1. Einleitung Seite 3
2. Konstitution des Armutsbegriffs in die hochmittelalterliche Lebenswelt von Franziskus Seite 3
2.1 Freiwillige vs. unfreiwillige Armut Seite 3
2.2 Hochmittelalterliches Armutsideal - Bedürfnis einer neuen Gesellschaft? Seite 4
3. Franziskus von Assisi - Der Weg zur paupertatem Seite 7
3.1 Die Jugend - Spiegelbild der neuen bürgerlichen Kultur Seite 7
3.2 Konversion und Beginn der fraternitas minores Seite 9
4. Franziskus´ Armut - eine Bedrohung für die römische Kirche? Seite 11
5. Schlussbetrachtung Seite 14
6. Literatur Seite 15
7. Quellen Seite 16
2
1. Einleitung
Die hier vorliegende Arbeit reiht sich in die umfangreiche Forschungsliteratur zur Armut des Franziskus ein und versucht zunächst, wenn auch nur skizzenhaft, den Begriff der freiwilligen von der unfreiwilligen Armut abzugrenzen, um dann von diesen an sich noch allgemeinen Beschreibungen den gesellschaftlichen Kontext des hohen Mittelalters in Italien darzustellen. Dies erscheint mir deswegen sinnvoll, da durch einen solchen Rahmen die Lebenswelt von Franziskus besser dargestellt werden kann.
Keine andere Biografie verdeutlicht meines Erachtens durch ihre Zweiteilung so präzis das erwachende Bewusstsein der damaligen Laiengesellschaft. Wenn seine Jugend gerade von der aus den Artusromanen vermittelten ritterlichen Idealität geprägt war, so steht Franziskus nach seiner Bekehrung pars pro toto für die neue Laienfrömmigkeit, deren Signifikanz die radikale Armut war. Deswegen soll diese im letzten Kapitel einerseits als solche analysiert werden. Schlussendlich möchte ich andererseits ihre Ambivalenz zum klerikalen Modell diskutieren und die Reaktion der römischen Kirche herausarbeiten.
2. Konstitution des Armutsbegriffs in die hochmittelalterliche Lebenswelt von Franziskus
2.1 Freiwillige vs. unfreiwillige Armut
Armut im heutigen Verständnis definiert sich als ein problematischer Zustand, als ein sozialer Missstand, dessen Vermeidung bzw. Überwindung Ziel moderner Gesellschaften ist. Dieser Prozess der Überwindung beginnt mit dem erwachenden Bewusstsein und der damit verbundenen aktiven Begegnung der sozial unteren Schichten in der modernen postfeudalen europäischen Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. 1
Armut, und das nicht erst seit dem Mittelalter, hat jedoch noch eine andere Seite: Während die eben anskizzierte Variante alternativlos bleibt, verfügt die freiwillige
1 Karl Bosl, Das Armutsideal des Heiligen Franziskus als Ausdruck der Hochmittelalterlichen Gesellschaftsbewegung. In: Amt der NÖ Landesregierung, Abt. III/2 - Kulturabteilung (Hg.), 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Krems-Stein 1982. S. 1.
3
Armut bereits über eine Alternative der eigentlichen Andersheit, die in Opposition zur unfreiwilligen Armut steht: Der freiwillige Arme ist jemand, der nicht arm sein bräuchte, der eigentlich, so er denn wollte, reich sein könnte und dieses Bewusstsein macht seine Souveränität aus. 2
Es stellt sich dennoch die Frage nach Erklärungsmustern für die Konstitution freiwilliger Armut. Eine Möglichkeit läge im Aufbegehren gegen den sozialen Missstand, der der Armut zugrunde liegt. Indem Armut freiwillig aufgebürdet wird, begründet sich die Hoffnung in der Aufhebung dieses Mangelzustandes bzw. in der Umkehrung des Mangels in die paradiesische Fülle. 3
„Freiwillige Armut ist desweiteren ein gemeinschaftsstiftendes kollektives Handlungsmuster und liegt in dieser Funktion den verschiedensten sozialen Formationen zugrunde. Ebenso wie die integrativen Funktionen der unfreiwilligen Armut muß die kulturgeschichtliche Bedeutung der freiwilligen Armut, ihre kreative Potenz als soziales Organisationsprinzip, 4 betont werden.
Letztlich, so Kehnel, stelle Armut stets ein Medium der Geltungsansprüche dar. Der freiwillig Arme hält dem Reichen immer eine Alternative vor Augen, die dem Reichtum moralisch überlegen ist und diese Alternative gibt dem scheinbar Machtlosen eine Potenz, die sich aus der Ablehnung des ökonomischen Einflusses begründet. Denn wer sich der Abhängigkeit des Reichtums entziehen kann, ist letztlich der Stärkere.
„Kompensationsleistung, gemeinschaftsstiftendes Handlungsmuster, Medium der
Geltungsproduktion: Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das kulturelle Potential der freiwilligen Armut, ihre Attraktivität als ein Medium zur Durchsetzung von Geltungsbehauptungen, ihr Erfindergeist in der kulturellen Sinnproduktion, ihre Durchschlagkraft als Reformprinzip, ihr soziales Organisationstalent und ihre 5 differenzsetzende katalytische Funktion ordnen.“
2.2 Hochmittelalterliches Armutsideal - Bedürfnis einer neuen Gesellschaft?
Um verstehen zu können, worin sich die Erhebung der Armut zum Ideal neben einer religiösen Motivation begründet, wird die Fokussierung der
2 Annette Kehnel, Der Freiwillig Arme ist ein potentieller Reicher. Eine Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Armut. In: Gert Melville/Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis: Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden. Münster 2001. S. 203f.
3 Ebd., S. 208. 4 Ebd., S. 209. 5 Ebd., S. 210.
4
gesellschaftlichen Umstände, Prozesse, Veränderungen im 12./13.Jahrhundert vor allem im italienischen Raum notwendig. 6
Seit dem 11. Jahrhundert veränderte sich das Gesellschaftsbild durch die Ausbreitung einer Wirtschaft des Gewinns: War im Frühmittelalter der Zugang zu Landbesitz und damit verbundenem Reichtum allein den Aristokraten offen, so fand nun eine Differenzierung der unfreien Gesellschaft statt. Diese entwickelte sich aus dem Aufschwung italienischer Städte, welcher wiederum im kausalen Zusammenhang mit den Kreuzzügen stand, was den Handel und somit die Prosperität italienischer Städte enorm förderte.
„[Der] flexible und dynamische Kaufmannsgeist schuf ein neues System wirtschaftlicher Beziehungen und führte die hierfür notwendige Geldwirtschaft ein. Das städtische Bürgertum wurde sich seiner besonderen Bedeutung bewußt und dieses Selbstwertgefühl löste einen Aufstieg aus, der allmählich eine eigenständige bürgerliche Kultur entstehen 7 ließ.“
Eben dieser Aufschwung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einem starken Wachstum der Bevölkerung teilweise um mehr als 50 Prozent innerhalb von 100 Jahren. 8
Diese ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen standen im Gegensatz oder bedingten gar die seit dem 11. Jahrhundert existenten religiös motivierten Armutsbewegungen, fanden diese, die Gesellschaft verändernden, Entwicklungen nun stärkeren Rückhalt in der Argumentation, dass „die ganze Welt der Habsucht zum Opfer gefallen sei.“ 9 Es fand also eine Reaktion auf diesen Umbruch in der Weise statt, dass Armutsbewegungen diesem neuen wirtschaftenden System entsagten und
„sich statt dessen einmütig auf die heiligsten Aktivitäten konzentriert[en]. Ihr Ansehen und 10 ihre Macht bezogen diese pauperes aus Verneinung materieller Machtmittel.“
6 Harry Kühnel, Die Minderbrüder und ihre Stellung zu Wirtschaft und Gesellschaft. In: Amt der NÖ Landesregierung, Abt. III/2 - Kulturabteilung (Hg.), 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Krems -Stein 1982. S. 41. 7 Ebd., S. 41.
8 Helmut Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung. Darmstadt 1994. S. 77.
9 Richard Newhauser, Avaritia und Paupertas. Zur Stellung der frühen Franziskaner in der Geschichte der Habsucht. In: Gert Melville/Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis: Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden. Münster 2001. S. 36. 10 Ebd., S. 37.
5
Arbeit zitieren:
Marian Brys, 2005, Franziskus von Assisi. Personifikation laikaler Armutsbewegung im 12./13. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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