1
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1.) Einleitung
2.) Die theoretischen Annahmen der Seel´schen Glücksethik
2.1.) „Episodisches“ und „übergreifendes Glück“
2.2.) Die Stellung der Teleologie
2.3.) Der „ästhetische Glücksbegriff“
3.) Schlußbemerkung
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(LQOHLWXQJ
Wie glücklich müssen die Alten gewesen sein...!
Die im stoischen Paradoxon gedachte Unerschütterlichkeit des Glaubens, das gelingende Leben (die Eudaimonia) bestehe trotz und entgegen allem, was einem an Unrecht widerfahren mag, weiter, erscheint uns Heutigen als überlebte Weltenferne, als verlassenes Paradies des Denkens, in das kein Weg zurückführt. Ein anderes Paradies hatte Kant vor Augen: „Der Zweck des Paradieses ist es also, daß in ihm gesündigt wird. Anders gesagt: Paradiese, in denen kein Sündenfall möglich ist, gehören - wenn überhaupt - zum Zweckwidrigen in der Welt.“ 1
Die Identifikation des erstrebten Glücks mit dem um dieses Glückes willen gewählten moralischen Handelns ist heute nicht mehr möglich.
Die Kluft, die sich zwischen der antiken Glücksethik und der seit Kant geläufigen traditionellen, deontologischen Pflichtenethik aufgetan hat, ist in neuerer Zeit wieder in das Blickfeld der philosophischen Betrachtung gerückt worden. Aus weitgehend übereinstimmenden Motiven wurde eine „Rehabilitierung der Glücksphilosophie“ (Joachim Schummer) in Angriff genommen, die aus der Erfahrung einer allzu rigiden und paternalistischen, moraltheoretisch-formalen Gängelung heraus versucht, das von Seneca formulierte Moment der Selbstzuschreibung von Glück („Non est beatus, sequi non putat“) neu zu denken. Gleichzeitig setzt sich - in modernen Lesarten der Moral - die Einsicht durch, daß die „Glücksthematik auch - allen philosophischen Abstinenzversuchen zum Trotzezentral für jede normative Moralphilosophie (ist); und dies in zweierlei Hinsicht: Erstens bleibt unter motivationalen Gesichtspunkten jede Morallehre in dem Maße abstrakt bzw. in ihrer Umsetzung auf externe Zwänge (...) angewiesen, in dem sie mit menschlichem Glücksstreben disharmoniert. Weder rationale Struktur noch rationale Begründung moralischer Prinzipien enthalten für sich bereits motivationale Komponenten. Moralphilosophische Ansätze müssen sich QROHQV YROHQV auch daran messen lassen, wieweit sie dem menschlichen Glück förderlich oder hinderlich sind. (...) Zweitens ist es unter moraltheoretischen Gesichtspunkten äußerst fragwürdig, ob eine moralphilosophische Position ohne eine inhaltliche Bestimmung des Begriffs des Guten auskommt, der nicht schon einen minimalen Begriff des guten Lebens und damit des menschlichen Glücks voraussetzt.“ 2 Um einen solchen Begriff geht es auch Martin Seel in seinem „Versuch über die Form des Glücks“.
1 Sommer, in: Bien; S. 133
3
Es ist klar zu erkennen, daß mit den zitierten Sätzen Schummers das Problem in mehrfacher Hinsicht erst aufgegeben ist:
Zum einen scheint dem menschlichen Glücksstreben eine gleichsam urwüchsige motivationale und geschehensimmanente Virulenz zu besitzen, die einen Geltungsanspruch ganz eigener Art gegenüber allen „nachgetragenen“ moraltheoretischen Begründungen nicht nur vertreten kann, sondern vielmehr gar nicht vertreten muß: GlücksHUIDKUXQJ braucht keinen Richter. Zum anderen ergeben sich auch innerhalb einer Moraltheorie, die von dieser individuellen Autonomie des Glücksstrebens weiß und sie affirmativ behandelt, divergierende Konsequenzen: Erkennt sie sie an, ist sie gezwungen, ihre normativen Ansprüche zu relativieren. Infolgedessen gibt sie aber ein wichtiges Instrument aus der Hand, genau dieses von ihr als gewollt und erhaltenswert erkannte Gut auch entsprechend - nämlich normativzu vertreten. 3
Der Konflikt zwischen Glück und Moral ist also ein doppelter: Nicht nur geht potentiell Moral auf Kosten des Glücks, Glück auf Kosten der Moral, schränken sich also beide gegenseitig ein. Auch leidet die Konsistenz einer jeder der beiden Komponenten in sich durch das Vorhandensein der anderen.
Seels Versuch oszilliert dementsprechend auch zwischen dem identitätsorientierten antiken Entwurf Platons und dem auf „Einheit ohne Identität“ zielenden Konzept Kants. Zum „Inbegriff der Moral“ erhebt aber Seel im Gegensatz zu Kants transzendentalem Ansatz nicht „die Idee einer Auflösung des Konflikts zwischen Glück und Moral“ 4 , sondern gerade die ([LVWHQ] dieses Konflikts.
Mit großer Umsicht entfaltet Seel eine Analyse, in der er im Sinne eines Bestehens dieses Konflikts nach formalen Kriterien sucht, die es für das Individuum plausibel machen sollen, sich in die unauflösliche Spannung zwischen Glück und Moral zu begeben und sie auszuhalten. Der Konflikt selbst sowie die auf ihn gerichtete Lebensweise der Individuen wird dabei nicht rein teleologisch als durch die Natur vorgegebene, einzig vorhandene
2 Schummer, in: ders.; S. 8f.
3 Hans Krämer hat in „Integrative Ethik“ dieses für die moraltheoretische Betrachtung eintretende ethische Dilemma zwischen dem „Primat des Wollens oder des Sollens“ so beschrieben: „Das >Ich will< und das >Ich soll< können nämlich nicht beide die erste Stelle einnehmen. Wenn das :ROOHQ erstbestimmend ist, können nur noch hypothetische, aber keine kategorischen Imperative folgen. Von einem XQEHGLQJWHQ Sollen könnte dann nur um den Preis einer Bedeutungsverschiebung ins Uneigentliche und Metaphorische die Rede sein. Nähme man dagegen die Unbedingtheit ernst, so führte der Gedanke der Selbstverpflichtung zu einer ineffizienten Zirkularität nach Art einer Münchhausiade: Wozu wir uns selbst verpflichten, wäre vom freien Wollen her jederzeit revidierbar und daher nicht letztverbindlich. (...) Setzt man aber aufgrund dieser Sachlage umgekehrt das Sollen als primär an, wie Kant dies von 1787 an mit dem Hinweis auf das >Faktum der Vernunft< (die ursprüngliche Erfahrung des Verpflichtetseins) tut, dann ist nicht mehr einsehbar, welche Rolle die Selbstbestimmung daneben noch spielen könnte.“ (S. 14)
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Existenzoption verstanden; angestrebt wird vielmehr ein begriffliches Verständnis eines „Spielraums eines weltoffen selbstbestimmten Lebens“ 5 , das nicht von seinem Ende her als gelungen, sondern im und durch richtig verstandenen prozessualen Vollzug als „gelingend“ betrachtet werden kann. „Glück“ wird in diesem Programm nicht im Sinne von erreichten oder angestrebten Zielen nebst zugehörigen materialen Bestimmungen verstanden, sondern in Hinsicht auf das Auftauchen des Glücksbegriffs in der Moral auf seinen reflexiven Status hin befragt. Die Kernthese lautet: „Der formale Begriff des Guten nämlich gibt an, LQ ZHOFKHU +LQVLFKW wir unser Handeln als moralische Subjekte allgemein müssen rechtfertigen können. (...) Ein formaler Begriff des Guten ist der materiale Kern einer universalistischen Moral.“ 6
Ausschlaggebend für die vorliegende Arbeit ist nun der Anspruch, den Seel an einen solch formalen Begriff des Guten legt: Er solle „nicht schon moralisch umgrenzt“ sein. 7 Der Tribut, den Seel an Kant entrichtet, besteht darin, die Anerkennung des Glücksstrebens der anderen als Niederschlag des moralisch guten Willens grundsätzlich zu betonen. Dem ethischen Formalismus Kants hingegen will Seel nun paradoxerweise dadurch überschreiten, daß er den inhaltlichen „Bezugspunkt dieser Begründung (der moralischen Einstellung über die Art der Rechtfertigung von Handlungsnormen und ihrer Anwendung; Anm. von mir)“ 8 selbst noch einer formalen Bestimmung unterzieht. Im späteren Verlauf dieser Arbeit wird daher zu fragen sein, ob diese Vorgehensweise Seels (die alsbald die „Selbstbestimmung“, wenn auch nicht explizit „PRUDOLVFKH Selbstbestimmung“ zur zentralen Lebenspraxis erhebt) möglicherweise zu einer solchen internalistischen Moralauffassung führt, die schon Kant zur Lösung des ethischen Dilemmas (vgl. Anm. 3) in Gestalt eines metaphysischen Dualismus angeboten hatte, und von der Krämer feststellt: „In Kants Konstruktion kommt entweder das Sollen oder das Wollen zu kurz. Nimmt man den Gedanken der Selbstbestimmung ernst, dann läuft das (unbedingte) Sollen leer, nimmt man das unbedingte Sollen als Grunddatum, dann wird Selbstbestimmung fiktiv oder unter der Hand in eine metaphysische Fremdbestimmung
4 Seel; S. 26
5 Seel; S. 136
6 Seel; S. 11
7 ebenda. Um Mißverständnissen im Kontext mit der im folgenden von mir behandelten Thematik vorzubeugen: Auch wenn es um den ästhetischen GlücksEHJULII gehen wird, so doch, d‘accord mit Seel, nicht auch schon automatisch um eine tendenzielle, auf mögliche ästhetische Implikationen zielende ,QWHUSUHWDWLRQ der Tatsache, daß hier die Moral in gewisser Weise auf den Index gestellt wird: „Ein in diesem Sinne >>vormoralisches<< Verständnis von Glück OlWRIIHQ, ob und wie weit ein gutes Leben bereits ein moralisch gutes Leben sein muß; in ihm ist über die Stellung des Glücks zur Moral noch nicht HQWVFKLHGHQ. >>Vormoralisch<< ist also in dieser Verwendung nicht gleichbedeutend mit >>nichtmoralisch<< oder >>amoralisch<<.“ (Anm. 2/Text 2; S. 52)
8 Seel; S. 11
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verkehrt. Die Fehlerquelle liegt darin, daß die Vorstellung einer kategorischen Selbstverpflichtung widersprüchlich und illusorisch ist.“ 9 Doch um die moralinternen Konsequenzen kann es erst gehen, wenn die Auswirkungen der formalen Bestimmungsweise auf den zu behandelnden Konflikt zwischen Glück und Moral festgestellt sein werden...
Seel versucht den alten Konflikt neu zu denken, indem er Einschränkungen auf beiden Seiten vornimmt. Nicht nur will er die materialen Bestimmungen, die ein wie immer Pflicht und Neigung zusammenführendes „höchstes Gut“ entstehen lassen, relativiert wissen, auch soll innerhalb der moralischen Einstellung ein (inter-)personales Verständnis zum Tragen kommen, das einen Ausgleich zwischen dem selbstempfundenen und dem den anderen zuerkannten Recht, ein gutes Leben zu erstreben, schafft. Die Kernthese hierzu lautet griffig: „Die Spannung zwischen Glück und Moral - das ist die Moral.“ Und, weiter unten: „Der Unterschied zwischen moralischer Einstellung und moralischer Norm ist der Schlüssel zu einer plausiblen Bestimmung des Verhältnisses von Glück und Moral.“ 10 Diese Aussagen Seels sind indes mit einer gewissen Widersprüchlichkeit behaftet: Wenn einerseits der gesuchte formale Begriff des Guten nicht schon moralisch eingegrenzt sein, andererseits aber der näher zu bestimmende und zu bewahrende Konflikt zwischen widerstreitenden Interessen bezüglich der eigenen und fremden Glücksmöglichkeiten bei den beteiligten Personen sich nur „innerhalb ihres moralischen Bewußtseins“ 11 abspielen können soll, dann stellt sich unmittelbar die Frage,
a) wie konsistent ein solch übergreifender Moralbegriff im Bewußtsein des einzelnen noch ist, bzw.
b) welche Rolle ein wie auch immer gearteter Glücksbegriff neben einem derart zwittrigen Moralbegriff spielt.
Hätte dieser Begriff nicht schon von vornherein das jeweils eigene Glücksstreben moralisch kontaminiert und vereinnahmt?
Geht es hier überhaupt noch um einen Konflikt, bei dem das faktisch Erstrebte konfligiert, oder wird nicht vielmehr die Moral in einen Konflikt mit sich selbst verstrickt, bei dem das durch das Individuum erstrebte „Gewünschte“ eigentlich nur in einer moralischen Identifizierung bestehen kann?
9 Krämer, a.a.O.; S. 15
10 beide Seel; S. 44
11 Seel; S. 43
Arbeit zitieren:
M.A. Frederik Schlenk, 2001, Vormoralisches Theoriesegment und ästhetischer Glücksbegriff in Martin Seels Versuch über die Form des Glücks, München, GRIN Verlag GmbH
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