Unsicherheit. Anstatt sich diese einzugestehen und sie offen nach außen zu tragen, agiert sie oftmals passiv, indem sie die eigene Person hinter Harriet als ihrer Projektionsfigur versteckt. 12 Here, Harriet serves „as an instrument of vicarious experience.“ 13 Emma kann ihre eigenen Reize als Frau mit Harriet im Vordergrund erproben und kokettiert so mit Mr. Elton und Frank Churchill. 14 Bei diesen Versuchen, ihren eigenen Unsicherheiten in romantisch-sentimentalen Phantasien über heimliche Liebesbeziehungen zu entfliehen, verliert sie jedoch nicht nur den Überblick über die Gefühle anderer, sondern vor allem über sich selbst. Gerade Harriet, die „[as] the natural daughter of somebody“ (S. 18) beschrieben wird, bietet sich ihr besonders zu einer solch phantasierten Gedankenspielerei an, da Emma sie als heimliche Prinzentochter sieht. 15 Die Titelheldin ist, wie bereits angedeutet, sehr selbstbewusst aufgrund ihrer übergeordneten sozialen Stellung und Fähigkeiten sowie moralischen Standards. 16 Das zeigt sich, indem sie gesellschaftlich niedriger gestellten Menschen mit snobistischem Verhalten gegenüber tritt. Einerseits kommt sie zwar ihren Pflichten gegenüber sozial schwächeren nach, indem sie ihnen Essen gibt (S. 68) und ist somit gütig und wohlwollend, andererseits wird sie in ihrem jugendlichen Leichtsinn einige Male taktlos und ungeschickt gegenüber Menschen dieser sozialen Schicht. So akzeptiert sie beispielsweise die Zuneigung zwischen Mr. Martin und ihrem Schützling Harriet zunächst nicht, denn sie redet sich und Harriet ein, dass eine Verbindung zu Mr. Martin eine Degradierung für ihren Schützling sei (S. 23). 17 Emma hat ihre eigenen Gefühle zwanghaft unter Kontrolle gebracht und so ist es verständlich, dass sie für die Gefühle ihrer Mitmenschen zunächst kein Verständnis oder Mitgefühl hat. Si e stellt in ihrer Blindheit gegenüber ihrer Umwelt die soziale Position eines Menschen über individuelle Gefühle und zeigt so ihre anfängliche Kälte gegenüber anderen. Diese kehrt sich allerdings im weiteren Verlauf des Romans ins Gegenteil, nachdem sie ihr falsches Verhalten erkennt und bereut. 18 Emma ist sich ihrer Fehler im Umgang mit Harriet zu Beginn des Romans jedoch noch nicht bewusst, da ihr die innere Reife dazu noch fehlt. Sie ist der Auffassung, sie tue das Bestmögliche für ihr Umfeld. 19 Nur durch dieses
12 Vgl. Brosch, Seite 64.
13 Sabiston, Elizabeth Jean. (1987). The Prison of Womanhood: Four Provincial Heroines in Nineteenth-
Century Fiction. New York : St. Martin's Press, Seite 35.
14 Vgl. Brosch, Seite 66.
15 Vgl Sabiston, Seite 29.
16 Vgl. Paris, Seite 123. (Originalwortlaut: “She has great pride in her superior position and abilities and in her
high moral standards.”)
17 Vgl. Brosch, Seite 56.
18 Vgl. Brosch, Seite 79.
19 Vgl. Brosch, Seite 57.
6
egoistische Verhalten kann sie Harriet anfänglich dazu verleiten Mr. Martins Heiratsantrag abzulehnen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben (Kap. 7).
2. 2. Emmas Selbsttäuschung und ihr Bedürfnis nach geistiger Eleganz
Der Verlust von Bezugspersonen und die geografische Isolation von Highbury hat Emmas intellektuelle Vereinsamung zur Folge. Ihr Schicksal ist es, durch ihre Intelligenz in einer solch eingeschränkten Umgebung derart unterfordert zu sein, dass sie sich selbst zu täuschen beginnt, indem sie der Unterwerfung ihres Verstandes unter ihre Launen und Phantasien freien Lauf lässt. 20 Sie stürzt sich in Phantasiewelten und entstellt dadurch die Realität. Harriet dient ihr neben Jane Fairfax als Marionette zur Umsetzung ihrer Illusionen; so redet sie ihr ein, dass Mr. Elton der Richtige für sie sei und drängt sie zunächst weg von ihrer wahren Liebe Mr. Martin. Elizabeth Jean Sabiston stellt daher folgendes fest:
Her attempts to organise the lives of others according to some aesthetically
pleasing formulation seem ultimately directed towards an assertion of her own
power and integrity as a would-be artist. 21
Emma ist somit eine kreative Persönlichkeit, nicht nur wegen ihrer ständigen Imagination in ihrer Phantasiewelt, sondern auch hinsichtlich ihrer Realitätsgestaltung. So ist sie als Künstlerin zu sehen, die mit verbaler und zeichnerischer Kunst ihre Realität kreiert. Durch diese Kreativität ist Emma in der Lage ihre inneren Wünsche darzustellen und sich selbst zu charakterisieren. Um diese Charaktereigenschaft besser verstehen zu können, werden ihre verbale und malerische Kunst im folgenden Textabschnitt expliziter erklärt. Die verbale Kunst, umfasst neben Emmas fortwährenden „double-talks“ besonders ihren Sarkasmus. So sind ihre unkontrollierten Äußerungen beispielsweise in ihrer Ausführung an Mrs. Weston erkennbar, in denen sie von Miss Bates vermutlicher Reaktion, wenn Mr. Knightley Jane Fairfax heiraten würde, erzählt. Die zeichnerische Kunst zeigt sich in der Portrait-Szene des 10. Kapitels, denn hier dient erneut Harriet als Projektionsfigur für Emmas eigene Interessen. Harriet ist äußerlich die typische Heldin eines Romans, jedoch empfindet Emma sich selbst und nicht ihre kleine Freundin als das wirklich richtige Modell dafür. Aus diesem Grund hat das Portrait mehr Ähnlichkeit mit Emma als mit Harriet. Sabiston bemerkt dazu, dass Emma hier zugleich Künstlerin als auch Modell verkörpert. 22
20 Vgl. Brosch, Seite 78.
21 Sabiston, Seite 21.
22 Vgl. Sabiston, Seite 31 - 37.
Arbeit zitieren:
Fabienne Koller, 2005, Kontrast- und Korrespondenzfiguren zur Charakterisierung der Romanheldin Emma Woodhouse in Jane Austens Emma, München, GRIN Verlag GmbH
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