SPRACHE UND IDENTITÄT VON M INDERHEITEN
1. Einleitung
Den Schwerpunkt der Hausarbeit bildet das Thema Sprache und Identität von hauptsächlich sprachlichen Minderheiten, hier den Kurden.
Da die Kurden als die sprachliche Minderheit im Mittelpunkt stehen, wird vorerst auf die Geschichte der Kurden, ihre Relig ion und die kurdische Sprache eingegangen. In erster Linie geht es um die folgenden Fragen:
Was ist unter sprachlichen Minderheiten zu verstehen und welche Bedeutung haben die Begriffe Sprache und Identität?
Welche Rolle hat die Sprache für die Identitätsbildung eines Volkes sowie eines Individuums und welche Bedeutung sind dabei der Amtssprache des “Gastlandes” und der eigenen Muttersprache zuzuschreiben? Die Kurden leben multilingual, neben der Muttersprache, die nicht immer gut beherrscht wird, werden die Sprache des Herkunftslandes und die Sprache des “Gastlandes” gesprochen. Welche Bedeutung hat z.B. das Türkische, wenn wir davon ausgehen, dass der Sprecher aus der Türkei stammt, für den Sprecher? Welche von diesen Sprachen Deutsch, Türkisch und Kurdisch ist für die Identität bedeutender?
2. Sprache und Identität
2.1 Bedeutung von Sprache
Sprache ist allgemein ein System von Zeichen, deren Ausdruck dank vereinbarter Inhalte zur Übermittlung einfacher und komplexer Informationen dient. 1
Sprache ist demzufolge eine Einheit von Zeichen, deren Bedeutung von allen Sprechern dieser Sprache gleichermaßen verstanden werden muss, denn ohne das Kennen der Bedeutung dieser Zeichen kann keine Kommunikation stattfinden.
1 Schweizer Lexikon. Verlag Schweizer Lexikon. Band 3 (Gen- Kla). Mengis & Ziehr, Luzern:
1992. S. 38.
3
Sprache dient nicht nur zur Informationsübermittlung, sondern der Zweck des Sprechens, sowie der Gebrauch der Sprache kann je nach Situation und Sprecher variieren. Nicht nur der Mensch kommuniziert mittels der Sprache, sondern auch die Tierwelt verfügt über eine eigene Sprache. Sowie sich Mensch und Tier im Hinblick auf ihre Sprache nicht verständigen können, so können sich auch Menschen unterschiedlicher Sprachen nicht miteinander verständigen, denn sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Sprachen - sowohl menschliche als auch nicht- menschliche- können aber erlernt werden, so dass der Mensch sich ,außer in der Muttersprache , auch in einer anderen Sprache verständigen kann. Der Mensch ist [also] fähig, zwei oder mehrere Sprachen zu erlernen und zu benutzen, 2 in diesem Fall ist von Bilingualismus bzw. von Multilingualismus die Rede.
Neben der verbalen Sprache, d.h. der Laut- und Wort- Sprache 3 können sich die Menschen auch
in der Körpersprache verständigen, die sich auch von Kultur zu Kultur unterscheiden. Die Sprache dient zur Kommunikation wie der Weitergabe von Gedanken, Empfindungen, Gefühlen und Vorstellungen [...] und ist Teil der personalen Identität und der menschlichen Kultur überhaupt. 4
Aus dieser Formulierung ergeben sich jedoch Fragen: Welche Sprache ist hier Teil der personalen Identität, ist es die Muttersprache, oder die Landessprache bzw. Amtssprache, oder sind beide Sprachen damit gemeint? Wie steht die Sprache zur sozialen, ethnischen, nationalen oder kulturellen Identität, denn der Mensch lebt in verschiedenen Gemeinschaften. Mit Sprache ist größtenteils die verbale Sprache gemeint als die non- verbale Sprache. Die verbale Sprache, die ja v.a. aufgrund unterschiedlicher Herkunft der Sprecher verschieden sein kann, ist Teil der personalen Identität, inwieweit trifft diese Tatsache auf die Gebärdensprache zu?
2.2 Bedeutung von Identität
Identität bedeutet allgemein die völlige Überseinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird. 5 Auf einen Menschen bezogen, würde dieses bedeuten,
die Übereinstimmung des inneren Wesens der Person mit den auf die Außenwelt wirkenden Wesensmerkmale dieser Person, d.h. hier wird von der Wesenseinheit 6 gesprochen. Ist denn aber
2 Schweizer Lexikon. S. 39.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd. S. 526.
6 Friedemann, Bedürftig: Das moderne Fremdwörterlexikon. Naumann &Göbel
4
eine völlige Überseinstimmung überhaupt möglich? Wenn sich die Person mit sich identifiziert, d.h. zu ihrem Verhalten, ihren Handlungen, Gedanken, Meinungen, i hrem Herkunftsland, ihrer Sprache, Religion usw. steht, wenn sie sich darin wiedererkennt, erst dann kann von z.B. sprachlicher oder nationaler Identität die Rede sein. Folglich hat der Mensch nicht nur eine Identität, sondern mehrere Identitäten machen ihn zu einer Persönlichkeit, d.h. jeder Mensch hat seine eigene persönliche Identität,[...] die ein Individuum nach Variablen wie Alter, Geschlecht, Religion, ethn. Zugehörigkeit 7 unterscheidet.
2.3 Zum Begriff Sprachliche Minderheit
Als sprachliche Minderheit 8 oder Sprachminderheit 9 bezeichnet man eine Bevölkerungsgruppe eines Gebietes, die sich durch ihre Sprache von der Bevölkerungsmehrheit unterscheidet 10 .
Der Begriff sprachliche Minderheit sagt einerseits aus, dass hiermit eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet wird, die sich quantitativ von dem Rest der Bevölkerung unterscheidet, nämlich dass diese verglichen mit einer anderen Gruppe wesentlich kleiner ist. Andererseits sagt der Begriff aus, dass diese Gruppe sich aufgrund von wesentlichen Besonderheiten 11 , die sich von denen der Mehrheit der Bevölkerung unterscheiden, ausschließt aber auch ausgeschlossen wird. Aber, dass eine sprachliche Minderheit sich abgrenzt, ihre Besonderheit oder Andersartigkeit betont, bedeutet nicht, dass diese Gruppe in sich homogen ist. Zwar kann der politische Wille zur Zusammengehörigkeit 12 im großen Maße vorhanden sein, dieses muss aber nicht bedeuten, dass
die gemeinsame Sprache, die ja gemeinschaftsbildend ist und einen wesentlichen Teil der Identität dieser Gruppe ausmacht, in sich homogen ist, denn auch in einer sprachlich identischen Gruppe hat jedes Individuum seinen persönlichen Dialekt. 13
Die Minderheitensprachen 14 werden nicht in allen Lebensbereichen benutzt, sondern werden auf
Verlagsgesellschaft mbH. Köln: 1997. S. 226.
7 Schweizer Lexikon. S. 526.
8 Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten. Hrsg. v. Robert Hinderling & Ludwig
M. Eichinger. Gunter Narr Verlag. Tübingen: 1996. S. X- XVII.
9 Schweizer Lexikon. S. 41.
10 Ebd.
11 Iso Camartin: Nichts als Worte? Ein Plädoyer für Kleinsprachen. Suhrkamp. Zürich, München:
1974. S. 27.
12 Ebd. S. 30.
13 David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprachen. dt. Übers. von Stefan Röhrich.
Campus- Verlag. Frankfurt/ Main, New York: 1995. S. 24.
14 Iso Camartin: Nichts als Worte? S. 29.
5
bestimmte Bereiche wie die Familie beschränkt, während in den anderen Lebensbereichen wie der Arbeitswelt die offizielle Landessprache bzw. die Amtssprache des Landes, die Mehrheitssprache verwendet. Die Situation sprachlicher Minderheiten in den einzelnen Staaten ist unterschiedlich und reicht von der verfassungsmäßigen Anerkennung der Existenz der Minderheit bis zum Fehlen jeglicher Anerkennung, 15 bis hin zum Assimilieren und Aussiedlungen 16 . Dabei ist die Mehrsprachigkeit in einem Land der Reichtum dieses Landes und
die Minderheitensprache ein Teil des Landes, ein Teil der Geschichte des Landes, die gleichberechtigt behandelt werden und nicht als ein bedrohlicher und störender Sonderfall betrachtet werden müsste. Werden Minderheitensprachen nicht als Teil des Landes, als eine offizielle Sprache des Landes oder anerkannte Minderheitensprache akzeptiert, d.h. werden Minderheitensprachen unterdrückt oder diskriminiert, reagier[en die Minderheiten] darauf mit einem geschärften Bewusstsein für das, was anderen zum Stein des Anstoßes geworden 17 [ist].
Sprachliche Minderheiten werden zwar auch ausgegrenzt, aber z. T. grenzen sie sich auch selbst aus, indem sie ihre sprachliche Andersartigkeit, die sie aber als Teil ihrer Identität sehen, betonen und “mehr” verlangen, als man ihnen zuschreiben möchte. Es ist aber ein Grundrecht jedes Menschen, Sprachen, zu Recht seine eigene Sprache, sprechen, sowie lernen zu wollen. Oder sollte man etwa zusehen, wie Sprachen, einst wie Dinosaurier, einfach aussterben, obwohl deren Sprecher noch leben, aber aus verschiedenen Gründen ihre Sprache nicht sprechen und lernen können, dürfen oder wollen? Das wäre nicht vertretbar, denn
15 Schweizer Lexikon. S. 41.
16 Ebd.
17 Iso Camartin: Nichts als Worte. S. 27.
6
2.4 Sprache und Identität
Welche Rolle spielt die Sprache für die insbesondere nationale und ethnische Identität und aus welchen Gründen ist gerade die Sprache ein vorrangiges äußeres Kennzeichen der Identität einer Gruppe? 18 Nach Iso Camartin verbirgt der Begriff Identität zwei Bedeutungen in sich. Zum einen wird mit Identität auf die Unverwechselbarkeit des Einzelnen aufgrund seiner einmaligen Lebensgeschichte 19 hingewiesen und zum anderen ist mit Identität die Zugehörigkeit von Individuen zu einer bestimmten Gruppe von Menschen, zu einer bestimmten Umwelt, gar zu einer besonderen Schicksalsgemeinschaft 20 gemeint. Die erste Bedeutung bezieht sich ausschließlich nur auf das Individuum und betont die einmalige Existenz dieses Menschen, deren Beweis durch den Personalausweis damit auch gegeben ist. Hier ist also die persönliche, einmalige Identität gemeint, die besagt, dass kein Mensch völlig identisch mit einem anderen ist. Die andere Bedeutung von Identität, das eigentliche Thema der Hausarbeit, bezieht sich eher auf die Zugehörigkeit eines Individuums aufgrund übereinstimmender Merkmale zu einer Gruppe oder Gemeinschaft. Diese Bedeutung von Identität trennt und differenziert die Menschen nicht nach ihren Merkmalen oder Besonderheiten, sondern hier gehören Menschen mit z.B. derselben Sprache zusammen, aus diesem Grund spricht man hier von einer sozialen oder Gruppenidentität. 21 Jedes Individuum kann sich trotz anderer von denen der Gruppenmitglieder abweichender Merkmale aufgrund nur eines gemeinsamen Merkmales sich dennoch zugehörig fühlen. In diesem Sinne muss das gemeinsame Merkmal mit der Gruppe einen so hohen Wert und eine so große Bedeutung haben für die Identität dieses Individuums, dass die Unterschiede in den anderen Merkmalen als wertlos erscheinen. Das Beispiel der Sprache wäre hier eines dieser wertvollen Merkmale bzw. Übereinstimmungen, die die anderen Unterschiede zu den Gruppenmitgliedern für wertlos erklären würden. Mit der Sprache verständigen sich die Menschen, wenn auch im Hinblick auf die Minderheitensprachen, die Sprecher dieser Sprachen
18 David Crystel: Die Cambridge - Enzyclopädie der Sprache. S. 34.
19 Nichts als Worte. S. 59.
20 Ebd.
21 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Özlem Aydin, 2003, Sprache und Identität von Minderheiten, München, GRIN Verlag GmbH
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