Evolution ärer Wertewandel in einer
institutionellen Wirtschaftsethik
Von Jörg Viebranz
1 Einleitung und Bemerkungen zur Methodologie 1
2 Institutionelle (Wirtschafts -)Ethik 2
2.1 Die Institutionenethik von KARL HOMANN. 2
2.2 Moralischer Wandel bei KARL HOMANN. 5
2.3 Kritik an der Theorie von KARL HOMANN. 6
3 Institutioneller Wandel 8
3.1 DOUGLASS C. NORTH’S Theorie institutionellen Wandels 8
3.2 Übertragung von NORTH’s Theorie auf den Wandel informeller Institutionen 11
3.3 Anschluss des Konzepts an die Theorie von KARL HOMANN 14
4 Einordnung, Ausblick und Konsequenzen der Theorie 15
4.1 Einordnung. 15
4.2 Ausblick und Konsequenzen für die Wirtschaftsethik 17
5 Literaturverzeichnis 18
J örg Viebranz - Evolutionärer Wertewandel in einer institutionellen Wirtschaftsethik
Stillstand gibt es nicht
JEAN TINGUELY
Selfish and contentious people will not cohere, and without coherence, nothing can be effected. A tribe
possessing a greater number of courageous, sympathetic and faithful members, who were always
ready to warn each other of danger, to aid and defend each other would spread and be victorious
over other tribes Thus the social and moral qualities would tend slowly to advance and be dif-
fused throughout the world.
CHARLES DARWIN (The Descent of Man, 1873)
1 Einleitung und Bemerkungen zur Methodologie
Grob kann man sowohl in der Ethik als auch in der Ökonomik zwei Arten von Forschung unterschei-
den : die normative und die positive. Normative Forschung versucht als Ergebnis seiner Tätigkeit Imp-
likationen abzuleiten, wie sich bestimmte Akteure zu verhalten haben. In sie gehen Werte und Wer-
tungen mit ein. Positive Forschung versucht hingegen gerade keine Werturteile zu fällen, sondern
funktionalistische Zusammenhänge darzustellen und zu ergründen. Handlungsempfehlungen werden
unter einem solchen Ansatz nur in der Form „wenn du A willst, tue B“ gegeben und nicht wie bei ei-
nem normativen Ansatz „tue B“ oder „es ist gut B zu tun“ In diesem Aufsatz wird es in erster Linie
um die Ergründung bzw. die Untersuchung von moralischen Normen gehen. Als Ausgangspunkt wird
hierbei die Wirtschafts- und Unternehmensethik von KARL HOMANN genommen. Sein Ansatz kann
zwar durchaus als normative Ökonomik verstanden werden und damit als ein normativer Forschungs-
ansatz , große Teile der Theorie stützen sich aber auf wertfreie Überlegungen und haben Werte nur als
Untersuchungsgegenstand. Daher kann man unter Aussparung der normativen Bestandteile der Theo-
rie versuchen eine Erklärung für das Vorhandensein bestimmter moralischer Werte und Normen in der
Gesellschaft und deren Entwicklung und Persistenz zu finden. Werturteile werden hier zunächst als
Untersuchungsgegenstand begriffen und nicht als normative Handlungsempfehlung. Es geht dement-
sprechend auch nicht um die Weiterentwicklung bzw. die Beschreibung einer Weiterentwicklung oder
Evolution im Sinne einer qualitativen Verbesserung moralischer Urteile (wie es z.B. HARRIS 1 an-
strebt) Es geht nicht um eine biologische (wie u.a. bei BROOM 2 ) oder soziologische (wie u.a. bei KLA-
3 oder ABRAMSON/ INGLEHART 4 ) Erklärung oder gar um eine theologische Betrachtung des The-
GES
mas Fortschritt, wie es u.a. bei NEUHAUS 5 nachzulesen ist. Es geht um eine ökonomische Erklärung
des Wandels der informellen Institution moralische Regeln bzw. Moral.
1 Vgl. HARRIS (1999)
2 Vgl. BROOM (2003)
3 Vgl. KLAGES (1988), (1992) und (1999)
4 Vgl. ABRAMSON/ INGLEHART (1995)
5 Vgl. NEUHAUS (2000)
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2 Institutionelle (Wirtschafts -)E thik
2.1 Die Institutionenethik von KARL HOMANN
Innerhalb der deutschsprachigen Diskussion der Wirtschafts- und Unternehmensethik haben sich seit dem Bestehen dieses Forschungsfeldes mehrere Positionen herausgebildet: „die Position von Homann als normativ reflektierte Ökonomik, die Position von Ulrich, die sich selbst als Integrative Wirtschaftsethik bezeichnet, die stärker betriebswirtschaftlich ausgerichtete Position von Steinmann/ Löhr, und manche unterscheiden davon noch den governance-ethischen Ansatz von Wieland.“ 6 In vorliegender Arbeit wird nur einer dieser Ansätze, der Funktionalistische Ansatz 7 oder normativ reflektierte Ökonomik von KARL HOMANN, behandelt werden.
KARL HOMANN 8 stellt für vormoderne und durch ein christlich-asketisches Ideal geprägte Gesellschaften fest, dass in diesen eine klassische abendländische Ethik, in der man angehalten ist aus genuin moralischen Motiven zu handeln, noch plausibel erscheinen mag. Für moderne Gesellschaften gilt das nicht mehr. 9 Die vormoderne Gesellschaft war eine Kleingruppengesellschaft in der Face-to-face-Beziehungen vorherrschten und wo eine lückenlose informelle Kontrolle sämtlicher Gesellschaftsmitglieder möglich war. Durch diese ständige Kontrolle und die impliziten Sanktionen bei Missverhalten wurden einzelne Gesellschaftsmitglieder davon abgehalten sich entgegen der herrschenden Normen zu verhalten. Die Menschen befolgten also auch schon in diesen vormodernen Gesellschaften moralische Normen nicht aus genuin moralischen Motiven, sondern weil sie einem effektiven Kontrollsystem unterworfen waren dem sie sich nicht entziehen konnten. „Keine Moral, keine Solidarität kann ohne intersubjektive Kontrolle und die entsprechenden Sanktionen gesellschaftlich auf Dauer Bestand haben.“ 10
Mit Beginn der Moderne im 17. und 18. Jahrhundert verlieren diese Kleingruppen zunehmend an Bedeutung. In dieser Zeit begann, begünstigt durch technische Neuerungen (z.B. WATTs Dampfmaschine) und verbesserte Produktionstechniken (z.B. die Einführung der Arbeitsteilung), die Entwicklung moderner Gesellschaften. Diese modernen Gesellschaften zeichnen sich durch Arbeitsteilung, lange Wertschöpfungsketten, zunehmende Verhaltensinterdependenz und Anonymität aus. 11 Seit dieser Zeit kann man beobachten, dass die „kleinen, relativ isolierten Wirtschaftseinheiten, die „Hauswirtschaften“, zu einer modernen Volkswirtschaft zusammenwachsen.“ 12 Aus den veränderten Umständen ergeben sich verschiedene Konsequenzen: es wird ein leistungsfähiger Koordinationsmechanismus benötigt, um die verschiedenen Teilleistungen koordinieren zu können. Im Anschluss an
6 RÖTTGERS (2004), S. 114f.
7 Vgl. BRINK (2004), S. 32ff.
8 Grundlegend dazu HOMANN/ BLOME-DREES (1992).
9 Vgl. HOMANN (2003), S. 46, S. 157 und S. 169.
10 HOMANN (2003), S. 47f.
11 Vgl. HOMANN (2003), S.46 und HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 21.
12 HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 20.
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ADAM SMITHs „Wealth of Nations“ hält HOMANN Markt und Wettbewerb für das geeignete Mittel, um diese Koordinationsfunktion zu übernehmen. 13 Solche Wettbewerbssituatio nen versucht HOMANN mit Hilfe des Gefangenendilemmas zu illustrieren: 14 Das Gefangenendilemma 15 zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm die Akteure wegen ihres Vorteilsstrebens und strategischer Interdependenz zu einem Ergebnis gelangen, das beide Akteure schlechter stellt, als wenn sie sich z.B. durch sanktionsbewehrte Absprachen hätten koordinieren können. Die Spielregeln zwingen die Akteure in ihren Spielzügen zu einer kollektiven Selbstschädigung. Für HOMANN stellt die moderne Wirtschaftswelt genau ein solches mehrstufiges Handlungssystem mit Spielregeln und Spielzügen dar.
Das bedeutet aber auch, dass wegen der wachsenden Interdependenz und Komplexität der Handlungen aller Wirtschaftsakteure kein Einzelner oder kein einzelnes Unternehmen für das Gesamtergebnis allein verantwortlich gemacht werden kann, weil es niemand allein hervorgebracht hat. Das Resultat stellt sich meist als nicht intentionales Ergebnis intentionaler Handlungen dar. 16 Außerdem kann der Beitrag eines einzelnen Akteurs nur schwer kontrolliert werden. Eine alleinige Steuerung über Gefühle oder moralische Motive scheint daher für HOMANN unmöglich. 17 Eine Lösung dieser Probleme besteht darin, „daß die für Interaktionen erforderliche Verläßlichkeit der wechselseitigen Verhaltenserwartungen nicht mehr durch altruistische Motive oder durch allen Teilnehmern gemeinsame Ziele sichergestellt werden kann oder muß, sondern durch allgemeine Regeln, die die Akteure zu beachten haben.“ 18 Diese allgemeinen Regeln sind in modernen Gesellschaften nicht als gott- oder naturgegeben anzusehen, sondern als artifiziell, also vom Menschen selbst gemacht. Die Regeln stellen Restriktionen des Handelns und damit Einschränkungen der Freiheit des Menschen dar. Man darf als gegeben ansehen, dass sich ein Mensch keine Regeln gäbe und sie befolgen würde, wenn er sich keinen Vorteil davon verspräche. Die Moral findet sich daher nach HOMANN in den Regeln wieder. HOMANN unterscheidet damit zwischen der Rahmenordnung und den Handlungen innerhalb der Rah-menordnung oder anders ausgedrückt: zwischen Spielregeln und Spielzügen. 19 Für ihn gilt das Credo: „Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung.“ 20 Dieses Credo wurde dann noch wegen der Vermeidung von Missverständnissen ergänzt um den Hinweis, dass die Rahmenordnung zwar der systematische aber nicht der einzige Ort der Moral sei. 21 Das Motiv einer
13 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 21.
14 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 29ff.
15 Für eine Ausführliche Diskussion des Gefangenendilemmas siehe u.a. DIXIT/ SKEATH (1999), S.255-281 oder LUCE/ RAIFFA (1957), S. 95-102.
16 Tatsächlich ist es nicht immer der Fall, dass sich ein nicht intentionales Ergebnis einstellt. Funktionierende Entscheidungsstrukturen und Governancesysteme zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie erwünschte Ergebnisse hervorbringen. (Vgl. hierzu FRENCH (1992)) Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang, dass sich, durch die Interdependenz bedingt, in einem ungeregelten Zustand gesamtwirtschaftliche Ergebnisse einstellen, die in dieser Form von den beteiligten Akteuren nicht geplant waren, da jeder hauptsächlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.
17 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 21.
18 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 22 (Hervorhebungen im Original getilgt).
19 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 23 und HOMANN (2003), S. 48f.
20 HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 35 (Hervorhebungen im Original getilgt).
21 HOMANN (2002), S. 7. Einer der Schüler von KARL HOMANN, ANDREAS SUCHANEK, erweitert dieses Credo dadurch, dass er die Rahmenordnung durch den Begriff der Institution ersetzt. Ich halte diesen Begriff für passender, da die Rahmenordnung u.U. zu starr und eng definiert ist, bspw. nur auf rechtliche Regelungen und Branchenvereinbarungen beschränkt. Eine Institution greift hier weiter und schließt auch informelle Rahmenordnungen, wie die ‚guten Sitten’ mit sozialen Sanktionsmechanismen mit ein. Vgl. SUCHANEK (2001), S. 50-56.
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solchen Moral zu folgen ist der eigene Vorteil bzw. die Vorteilserwartung: Durch die Rahmenordnung können Erwartungen stabilisiert und Erwartungssicherheit geschaffen werden. Dadurch werden Nutzengewinne über Verhaltensabstimmungen, Kooperation und langfristige Planung möglich. Gemeinsame Ziele sind zur Steuerung nicht mehr notwendig. Innerhalb der Rahmenordnung kann jeder seine eigenen Ziele verfolgen und dient so - bei entsprechender Ausgestaltung der Rahmenordnung - der Nutzenmehrung aller.
Wie die Rahmenordnung gestaltet wird und welche Ziele mit ihr erreicht werden sollen, wird von HOMANN nicht gesagt. Er stellt lediglich fest, dass unter den Bedingungen einer modernen (Wettbewerbs-)Gesellschaft die traditionelle Handlungsethik nicht mehr sinnvoll anzuwenden ist. Es muss daher zu einer Institutionen- oder Ordnungsethik übergegangen werden, da nur mit einer solchen eine effektive Steuerung anonymer Großgesellschaften möglich ist.
Die in der Rahmenordnung realisierten moralischen Normen werden dabei aus den moralischen Vorstellungen der Menschen gewonnen. Normen sind daher als Input 22 der Theorie zu verstehen: „Was unter moralischen Werten zu verstehen ist, wird hier erst einmal als gegeben angenommen. Die Moral ist nicht Output, sondern Input der Theorie. Moralische Werte werden nicht von der Unternehmensethik begründet oder gar hervorgebracht, sondern bilden ihre Voraussetzung.“ 23
Die Tatsache, dass der systematische Ort der Moral die Rahmenordnung ist, zieht nach sich, dass die Handlungen oder Spielzüge „moralfrei“ 24 sind. Dies bedeutet, dass die Handlungen nicht einer ethischen Debatte unterzogen werden können, solange die Moral in der Rahmenordnung ausreiche nd verwirklicht worden ist. Das heißt aber auch, dass Akteure wie Unternehmen und Individuen im Falle einer defizitären oder den moralischen Vorstellungen nicht entsprechenden Rahmenordnung, selbst wieder Verantwortung übernehmen (müssen) und versuchen (müssen) die Rahmenordnung in g ewünschter Weise zu gestalten. Diese Aussage ist aber tendenziell normativer und weniger beschreibender Natur und ist deshalb für den in dieser Arbeit verfolgten Ansatz uninteressant. Solange die Rahmenordnung aber als funktionierend angesehen werden kann, können die Akteure innerhalb der Restriktionen nach eigenem Gutdünken handeln. Für solche Handlungen innerhalb der Rahmenordnung unterscheidet HOMANN zwei Typen von Spielzügen. 25 Der erste Typ kann als ökonomischer Spielzug bezeichnet werden. Hier versucht das Unternehmen oder das Individuum unter Wettbewerbsbedingungen die eigenen ökonomischen Interessen innerhalb der Rahmenordnung zu verfolgen. Dieser Typ umfasst fast sämtliche Austauschbeziehungen, die jeder moderne Mensch tagtäglich vielfach vollführt. Die Akteure versuchen dabei unmittelbar ihre Interessen zu verfolgen und Nutzen für sich zu schaffen. Der zweite Typ von Spielzügen kann als politische Handlung bezeichnet werden, wobei versucht wird die eigenen Interessen durch Gestaltung, Umgestaltung und Weiterentwicklung der Rahmenordnung zu verfolgen. Dieser Typ ist etwas schwerer zu fassen, da er viel selte-
22 Vgl.BRINK (2004), S. 34.
23 HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 117.
24 HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S.38 und 40; Vgl. aber auch GAUTHIER (1986), S. 83-112.
25 Vgl. HOMANN/ BLOME-DREES (1992), S. 41.
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Jörg Viebranz, 2005, Evolutionärer Wertewandel in einer institutionellen Wirtschaftsethik, München, GRIN Verlag GmbH
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