Gliederung
A Einführung S. 1 - 4
I. Der moderne Arbeitsbegriff S. 1 - 2
II. Erkenntnisziel, Fragestellungen und Methodik S. 3 - 4
B Die Klassik: philosophierende Bürger - der „arbeitendende Rest“ S. 5 - 8
I. Die Sklavenhaltergesellschaft des klassischen Athen S. 5 - 6
II. Aristoteles: Die klassische Arbeitskonzeption als normative Rechtfertigung S. 6 - 8
C Das frühe Christentum: Arbeit als gottgewolltes und notwendiges Übel S. 8 - 11
I. Die Agrargesellschaft und das intellektuelle Monopol des Mönchtums S. 8 - 9
II. Die Transzendentalisierung der Mühsal „Arbeit“ S. 9 - 11
D Das Hochmittelalter: Spannung zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit S. 12 - 15
I. Die Verstädterung und „Vergewerblichung“ S. 12 - 13
II. von Aquin: Die geistliche Arbeit als höchste Arbeitsform S. 13 - 15
E Das späte Mittelalter: Die sowohl positive, als auch positivierte Arbeit S. 15 - 18
I. Die Ökonomisierung der Arbeit und die Pflicht zur Armutsvermeidung S. 15 - 16
II. Luther: Die reformatorische Anpassung der Geistlichkeit S. 16 - 18
F Grundlinien der Entwicklung - Impulse für die Moderne S. 18 - 25
I. Vorbemerkung S. 18 - 19
II. Individualisierung S. 19 - 21
III. Erhöhung der Arbeit S. 21 - 22
IV. Universalisierung S. 22 - 23
V. Rationalisierung 23
VI. Wandel zur Diesseitsorientierung S. 24 - 25
G Literaturverzeichnis
II
Was ist Arbeit? Der mit diesem Begriff konfrontierte Durchschnitts-Europäer assoziiert sofort Erwerb, Beruf, Selbstverwirklichung auf der einen Seite, und drohende Arbeitslosigkeit und die „schmerzhafte Erfahrung“ 2 von Fremdbestimmung und Ausbeutung auf der anderen Seite. Arbeit erscheint dennoch als erstrebenswert, „die Menschen ´sind´ durch das, was sie [Anm.: durch die Berufsausübung] repräsentieren.“ 3 Ohne Arbeit fehlt eine wichtige - vielleicht die einzige -Möglichkeit, sich selbst als soziales Wesen zu definieren. Sie ist damit also eine zentrale Kategorie der heutigen Zeit.
Aus soziologischer Sicht trägt Berufsarbeit eine „doppelte Zweckstruktur“ 4 in sich: Arbeit müsse die „Eigenprobleme der Arbeitenden selbst“ 5 lösen (Individualsicht) - daneben diene Arbeit als „objektiver Teil der gesellschaftlichen Problemlösung“ 6 (Globalsicht).
Individualsicht
Der moderne Arbeitsbegriff ordnet sich in Weiterentwicklung der protestantischen Ethik in das heute gültige Basiswertesystem nach Max Weber 7 ein: So gilt der allgemeine Wert, dass jeder Mensch prinzipiell die gleichen Rechte und Pflichten besitzt (Universalismus). Hieraus abgeleitet wird die prinzipiell allgemeine Arbeitspflicht, aber auch das allgemeine Recht auf Arbeit. Der Wert der „Rationalisierung“ hält jeden dazu an, sein Handeln zweckoptimierend an kulturell akzeptierte Werte auszurichten - so ist jeder bestrebt, seine Arbeitskraft so einzusetzen (= so zu verkaufen), dass dadurch maximaler individueller Wohlstand erzielt werden kann. Dabei bleibt der moderne Mensch diesseitsorientiert und greift aktiv in das Weltgeschehen ein (Aktivismus). Arbeit kann zwar durchaus „dem Ruhme Gottes“ dienen 8 - das direkte Ergebnis dieses Tuns und das Handeln an sich findet jedoch vorwiegend für das / und im Diesseits statt. Zuletzt sucht der moderne Mensch die alleinige Zuständigkeit und Verantwortung für seine Lebensführung bei sich selbst (Individualisierung), und begreift sich kaum mehr als „Deduktion“ der Gesellschaft.
1 vgl. Jäger, Wieland (1997). Arbeits- und Berufssoziologie. In: Korte, He., Schäfers, B. (Hrsg.). Einführung in Praxisfelder der Soziologie. Opladen: Leske + Budrich, S. 117 ff
2 Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 112
3 Ebd., S. 112
4 Ulrich Beck / Michael Brater, zitiert in: Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 117
5 Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 117
6 Ebd., S. 117
7 vgl. Ebd., S. 117
8 vgl. hierzu meine Ausführungen zu Luther S. 16 - 18
1
Damit sucht sich der moderne Mensch selbst und eigenverantwortlich seinen Platz in der Gesellschaft - und damit seine Arbeit / seinen Beruf - und wird nicht in eine bestehende Ordnung hineingeboren. 9 Daneben dient die Arbeit der Erfüllung individueller Bedürfnisse, seien diese nun materieller Natur, wie der Drang nach realen Verfügungsrechten wie Einkommen, Selbsterhaltung etc., immaterieller Natur, wie der Drang nach ideelen Verfügungsrechten wie Macht, Prestige etc. oder auch psychologischer Natur (Grundbedürfnisse nach Kompetenzerleben, Selbstverwirklichung etc.).
Globalsicht 10
Arbeit ist ökonomisch betrachtet der wichtigste Produktionsfaktor vor Boden und Kapital. Sie ist damit eine Wachstumsdeterminante in einer ökonomistisch ausgerichteten, arbeitsteilig organisierten Produktionsgesellschaft im Sinne einer Volkswirtschaft. Arbeit hilft als Produktionsfaktor, die Güterknappheit einer Volkswirtschaft optimal zu bewältigen und ist - das macht ihre überragende Bedeutung aus - der einzige Produktionsfaktor, der technischen Fortschritt hervorbringen kann. Somit ist Arbeit die Ursache für ökonomisches Wachstum und steigenden Wohlstand einer Gesellschaft. Arbeit wird ökonomisch gesehen entsprechend hoch bewertet.
In einer pluralistischen Gesellschaft sind natürlich vielfältige individuelle Sichtweisen des Begriffs „Arbeit“ möglich. Insofern ist meine Darstellung der modernen Arbeitskonzeption durchaus vereinfachend - aber gleichwohl mehrheitsabbildend. 11 Die aktuellen Diskussionen um einen geforderten oder auch gerade stattfindenden Wandel des Arbeitsbegriffs sollen hier nur am Rande erwähnt werden. Die Überlegungen im Zuge der Postmoderne, über den Strukturwandel der Erwerbsarbeit und über den empirisch nachgewiesenen Rückgang des Stellenwertes der Erwerbsarbeit mit allen dazugehörigen Erklärungsversuchen 12 sind noch wenig kohärent; es ist keine konsensfähige Lös ung der in verschiedene Richtungen gehenden Hypothesen abzusehen. Zudem wird ein im historischen Vergleich epochaler und revolutionärer Wandel des Arbeitsbegriffs von keinem Autor nachvollziehbar behauptet. Deshalb beschränke ich mich auf die in den vorherigen Abschnitten dargestellte moderne Arbeitskonzeption, wie sie noch bis in die späten 1970er Jahre unbestritten vorherrschte. 13
9 vgl. Karl Martin Bolte / Günther Voß, dargestellt in: Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 123 f
10 vgl. Wilke, Gerhard (1999). Strukturwandel der Erwerbstätigkeit. Die Zukunft unserer Arbeit. Frankfurt: Campus, S. 47 ff
11 vgl. Peter Pawlowsky, empirische Untersuchungen, dargestellt in: Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 122 ff
12 vgl. Jäger, W.: Arbeits- und Berufssoziologie, S. 112
13 vgl. Ebd., S. 112
2
Es stellt sich an dieser Stelle nunmehr die Frage nach der Vergangenheit des Begriffs der Arbeit. Wie sahen in der Vergangenheit Arbeitskonzeptionen aus, und wie ihre realen Entsprechungen? War der Arbeitsbegriff immer schon positiv besetzt? Wurde Arbeit bereits früher hauptsächlich als Erwerbsarbeit aufgefasst? Unterlagen die Me nschen in der Vergangenheit vielleicht anderen Werten als den modernen, von Max Weber formulierten, und musste sich die Arbeit somit vielleicht in eine andere Wertebasis einfügen? Wer arbeitete, in welcher Form, zu welchem Zweck? Was war ihr Stellenwert im Gemeinwesen und für das Individuum?
Wie die rhetorisch gestellten Fragen schon anklingen lassen, hat die Bedeutung der Arbeit in der abendländischen Kultur einen tiefgreifenden Wandel durchgemacht. 14 So ist unser heutiger Arbeitsbegriff ein völlig anderer als beispielsweise der von Aristoteles. Durch die Einbettung von „Arbeit“ in unterschiedliche normative und reale Kontexte wird eine - korrekt wissenschaftliche -Allgemeindefinition dieses Begriffs sehr erschwert. „Insofern ist es eigentlich ein unzulässiges Unterfangen, sich mit der Arbeit im vorindustriellen Europa befassen zu wollen. Denn streng genommen gibt es einen solchen Gegenstand überhaupt nicht.“ 15 Hilfsweise kann man jedoch festhalten, das Arbeit im allerweitesten Sinne „hervorbringendes Handeln“ 16 ist. Über die konkrete und theoretische Ausformung dieser Formel herrschte jedoch in der Vergangenheit kein Konsens.
Ich werde nun versuchen, in meiner Seminararbeit folgende Leitfragen zu beantworten: Wie entwickelte sich die Vorstellung von Arbeit? Welche realen Entwicklungen schlugen dabei auf die Konzeptionen von Arbeit durch? Welche Grundlinien der konzeptionellen Entwicklung sind zu beobachten? Und schließlich: Welche vormodernen Vorstellungen sind Bestandteil des heutigen Arbeitsbegriffs? Hier i st insbesondere die Frage interessant, ob sich der moderne Arbeitsbegriff bereits und ausschließlich aus der Entwicklung der Vormoderne erklären lässt, ohne die in dieser Seminararbeit weitestgehend ausgeklammerte frühe Neuzeit ins Spiel zu bringen.
14 vgl. Mikl-Horke, Gertraude (1984). Einführung in die Arbeitssoziologie. Wien: Oldenbourg, S. 2
15 Kuchenbuch, Ludolf / Sokoll, Thomas (1990). Arbeit im vorindustriellen Europa. In: König, Helmut / v. Greiff, Bodo / Schauer, Helmut (Hrsg.). Sozialphilosophie der industriellen Arbeit (Sonderheft des Leviathan). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 26
16 Eigene Formulierung
3
Diese Beschränkung auf die Vormoderne führt zu folgender Frage: Was trennt die Vormoderne überhaupt von der Moderne? Die Zeitenwende wird allgemein auf die Zeit der Herrschaft Friedrich I. von Preußen Mitte / Ende des 18. Jahrhunderts datiert, mit seiner Arbeitspflicht für alle in den königlichen, hoch arbeitsteilig organisierten Manufakturen. 17 Im Gegensatz dazu mache ich die Wende - für mein Vorhaben methodisch geschickter - an der Deutung des Arbeit selbst fest, hier bei der Auffassung Martin Luthers: Dieser prägte die moderne Attribuierung von „Arbeit“ mit „Beruf“, und stellt daher für mich die Nahtstelle zwischen den vormodernen und modernen Arbeitskonzeptionen dar.
Gegenstand meiner Betrachtung ist weiter nur der abendländische Kulturraum, da es zwar reizvoll, aber rahmensprengend wäre, andere Kulturkreise in ihrer arbeitsgeschichtlichen Entwicklung zu skizzieren - und auch nicht zielführend in Hinblick auf die Erklärung unseres heutigen, „westlichen“ Arbeitsbegriffs.
Ich werde den Konzeptionen, die schon per definitionem lediglich Theoriegebäude sind, die jeweilige gesellschaftliche Realität zur Seite stellen. Hier werde ich im Folgenden zeigen: Konzeption und Realität sind eng miteinander verschränkt, „wobei das Denken über Arbeit .. gesellschaftlich bedingt“ 18 ist. Dies verweist auf die aktuelle Diskussion um den Wandel des Arbeitsbegriffs: Eine veränderte Realität (Massenarbeitslosigkeit, Strukturwandel) muss auch zu einer veränderten Konzeption von Arbeit führen. Konservative oder gar reaktionäre Bestrebungen 19 wären nicht zielführend.
Chronologisch gesehen werde ich bei der Arbeitsauffassung des klassischen Athens beginnen. Zwar gibt es Hinweise auf bereits frühere Konzeptionen, jedoch ist hier die Quellenlage (insbesondere die empirische) allzu mangelhaft. Danach werde ich die frühchristlichen Vorstellungen von Arbeit im frühen Mittelalter darstellen, ehe ich auf die hochmittelalterliche Scholastik und deren Arbeitskonzeption ihres berühmtesten Vertreters Thomas von Aquin eingehe. Zuletzt werde ich die Zeit der Reformation betrachten, und die - moderne Züge aufweisende - Arbeitskonzeption Martin Luthers vorstellen.
17 Professor Dr. Wolfgang Bonß, Universität der Bundeswehr München, Lehrstuhl für Soziologie an der Fakultät Staats- und Sozialwissenschaften: mündliche Aussage in einem Lehrgespräch, April 2005
18 Mikl-Horke, G.: Einführung in die Arbeitssoziologie, S. 2
19 vgl. hierzu meine Ausführungen zu v. Aquin S. 13 - 15
4
Die Welt der griechischen Antike war vor allem durch adelige Herrschafts- und agrarischen Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet. Die landwirtschaftliche Arbeit dominierte klar. 22 Es existierte ein „fundamentale[r] Konnex“ 23 zwischen dem Zugang zum elitären, staatstragenden Bürgerstatus und dem Ausschluss körperlicher bzw. werktätiger Arbeit. Dieser Zusammenhang galt weitgehend uneingeschränkt. Eine Konsequenz war der zunehmende Einsatz von Kaufsklaven und Kriegsgefangenen zu Arbeitszwecken. Dieser Personengruppe kam eine erhebliche Bedeutung für das Wirtschaftsleben zu, und verhinderte in Folge die Herausbildung eines ökonomischen Arbeitsmarktes.
Üblicherweise musste in den klassischen „poliei“ (=Gemeinwesen, Stadtstaaten) außerhalb Athens für den Eintritt in den Vollbürgerstatus Grundbesitz nachgewiesen werden. So sollte gewährleistet werden, dass sich der künftige Vollbürger voll auf seine politisches Geschäfte konzentrieren konnte, und seinen Lebensunterhalt nicht durch - als unwürdig erachtete - Arbeit musste. 24 verdienen Interessanterweise wurde im aristotelischen Athen keine
Vermögensqualifikation für die Gewährung des Bürgerrechts gefordert. Dies spricht dafür, dass Aristoteles mit seinem strengen Postulat „Arbeit ist eines freien Bürgers unwürdig“ den Verfall der Sitten in seinem Stadtstaat aufhalten wollte. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass auch im klassischen Athen, wenn schon nicht rechtlich, so doch ethisch-moralisch Grundbesitz für die Erlangung des Status des Vollbürgers gefordert war.
Die sozia le Elite der Vollbürger war also in aller Regel Großgrundbesitzer. Unter dieserzahlenmäßig einen Bruchteil der Menschen innerhalb einer „polis“ umfassenden Gruppe - gab es nun die relativ viel größere Gruppe der freien Kleinbauern ohne Bürgerstatus. Die Erträge ihrer Höfe gingen nur knapp über die existenzsichernde Eigenversorgung hinaus. Der Überschuss wurde auf den Märkten verkauft. Analog hierzu war der Status der Handwerker, wobei diese überwiegend für Handel und Markt produzierten.
20 vgl. Walther, Rudolph (1990). Arbeit - Ein begriffsgeschichtlicher Überblick von Aristoteles bis Ricardo. In: König, Helmut / v. Greiff, Bodo / Schauer, Helmut (Hrsg.). Sozialphilosophie der industriellen Arbeit (Sonderheft des Leviathan). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 5 ff u. vgl. Kuchenbuch, L. / Sokoll, Th.: Arbeit im vorindustriellen Europa, S. 32 ff
21 vgl. Nippel, Wilfried (2000). Erwerbsarbeit in der Antike. In: Kocka, Jürgen / Offe, Claus (Hrsg.). Geschichte und Zukunft der Arbeit. Frankfurt: Campus, S. 55 ff
22 vgl. Kuchenbuch, L. / Sokoll, Th.: Arbeit im vorindustriellen Europa, S. 32
23 Nippel, W.: Erwerbsarbeit in der Antike, S. 56
24 vgl. Aristoteles, Politik 1278a 15 ff
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Arbeit zitieren:
Alexander Pillris, 2005, Vormoderne Arbeit - Konzeptionen, Realitäten und wesentliche Impulse für die Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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