INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG. 3
2. RELIGIONSBEGRIFF 5
2.1. HERKUNFT DES BEGRIFFS 5
2.2. ANNÄHERUNGEN UND DEFINITIONSVERSUCHE 5
2.3. FUNKTIONALER UND SUBSTANTIELLER RELIGIONSBEGRIFF 7
2.3.1. Substantieller Religionsbegriff 7
2.3.2. Funktionaler Religionsbegriff 7
2.4. ZUSAMMENFASSUNG. 8
3. ERLÖSUNG 9
3.1. ANNÄHERUNG. 9
3.2. ALTES UND NEUES TESTAMENT 9
3.3. SYSTEMATISCH-THEOLOGISCHER ZUGANG 12
3.4. ZUSAMMENFASSUNG. 13
4. MUSIK IM RELIGIÖSEN ZUSAMMENHANG 15
4.1. ROCK- UND POPMUSIK 16
4.2. WURZELN DES ROCK POP 17
4.2.1. Spiritual, Gospel und Blues. 17
4.2.2. Rhythm Blues. 20
4.2.3. Country- und Folkmusik - die „weißen Wurzeln“ des Rock 21
4.2.4. Rock n Roll. 22
4.2.5. Zusammenfassung 23
4.3. DAS „RELIGIÖSE ERBE“ DES ROCK POP 24
4.4. FUNKTIONEN DER MUSIK 27
4.5. ROCKMUSIK UND ERLÖSUNG 30
4.6. GNOSIS - POSTMODERNE WELTRELIGION? 35
5. GRUNDLAGEN DER ANALYSE AUSGEWÄHLTER TITEL 38
5.1. BEGRÜNDUNG DER AUSWAHL 38
5.2. METHODEN DER ANALYSE 39
6. SUCHE NACH ERLÖSUNGSVORSTELLUNGEN 42
6.1. MADONNA. 42
6.1.1. Analyse von Musik und Text 43
6.1.2. Theologische Interpretation 47
6.2. XAVIER NAIDOO UND SÖHNE MANNHEIMS. 50
6.2.1. Analyse von Musik und Text 51
6.2.2. Theologische Interpretation 54
7. ABSCHLUSS / AUSBLICK. 58
8. LITERATUR- UND MATERIALVERZEICHNIS 61
1. Einleitung
Das Verhältnis von Musik und Religion wird erst seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Der theologischen Diskussion in der Geschichte des Christentums war der Streit um die Bedeutung von Bildern als Ausdruck des Glaubens und der Verehrung Gottes wichtiger. Musik fiel „unter das Unanschaulichkeitsgebot und war somit grundsätzlich unverdächtiger.“ 1 Wie aktuell dieses Thema ist zeigen einige Dissertationen der letzten Jahre. 2 Auch in der Praxis der evangelischen Kirchen findet die Diskussion Niederschlag. Erst am 19. März 2005 fand in Mannheim mit Unterstützung der EKD der „Message Music Contest“ statt, ein Bandwettbewerb für christliche Rockgruppen unter dem Motto „Faith is the Message. Music is its Sound.“ 3 Unter dem Titel „Zeichen der Zeit“ haben sich MusikerInnen wie Yvonne Catterfeld, Xavier Naidoo und Ben zusammengeschlossen, um gemeinsam ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens musikalischen Ausdruck zu verleihen. 4 Es ist demnach unbestritten, dass Religion, auch das Christentum, in der Musik eine Sprache gefunden hat.
Diese Arbeit will keinen neuen, eigenständigen Beitrag zu dieser Diskussion leisten, sondern einen Einstieg in die Thematik bieten. Dies kann nur gelingen, indem an einigen Stellen Linien angerissen werden, die dann aber nicht weiter verfolgt werden können.
Das Anliegen dieser Arbeit ist, nach Erlösung in der Rock- und Popmusik zu fragen. Dazu ist es nötig, auch musikalisch geäußerte Religion im Allgemeinen zu thematisieren. Am Anfang der Arbeit stehen daher theoretische Vorüberlegungen, die den Blick für die in Teil III vorgenommenen Betrachtungen einzelner Lieder aus der Rock- und Popkultur schärfen wollen. Zunächst müssen Grundlagen wie der Religionsbegriff und das Erlösungsthema geklärt werden, bevor sich in Teil II dem Zusammenhang zwischen Musik und Religion, Rockmusik und Erlösung genähert werden kann. In Teil III werden dann exemplarisch zwei unterschiedliche Songs analysiert und auf die Erlösungsthematik hin befragt. Am Ende der Arbeit werde ich
1 Bahr, Petra / Krech, Volkhard (2001): Ambivalenzen. Zum Themenheft "Religion und Musik".
In: Magazin für Theologie und Ästhetik, Ausg. 10/2001.
2 Vgl. Schwarze, Bernd (1997): Die Religion der Rock- und Popmusik: Analysen und
Interpretationen. Praktische Theologie heute; Bd. 28. Stuttgart; Berlin; Köln: Kohlhammer. und
Zöller, Christa (2000): Rockmusik als jugendliche Weltanschauung und Mythologie. Religion
und Biographie; Bd. 2. Münster: Lit. und
Fermor, Gotthard (1999): Ekstasis: Das religiöse Erbe in der Popmusik als Herausforderung an
die Kirche. Praktische Theologie heute; Bd. 46. Stuttgart; Berlin; Köln: Kohlhammer.
3 Infos unter www.messagemusiccontest.de.
4 Infos unter www.zeichen-der-zeit.com.
aus dem Erarbeiteten Schlüsse für die religions- und gemeindepädagogische Praxis ziehen.
Ich habe mich in dieser Arbeit um eine gleichberechtigte Sprache bemüht. Um die Lesbarkeit zu vereinfachen habe ich jedoch die männliche Form eines Wortes benutzt und weise durch gelegentliche Setzung femininer Formen darauf hin, dass die Leserinnen immer mit gemeint sind.
TEIL I - RELIGION
55
2. Religionsbegriff
Zunächst stellt sich die Frage nach der Definition des Religionsbegriffs, der dieser Arbeit zu Grunde liegen soll. Ohne diesen Begriff fehlt uns ein wichtiges Instrumentarium um zu bewerten, ob Religion in der Musik ein Thema ist. Doch die Definition ist nicht leicht zu finden, denn es gibt sehr unterschiedliche Herangehensweisen an das Phänomen „Religion“. Zuerst will ich nach der Herkunft des Wortes „Religion“ fragen. Danach will ich einige Wissenschaften zu Wort kommen lassen, um zu zeigen, in welcher Breite sich Religion betrachten lässt.
2.1. Herkunft des Begriffs
Der Begriff „Religion“ stammt von dem lateinischen Wort für „Gottesfurcht“ (religio). 5 Die Herkunft des Wortes „religio“ wiederum ist nicht unzweifelhaft festzustellen. Nach Brockhaus 6 leitet Cicero „religio“ von „relegere“ (= sorgsam beachten) ab. Demnach ergibt sich die Definition für Religion als „die sorgfältige Beobachtung alles dessen, was zum Kult der Götter gehört“ 7 . Nach dem christlichen Schriftsteller Lactantius gehört „religio“ jedoch zu „religare“ (= verbinden). Dieser Deutung schließt sich auch Augustinus an, der die wahre Religion als diejenige bezeichnet, „durch die sich die Seele mit dem einen Gott, von dem sie sich gewissermaßen losgerissen hat, in der Versöhnung wieder verbindet“ 8 . Weiterhin wurde „religio“ von den lateinischen Christen zur Wiedergabe griechischer Begriffe benutzt, wie zum Beispiel „latreia“ (= Dienst, Kult), „eusebeia“ (= Frömmigkeit, Gottesfurcht) und andere mehr. 9 Diese Bedeutungen sind also immer mit gemeint.
Schon der kurze Blick auf die Herkunft des Religionsbegriffs zeigt, dass verschiedene Lesarten möglich sind. Zum einen das Glaubenssystem „Religion“, das aus Überlieferungen, kultischen Handlungen und Inhalten besteht, und zum anderen die „Religion“ als persönliche Gottesbeziehung.
2.2. Annäherungen und Definitionsversuche
Doch es gibt noch weit mehr Definitionen aus den unterschiedlichen
5 Vgl. Brockhaus (1998): Brockhaus - Die Enzyklopädie: In 24 Bänden. 20., überarb. und akt.
Aufl. Bd. 18: Rah - Saf. Leipzig; Mannheim: Brockhaus. S.242.
6 Brockhaus, 242.
7 Cicero, „De natura deorum“, 2, 72; zit. n. Brockhaus, ebd.
8 Augustinus, „De quantitate animae“, 36, 80; zit. n. Brockhaus, ebd.
9 Vgl. Brockhaus, ebd.
TEIL I - RELIGION
66
Wissenschaftsbereichen, eine eindeutige und universale Definition ist bis heute noch nicht gefunden worden und wird m.E. auch nicht gefunden werden können, da der Begriff „religio“ wie gezeigt in Europa entstanden ist und sich nur bedingt eignet, um außereuropäische und außerchristliche „Religionen“ zu beschreiben, wie Gregor Ahn zeigt. 10 In der westlichen Welt wurde Religion lange Zeit mit Kirche gleichgesetzt - und wird es zuweilen immer noch. 11 Bei der Beobachtung der Veränderung der gesellschaftlichen Rolle der Kirchen sprach man daher auch von einem „Verschwinden der Religion“. In der differenzierenden wissenschaftlichen Sprache ist man jedoch vorsichtiger geworden. Treml stellt Thomas Luckmann als einen der ersten Religionssoziologen vor, die für eine eindeutige definitorische Unterscheidung der Begriffe „Religion“ und „Kirche“ eingetreten sind. 12 Die Religionssoziologie betont, dass Religion in der sichtbaren Form der Kirchen zwar nur noch einen gesellschaftlichen Bereich neben anderen darstellt, die „Reduzierung kirchlich geäußerter Religion aber nicht unbedingt mit einem Verschwinden religiöser Phänomene an sich einher gehen muß.“ 13 Daraus folgt, dass wir die innerkirchliche Perspektive verlassen müssen, um die Frage nach Religion in unserer Gesellschaft immer wieder neu zu stellen. Doch dieses Heraustreten aus der Identität der Begriffe Religion und Kirche in die Pluralität der Weltanschauungen macht die Definition des Religionsbegriffes nicht gerade leichter. An dieser Stelle können nur noch sehr allgemeine und offene Definitionsversuche unternommen werden. Ganz allgemein lässt sich Religion als ein „existenz- und situationsbezogenes (und entsprechend uneinheit[liches] und uneindeutiges) Phänomen“ 14 beschreiben, und dieses Phänomen ist ausschließlich in der Welt des Menschen verortet. 15 Formal lässt sich Religion als ein Glaubenssystem beschreiben, das „in Lehre, Praxis und Gemeinschaftsformen die ‚letzten‘ (Sinn-)Fragen menschl[icher] Gesellschaft und Individuen aufgreift und zu beantworten versucht“ 16 . Da sich diese Frage in verschiedenen Zeiten und Gesellschaften in je anderer Weise stellt, fallen auch die Antworten und Erklärungen des menschlichen Daseins je unterschiedlich
10 Vgl. Ahn, Gregor (1997): Religion I. Religionsgeschichtlich. In: Müller, Gerhard (1997):
S. 513-520.
11 Vgl. Treml, Hubert (1997): Spiritualität und Rockmusik: Spurensuche nach einer Spiritualität
der Subjekte. Anregungen für die Religionspädagogik aus dem Bereich der Rockmusik.
Glaubenskommunikation Reihe Zeitzeichen; Bd. 3. Ostfildern: Schwabenverlag. S. 76.
12 Vgl. Treml, 78.
13 A.a.O., 77.
14 Brockhaus, 243.
15 Vgl. ebd.
16 Ebd.
TEIL I - RELIGION
77
aus. Den jeweiligen Heilsvorstellungen zufolge und angesichts von Unheilserfahrungen gibt es in jeder Religion, also jedem Glaubenssystem, ein Heilsziel und einen entsprechenden Heilsweg. 17
Mit der Religionssoziologie lässt sich sagen, dass es sich bei einer Religion um ein System zur Lebensbewältigung und Welterklärung handelt, das sich dadurch auszeichnet, dass es auf eine wie auch immer geartete „Unverfügbarkeit“ ausgerichtet ist, zu der die Menschen in Beziehung treten.
2.3. Funktionaler und substantieller Religionsbegriff
Da eine endgültige Definition des Begriffes Religion wie gesehen kaum möglich ist, verwendet die Religionssoziologie, die Religion und Religionen als gesellschaftliche Phänomene untersucht, zwei unterschiedliche Religionsbegriffe: Man spricht von einer substantiellen und einer funktionalen Dimension der Religion. Es scheint mir sinnvoll zu sein, diese Unterscheidung an dieser Stelle einzuführen, um später die betrachtete Musik zu einem dieser Religionsbegriffe zuordnen zu können.
2.3.1. Substantieller Religionsbegriff
Die substantielle Deutung meint ein inhaltsbezogenes Verständnis von Religion. 18 Zum Beispiel kann man Religion substantiell als Erfahrung mit dem Heiligen bezeichnen oder als Beziehung zum Göttlichen. Es geht hierbei also um die spezifischen Inhalte einer Religion, zum Beispiel das christliche Glaubensgut, sowie um die individuelle Beziehung des Menschen zum Heiligen. Was dieses Verhältnis des/der Einzelnen zur Sphäre des Göttlichen für das Individuum bedeutet, wird hier jedoch nicht gesagt. Eine inhaltliche Definition hängt immer vom individuellen Standpunkt ab, und kann nicht einmal verbindlich für das Christentum abgegeben werden.
2.3.2. Funktionaler Religionsbegriff
Der funktionale Religionsbegriff steht dem substantiellen gegenüber und gewinnt in der religionssoziologischen Diskussion zunehmend an Bedeutung. Dieser Begriff ist eher leistungsbezogen und geht davon aus, dass Religion bestimmte Funktionen
17 Siehe unter „Erlösung“.
18 Vgl. Treml, 78.
TEIL I - RELIGION
88
für den Bestand einer Gesellschaft 19 und für das Individuum hat. „Der subjektive Bezug auf eine höhere Wirklichkeit ist dabei kein konstitutives Moment.“ 20 Religion wird hier als „letzte[r] Sinnhorizont“, als „allgemeinste[r] Symbolrahmen einer Gesellschaft oder einer Gruppe“ betrachtet. 21 Die angesprochenen Funktionen von Religion werden zum Beispiel Zusammengefasst in „Sachwissen Religion“. 22
Nach Franz-Xaver Kaufmann 23 sind die wesentlichen Aspekte der Religion Identitätsstiftung, Handlungsführung, Kontingenzbewältigung, Sozialintegration, Welt-Distanzierung und Welt-Kosmisierung. Problematisch an dieser funktionalen Dimension ist allerdings, dass sie Zusammenhänge beschreibt, die ebenso auch in anderen, weltlichen Kontexten vorfindbar sind. 24 So können auch Rockkonzerte sozial integrativ sein, und auch politische Konzepte können Orientierungsmuster bieten.
2.4. Zusammenfassung
Es ist nicht möglich zu sagen, welcher dieser beiden Begriffe der bessere ist. Ich halte es für sinnvoll, aufgrund der unterschiedlichen Schwerpunktlegung beide Definitionen zu verwenden. Der substantielle Begriff ist in dieser Arbeit dann zu verwenden, wenn es in der untersuchten Musik um tatsächlich ausgesagte Beziehung zu einer „höheren“ oder „anderen Macht“ geht. Wenn aber die in den Texten und der Musik ausgedrückte Religion oder Religiosität eine Funktion für den Einzelnen oder eine Gruppe von Menschen, beispielsweise den Fankreis hat, ist die funktionale Definition anzuwenden. Möglicherweise ist es auch notwendig, beide Begriffe zu verwenden, wenn es um Erlösung in der Rockmusik geht. Denn die Frage ist, ob Erlösung eine Funktion ist oder ob Erlösung auch eine unmittelbare inhaltliche Beziehung zum Göttlichen ausdrücken kann. Beides kann m.E. richtig sein. Die Entscheidung darüber ist aber nicht im Voraus, sondern in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem einzelnen Musikstück zu treffen.
19 Vgl. Treml, 78.
20 Barz, Heiner (1992): Religion ohne Institution? Eine Bilanz der sozialwissenschaftlichen
Jugendforschung. Jugend und Religion 1; Leske & Budrich: Opladen; S. 119. Zit. n.: Zöller,
51.
21 Ebd.
22 Vgl. Freudenberg, Hans / Goßmann, Klaus (2001): Sachwissen Religion. Ein Begleit- und
Arbeitsbuch für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II und für die
Erwachsenenbildung. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. S. 13.
23 Kaufmann, Franz-Xaver (1989): Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche
Perspektiven. Tübingen. Zit. n.: Treml (1997), S. 86.
24 Vgl. Ahn, 519.
TEIL I - RELIGION
99
Erlösung 25
3.
3.1. Annäherung
Erlösung ist in vielen Religionen ein zentraler Begriff. Allerdings hat die Heilsvermittlung, die allen Religionen eigen ist, nicht immer eine wie auch immer geartete Erlösung zum Inhalt. Dies ist nur in den so genannten „Erlöserreligionen“ der Fall, zu denen neben dem Christentum vor allem die indischen Religionen (Buddhismus, Hinduismus) und die antiken Mysterien gehören. Der Erlösungsgedanke fehlt da, wo das Heil in der Bewahrung gegenwärtiger Ordnungen gesehen wird, zum Beispiel in einigen altägyptischen Religionen. Weiterhin kann man unterscheiden in Religionen, denen entweder Selbsterlösung (der Heilsweg zur Erlösung wird vom Menschen selbst beschritten) oder Fremderlösung (Erlösung geschieht durch göttlichen Erlöser oder „Mittler“) eigen ist. 26 Ich möchte hier das christliche Erlösungsverständnis etwas ausführlicher erarbeiten. Zuerst werde ich dazu die ursprüngliche Bedeutung des (christlichen) Erlösungsgedankens herausarbeiten und dann einige wichtige Entwicklungen und theologische Überlegungen dazu aufzeigen.
3.2. Altes und Neues Testament
Die Rede von der Erlösung setzt immer den Gedanken der Erlösungsbedürftigkeit voraus, und Erlösung steht immer im Zusammenhang mit „Heil“. Wenn das Diesseits, das Hier-und-Jetzt, als „Heil“ betrachtet wird, ist Erlösung nicht notwendig oder allenfalls dazu, die idealen diesseitigen Zustände zu sichern oder wiederherzustellen. 27
Das Judentum als Wurzel des Christentums muss also Zustände des Un-Heils gekannt haben, von denen Erlösung zu erhoffen war, woran die neutestamentliche Tradition dann anknüpfen konnte. Erlösung ist immer der Übergang vom Unheil zum Heil. Als Unheil galt das Fehlen unentbehrlicher Lebensbedingungen wie z. B. Friede, Sicherheit, Nahrung, Kinder, Heimat, eine intakte Gottesbeziehung usw. 28 Nach alttestamentlichem Denken ist solches Unheil eine Folge von Schuld, also einer
25 Wenn im folgenden Kapitel von „uns“ und „wir“ die Rede ist, sind in erster Linie Christen
gemeint und erst danach Menschen im allgemeinen.
26 Vgl. Lanczkowski, Günter (1985): Heil und Erlösung I. Religionsgeschichtlich. In: Müller,
Gerhard (1985). S. 606.
27 Vgl. ebd.
28 Vgl. Schenker, Adrian (1985): Heil und Erlösung II. Altes Testament. In: Müller, Gerhard
(1985). S. 610.
TEIL I - RELIGION
10
zerstörten Gottesbeziehung durch Sünde. In der jüdischen Tradition ist JHWH ein rettender Gott, das heißt ein Gott, dem Heil zu verdanken ist. 29 Das Heil wird durch die Nähe und das Handeln Gottes bewirkt. Das einzige, was der Mensch nach diesem Denken tun kann, um das Heil zu erreichen, ist, die Gottesbeziehung aufrecht zu erhalten. Nach jüdischem Verständnis heißt das, nach der Tora zu leben und ihre Weisungen zu befolgen. 30 Ist das Verhältnis zu Gott einmal durch Sünde zerstört, kann es durch Sühne (Opferrituale) wiederhergestellt werden. 31 Verbunden mit der Vorstellung von der Errettung / Erlösung zum Heil ist der Gedanke, dass mit der Erlösung auch die Vergebung der Sünden eintritt, „um als Gerechter vor Gott in Gesundheit, Sicherheit u[nd] Frieden leben zu können“. 32 „Wo JHWH selbst [...] die Auslösung seines Volkes leistet, geschieht Erlösung zur Liebes- und Lebensgemeinschaft mit Gott, wie Israel sie noch nicht gekannt hat [...].“ 33 Die Nähe zu Gott und das Befolgen seiner Gebote bringt also Heil, während Sünde und damit die Entfernung von Gott Unheil bringt. Die Erlösung aus dem Unheilszustand wird „für jetzt erwartet bzw. als eben geschenkt verdankt“ 34 , dies lässt sich unter anderem in vielen Psalmen erkennen. 35 Aber vollendet wird die Erlösung erst in der Heilszeit bei der Neuaufrichtung des Reiches, es gibt also auch eine eschatologische Erlösungsvorstellung mit der Erwartung eines „Messias“. 36 In späteren Schriften kommt auch die „Hoffnung auf Überwindung des Todes durch die Auferstehung des Fleisches zu neuem Leben“ 37 hinzu. Dies ist - sehr grob umrissen - die alttestamentliche Erlösungsvorstellung.
„Das NT nimmt die eschatolog[ische] E[rlösung]s-hoffnung des AT auf u[nd] führt sie weiter [...]
Das entscheidend Neue der ntl. E[rlösung] ist, daß sie, vom Vater ausgehend, ganz an die hist[orische]
Person Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes, als ihren Mittler gebunden u[nd] nur durch ihn zu
38 erreichen ist.“
Das heißt, dass Christus in neutestamentlicher Perspektive der schon alttestamentlich erwartete Heilsbringer Gottes ist. Erlösung zielt im Neuen Testament auf jede Art von Not, wobei Sünde und Tod die grundlegende Daseinsnot
29 Vgl. Spieckermann, Hermann (1999): Erlösung/Soteriologie IV: Altes Testament. In: Betz,
Hans Dieter u.a. (Hg.) (1999): S. 1444; LThK (1959), S. 1017.
30 Vgl. Gewiess, J (1959): Erlösung II: In der Schrift. In: Höfer, Josef / Rahner, Karl (Hg.) (1959):
S. 1017f.
31 Vgl. Gewiess, 1017; Lev 4-7.
32 Gewiess, 1017.
33 Spieckermann, 1445.
34 Schenker, 613.
35 Pss 17,13ff.; 13; 22; 33; ...
36 Vgl. Gewiess, 1017f.
37 Gewiess, 1018.
38 Ebd.
TEIL I - RELIGION
11
sind. 39 Hinter dieser Daseinsnot stehen dämonische Mächte und der Satan, auf welche alles Leid zurückzuführen ist. Somit sind „die negativen Vorbedingungen des Heils mit denen der alttestamentlich-jüdischen Tradition vergleichbar, jedoch tritt das Motiv der politisch-nationalen Unterdrückung so gut wie nicht in das Blickfeld“, weil man sie eben „als Folge des Grundübels des Daseins ansah.“ 40 Die neutestamentliche Erlösungsvorstellung betrifft wie schon gesagt jede Art von Not, wobei die Befreiung aus den Fängen der bösen Mächte im Zentrum steht. Bei den Synoptikern bedeutet Heil die Herrschaft Gottes, deren Nähe Jesus verkündet und durch Wunderhandlungen bestätigt. Das Besondere an Jesu Verkündigung ist „ihre eschatologische Zuspitzung, die Gegenwart der Gottesherrschaft in seiner Person.“ 41 Das Heil ist hier primär futurisch zu sehen 42 , also als noch ausstehend; überhaupt ist im Neuen Testament das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft nicht spannungsfrei. 43 Bei Johannes dominieren präsentische Aussagen 44 , und besonders in den paulinischen Schriften wird die Spannung zwischen gegenwärtigem und zukünftigem Heil deutlich. 45 Als endzeitliches Heil erwartet man die Erlösung vom Todesleib (Röm 7,24), also die Überwindung der Endlichkeit des menschlichen Daseins und der gesamten Schöpfung. Das gegenwärtige Heil wird durch den Glauben an Christus erlangt und bedeutet die Befreiung von den Sünden und damit die Erlangung des „Friedens mit Gott“, die Befreiung vom Gesetz und den bösen Mächten. 46 Die endgültige Erlösung steht noch aus, rückt aber näher, bis dahin schenkt der Geist Heilsgewissheit (vgl. bei Johannes ‚Paraklet‘). 47 So vielfältig das Neue Testament auch von Heil und Erlösung spricht, zusammenfassend möchte ich sagen, dass es a) um den Anbruch des Gottesreiches geht, dieses b) durch Jesus Christus gebracht wird und dieser die Menschen c) von den bösen Mächten (Sünde) befreit, und d) hat der Mensch Anteil am gegenwärtigen und zukünftigen Heil durch den Glauben an Christus.
39 Vgl. Larsson, Edvin (1985): Heil und Erlösung III. Neues Testament. In: Müller, Gerhard
(1985): S. 616.
40 Ebd.
41 Larsson, 617.
42 Vgl. Popkes, Wiard (1999): Erlösung / Soteriologie V. Neues Testament. In: Betz, Hans Dieter
u.a. (Hg.) (1999): S. 1447.
43 Vgl. Gewiess, 1019 und Popkes, 1446.
44 Vgl. Popkes , 1447.
45 Vgl. Larsson, 620.
46 Ebd.
47 Vgl. Popkes, 1446.
TEIL I - RELIGION
12
3.3. Systematisch-theologischer Zugang
Ist es schon schwierig die Aussagen des Alten und Neuen Testamentes zum Thema Erlösung zu bündeln und verständlich und sinnvoll zusammenzufassen, so ist es mir nahezu unmöglich die verschiedenen Entwicklungen und theologischen Interpretationen der letzten zwei Jahrtausende zu diesem Thema auf den Punkt zu bringen. In der Geschichte der dogmatischen Soteriologie gab es verschiedene Versuche, das Heilsgeschehen Christi zu deuten, und es gab dabei jeweils unterschiedliche Schwerpunkte, je nach der Zeit, in der das jeweilige Denkmodell entwickelt wurde. Dabei wurde auch der Begriff Heil jeweils etwas anders gedeutet. „Unter ‚Erlösung‘ (patristisches Altertum) wurde ‚Heil‘ als auslösende Befreiung, unter
‚Versöhnung‘ (19. u. 20. Jh.) als verzeihende Zusammenführung, unter ‚Genugtuung‘ (Mittelalter)
als aufopferndes Zurechtbringen und unter ‚Rechtfertigung‘ (Reformation) als schenkendes
Freigesprochenwerden verstanden.“ 48
Gemeinsam ist allen Vorstellungen, wo auch immer ihr Schwerpunkt liegt, dass Gott der Heil bringende ist. Gott kommt den Menschen nah, und das ist das Zentrum der christlichen Botschaft. Nicht der Mensch wirkt hier sein eigenes Heil, sondern Gott, und damit werden alle Versuche des Menschen, sich selbst zu erlösen, relativiert, denn Gottes Tat ist ungleich größer als die menschliche. Die oben genannten verschiedenen Formulierungen zum Heil sind jeweils Spiegel ihrer Zeit. Heute steht der Aspekt der „Versöhnung“ im Vordergrund, was als verzeihende Zusammenführung beschrieben ist, und dies erkläre ich mir so, dass eben nicht mehr selbstverständlich ist, wovon denn eigentlich „erlöst“ werden soll. Nach dem Neuen Testament, der Grundlage christlichen Glaubens, kann man von Erlösung von Sünde und menschlicher Begrenztheit hin zur Sündenvergebung und Teilhabe am Reich Gottes sprechen. Dabei ist mit Christus (der Zeitpunkt variiert, entweder mit der Inkarnation, mit Tod und Auferweckung oder mit der Verkündigung 49 ) das Reich Gottes angebrochen, und durch den Glauben haben wir schon jetzt Anteil am Heil, wobei die endgültige Verwirklichung des Heils noch aussteht. Wir sind also schon jetzt hineingenommen in das Reich Gottes, durch Taufe und Abendmahl bekommen wir Zugang dazu. Wenn wir so von Erlösung sprechen wollen, dann heißt das, dass wir nicht auf unsere Sünden schauen müssen, sondern in der Gewissheit leben können, dass Gott uns entgegenkommt und unsere Schuld von uns nimmt, so dass wir unser Leben wirklich leben können, und zwar in
48 Seils, Martin (1985): Heil und Erlösung IV. Dogmatisch. In. Müller, Gerhard (1985): S. 623,
Hervorhebungen im Original, Klammern vom Verfasser.
49 Vgl. Seils, 626.
TEIL I - RELIGION
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Verantwortung vor Gott. Wir sind „Gleichzeitig Sünder und Gerechte“, wir werden auch mit dem Glauben an unsere Erlöstheit weiter sündigen, aber bei Gott ist immer wieder ein neuer Anfang möglich. Wir sind zu echter Gottesbeziehung befreit. Wie gesagt, ist in der Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts eher von „Versöhnung“ die Rede. Nach meinem Verständnis bedeutet dies, dass trotz der menschlichen Unvollkommenheit eine Aussöhnung zwischen Gott und den Menschen möglich ist und eintritt. Gleichzeitig kann es bedeuten, dass der Mensch sich mit seinen eigenen Schwächen „versöhnt“ und sie als Teil von sich annimmt. Ich möchte das so formulieren, dass der Mensch mit sich ins Reine kommt, eben heil wird. Dies ist ein moderner Gedanke und entspricht den Bedürfnissen vieler Menschen.
Abschließend zu diesem Abschnitt möchte ich noch erwähnen, dass die Frage, wovon wir erlöst worden sind oder immer wieder werden, immer auch damit zusammenhängt, was als Unheil empfunden wird.
„Wo an der todeskonzentrierten Endlichkeit gelitten wird, wird Heil als Unsterblichkeit
verstanden und ersehnt. Wo Sündenschuld als das eigentlich Belastende angesehen wird, denkt
man das Heil als Schuldübernahme und Gnadenermöglichung aus. Wo man an der
Naturverhaftung des Geistes leidet, definiert man Heil als Ermöglichung von Kultur im Sinne
geistiger Naturbeherrschung. Und wo die Problematik der Gesellschafts- und Weltbeziehungen
des Menschen in den Vordergrund tritt, wird Heil als Ermächtigung und Ermunterung zur
Zukunftshoffnung verstanden.“ 50
3.4. Zusammenfassung
Im biblischen Sinne bedeutet Erlösung, wie wir gesehen haben, in erster Linie die Überwindung von Unheil, das als Folge von Sünde angesehen wird. Die Überwindung von Sünde und Tod ist die Zentrale Erlösungshoffnung. Diese Erlösung hat Christus nach neutestamentlichem Verständnis gebracht. Erlösung wird aber immer von dem erwartet, was tatsächlich als bedrängend empfunden wird. Fraglich ist allerdings, ob in einer pluralisierten und individualisierten Gesellschaft Sünde im biblischen Sinn noch als das, was Menschen bedrängt, angesehen werden kann.
Für uns Christen bedeutet der Glaube an Christus die Überwindung unserer Schuldverstrickung, denn „der Tod des sündlosen Christus wird [.] als ‚Hingabe‘ des Sohnes verstanden, die zugleich ein uns zugute kommendes Gericht Gottes über die Sünde darstellt.“ 51 Wir dürfen bei Gott neu anfangen, trotz unserer Verfehlungen, die
50 Seils, 631.
51 Leonhardt (2003).
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unser Gottesverhältnis immer wieder zerstören. Wenn wir uns dessen bewusst sind, dann werden wir dies auch in unserem Leben weitertragen können. Dazu gehört die Einsicht, dass wir durch Christus von unseren Sünden erlöst sind, dass das Reich Gottes schon da ist, wie eine „Parallelwelt“, um es modern zu sagen, und diese Einsicht ist schwer zu erlangen angesichts des Leids, das uns immer wieder bedrängt und uns an unserer Erlöstheit zweifeln lässt.
Soviel also zum christlichen Erlösungsverständnis. Doch Dietrich Wiederkehr 52 weist schon 1976 darauf hin, dass der Erlösungsgedanke einer Neuinterpretation bedarf, und zwar weil
„die bisherigen Antworten noch eine unproblematische Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott
voraussetzten und ansprachen, während sie es heute mit Menschen zu tun haben, die ihre Position
mit anderen Koordinaten und in Ausrichtung nach anderen Orientierungspunkten bestimmen. Für
sie tritt Gott als das Gegenüber der Grundbeziehung des Menschen zurück gegenüber anderen,
innerweltlichen und innergeschichtlichen korrelativen Zielen und Ursprüngen: Sie werden sich
nicht sosehr in ihrem Verhältnis zu Gott bestimmen, sondern eher im Verhältnis zu den anderen
Menschen, zum eigenen Dasein, zur Zukunft usw.“
Es ist nicht Thema dieser Arbeit, die christliche Erlösungsvorstellung nach dem Wunsch Wiederkehrs neu zu interpretieren. Aber das oben gesagte weist uns m.E. auf etwas Entscheidendes hin: Dass sich die Menschen in einer immer mehr entkirchlichten und entchristlichten Gesellschaft ihre Erlösung weiterhin suchen, allerdings nicht eine durch Gott gewirkte, sondern eine eher „innerweltliche“, das heißt auch: immer wieder verfügbare Erlösung. Ebenso spricht das in letzter Zeit wachsende Interesse an den indischen Religionen, z.B. dem Buddhismus m.E. dafür, dass der Mensch dazu neigt, sich Erlösung selbst zu suchen. 53 Mit diesen Gedanken kommen wir dem Thema unserer Arbeit einen Schritt näher: Werden solche (innerweltlichen) Erlösungswünsche in der Rock- und Popmusik thematisiert oder gar erfüllt? Das folgende Kapitel soll uns der Antwort auf diese Frage näher bringen.
52 Wiederkehr, Dietrich (1976): Glaube an Erlösung: Konzepte der Soteriologie vom Neuen
Testament bis heute. Freiburg i.B.: Herder. S. 79.
53 Vgl. 3.1.: Im Buddhismus und Hinduismus geht es um Selbsterlösung.
Arbeit zitieren:
Robert Stenzel, 2005, Musik und Religion - Erlösung in der Rock- und Popmusik, München, GRIN Verlag GmbH
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