Über diese Arbeit
Unternehmensübergreifende Kommunikation bildet eine wichtige Grundlage kooperativer Zusammenarbeit und erfolgreicher Partnerschaften im Business-to-Business-Bereich. Gleichzeitig werden im Rahmen wirtschaftlicher Überlegungen Anstrengungen zur Optimierung existierender Prozesse und der gewinnbringenden Etablierung neuer Technologien unternommen. Web Services können in diesem Kontext wirtschaftlich und technologisch interessante Funktionalitäten zur Verfügung stellen. Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie derartige Dienste sinnvoll in bestimmten Branchen eingesetzt werden können. Die Arbeit stellt hierfür zunächst spezielle Eigenschaften der Web-Services-Technologie vor, die zusammen mit Aussagen und Beispielen aus Sekundärquellen zur Formulierung deskriptiver Hypothesen beitragen. Diese Hypothesen werden durch eine leitfadengestützte Befragung von 16 Branchenexperten aus Fertigung, Logistik und Handel bestätigt. Weiterhin werden in den untersuchten Branchen Anwendungsfelder und Abrechnungsmodelle für Web Services identifiziert. Existierende und potentielle Dienste werden hierfür gesammelt und mittels einer zu diesem Zweck entwickelten Branchen-/Funktionsmatrix gegliedert. Es werden Empfehlungen für geeignete, zur Erlöserzielung durch Web Services einsetzbare Modelle aus den ermittelten Anwendungsfeldern und Abrechnungsmodellen zusammengestellt. Aussagen über allgemeine Erwartungen, praxisrelevante Risiken und ein Ausblick auf die weitere Entwicklung von Web Services vervollständigen die Betrachtung.
Ein umfangreicher Anhang ergänzt die vorliegende Arbeit und dient der Ver- anschaulichung vorgestellter Beispiele und Meinungen.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis. IV
Tabellenverzeichnis. V
Abk ürzungsverzeichnis und Glossar. VI
1 Einleitung 1
1.1 Motivation für das Thema. 1
1.2 Problemstellung. 2
1.3 Aufbau der Arbeit. 3
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie 4
2.1 Definition des Begriffs Web Services 4
2.2 Abgrenzung von Web Services zu ASP und XML-Anwendungen 6
2.3 Erwartungen an das Leistungspotential von Web Services 7
2.4 Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Web Services. 8
2.4.1 Geschäftsprozessunabhängige Faktoren 8
2.4.2 Geschäftsprozessabhängige Faktoren. 9
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument 11
3.1 Entwicklung einer branchenunabhängigen Matrixdarstellung 11
3.2 Entwicklung der Branchen-Wertschöpfungsketten. 15
3.2.1 Gemeinsame Funktionen der Wertschöpfungsketten 15
3.2.2 Wertschöpfungskette Fertigung 16
3.2.3 Wertschöpfungskette Logistik. 18
3.2.4 Wertschöpfungskette Handel 19
3.3 Integration der Wertschöpfungsketten in die Matrixdarstellung 20
4 Formulierung deskriptiver Untersuchungshypothesen 21
4.1 Anwendungsfelder für Web Services 22
4.1.1 Effizienzsteigerung 22
4.1.2 Umsatzsteigerung 22
4.1.3 Outsourcing 22
4.1.4 Kundenbindung 23
4.1.5 Flexibilität 23
4.2 Abrechnungsmodelle für Web Services 23
4.2.1 Förderung der Dienstnutzung. 23
4.2.2 Analogie zu ASP-Diensten 24
Inhaltsverzeichnis II
5 Vorbereitung der Expertenbefragung. 26
5.1 Überlegungen zur Interview-Gestaltung. 26
5.1.1 Auswahl eines geeigneten Interview-Typs 26
5.1.2 Hilfsmittel für die Interview-Durchführung 27
5.1.3 Überlegungen zur Interviewtechnik 27
5.2 Erarbeitung eines Gesprächsleitfadens 28
5.2.1 Einführung 29
5.2.2 Fragen zur Ausgangssituation 29
5.2.3 Fragen zu Web Services im Einsatz 30
5.2.4 Fragen zu zukünftigen Web Services 31
5.2.5 Zusammenfassende Beurteilung. 32
5.2.6 Informationen zum Unternehmen. 32
5.3 Überlegungen zur Stichprobenauswahl 33
6 Allgemeine Befragungsergebnisse 34
6.1 Aussagen über den Einsatz von Web Services 34
6.2 Erwartungen an Web Services 35
6.3 Risiken der Nutzung von Web Services 37
6.4 Informationen zu den befragten Unternehmen 40
7 Analyse von Anwendungsfeldern für Web Services aus der
Expertenbefragung 42
7.1 Abbildung der Dienste auf die Branchen-/ Funktionsmatrix. 42
7.1.1 Zusammenstellung der Dienste 42
7.1.2 Einordnung in die Branchen-/Funktionsmatrix. 42
7.2 Überprüfung der Hypothesen zu Anwendungsfeldern für Web Services
44
7.2.1 Effizienzsteigerung 45
7.2.2 Umsatzsteigerung 48
7.2.3 Outsourcing 49
7.2.4 Kundenbindung 51
7.2.5 Flexibilität 53
7.2.6 Zusammenfassung der Hypothesenbetrachtung. 55
8 Analyse von Abrechnungsmodellen aus der Expertenbefragung 57
8.1 Diskussion der Befragungsergebnisse zu Abrechnungsmodellen. 57
8.1.1 Strukturierung der genannten Abrechnungsmodelle 57
8.1.2 Vorstellung der genannten Abrechnungsmodelle 58
8.2 Überprüfung der Hypothesen zu Abrechnungsmodellen für Web
Services 61
Inhaltsverzeichnis III
8.2.1 Förderung der Dienstnutzung. 61
8.2.2 Analogie zu ASP-Diensten 62
9 Empfehlung geeigneter Erlösmodelle für Web Services. 64
9.1 Erlösmodelle mit zeitraumabhängiger Gebühr 64
9.2 Erlösmodelle mit nutzungsabhängiger Gebühr. 66
9.3 Erlösmodelle mit gemischten Gebühren. 66
9.4 Zusammenfassende Empfehlungen 67
10 Zusammenfassung und Ausblick. 68
Literatur - und Quellenverzeichnis 70
Verzeichnis relevanter Internetadressen 81
Verzeichnis besuchter Messen und Kongresse 82
Anhang 83
A.1 SAP Solution Maps 84
A.2 Branchenspezifische Funktionen der Wertschöpfungskette 87
A.3 Web-Service-Beispiele aus der Sekundärliteratur. 99
A.4 Gesprächsleitfaden 114
A.5 Allgemeine Befragungsergebnisse 123
A.6 Befragungsergebnisse - Beispiele für existierende und potentielle Web
Services 127
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1.1: Etablierung von Web Services im B2B-Umfeld
Abbildung 2.1: Leistungspotentiale von Web Services
Abbildung 3.1: Wertschöpfungskette nach Porter.
Abbildung 3.2: Gerüst der Branchen-/Funktionsmatrix
Abbildung 3.3: Gemeinsame Steuerungs- und Serviceprozesse
Abbildung 3.4: Wertschöpfungskette diskreter Fertigung am Beispiel
Automobilbau
Abbildung 3.5: Wertschöpfungskette Prozessfertigung am Beispiel
Arzneimittelherstellung.
Abbildung 3.6: Wertschöpfungskette Logistik.
Abbildung 3.7: Wertschöpfungskette des Handels.
Abbildung 3.8: Spezifische Branchen-/Funktionsmatrix.
Abbildung 4.1: Vorgehensweise zur Hypothesenbildung.
Abbildung 4.2: Der „Hype Cycle“ der Gartner Group für das Jahr 2001.
Abbildung 4.3: Abrechnungsmodelle für ASP-Dienste.
Abbildung 6.1: Nutzung und Angebot von Web Services
Abbildung 6.2: Erwartungen an Web Services
Abbildung 6.3: Risiken bei der Nutzung von Web Services.
Abbildung 6.4: Branchenzugehörigkeit der befragten Unternehmen.
Abbildung 6.5: Anzahl der Beschäftigen und Umsatz der befragten Unternehmen
Abbildung 6.6: Position der Befragten im Unternehmen
Abbildung 6.7: Genutzte Entwicklungsplattformen
Abbildung 6.8: Genutzte Betriebssysteme
Abbildung 7.1: Branchen-/Funktionsmatrix mit erfassten Beispielen für Web
Services
Abbildung 7.2: Branchen-/Funktionsmatrix mit visualisierten Beispielnennungen
Abbildung 7.3: Zusammenfassung der Hypothesenbetrachtung.
Abbildung 8.1: Struktur der genannten Abrechnungsmodelle
Abbildung 8 2: Anzahl der genannten Abrechnungsmodelle
Tabellenverzeichnis V
Tabellenverzeichnis
Tabelle 3.1: Abwandlungen gegenüber der Wertschöpfungskette nach Porter 13
Tabelle 3.2: Zuordnung von Managementfunktionen 14
Tabelle 3 3: Gemeinsame Funktionen des Kundendienstes 16
Abkürzungsverzeichnis und Glossar
ASP Application Service Provider Aufl. Auflage B2B Business-to-Business: ausschließliche Geschäftsbeziehungen
bzw. beziehungsweise ca. circa
CAD Computer Aided Design CRM Customer Relationship Management Cross Selling Angebot ergänzender Produkte d.h. das heißt
DATEV EDV-Dienstleistungszentrum für Steuerberatungsunternehmen
DB Datenbank
Diskrete Fertigung Produktion aus einzelnen Bestandteilen EC Eurocheque E-Commerce
EDI Electronic Data Interchange: „Kommunikationsdienst für den
EDIFACT Electronic Data Interchange for Administration Commerce
1 Albers et al. (Warum ins Internet, 1999), S. 10.
2 Lindo (Internet EDI, 1999).
3 Ebenda.
Abkürzungsverzeichnis und Glossar VII
EDV Elektronische Datenverarbeitung
engl. englisch(en) E-Mail Electronic Mail, Dienst des Internets ERP Enterprise Resource Planning et al. und andere/und weitere
Extranet Spezifische Erweiterung eines Intranets auf Zulieferer und andere Geschäftspartner
F&E Forschung und Entwicklung Fa. Firma ggf. gegebenenfalls GPS Global Positioning System
Hrsg. Herausgeber HTML Hypertext Markup Language HTTP Hypertext Transfer Protocol i.d.R. in der Regel
Internet dezentral verwaltete Struktur, Zusammenschluss autonomer
Intranet internes Firmennetzwerk unter Verwendung von Internet-Protokollen und -diensten IP Internet Protocol ISP Internet Service Provider IT Informationstechnologie/informationstechnologisch
lt. laut MRO Maintenance, Repair and Operations o.V. ohne Verfasserangabe OEM Original Equipment Manufacturer
Outsourcing Auslagerung von Geschäftsprozessen, -bereichen oder -anwendungen
parsen Klassifizierung sequentieller Datenströme
4 Vgl. Riedl/Busch (Online-Medien, 1997), S. 164.
Abkürzungsverzeichnis und Glossar VIII
PC Personal Computer
PDA Personal Digital Assistent: Miniaturcomputer für persönliche Terminverwaltung, Korrespondenz u.ä.
POS Point of Sale PPS Produktionsplanungs- und Steuerungssystem Prozessfertigung Rezeptbasierte Produktion mit Variabilität in der Zusammensetzung der Bestandteile S. Seite(n) Semantik Bedeutungskontext
SLA Service Level Agreement SMTP Simple Mail Transfer Protocol SOAP Simple Object Access Protocol: Standard für das Versenden und Empfangen von Nachrichten über das Internet Syntax Grammatik u.ä. und ähnliche(s)
u.a. und andere(s) u.U. unter Umständen UDDI Universal Discovery, Description and Integration: Protokolle
URL Uniform Resource Locator Vgl. vergleiche, siehe W3C World Wide Web Consortium WAP Wireless Application Protocol
Website komplettes WWW-Angebot eines Anbieters, das aus mehreren untereinander verbundenen Internetseiten bestehen kann
WSDL Web Service Description Language: dient der XML-basierten Beschreibung von Web Services
WSK Wertschöpfungskette WWW World Wide Web XML Extented Markup Language z.B. zum Beispiel
z.Zt. zur Zeit
Danksagung
Danken möchte ich an dieser Stelle meiner Frau, Gerlinde Gießner, die sich während der gesamten Bearbeitungszeit um mich gekümmert, mir wertvolle Tipps gegeben und mich beim Korrekturlesen unterstützt hat. Weiterer Dank gebührt Herrn Professor Günter Specht für die hochschulseitige Betreuung der Diplomarbeit und seine fundierten Hinweise, die wesentlich zu einer Strukturierung der gesamten Problematik beigetragen haben. Abschließend danken möchte ich all den Personen, mit denen ich Probleme und Fragen im Rahmen dieser Diplomarbeit diskutiert habe - insbesondere Herrn cand. Wirtsch.-Ing. Frank Hieber - sowie allen Interviewpartnern, ohne deren Hilfe wichtige Erkenntnisse der Diplomarbeit nicht möglich gewesen wären.
Danny Gießner, Darmstadt, im März 2002
1 Einleitung
1.1 Motivation für das Thema
Im Zuge fortschreitender Globalisierungsbestrebungen ist es ein wichtiges Anliegen vieler Unternehmen, auf einfache Weise und in standardisierter Form mit Partnern aus verschiedensten Branchen Geschäftsdaten austauschen zu können. 5 Zu diesem Zweck und für das Angebot eigener IT-Dienstleistungen wird in zunehmendem Maße das Internet als Kommunikationsmedium genutzt. Die reibungslose Kommunikation zwischen den meist unterschiedlichen
Systemarchitekturen der Unternehmen als eine Grundlage weitergehender Entwicklungen erscheint jedoch nach wie vor nicht gewährleistet.
Sogenannte Web Services werden seit Mitte 2001 als Weg zur Lösung dieser Interoperabilitätsmängel in den Medien vorgestellt. Die Anwendung der Web-Services-Technologie verspricht neben der Förderung unternehmensübergreifender Kommunikation weitere Vorteile. Sie sollen die Bereitstellung von elektronischen Diensten über standardisierte Schnittstellen ermöglichen und durch die Optimierung von Geschäftsprozessen Effizienzpotentiale ausschöpfen.
Führende Analysten gehen davon aus, dass bereits 2004 eine starke Verbreitung der Web Services im Business-to-Business-Bereich (B2B) stattgefunden haben wird 6 . Sie vermuten, dass die Web-Services-Technologie zunächst im unternehmensinternen Bereich zur Verknüpfung heterogener Unternehmensanwendungen eingesetzt wird, um dann im nächsten Schritt die Verknüpfung der IT-Systeme über die Unternehmensgrenzen hinaus zu fördern. Schließlich werden die Unternehmen dazu übergehen, eigene IT-Dienstleistungen über Web Services anzubieten und sie mit anderen Web Services zu neuen Mehrwertdiensten zu verknüpfen. Abbildung 1.1 veranschaulicht diese Entwicklung.
5 Vgl. Sullivan (Internet Data Integration, 2001).
6 Es sind dies insbesondere Forrester, Gartner und Meta Group, vgl. Schadler (CTOs Wake Up,
2001), Plummer/Andrews (Web Services Benefits, 2001) und Schmidt (WS Megatrend, 2002).
1 Einleitung 2
Führende IT-Unternehmen wie Microsoft, IBM, SUN, Hewlett Packard und Oracle bieten bereits Werkzeuge und Plattformen zur Entwicklung und Bereitstellung von Web Services an 8 . Weitere Softwareanbieter wie z.B. Borland sind ebenfalls vom Erfolg der Web Services überzeugt 9 und werden noch 2002 die Unterstützung der Technologie in ihre Entwicklungswerkzeuge integrieren. Trotz existierender Entwicklungsumgebungen für die neue Technologie ist die Frage nach branchenspezifischen Einsatzgebieten für Web Services weitgehend unbeantwortet. Auch ist unklar, in welcher Weise mit den als Web Services angebotenen Diensten Erlöse erzielt werden können. Die vorliegende Arbeit soll helfen, das Problem zu strukturieren und zur Beantwortung dieser Fragestellungen beitragen.
1.2 Problemstellung
Ziel der Arbeit ist die Analyse branchenspezifischer Anwendungsfelder für Web Services im B2B-Bereich. Branchenexperten sollen befragt werden, um bereits existierende Dienste zu evaluieren und Ideen für neue Einsatzfelder zu generieren. Für IT-Dienste, die in Zukunft in Form von Web Services angeboten oder konsumiert werden könnten, sind Abrechnungsmodelle zu ermitteln. Aus einer Synthese geeigneter Dienste und Abrechnungsmodelle sind abschließend Empfehlungen für erfolgversprechende Erlösmodelle abzuleiten.
7 Quelle: Schmidt (WS Megatrend, 2002).
8 Vgl. Gauss (Web Services Revolution, 2002).
9 Vgl. Violka (Borland, 2002).
1 Einleitung 3
Eine gemeinsame Behandlung der Branchen Fertigung, Logistik und Handel wird wegen ihrer engen Zusammenarbeit für die vorliegende Arbeit als sinnvoll erachtet. Schon seit längerer Zeit werden z.B. im Bereich der Automobilherstellung durch die Einführung von EDI oder für Zusammenarbeit im Zuge der Just-In-Time-Produktion Anstrengungen unternommen, die Informationsströme zwischen den verschiedenen Unternehmen zu bündeln und zu vereinheitlichen.
1.3 Aufbau der Arbeit
Zunächst werden in Kapitel 2 die Grundlagen der Web-Services-Technologie dargestellt. Nach einer Begriffsbestimmung und Abgrenzung gegenüber verwandten Technologien werden Leistungspotentiale und Erfolgsfaktoren für Web Services erarbeitet. Kapitel 3 dient der Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument für die spätere Auswertung der Befragungsergebnisse. In Kapitel 4 vorgestellte Untersuchungshypothesen unterstützen die Gestaltung eines Gesprächsleitfadens in Kapitel 5 und werden in den folgenden Kapiteln anhand der Interviewergebnisse überprüft. Kapitel 5 dient zudem der methodischen Vorbereitung der Experteninterviews und der Begründung der Stichprobenauswahl. Nach der Durchführung der Experteninterviews werden allgemeine Befragungsergebnisse in Kapitel 6 vorgestellt und in den Kapiteln 7 und 8 Anwendungsfelder und Abrechnungsmodelle für Web Services untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei die Einordnung der ermittelten Dienste in die Branchen-/Funktionsmatrix und die Überprüfung der in Kapitel 4 erarbeiteten Hypothesen. Kapitel 9 stellt geeignete Kombinationen von Diensten und Abrechnungsmodellen als Erlösmodelle vor und leitet Empfehlungen für erfolgversprechende Erlösmodelle ab. Abschließend fasst Kapitel 10 die wesentlichen Ergebnisse der Studie zusammen und bietet einen Ausblick auf weiterführende Entwicklungen.
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
Als Basis für die vorliegende Arbeit wird in Abschnitt 2.1 der Begriff „Web Services“ definiert. Abschnitt 2.2 dient der Abgrenzung des Begriffs gegenüber weiteren Anwendungsfeldern der Beschreibungssprache Extented Markup Language (XML) und gegenüber dem Application Service Providing (ASP). Ferner werden in Kapitel 2.3 aus der Sekundärliteratur gewonnene Erwartungen an das Leistungspotential von Web Services vorgestellt. Kapitel 2 schließt in Abschnitt 2.4 mit einer Betrachtung von Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Web Services.
2.1 Definition des Begriffs Web Services
Der Begriff „Web Services“ wird in den Medien regelmäßig in einem sehr speziellen Zusammenhang mit Schlüsselwörtern wie UDDI, WSDL oder SOAP angeführt. Eine Erklärung dieser Begriffe erfolgt am Ende dieses Abschnitts. Im Rahmen der Arbeit sollen jedoch Branchenexperten befragt werden, die sich u.U. bisher noch nicht mit Web Services befasst haben. Deshalb erscheint folgende Definition am geeignetsten, die anstelle von sich abzeichnenden Standards typische elementare Eigenschaften des Begriffs „Web Services” präzise beschreibt:
„[Web Services are] Loosely coupled, reusable software components that semantically encapsulate discrete functionality and are distributed and programmatically accessible over standard Internet protocols.” 10
Die Bestandteile der Definition sind wie folgt zu verstehen:
a) „loosely coupled”: Im Gegensatz zu herkömmlicher Programmiertechnik werden Web Services über Skriptsprachen verknüpft. Es existieren keine permanenten Verbindungen, die Kommunikation erfolgt über separate Dienstanfragen und Antwortbotschaften. Ein Programmierer muss nicht die Funktionsweise des Dienstes kennen, sondern lediglich dessen Schnittstellendefinition.
b) „reusable software components“: Web Services basieren auf komponenten-orientierter Programmierweise, d.h. Anwendungen werden - wenn möglichaus bereits vorhandenen Teilkomponenten zusammengesetzt. So kann vor al-
10 Sleeper (Defining Web Services, 2001).
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
lem der Programmieraufwand durch die Verwendung granularer Softwarekomponenten reduziert werden.
c) „semantically encapsulate discrete functionality”: Ein Web Service erfüllt eine in sich abgeschlossene, genau charakterisierbare Funktion. d) „programmatically accessible”: Im Gegensatz zu Internetseiten oder herkömmlichen PC-Anwendungen sind Web Services nicht primär auf menschliche Interaktion ausgelegt. In dieser Arbeit sollen ausschließlich Web Services betrachtet werden, die von Anwendung zu Anwendung kommunizieren. 11 Die Kommunikation erfolgt z.B. durch Senden und Empfangen von XML-Botschaften, die von IT-Anwendungen 12 generiert werden. Diese Eigenschaft erlaubt eine Automatisierung des Web-Service-Aufrufs. e) „distributed over standard Internet protocols”: Web Services nutzen bereits existierende, allgemein etablierte Internetprotokolle wie HTTP oder SMTP. Ein Vorteil ist in der bestehenden „Durchlässigkeit“ von betrieblichen Firewalls für diese Protokolle zu sehen - eine spezielle Konfiguration der Firewalls ist nicht nötig. Weiterhin wird durch die Nutzung solcher standardisierter Protokolle der Einsatz von Web Services in Internet, Intranet und Extranet ermöglicht.
Wie eingangs erwähnt, wird vielfach der Begriff „Web Services” heute in engem Zusammenhang mit den Kürzeln UDDI 13 , WSDL 14 und SOAP 15 genannt. 16 Die dahinter stehenden Konzepte wurden von IBM, Microsoft und anderen Unternehmen geprägt. Es existieren Standardisierungsbestrebungen mit Unterstützung des W3C 17 . Die Konzepte sind jedoch nicht zwingend für die Funktionalität nach Definition erforderlich und wurden daher auch nicht als notwendige Basis für Web Services in der vorliegenden Arbeit vorausgesetzt.
11 Sleeper (Defining Web Services, 2001).
12 Forit GmbH (ASP-Modelle, 2000). Anmerkung: Als Anwendung im Sinne dieser Arbeit kann
bereits ein Web-Browser gelten, der die Nutzereingaben in Dienstanfragen umsetzt.
13 Universal Discovery, Description and Integration - Verzeichnisstandard für das Auffinden von
Web Services.
14 Web Service Description Language - Sprache zur Beschreibung von Web Service Schnittstellen.
15 Simple Object Access Protocol - ein XML-basiertes Protokoll zur Kommunikation mit Web
Services.
16 Vgl. dazu auch Schadler (CTOs Wake Up, 2001), Colan (Web Services Now, 2001).
17 World Wide Web Consortium, Online im Internet unter http://www.w3.org/.
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
2.2 Abgrenzung von Web Services zu ASP und XML-Anwendungen
Als besonders wichtig erscheint die Abgrenzung von Web Services gegenüber dem ASP-Geschäftsmodell. Ein Application Service Provider ist ein Unternehmen, das eine Vielzahl von Anwendungen auf einem zentralen Server verwaltet. „Es bietet dem Kunden die Möglichkeit, gegen Gebühren über das Internet oder über ein privates Netzwerk auf die gewünschten Anwendungen zuzugreifen. Der Kunde muss die benötigte Software somit nicht mehr selbst kaufen, einführen und betreuen [...].“ 18 Zu den von ASP gehosteten Anwendungen können einfache E-Mail-Anwendungen, Groupware- und Data-Mart-Anwendungen, aber auch komplexe, anspruchsvolle Anwendungen wie Enterprise Resource Planning (ERP), Customer Relationship Management (CRM) und Computer-Aided Design (CAD) gehören. 19
Web Services stellen laut Definition im Gegensatz zu ASP-Diensten eine „in sich abgeschlossene, genau charakterisierbare Funktion“ - mithin keine komplette Anwendung - zur Verfügung und unterscheiden sich somit in der angebotenen Komplexität von ASP-Diensten. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die angebotene Funktionalität eines Web Services nicht auf einer nachgelagerten komplexen Anwendung basiert. Außerdem ist zu beachten, dass Web Services eine Technologie repräsentieren, während der Begriff ASP ein vollständiges Geschäftsmodell umfasst.
Web Services kommunizieren zwar primär durch Austausch von XMLbasierten Botschaften, müssen jedoch von den folgenden zwei XML-Anwendungsmöglichkeiten differenziert werden:
a) Datenspeicherung: Daten können durch Nutzung des XML-Formats strukturiert auf einem Speichermedium abgelegt werden. In diesem Fall handelt es sich nicht um einen Web Service, da der zugrunde liegende Charakter einer Softwarekomponente fehlt.
b) Datentransport: XML kann zum reinen Datentransport eingesetzt werden. Der Datentransport ist ein fester Bestandteil eines Web Service, er stellt jedoch keinen eigenständigen Web Service dar.
18 Forit (ASP-Modelle, 2000), S. 8.
19 Vgl. Sun Microsystems, Inc (ASP-Markt, 2001).
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
2.3 Erwartungen an das Leistungspotential von Web Services
Die Sekundärliteratur setzt sich bereits intensiv mit dem Leistungspotential von Web Services auseinander. Das folgende Schaubild verdeutlicht, welche Potentiale durch die Eigenschaften von Web Services freigesetzt werden könnten.
Es handelt sich im Einzelnen um folgende Leistungspotentiale: a) Interoperabilität: Web Services eignen sich für die Verbindung bestehender heterogener Systemlandschaften und Anwendungen, wie sie in Industrieunternehmen häufig vorkommen. Dies führt gleichzeitig zu einer starken Minderung von Investitionsrisiken. 21
b) Flexibilität: Zum Einen können durch die übergreifende Standardisierung neue Geschäftspartner leichter in Geschäftsprozesse eingebunden werden. Zum Anderen wirkt sich die Wiederverwendbarkeit der Web Services und die Verfügbarkeit feingranularer Softwarekomponenten auch auf die Möglichkeit aus, flexibel neue und individuell konfigurierte Software-Lösungen für Unternehmen zu generieren. 22
20 Quelle: Eigene Darstellung.
21 Vgl. Arndt (Risikominimierung, 2002) sowie Kehoe, L. (Hypeless Revolution, 2001).
22 Vgl. Gisolfi (Dynamic e-business, 2001).
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
c) Effizienzvorteile 23 : Die Schnittstellenstandardisierung, die Wiederverwendbarkeit der Softwarekomponenten sowie die Möglichkeit von automatisierten Aufrufen unterstützen die unternehmensinterne und die unternehmensübergreifende Prozessoptimierung.
d) Kostenreduktion: Durch vereinfachte Implementierung von Softwarekomponenten können Einsparungen bei der Entwicklung von Software erzielt werden. 24 Die Integration von verschiedenen Softwarelösungen wird vereinfacht 25 , im Wesentlichen durch die Ersetzung proprietärer Schnittstellen 26 und Prozesse 27 . Außerdem können bestimmte IT-Funktionen ausgelagert werden, um dadurch frei werdendes Personal an anderer Stelle nutzbringender einzusetzen.
e) Umsatzerzielung: Bisher ausschließlich intern genutzte Daten, Inhalte oder Teilfunktionen von Anwendungen können durch Web Services anderen interessierten Nutzern außerhalb des Unternehmens angeboten werden. 28
2.4 Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Web Services
Die aktuelle Diskussion um Einsatzmöglichkeiten für Web Services behandelt einige grundlegende Aspekte, die eine wichtige Rolle bei der erfolgreichen Nutzung der Technologie einnehmen. Je besser sie erfüllt sind, desto eher können die in Abschnitt 2.3 vorgestellten Leistungspotentiale ausgeschöpft werden. Im Folgenden werden in Abschnitt 2.4.1 zunächst geschäftsprozessunabhängige Erfolgsfaktoren beschrieben, denen wirtschaftliche Überlegungen zu Grunde liegen. Anschließend wird in Abschnitt 2.4.2 auf Faktoren eingegangen, die in engem Zusammenhang mit den Eigenschaften von Geschäftsprozessen selbst stehen. Die Erfolgsfaktoren werden in 5.2 die Gestaltung des Gesprächsleitfadens unterstützen und in Kapitel 7 mit den Interviewergebnissen abgeglichen.
2.4.1 Geschäftsprozessunabhängige Faktoren
Erfolgsfaktoren, die in diesem Abschnitt erläutert werden, beziehen sich sowohl auf Möglichkeiten der Kostenoptimierung interner Prozessabläufe als auch auf das Angebot von Dienstleistungen an externe Geschäftspartner. Ein Einsatz- 23 Vgl.Arndt (Risikominimierung, 2002).
24 Vgl. hierzu z.B. Schadler (CTOs Wake Up, 2001) sowie Karpinski (WS Crack, 2001).
25 Vgl. Schadler (CTOs Wake Up, 2001).
26 Vgl. Schmidt (WS Megatrend, 2002).
27 Vgl. Ericson (Next Revolution, 2001).
28 Vgl. Andrews/Plummer/Smith (Web Services Business, 2001), S. 2.
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
potential für Web Services unter diesen wirtschaftlich orientierten Gesichtspunkten besteht in den folgenden Fällen:
a) Web Services können bei der internen Nutzung Potentiale zur Kosteneinsparung bieten. Sie können aber auch zur Generierung von Erlösen beitragen, wenn Teilfunktionen von Unternehmensanwendungen im Rahmen eines externen Dienstangebotes kostenpflichtig bereitgestellt werden. 29
b) Web Services können eine Erweiterung des Angebots an kundendienstbezogenen Leistungen unterstützen und damit Aufgaben im Bereich des Customer Relationship Management (CRM) erfüllen. 30
c) Eine Unternehmensanwendung stellt komplexe Algorithmen bereit (z.B. für Berechnungen und Konvertierungsaufgaben), die auch an anderer Stelle eingesetzt werden können. Eine Bereitstellung der benötigten Funktionalität als Web Service ist innerhalb des Unternehmens oder als Angebot an externe Kunden denkbar. 31
d) Web Services sind zu verstehen als auf Interaktion mit anderen Diensten abgestimmte Geschäftsprozesse. 32 Dies bedeutet, dass nicht nur existierende Funktionen als Dienste angeboten werden können. Ein Mehrwert durch den Einsatz von Web Services entsteht insbesondere dann, wenn mehrere Dienste zu einem neuen Angebot kombiniert werden können. 33
2.4.2 Geschäftsprozessabhängige Faktoren
Die in diesem Abschnitt erläuterten Erfolgsfaktoren zielen primär auf die Nutzung von Web Services zur Optimierung existierender Geschäftsprozesse im eigenen Unternehmen ab. Ein Geschäftsprozess, der potentiell zur Unterstützung durch Web Services geeignet ist, weist folgende Eigenschaften auf: 34
a) Der Prozess besitzt Automatisierungspotential, wird jedoch bisher aus Kostengründen oder wegen mangelnder Integrationsmöglichkeiten mit anderen Unternehmensanwendungen manuell ausgeführt.
29 Vgl. Robins (WS Scope #9, 2001).
30 Vgl. ebenda.
31 Vgl. Flamenco (Web Service Networks, 2001), S. 11.
32 Vgl. Rosen (Creating Business Models, 2001).
33 Vgl. Gulhati/Murray (Web Services Ecosystem, 2001).
34 Vgl. Robins (WS Scope #9, 2001).
2 Grundlagen der Web-Services-Technologie
b) Der Prozess erfüllt repetitive Aufgaben und erfordert das Aushandeln einer neuen Datenschnittstelle mit jedem Geschäftspartner. Es ist zu überprüfen, ob wiederholt durchgeführte, gleichartige Aufgaben durch die Existenz einer einheitlichen Schnittstelle erleichtert würden.
c) Der Geschäftsprozess muss skalierbar sein, d.h. er soll eine wachsende Nutzerzahl unterstützen und die Anzahl abgewickelter Transaktionen soll nach Bedarf gesteigert werden können.
d) Ausgabedaten des Prozesses werden in unterschiedlichen Datenformaten benötigt, z.B. weil der Prozess mit heterogenen IT-Systemen kommuniziert.
e) Im Zusammenhang mit dem Geschäftsprozess existiert eine lokale Datenhaltung, die anderen Unternehmensbereichen/Nutzerkreisen zugänglich gemacht werden soll.
f) Es besteht die Notwendigkeit der Integration von Geschäftsprozessen über Unternehmensgrenzen hinweg.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
Als Hilfsmittel für die Expertenbefragung und zur Einordnung der im Rahmen der Interviews gesammelten Web-Service-Beispiele wird eine Branchen-/Funktionsmatrix entwickelt. Hierfür werden branchenübergreifende Elemente einer Matrixdarstellung erarbeitet, die mit den im Folgenden zusammengestellten Funktionen der branchenspezifischen Wertschöpfungsketten zu einer Branchen-/Funktionsmatrix kombiniert werden.
3.1 Entwicklung einer branchenunabhängigen Matrixdarstellung
Die Wertschöpfungskette nach Porter (Abbildung 3.1) liefert den Ausgangspunkt für die Analyse branchenspezifischer Wertschöpfungsfunktionen.
Für die vorliegende Arbeit ist ein Werkzeug zu schaffen, welches eine den einzelnen Branchen übergeordnete Klassifikation von Web Services ermöglichen soll. Möglich wird dies, wenn ein Grundmodell entwickelt werden kann, das auf die betrachteten Branchen angepasst werden kann. Die Wertschöpfungskette nach Porter kann am ehesten die Wertschöpfungsstrukturen klassischer produzierender Unternehmen abbilden. Die Einbeziehung von Handels- und Logistikunternehmen in die branchenabhängige Betrachtung sowie die zunehmende Neustrukturierung von betrieblichen Funktionen durch moderne IT-Lösungen wie z.B. SAP R/3 machen jedoch eine Anpassung der Wertschöpfungskette nötig.
35 Quelle: Porter (Wettbewerbsvorteile, 1986), S. 25.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
Wertschöpfungsfunktionen der SAP Solution Maps
Für die Anpassung der Wertschöpfungsketten können die Solution Maps der SAP AG hinzugezogen werden. Die SAP AG ist der weltweit führende Anbieter von E-Business-Softwarelösungen 36 und vor allem bekannt durch das Produkt SAP R/3.
Die SAP AG stellt die jeweils für eine Branche relevanten Wertschöpfungsfunktionen in sogenannten „Solution Maps“ 37 zusammen, welche gleichzeitig auf die Einsatzzwecke der von dem Unternehmen angebotenen Softwarelösungen hinweisen sollen. Vergleicht man die detaillierte Darstellungsweise der Solution Maps mit derjenigen der Wertschöpfungskette nach Porter, so erscheinen die unterstützenden Funktionen Unternehmensinfrastruktur, Personalwirtschaft, Forschung und Entwicklung sowie Beschaffung für die Bearbeitung der Web-Services-Thematik als zu ungenau. Sie müssen weiter untergliedert werden. SAP unterscheidet hierbei zwischen im Weiteren als Steuerungsprozesse („Enterprise Management“) und Serviceprozesse 38 („Business Support“) bezeichneten Funktionsgruppen.
Zusammenfassung der Funktionen zu einer Matrixdarstellung
Unter Einbeziehung der SAP Solution Maps erscheint weiterhin die Beschaffungsfunktion als unterstützende Aktivität nach Porter für die vorliegende Arbeit nur eingeschränkt nutzbar, da nach Kontext unterschiedliche Formen der Beschaffung unterschieden werden können. Es wird daher eine primäre Aktivität „Beschaffung“ eingeführt, sie subsummiert im Folgenden Beschaffungsfunktionen für die eigentliche Produktion bzw. Ausübung der Handels- und Logistikfunktionen. Von diesem Funktionsbündel ist die Beschaffung als Serviceprozess zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Geschäftsbereitschaft zu trennen, sie erhält den Namen „Einkauf (MRO)“, ihre Aufgabe ist die Beschaffung von sogenannten MRO-Gütern 39 . Diese Güter werden zur Unterstützung der Unternehmenstätigkeit benötigt, sind jedoch nicht unmittelbar zur Erstellung der Hauptleistung erforderlich.
In der Bezeichnung und Abfolge von Funktionen werden weitere Änderungen vorgenommen. So werden die Funktionen „Marketing & Vertrieb“ sowie „Kun-
36 Vgl.SAP AG (Über SAP, 2002).
37 Online im Internet unter URL: http://www.sap.com/solutionmaps/ (07.01.2002).
38 Benennung der Funktionen in Zusammenarbeit mit TM&M, TU Darmstadt.
39 Maintenance, Repair and Operations.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
dendienst“ später unter CRM 40 zusammengefasst werden; der nun als Distribution bezeichnete Funktionsbereich um die logistische Übertragung von Gütern zwischen Herstellern und Vertriebsorganisationen wird daher in der Wertschöpfungskette vor der Marketing-Funktion eingeordnet. Da für das Personalmanagement unterschiedliche Softwarelösungen zum Einsatz kommen, werden weiterhin die zwei Teilfunktionen Personalverwaltung und strategische Personalplanung unterschieden.
Tabelle 3.1 zeigt einen zusammenfassenden Überblick der vorgenommenen Änderungen gegenüber der Wertschöpfungskette nach Porter.
Tabelle 3.1: Abwandlungen gegenüber der Wertschöpfungskette nach Porter
Da auch im Bereich übergreifender Managementfunktionen wie CRM oder SCM 41 Web Services erwartet werden, ist eine Zuordnung dieser Funktionen zu den bereits vorgestellten Wertschöpfungsfunktionen erforderlich. Tabelle 3.2 erläutert das Vorgehen. Die unter PLM 42 und ERM 43 subsummierten Funktionen sind dabei als Querschnittsfunktionen parallel zur eigentlichen Leistungserstellung zu verstehen. Zur vereinfachten Darstellung innerhalb der aufzustellenden Matrix werden sie zu Beginn bzw. am Ende der Wertschöpfungskette eingeordnet.
40 Customer Relationship Management.
41 Supply Chain Management.
42 Product Lifecycle Management.
43 Enterprise Resource Management.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
Nach der Zuordnung der Managementfunktionen kann aus den bisherigen Arbeitsschritten heraus das Gerüst der Matrixdarstellung aufgebaut werden. Die auf den eigentlichen Unternehmenszweck einer marktorientierten Leistungserstellung ausgerichteten Funktionen werden von den Funktionen des ERM durch den Sammelbegriff „Marktprozesse“ 45 getrennt.
44 Vgl. Specht/Beckmann (F&E-Management, 1996), S. 52.
45 Begriffsbildung in Zusammenarbeit mit TM&M, TU Darmstadt.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
Abbildung 3.2 zeigt die bisher erstellte Matrix, die im Folgenden durch branchenspezifische Funktionen vervollständigt werden soll.
3.2 Entwicklung der Branchen-Wertschöpfungsketten
Kapitel 3.2 beschäftigt sich mit der Zusammenstellung der branchenspezifischen Wertschöpfungsketten. Gemeinsame Funktionen werden dabei als Erstes vorgestellt, während die branchenspezifischen Funktionen 47 in den darauf folgenden Abschnitten näher betrachtet werden. Abschließend erfolgt die Kombination der einzelnen Wertschöpfungsketten innerhalb der erarbeiteten Branchen-/Funktionsmatrix.
3.2.1 Gemeinsame Funktionen der Wertschöpfungsketten
Aus den SAP Solution Maps und weiteren Quellen 48 wurden bei allen betrachteten Branchen Gemeinsamkeiten identifiziert. Zu ihnen gehören die unter dem Begriff „Kundendienst“ als Kundengewinnung und -bindung subsummierten Wertschöpfungsfunktionen, die in Tabelle 3.3 dargestellt werden.
46 Quelle: Eigene Darstellung.
47 Details zu den hier nicht näher erläuterten Teilaufgaben jeder Funktion finden sich im Anhang
A.2. Die dort aufgeführten Beispiele können für das Verständnis der Wertschöpfungsfunktionen
behilflich sein.
48 Vgl. Recklies (Kundenbeziehungen, 2001).
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
In den Bereichen der Steuerungs- und Serviceprozesse eines Unternehmens sind ebenfalls Gemeinsamkeiten zu erkennen. Zu ihnen gehören die in Abbildung 3.3 dargestellten Querschnittsfunktionen.
3.2.2 Wertschöpfungskette Fertigung
Generell kann bei der Untersuchung der Fertigungsbranche zwischen diskreter Fertigung 50 und Prozessfertigung 51 unterschieden werden. Als Beispiel für diskrete Fertigung sei die Automobilherstellung und der Maschinenbau genannt, worauf auch der Schwerpunkt der folgenden Befragung bezüglich der Fertigungsbranche lag. Die Herstellung von Chemie- und Pharmaartikeln ist ein Beispiel für Prozessfertigung.
49 Quelle: Eigene Darstellung.
50 Aus dem engl. „Discrete Manufacturing“: Produktion aus einzelnen Bestandteilen.
51 Rezeptbasierte Produktion mit Variabilität in der Zusammensetzung der Bestandteile,
vgl. Oracle (Ask A Developer, 2002).
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
52 Abbildung 3.4: Wertschöpfungskette diskreter Fertigung am Beispiel Automobilbau
Abbildung 3.4 zeigt die Wertschöpfungskette der diskreten Fertigung. Folgende Besonderheiten sind in dieser Wertschöpfungskette zu beachten: • Die übergreifende Funktion des Product Lifecycle Managements besteht im Wesentlichen aus technischer Produkt- und Prozessentwicklung. • Der Bereich Beschaffung ist, speziell im Automobilbau, geprägt von Zulieferermanagement (Zuliefererauswahl, -integration, -analyse) und Beschaffung der in Produktion und Montage benötigten Güter.
• Produktion und Montage sind durch moderne Produktionsverfahren wie z.B. „Just In Time“ besonders zeitkritisch.
• Die Distribution befasst sich mit dem Transport der fertigen Fahrzeuge oder Baugruppen zwischen Herstellern, Händlern und Reparaturwerkstätten. Da die Gelegenheit bestand, ein großes Pharma-Unternehmen sowie weitere Beratungs- und Entwicklungsunternehmen mit Bezug zu Prozessfertigung zu befragen, soll auch kurz die Wertschöpfungskette der Prozessfertigung (Abbildung 3.5) vorgestellt werden.
52 Quelle: Eigene Darstellung.
53 Quelle: Eigene Darstellung.
3 Entwicklung einer Branchen-/Funktionsmatrix als Analyseinstrument
Speziell hervorzuhebende Eigenschaften der Prozessfertigung sind:
• Das Product Lifecycle Management beschäftigt sich nicht nur mit der Produkt-, Prozess- und Anlagenentwicklung, sondern auf Grund der besonders strengen gesetzlichen Auflagen im Bereich der Chemie-/Arzneimittelproduktion 54 auch mit Maßnahmen zur Überwachung von Umweltschutz und Sicherheit während der gesamten Wertschöpfungskette. • In der Produktion sind vor allem Produktionskontrolle und Qualitätssicherung von hoher Wichtigkeit.
3.2.3 Wertschöpfungskette Logistik
SAP stellt keine spezifische Solution Map für die Logistikbranche zur Verfügung 55 . Aus den Logistikfunktionen anderer Solution Maps mit hohem Logistikanteil an der Gesamtwertschöpfung sowie entsprechender Fachliteratur 56 lässt sich jedoch eine für die vorliegende Arbeit geeignete Wertschöpfungskette für Logistikunternehmen entwickeln.
Logistikunternehmen haben keine Produktionsfunktion im herkömmlichen Sinne. Daher entfällt dieser Bereich in der Wertschöpfungskette. Da keine eigenen Produkte erzeugt werden, entfällt zudem das Product Lifecycle Management als übergreifende Funktion. Zusätzlich ergeben sich folgende Besonderheiten: • Unter Beschaffung wird hier die Auftragsbeschaffung verstanden, die sich mit Auftragsübermittlung, -aufbereitung und -umsetzung auseinandersetzt.
54 Bestätigung durch Interview Nr. 10.
55 Vgl. http://www.sap.com/solutionmaps/ (07.01.2002).
56 Vgl. Pfohl (Logistiksysteme, 1996), S. 10.
57 Quelle: Eigene Darstellung.
Arbeit zitieren:
Danny Giessner, 2002, Analyse von Anwendungsfeldern und Abrechnungsmodellen für Web Services in den Branchen Fertigung, Handel und Logistik, München, GRIN Verlag GmbH
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