Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Themenstellung 3
3. Freud und die Kultur 4
4. Das Krokodil in uns 5
5. Es, Ich und Über-Ich 6
6. Von der Ich zur Wir-Analyse 8
7. Die Kultur sind wir 9
8. Die Koordination der Massen 11
9. Resümee und Ausblick 12
10. Literaturverzeichnis 13
11. Musiknachweis 13
12. Filmnachweis 13
13. Anhang 14
1. Einleitung
Alle neuen Erkenntnisse und Einsichten pflegen sich an bereits Erschlossenem zu reiben, stellen bisher Erfahrenes infrage, werden eingangs skeptisch betrachtet und oft wird ihnen etwas abgewonnen. Im Idealfall verfügen sie über ein Ergänzungspotenzial und beleuchten Nischen, welche sich bis vor kurzem noch vor einem verschlossen zu haben sche inen.
Das hier zu behandelnde Thema ist vielmehr ein Versuch, sich einem Spektrum zu nähern, welches in der politikwissenschaftliche n Forschung über wenig Stellenwert ve rfügt, wenngleich es in vielen Forschungsansätzen (wenn auch unter anderen Vorzeichen) ub iquitär ist. Gemeint sind psychoanalytische Betrachtungsweisen 1 , welche vielmehr auf die Zäsuren des Individuums bei der so genannten Zivilisationswerdung 2 abzielen. Die Theorie- und Methodenentwicklungen der letzten Dekaden innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung, versuchten notweniger Weise sukzessive ihren Dimensionsradius zu erhöhen. Die Beziehung der spezifischen Theoriekorrelate und deren Interdependenzen zum einen, und andererseits, der anhaltende Versuch sich The-orien aus den politikwissenschaftlichen Randbezirken (Philosophie, Soziologie, Rechtswissenschaften etc.), zu bedienen, führte zu einem Dickicht, an nur schwer für die politikwissenschaftliche Forschung modifizierbaren Ansätzen. Diese durchaus begrüßenswerte und fruchtbare Interdisziplinarität wirft eine dringende Frage auf, nämlich jene, an welcher Stelle der Theorieetablierung die Relevanz psychoanalytischer Ansätze einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn erbringen kann. Bei der näheren Betrachtung der politikwissenschaftlichen Forschungsansätzen; beginnend mit den Makro- Theorien (normativ-ontologischer Ansatz, historisch-dialektischer Ansatz und empirisch-ana lytischer Ansatz) bis hin zu systemtheoretischen, strukturalistischen, institutionalistischen, korrelationsanalytischen- und machtanalytischen Ansätzen (um nur einige zu nennen), scheint die Analyse des Individuums - als ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft, - einer gewissen Verwässerung zu unterliegen.
1 Diese Feststellung erfordert eine wichtige Konkretisierung: Wenn hier die Rede von psychoanalytischen Betrachtungsweisen ist, dann versteht sich dies im engen Zusammenhang mit den hier zu verhandelnden Analysen Sigmund Freuds, welche eingangs die Analyse des Subjekts in das Zentrum seiner Studien stellte. Politikwissenschaftlich übersetzt, kann die subjektzentrierte Analyse etwas unscharf mit „qualitativer Akteursanalyse“ übersetzt werden. Auch hier muss angemerkt werden, dass die Akteursanalyse mehr das soziale Rollenverhalten der jeweiligen Akteure zu analysieren im Stande ist, weniger die psychologischen Hintergründe.
2 Wenn in dieser Arbeit der Begriff „Zivilisation“ benutzt wird, definiert sich dieser an die Freudsche Auffassung, dass die menschliche Kultur von der Zivilisation nicht getrennt betrachtet werden kann und soll (vgl. Freud, 1927, S110)
Die Einkreisung des hier zu verhandelnden Themas wirft einige Schwierigkeiten auf. Es grenzt nahezu an Fahrlässigkeit, wesentliche historische Entwicklungsinstanzen im Zivilisationswerdungsprozess unberücksichtigt zu lassen. Im Wissen, dass die Triebzähmung als eines der wic htigsten Instrumente der Zivilisierungskräfte fungieren, entschied ich mich für einen historischen Abschnitt, welcher aufgrund der psychoanalytischen Studien Freuds einen wesent lichen E rkenntnisschub in der Betrachtung der Zivilisationsprozesse einbrachte. Eine Entscheidung für diese Etappe bringt zwei wesentliche Vorzüge. Zum einen, lässt sich mit Freuds Konzeption des Über-Ichs und der Entdeckung des Unbewussten ein roter Faden in die Vergangenheit zurückverfolgen, - ein anderer Vorzug ist die Aufhebung der Vergangenheitsform ganz allgemein 3 . Wenn wir von Zivilisationsprozessen sprechen, müssen wir diese auch immer in einer dynamischen Gegenwart denken. Es wäre sehr verkürzt gedacht, wenn angenommen wird, dass wir per se zivilisiert sind. Die heute vorliegende Zivilisation der Massen 4 , ist mit Sicherheit ein Resultat aus Staatenbildung, Machtmonopolisierung, Ökonomie, Bildung, staatliches Gewaltmonopol etc. Diese Faktoren trugen wesentlich dazu bei, Sicherungsinstanzen über das Mittel der zivilisierten Ordnung zu konstituieren. Dies sind aber nur die externen Rahmenbedingungen, welche im engen Zusammenhang mit internen (subjektorientierten) zu sehen sind. Sozialisation und Bildung könnten den externen Rahmenbedingungen als interne gegenüberstehen. Systemtheoretisch ausgedrückt, wäre dies treffend mit der System-Umwelt Differenz (vgl. Luhmann, 1987, S 242) zu beschreiben.
2. Themenstellung
"Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung gehabt wie diesmal, daß ich allgemein Bekanntes darstelle, Papier und Tinte, in weiterer Folge Setzarbeit und Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen"(Freud, 1930, S 80).
Was für Freud so selbstverständlich und doch wieder so komplex ist, lässt bei der Einkreisung des Themas zahlreiche Schwierigkeiten aufkommen. Ich habe mich dazu entschlossen, als Grundlage dieser Arbeit einige kulturtheoretische Schriften Freuds auszuwählen, welche die im Seminar behandelnden Themen weitestgehend abdecken, oder voraussetzen. In erster Linie erschienen mir die Schriften „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) und „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) als besonders beispielhaft und aufschlussreich, zumal sie die Konstitution der Kultur durch den Einsatz eines Über-Ichs (bzw. Kultur-Über-Ichs 5 ) als notwendige Voraussetzung haben. Die besondere Rolle dieser Instanzen lassen am deutlichsten eine Weiterentwicklung des
3 Der psychische Apparat wird als feststehende Grundlage in seiner ganzen Komplexität angenommen. Erst die Erkenntnisse über das Unbewusste und die Reaktion auf die Außenwelt schaffen Erklärungen über den gegenwärtigen Stand der Kulturwerdung.
4 Der Begriff Masse wird an einer anderen Stelle noch konkretisiert werden.
Kulturbegriffs entstehen und erfahren in der Gegenwart, wie auc h in der Vergangenheit, stichha ltige Nachweise über deren Besetzung und Auswirkungen auf die Gesellschaft und letztlich auf das Individuum innerhalb der Kultur selbst. Freud nimmt im „Unbehagen in der Kultur“ noch mal Bezug auf „Die Zukunft einer Illusion, was die Interpretation zulässt, dass die Besetzung des Über-Ichs durch die Religionsgläubigkeit 6 , als ein kritisch zu beurteilendes Massenphänomen ist. Warum lohnt sich gerade eine Beschäftigung mit Freuds Kulturanalyse, wenn es sich doch nicht um einen unserer Wissenschaft verwandten Theoretiker handelt? Nun, wie bereits in der Einleitung hingewiesen, weisen einige Theorien der politikwissenschaftlichen Forschung gerade in Bezug auf das psychologische Individuum einige Insuffizienzen auf. Oder anders formuliert: Wir analysieren Machtkonstellationen, Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, Staaten und politische Systeme etc. Bei näherer Betrachtung sind es doch die Individuen, die immer in einer Beziehung zueinander reagieren und agieren, sich beeinflussen und unterdrücken. Biografische Analysen berühmter Führungspersönlichkeiten erbringen oftmals umstrittene Beweise dafür, warum welche Entscheidungen zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Machtausübung getroffen wurden. Kla mmern wir die Bedeutung von psychologischen Kategorien aus, unterlassen wir einen wesentlichen Erkenntnisprofit.
3. Freud und die Kultur
Hat man/frau einmal das psychoanalytische Theoriegebäude betreten, fällt ein Verlassen schwer. Zu faszinierend erscheinen die unterschiedlichen Räume mit ihrem Inventar, das trügerische Schimmern von Wahrheit und Schlüssigkeiten und die Türen zu Zimmern, an welchen sich zweifelsohne bereits der Zahn der Zeit sich zu schaffen machte, stehen weit offen. Führen wir die Gebäudemetaphorik weiter, werden wir schnell einer schmalen Treppe in den Keller folgen. Denken wir uns konsequenter und sich aufdrängender Weise den Keller als das Unbewusste. Ohne diesen Keller, oder der Erforschung der dort verdrängten und abgelegten Relikte, können psychoanalytische Erkenntnisse nicht „das Oben“ (demnach das Bewusste) erklären. Das Gebäude, oder das Haus dient nicht zuletzt als brauchbare Metapher, da ein Keller durchaus mit Unaufgeräumtheit und Dunkelheit assoziiert werden kann, oder gar die nicht Anwesenheit eines Kellers beim Gebäude sukzessive zu erheblichen Beschädigungen führen kann.
5 Auf eine genaue Erklärung über den Unterschied wird im Kapitel 5 noch näher eingegangen.
6 Wenn Freud über „Die Religiongläubigkeit“ spricht, denkt er diesen Begriff als Erklärung der Gefolgschaft. Die Vereinigung der Massen subsumiert unter ein gemeinsames Ziel. Gemein ist den Individuen die Besetzung ihres Ichideals in Form eines Gottes bzw. eines charismatischen Führers. "Man darf also sagen, diese Götter waren Kulturideale. Nun hat er (Anm. der Kulturerwerb) sich der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden“ (Freud, 1930, S 57)
Arbeit zitieren:
Mag. Christoph Virgl, 2005, Die Koordination der Massen im Kontext der kulturtheoretischen Betrachtungen (nach Sigmund Freud), München, GRIN Verlag GmbH
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